Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
9. November 1872 – 20. April 1945

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Georg Kurtze 1932

Georg Kurtze 1932

Strausberg am 20. April 1945. Als deutsche Soldaten und SS-Leute überstürzt vor den heranrückenden sowjetischen Truppen flüchten, hisst der 72-jährige Georg Kurtze auf dem Rathaus die weiße Fahne, um die Stadt vor weiterer Zerstörung zu bewahren. Wenig später wird der Sozialdemokrat erschossen aufgefunden. – Gemeinsam mit anderen Strausberger Sozialdemokraten war Kurtze bereits am 24. Juni 1933 verhaftet und bis zum 30. August im KZ Oranienburg eingesperrt worden. Zuvor war es ihm gelungen, die Fahne des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold zu verstecken.

Von Günter Bartsch

Am 24. Juni 1933 berichtete der von den Nationalsozialisten eingesetzte kommissarische Strausberger Bürgermeister Röhr dem Oberbarnimer Landrat von der Verhaftung von vier Sozialdemokraten aus der Stadt: Georg Kurtze, Richard Hauschildt, Karl Werner und Otto Zimmermann. Am Folgetag sollten die vier ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht werden. Bemerkenswert ist Röhrs Begründung für die “Schutzhaft”: “Die oben genannten Funktionäre wurden deshalb in Haft genommen, weil sonst die hiesige S.A. selbst eingreifen wollte1.”

Seine frühe Inhaftierung macht deutlich, dass Georg Rudolf Felix Kurtze als Funktionär der Strausberger SPD, Stadtverordneter, Stadtrat und Kreistagsabgeordneter zu den größten Feinden der örtlichen Nationalsozialisten zählte. Kurtze wurde am 9. November 1872 in Strausberg geboren. Sein parteipolitisches Engagement begann 1910, als er Mitglied der SPD wurde2. Bald darauf wurde er im Arbeiterturnverein “Vorwärts” und in der Textilarbeitergewerkschaft aktiv.

Bei der ersten Wahl nach der Novemberrevolution gewann Kurtze für die SPD ein Mandat in der Stadtverordnetenversammlung. Die Stadtverordneten wählten ihn am 4. Mai 1919 in den Oberbarnimer Kreistag – ein Mandat, das er auch bei den beiden folgenden Kreistagswahlen behaupten konnte. 1924 und 1929 wurde er zum unbesoldeten Stadtrat gewählt. Er leitete den Ausschuss für Feld, Wirtschaft und Verschönerung.

Kurtze kämpfte für die Weimarer Republik: Im September 1921 wandte er sich in der Stadtverordnetenversammlung und in der Strausberger Zeitung gegen eine von der Deutschnationalen Volkspartei angekündigte Hindenburgfeier, die er als Vorwand für die Beförderung reaktionärer Interessen betrachtete. Im September 1924 gehörte er zu den Unterzeichnern des Gründungsaufrufes für das “Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold” in Strausberg. Zur Reichspräsidentenwahl im März 1932 soll Kurtze mit Farbeimer und Pinsel durch die Stadt gegangen und Losungen an Wände geschrieben haben, etwa den Satz: “Wer Hitler wählt, wählt den Krieg”.

Nachdem die Nationalsozialisten am 5. März 1933 die Hakenkreuzfahne auf dem Strausberger Rathaus gehisst hatten, trat Georg Kurtze von seinem Amt als Stadtrat zurück. Offenbar noch vor seiner Verhaftung am 24. Juni 1933 gelang es ihm, die Fahne des Reichsbanners vor dem Zugriff der Nazis in Sicherheit zu bringen: Er versteckte sie in der Dachverkleidung des Stallgebäudes auf dem Hof seines Grundstückes. Bekannt wurde das allerdings erst über zwei Jahrzehnte später: Sein Schwiegersohn Max Weiß entdeckte das Stück 1954 bei Reparaturarbeiten am Dach3. Die Familie hängte die Fahne in den Jahren 1955–57 am 1. Mai aus dem Fenster. Sie wurde dann an das Heimatmuseum übergeben. Heute befindet sie sich in der Obhut des Archives der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Während seiner Haft im Konzentrationslager Oranienburg von 25. Juni bis 30. August 1933 zog sich der damals 50-Jährige ein Magenleiden zu, das ihn nach der Entlassung zu einer komplizierten Operation zwang. Doch schon bald begann Kurtze wieder, sich mit anderen Sozialdemokraten zu treffen – seine Enkelin Brigitte Matte, geborene Weiß, erinnert sich an Waldspaziergänge, die zu solchen geheimen Treffen dienten.

Über Arbeiterlesezirkel hatte Kurtze bereits in jungen Jahren Zugang zu Schriften von Ferdinand Lasalle und August Bebel gefunden. Seine berufliche Laufbahn begann mit einer Tuchmacherlehre, gefolgt von Arbeiten als Weber. 1897 ging Kurtze ins nahe Berlin, wo er als Berufsfeuerwehrmann und Lagerarbeiter beschäftigt war. Nachdem er im Ersten Weltkrieg als Sanitäter an der russischen Front gedient hatte, kehrte er 1918 in seine Geburtsstadt Strausberg zurück, wo er Arbeit in der Schuhfabrik “Max Tack” fand und später als Straßenbahnkontrolleur arbeitete. Während des Zweiten Weltkrieges fand er nur mit Mühe Arbeit – verdiente sich seinen Lebensunterhalt unter anderem als Wächter, als Sägewerksarbeiter und mit Gelegenheitsarbeiten bei Bauern in den nahe gelegenen Dörfern.

Einer erneuten Verhaftung im Rahmen der “Aktion Gewitter” konnte sich Kurtze entziehen, indem er sich bei Freunden in Petershagen versteckte. Mit dem Hissen der weißen Fahne wollte er am 20. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, eine weitere Zerstörung seiner Heimatstadt durch die heranrückende Rote Armee verhindern – ein Akt, der ihn wahrscheinlich das Leben kostete. Nach der Besetzung Strausbergs durch die Rote Armee am 21. April 1945 war Kurtze noch zweimal zu Gesprächen in die Militärkommandantur bestellt worden. Anfang Mai wurde er in der Badstraße tot aufgefunden – durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe regelrecht hingerichtet. Der oder die Täter wurden nie gefasst. Für die Vermutung von Zeitzeugen, wonach Georg Kurtze von zurückkehrenden deutschen Soldaten erschossen wurde, konnten keine Belege gefunden werden.

Bereits am 9. September 1945 wurde die Ritterstraße in Strausberg, in deren Nummer 11 die Familie Kurtze wohnte, zu seinen Ehren in Georg-Kurtze-Straße umbenannt. Mitglieder des wiedergegründeten SPD-Ortsvereins gedachten seiner Heldentat am 22. April 1995. Am 21. April 2005, dem 60. Jahrestag der Befreiung Strausbergs durch die Rote Armee, fand an Kurtzes Grab eine Gedenkfeier statt, bei der Strausbergs Bürgermeister Hans Peter Thierfeld an Kurtzes Wirken erinnerte4. Am 4. Januar 2007 entschied die Stadtverordnetenversammlung, die Gräber Kurtzes und anderer verdienter Strausberger Bürger als Ehrengräber zunächst bis 2031 zu pflegen.

1 BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, Bl. 483. 

2 Vgl. Klein, Horst: Geschichte des SPD-Ortsvereins Strausberg 1887–2007, S. 365–367 sowie Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Hrsg.), Der Freiheit verpflichtet, Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert, S. 194. 

3 Vgl. Klein, Horst: Geschichte des Ortsvereins der SPD Strausberg 1887–1990, Chronik – Texte – Illustrationen, S. 245. 

4 Vgl. Die Rettung Strausbergs mit dem Leben bezahlt. In: Märkische Oderzeitung, 22.04.2005. 

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn eines Heimarbeiters, Strausberg

Ausbildung/Berufstätigkeit: gelernter Tuchmacher; Weber, Berufsfeuerwehrmann, Lager- und Schuhfabrikarbeiter, Straßenbahnkontrolleur, Wächter, Gelegenheitsarbeiten, Gehilfe in der Landwirtschaft

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Deutscher Textilarbeiterverband

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter und Stadtrat in Strausberg, Kreistagsabgeordneter Oberbarnim

Widerstandsaktivitäten: Hisste die weiße Fahne auf dem Strausberger Rathaus

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Konzentrationslager Oranienburg (25. Juni bis 30. August 1933)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Benennung einer Strausberger Straße nach Georg Kurtze (9. September 1945); Aufnahme ins "Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie", Ehrengrab und Gedenkfeiern

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