Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
15. Dezember 1914 - ?

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Personenbeschreibung Otto Moritz des KZ Oranienburg (Quelle: BLHA)

Personenbeschreibung Otto Moritz des KZ Oranienburg (Quelle: BLHA)

Der Berliner Hilfsarbeiter Otto Moritz, der seit 1932 im KJVD aktiv war, wurde am 2. Mai 1934 erstmals verhaftet und unter anderem im KZ Oranienburg inhaftiert. Nachdem er Anfang 1935 nach Berlin zurückkehren konnte, war er im Widerstand aktiv, bis er im Dezember erneut verhaftet und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Nach Verbüßung seiner Strafe lebte er einige Jahre in Berlin, war erneut in einer antifaschistischen Gruppe aktiv und gründete eine Familie. Im Juli 1943 wurde Moritz an die Front gerufen, konnte jedoch ein Jahr später, da er aufgrund des Todes seiner ältesten Tochter Sonderurlaub erlangt hatte, wieder nach Berlin zurückkehren und lebte dort bis zum Ende des Krieges in der Illegalität.

Von Elisa Zenck

Kindheit und Jugend
Otto Hermann Moritz kam am 15. Dezember 1914 als Sohn des Korbmachers Friedrich Moritz und seiner Frau, der Putzfrau Klara Moritz, geb. Grabow, in Berlin zur Welt. Nach dem Tod der Mutter im Januar 1919 kamen er und seine Schwester Klara in das Waisenhaus in Alt-Stralau/Rummelsburg1. Nachdem der Vater 1921 erneut geheiratet hatte – aus der zweiten Ehe gingen die Kinder Margot, Kurt, Günther und Gerhard hervor – nahm er die Kinder wieder zu sich2. Von 1921 bis 1929 besuchte Otto Moritz die Volksschule: zunächst die 15. Gemeindeschule in der Kastanienallee, die im Religionsunterricht auf Prügelstrafen setzte. Sein Vater schickte ihn daraufhin ein Jahr zu Verwandten nach Pommern zur Schule, im Anschluss ging Moritz bis zur achten Klasse auf die Weltliche Schule in der Puttbusser Straße in Berlin-Mitte. Da er jedoch keine Lehrstelle fand, arbeitete er kurze Zeit als Bandagist bei einer Firma in der Brunnenstraße. Im Jahre 1930 trat Otto Moritz der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) bei und war dort bis September 1932 als Schulungsleiter tätig. Zwei Monate später wurde er Mitglied des KJVD.

1933-1945
In dieser Zeit begann Otto Moritz mit der intensiven Lektüre der Werke von Marx, Lenin, Stalin und Schopenhauer in der Stadtbibliothek in der Breitestraße. Nach dem Reichstagsbrand hisste er eine rote Fahne mit der Aufschrift „Es lebe die Weltrevolution“ auf dem Schornstein einer ehemaligen Brauerei „im Kastanienwäldchen.“ Ende 1933 wurde er Mitglied der illegalen Gruppe des Kommunistischen Jugendverbandes (KJVD) Kreuzberg. Durch eine anonyme Postkarte denunziert, wurde Otto Moritz am 2. Mai 1934 verhaftet und in das Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz eingeliefert. Von dort kam er über das KZ Columbiahaus am 19. Mai 1934 in das Konzentrationslager Oranienburg, wo er bis zu seiner Überführung in das KZ Lichtenburg am 14. Juli arretiert blieb3. Ab Oktober 1934 arbeitete er in einem Landhelferlager in Ribbeckhorst, Anfang 1935 kehrte Moritz nach Berlin zurück und trat durch die Vermittlung Kurt Gersing, den er in Oranienburg kennengelernt hatte, in eine illegale Gruppe um den Görlitzer Park ein, zu der Paul Dumont, Alfred Grün, Erwin Nöldner sowie Rudi Mathews zählten. Zu Moritz’ Aufgaben gehörte das Verteilen von Flugblättern und Wurfzetteln im Bezirk SO 36 (Kreuzberg).
Die Mitglieder der Gruppe wurden jedoch durch den Polizeispitzel Rudi Profée verraten und Otto Moritz am 2. Dezember 1935 in der Köpenicker Straße 125 verhaftet. Im Prozess wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ gegen die Gruppe um den Hauptangeklagten Alfred Grün wurde er am 6. Juni 1936 durch das Kammergericht zu drei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Diese verbüßte er in der Strafanstalt Luckau (wo er im Moorkommando arbeitete), und in den Emslandlagern Esterwegen (von den Häftlingen „Die Hölle am Waldessaum“ genannt) und Aschendorf. Auch dort arbeitete er im Moor. In Aschendorf befanden sich insbesondere politische Häftlinge, was Moritz als positiv für die Atmosphäre wertete, da sie unter anderem die gemeinschaftliche Verteilung von Lebensmitteln organisierten.
Nach Verbüßen der Strafe wurde er gemeinsam mit Nöldner und Mathews nach Berlin entlassen. Die ehemaligen Häftlinge wurden erneut im politischen Untergrund aktiv, und Moritz berichtet, dass die Organisation ab 1940 fester wurde. Er verdiente zunächst als Maschinenarbeiter bei der Firma Eternit in Berlin-Rudow sein Geld, später als Justierer bei der Fotokopist GmbH in Berlin-Mitte. In dieser Zeit lernte er die 1924 geborene Ella Hanek kennen, die er im Mai 1941, ein Jahr nach der Geburt der ersten gemeinsamen Tochter Karin, heiratete. Vor der Hochzeit wuchs Karin bei Otto Moritz auf, da Ella wegen “Schwänzens der Arbeit” in ein Erziehungsheim in Teltow eingewiesen worden war. 1942 wurde die zweite Tochter Erika geboren. Die Familie wohnte zunächst in Moabit, zog jedoch bald nach Kreuzberg in die Adalbertstraße.
Am 9. oder 10. Juli 1943 wurde Otto Moritz als Soldat in die Division 999 in Baden einberufen, wo er die Funktion eines Schützen innehatte. Im November desselben Jahres wurde er dort ausgestoßen und wegen „Unzuverlässigkeit“ in die Organisation Todt nach Neu-Isenburg zwangsversetzt. Mit dieser kam er über Straßburg und Brüssel nach Pihen bei Calais in Nordwest-Frankreich. Dort erhielt er ein Telegramm mit der Nachricht vom Tod seiner ältesten Tochter Karin. Er bekam zwei Wochen Sonderurlaub und kam am 14. Juni 1944 in Berlin an. Moritz erfuhr dort, dass Karin aufgrund von „Vernachlässigung seitens der Mutter“ gestorben war. Die zweite Tochter Erika war daraufhin in ein Heim gebracht worden. Nach Ablauf des Sonderurlaubs blieb Otto Moritz illegal in Berlin. Er schloss sich der Gruppe um Anton Saefkow an4, den er durch Paul Dumont kennengelernt hatte, und wohnte abwechselnd bei verschiedenen Genossen – vornehmlich in der Waldemarstr. 685. Zu seinen Aufgaben gehörte das Verteilen von Flugblättern, die er von Dumont erhielt, in der Kastanienallee und in der Schwedter Straße. Ende 1944 trennte er sich von seiner Frau.

Die ersten Jahre nach Kriegsende
Nach Kriegsende zog Otto Moritz in die Lübbener Straße 13 und wurde mit dem Wiederaufbau der KPD Kreuzberg beauftragt. In dieser Tätigkeit initiierte er die Aktion „Rettet die Kinder“. Ab dem Jahr 1946 besuchte Moritz die Arbeiter- und Bauern-Fakultät6. Die von ihm im selben Jahr beantragte Scheidung von seiner Frau scheiterte, da jene auf kein Anschreiben reagierte. Am 8. November 1947 begann er mit dem Jura-Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Dezember 1948 wurde seine außereheliche Tochter Jenny Marcks geboren. Dies führte1950 schließlich aufgrund von „beiderseitigem Verschulden“ zur Scheidung von Ella Moritz. Die gemeinsame Tochter Erika, die nach dem Tod ihrer Schwester in das Kinderheim Fichtenhain in Stolberg bei Küstrin gebracht worden war, wuchs bis 1949 bei Pflegeeltern auf. Nachdem Otto Moritz sie wieder gefunden hatte, beantragte und erhielt er für sie das alleinige Sorgerecht, da die Pflegeeltern Mitglieder der NSDAP gewesen waren.

Im Dienst der DDR
Obschon Moritz das Abschlussexamen in Jura nicht bestand, arbeitete er ab 1952 im Staatssekretariat für Hochschulwesen. Im selben Jahr heiratete er Ruth Koepernick. Mit der Geburt der ersten gemeinsamen Tochter Christiane Moritz im Mai 1953 zog die Familie in die Wisbyerstraße in Pankow. Später war Moritz im Innenministerium sowie im Ministerium für Kultur tätig. In den folgenden Jahren wurden die Kinder Rainer, Petra und Birgit geboren.
1961 wurde Moritz in der Bundesrepublik Deutschland wegen „Staatsgefährdung“ (§ 100e) verhaftet. Dazu schreibt er: „Ich war im Auftrage der Regierung der DDR tätig und wurde im Juli 1961 bei einem Treffpunkt in Köln verhaftet. Vom Oberlandesgericht Köln, II. Senat wurde ich im Februar 1962 zu 1 ½ Jahren Gefängnis mit Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts und zu 3 Jahren Polizeiaufsicht verurteilt.“ Er verbüßte die Strafe in Siegburg und kehrte nach seiner Freilassung am 4. Januar 1963 nach Ost-Berlin zurück.
In seiner Abwesenheit hatte die DDR ihn wegen Verdachts der Fahnenflucht als VdN aberkannt. Moritz musste daher einen neuen Antrag stellen und erläutern, was ihm in der BRD widerfahren war. Im Juli 1963 bekam er schließlich seinen neuen VdN-Ausweis mit der Nummer 1811. Er erhielt überdies am 4. Juli 1963 die Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus. Zudem wurde das 8. Aufklärungsbataillon der NVA nach ihm benannt.

Der weitere Lebensweg von Otto Moritz ist nicht bekannt.

1 Fieber, Hans-Joachim: Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945, Band 5, Berlin 2004, S. 224. 

2 Soweit nicht anders angegeben, beruhen die folgenden Information auf Landesarchiv Berlin: C Rep. 118-01, Nr. 5937 (Lebenslauf, S. 1-14). 

3 BLHA: Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/23, Bl. 118  

4 Der Kommunist Anton Saefkow hatte nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 mit dem Aufbau einer Widerstandsgruppe begonnen. 1944 leitete er diese zusammen mit Bernhard Bästlein und Franz Jacob. 

5 Über diese Zeit berichtete Otto Moritz 1995: „... Ernährt habe ich mich durch Gelegenheitsarbeiten, die der Quartiergeber vermittelte. ... Ich habe Kleidungsstücke gefertigt, Pelze und Mäntel genäht und vieles andere mehr. Ich erhielt dafür Naturalien. Mehrere Tage hatte ich nur einen Schusterjungen zum Essen. Es war eine schwere Zeit, man musste ständig auf der Hut sein, von Fahndern der Wehrmacht nicht erwischt zu werden. Die vielen Leichen, die nach den zunehmenden Bombenangriffen auf den Straßen lagen, töteten die Gefühle immer mehr ab.“ Zit. nach Sandvoß, Hans-Rainer: Widerstand in Kreuzberg (Band 10), Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1996, S. 154. 

6 Fieber: Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945, S. 224.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Vater: Friedrich Moritz (Korbmacher); Mutter: Klara Moritz, geb. Grabow (Putzfrau); Letzter Wohnort vor Verhaftung: Köpenicker Str. 25, Berlin-Kreuzberg

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1921-1929 Besuch verschiedener Volksschulen (in Berlin und Pommern); 1929-1933 Hilfsarbeiter bei verschiedenen Firmen

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine Angaben

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1930 Internationale Arbeiterhilfe (IAH); ab 1932 Kommunistischer Jugendverband Deutschlands (KJVD)

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: 1933 Illegale Gruppe des KJVD Kreuzberg; 1935 Gruppe um Paul Dumont; 1944 Gruppe um Anton Saefkow

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Columbia-Haus: Mai 1934; KZ Oranienburg: 19. Mai 1934 - 14. Juli 1934; KZ Lichtenburg: 14. Juli 1934 - Oktober 1934; Zuchthaus Luckau, Strafgefangenenlager Esterwegen sowie Moorlager Aschendorf: 1936 - 1939

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: ab 1952 Staatssekretariat für Hochschulwesen (DDR); später: Ministerium des Inneren sowie Ministerium für Kultur

Erinnerungskultur/Ehrungen: 4. Juli 1963: „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus“; Tarnname des 8. Aufklärungsbataillons der NVA

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