Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
27. Januar 1906 – 10. Juli 1985

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Wilhelm Girnus 1971 in seinem Arbeitszimmer (Quelle: Privatbesitz Ruth Girnus)

Wilhelm Girnus 1971 in seinem Arbeitszimmer (Quelle: Privatbesitz Ruth Girnus)

Der Literaturwissenschaftler Wilhelm Girnus, geboren 1906 in Olsyztyn, wurde im Juli 1933 aufgrund seiner KPD-Mitgliedschaft erstmals verhaftet und beinahe die gesamte Zeit der NS-Herrschaft in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt und misshandelt. Nach Ende des Krieges war er zunächst journalistisch tätig und wechselte dann in den Staatsdienst der DDR, bevor er im Jahre 1964 den Posten als Chefredakteur der Literaturzeitschrift “Sinn und Form” übernahm. Girnus starb 1985 an einem Krebsleiden in Berlin.

Von Elisa Zenck

„Geistige Betätigung war unter den Bedingungen der Haft eine Frage des Überlebens1.“

Kindheit und Jugend
Wilhelm Girnus wurde am 27. Januar 1906 in Allenstein (heute: Olsyztyn/Polen) als einziges Kind von Karl und Johanna Girnus geboren. Sein Vater arbeitete zunächst als Gerber, später wurde er Beamter. 1918 wurde er zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates in Heidekrug (heutiges Šilute/Litauen) gewählt. Er erzog Wilhelm Girnus „zum Gegner des Kaiserreichs“, starb jedoch bereits 1925 an einer schweren Krankheit. Wilhelm Girnus besuchte von 1912 bis 1925 die Schulen in Šilute, Tilsit (heutiges Sowetsk) und Gumbinnen2. Einer seiner Lehrer – ehemals Kriegsgefangener in Russland – entdeckte sein Zeichentalent und riet ihm zum Kunststudium3.

Studium und erste Schritte im Berufsleben
Von 1924 bis 1926 war Girnus Mitglied der Weltjugendliga und im linken Flügel der Freideutschen. Ab 1925 studierte er an den Staatlichen Kunstakademien in Breslau und Kassel – obwohl er eigentlich physikalische Chemie hatte studieren wollen – ab 1926 gleichzeitig deutsche und französische Literatur und Kunstgeschichte in Breslau, Paris (an der Sorbonne) und Königsberg. 1926 trat er der Roten Hilfe bei, 1927 wurde er von den Kommunisten der Kunstakademie Breslau – als Parteiloser – in den Studentenrat gewählt. Am 7. November 1929 trat Girnus in die KPD ein, zwei Jahre später wurde er in die Leitung der Kommunistischen Studenten Deutschlands gewählt.
Nachdem er im Sommer 1928 an der staatlichen Kunstschule in Berlin sein Referendarexamen abgelegt hatte, verbrachte Girnus seine zweijährige Referendarzeit am Arndt-Gymnasium in Berlin-Dahlem4. Zu seinen Schülern gehörten vor allem Sprösslinge der ehemaligen Adels- und Militärfamilien, was er als „wenig erfreulich“ empfand5. In dieser Zeit kam er mit der Arbeiterklasse Berlins in Verbindung. Mit einigen seiner FreundInnen, v.a. ArbeiterInnen bei Siemens, unternahm er wochenends Ausflüge an die Seen am Rande Berlins. Zudem machten die FreundInnen aus ihren politischen Ansichten keinen Hehl: Am 1. Mai 1931 hissten sie die Sowjet-Fahne vom Dach der heutigen Humboldt-Universität6. Zu dieser Zeit wohnte Girnus zur Untermiete bei einer Arbeiterfamilie in der Kastanienallee 12 im Hinterhaus7. Zugleich war er Lehrer an der Marxistischen Arbeiterschule – dessen Leitung der KPD-Mitbegründer Hermann Duncker innehatte – und der Lessing-Schule, wo er mit seinen Schülern unter anderem das Kommunistische Manifest auf französisch las8.
Da Girnus nach Bestehen des Assessorsexamens im Sommer 1931 keine Arbeitsstelle fand, kehrte er nach Gumbinnen zurück und studierte in Königsberg ein Semester lang Geschichte9. 1932 wurde er in die erweiterte Bezirksleitung der KPD-Ostpreußen gewählt und hielt durch Auftrag des damaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten Walter Schütz in Ortelsburg Schulungskurse, vorwiegend für Landarbeiter, ab10. Bis er im März 1933 entlassen wurde (laut eigener Angaben aufgrund seines Atheismus, seiner Ablehnung des Grundeigentums und seiner Überzeugung von der Notwendigkeit der „Diktatur des Proletariats“), arbeitete Girnus als Studienassessor an der Aufbauschule in Hohenstein (heutiges Olsztynek). Infolgedessen erlangte er in Kurschen (Kreis Memel/Ostpreußen) eine Stelle als Hauslehrer, die er bis zu seiner Verhaftung innehatte11.

1933-1945
Im Juli 1933 wurde Girnus zum ersten Mal festgenommen – vermutlich wegen Denunziation durch einen Cousin – und im Gefängnis Tilsit inhaftiert12. Zunächst kam er in das Konzentrationslager Quednau, wurde jedoch kurze Zeit später, am 23. September 1933, in das Zuchthaus Brandenburg eingeliefert. Von dort kam er am 11. Januar 1934 in das „KZ bei der Reichshauptstadt“, Oranienburg, wo er Erich Mühsam wieder traf, den er bereits in Brandenburg kennen gelernt hatte. In seinem 1982 erschienenen Buch mit autobiographischen Zügen – in dem er sich den Namen Germain gibt – schildert Girnus die Folterungen, denen er in Oranienburg ausgesetzt war. „... im alten Lager, einer ehemaligen Brauerei, war er plötzlich zur „Politischen Abteilung“ befohlen worden. Am Schreibtisch saß der Chef der Abteilung. Stahlkopf sein Name. Und dieser Name war zum Alarmsignal für die Gefangenen geworden. [...] Das in Leder gefaßte Stahlseil schoß mit voller Wucht auf sein Gesäß nieder. Der Schmerz sticht bis in die Kniekehlen, bis in die Schulterblätter. Noch weiß Germain nicht, daß die Blutspritzer unter der Haut genau bis zu den Kniekehlen, bis in die Schulterblätter dringen, erst wenn ihm Stunden später seine Kameraden im Duschraum seinen Rücken im Spiegel zeigen, wird er wissen, warum ihm der Schmerz da oben bei Stahlkopf bis in seine Extremitäten gekrochen ist13.”
Aus Oranienburg konnte Girnus am 20. März 1934 durch Hilfe anderer Häftlinge entkommen: Auf Weisung der Staatspolizei-Stelle in Königsberg kam er regulär frei14. Allerdings hatte die Staatsanwaltschaft Berlin einen Haftbefehl gegen ihn erlassen, den die in der Schreibstube arbeitenden Funktionshäftlinge jedoch vernichtet hatten15. Anschließend wohnte Girnus in Berlin unter verschiedenen Namen bei Familien, die ihm durch Genossen vermittelt wurden und verrichtete illegale Arbeit in der Jugendbewegung. Dazu zählte bspw. die Verbreitung von Flugblättern am 7. November 1934 in der Staatsbibliothek – u.a. mit Klaus Gysi – sowie das Verteilen der „Antifaschistischen Korrespondenz16.”
Am 11. März 1935 wurde Wilhelm Girnus erneut verhaftet, zunächst in „polizeiliche Schutzhaft“ genommen und am 3. Juli in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überstellt. Im Dezember 1936 begann gegen ihn und drei weitere AktivistInnen ein Prozess wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“, im Zuge dessen er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde17. Diese verbrachte er in Plötzensee, Brandenburg und Amberg. Während der Inhaftierung war Girnus stets darum bemüht, sich fortzubilden. In Brandenburg las er von der UdSSR herausgegebene Dokumente über die Vorbereitungen des zaristischen Russlands auf den Ersten Weltkrieg sowie Lenins “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus”. Als Hauptangeklagtem wurden ihm alle zwei Wochen zwei Bücher genehmigt18. Zudem versuchte er, sich mittels der Bibel so gut wie möglich italienisch beizubringen19.
Nachdem Girnus seine Haftstrafe abgesessen hatte, wurde er in das KZ Sachsenhausen eingeliefert, wo er bis Ende November 1942 inhaftiert war20. Auch dort gelang es ihm, viele Bücher der Bibliothek – die von seinem Genossen Karl Schirdewan betreut wurde – zu lesen. Im Rahmen eines „Lesekreises“, anhand der Lektüre von Stendhals “Rot und Schwarz”, führten die Häftlinge eine Diskussion über Probleme des Realismus und der Romantik21. Zudem fand er zufällig Thomas Manns Schriften gegen das Hitler-Regime auf Französisch, die er seinen Mithäftlingen übersetzte22. Von Sachsenhausen wurde Girnus am 27. November 1942 – zusammen mit siebzehn anderen kommunistischen Häftlingen, die des illegalen Lagerwiderstands verdächtigt wurden23, bspw. Schirdewan und der Lagerälteste Harry Naujoks – zwecks „Vernichtung durch Arbeit“ in das Konzentrationslager Flossenbürg deportiert. Diese Häftlinge wurden dort zu „Blaupunkten“ auserkoren24, von denen sechzehn vermutlich nur aufgrund solidarischer Hilfsmaßnahmen der anderen Häftlinge die Zeit im Lager überlebten25. Bis Juli 1943 waren die „Blaupunkte“, mit denen die anderen Häftlinge nicht sprechen durften, in Dunkelhaft26. Unter den Häftlingen in Flossenbürg befanden sich auch einige russische Kriegsgefangene, mit denen die „Blaupunkte“ bald eine illegale kommunistische Lagerleitung bildeten. Mit einem sowjetischen Offizier lernte Girnus Russisch, auch las er einige Bücher – bspw. Werke von Romain Rolland – doch war dies aufgrund der Haftverschärfung noch schwieriger als in Sachsenhausen27. Von Flossenbürg gelang ihm (bei Schwandorf, während des Marsches der Häftlinge nach Dachau) am 22. April 1945 mit seinem Mithäftling Heinz Golessa die Flucht – die beiden wurden dabei von einer tschechischen Legion der US-Truppen festgenommen und in das Kriegsgefangenenlager Bad Kreuznach gebracht. Girnus kam erst im Juli frei28.
Die ersten Jahre nach Kriegsende
Nach der Befreiung fuhr Girnus nach Eschenbergen bei Gotha (Thüringen), wo die Schwester seiner Mutter evakuiert war. Von ihr erfuhr er, dass seine Mutter, die sich die ganzen Jahre hinweg um seine Freilassung bemüht hatte, nach Schleswig-Holstein evakuiert worden war. In Eschenbergen lernte Girnus die 1926 geborene Ruth Zink kennen, die er am 16. September desselben Jahres heiratete29. Die ersten Monate ihrer Ehe lebten beide in Weimar30, wo Girnus seit Mitte August 1945 in der Thüringischen Verwaltung für Volksbildung als Leiter für das Höhere Schulwesen angestellt war31. Ab November 1945 war er am Aufbau des Rundfunks in der Sowjetischen Besatzungszone beteiligt und leitete die Abteilung für kulturelle Aufklärung der Deutschen Verwaltung für Volksbildung, bevor er 1946 in Berlin stellvertretender Intendant des Berliner Rundfunks wurde. In diesem Jahr erreichte er beim Ministerium für Umsiedlung die Genehmigung, seine Mutter nach Berlin zu holen. Diese lebte bei der Familie ihres Sohnes bis zu ihrem Tod im Jahre 1965. Ab 1949 arbeitete Girnus als Redakteur des Neuen Deutschland, wo er zunächst für Innenpolitik, später für Kulturpolitik zuständig war. Nebenher schrieb er an seiner Dissertation mit dem Titel “Der größte Realist deutscher Sprache. Versuch einer kritischen Darstellung der ästhetischen Auffassungen Goethes”, die er am 28. Januar 1953 mit der Note „Sehr gut“ an der Karl-Marx-Universität Leipzig abschloss.

Im Staatsdienst
Zum 1. Oktober 1953 beendete Girnus seine journalistische Tätigkeit und begann seine Arbeit im Dienste der DDR, zunächst als Sekretär des Ausschusses für Deutsche Einheit. 1957 wurde er zum Staatssekretär für Hochschulwesen ernannt und Mitglied des Ministerrates. Während er diese Funktion inne hatte, kam 1959 der erste Abschluss eines Kulturabkommens der DDR mit einem nicht-kommunistischen Land – dem Irak – zustande. Zudem unternahm Girnus als Staatssekretär viele Reisen, insbesondere innerhalb der Sowjetunion. Auf Einladung der Regierung besuchte er 1960 Indien, wo er für eine Zusammenarbeit der beiden Länder auf wissenschaftlicher und kultureller Ebene eintrat. Von seiner Arbeit im Staatssekretariat wurde Girnus am 1. September 1962 aus gesundheitlichen Gründen auf eigenen Wunsch entbunden, gleichzeitig verlor er seinen Ministerstatus.

Chefredakteur von „Sinn und Form“
1964 wurde Girnus umstrittener Chefredakteur der von der Akademie der Künste herausgegebenen Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. Sein Vorgänger, der von der Ideologischen Kommission nicht bestätigte Bodo Uhse, war im Juli 1963 verstorben. Das ZK suchte nach einem parteikonformen Nachfolger, der sich keine Freiheiten erlaubte wie Peter Huchel, den man 1962 seines Amtes entledigt hatte. Nach langem Suchen wurde Girnus, gegen heftige Einsprüche seitens der Mitglieder der Akademie wegen seines Dogmatismus und seiner mangelhaften literarischen Reputation, zum Chefredakteur berufen32. Gegen seine Parteikonformität wandte sich insbesondere Hans Bunge, der Sonderheftredakteur der Zeitschrift, der nach zähen Kämpfen 1966 von Girnus entlassen wurde. Wie Stephen Parker schreibt, fühlte sich Girnus in seiner Funktion befähigt, die Parteilinie mit allen Mitteln durchzusetzen: „Sinn und Form repräsentierte die vorderste Stellung der Partei in den Künsten, und als Chefredakteur hatte er Vollmacht, die Kulturpolitik im Sinne der Beförderung einer lebensprühenden sozialistischen Kultur auszulegen.“
Einer der größten Erfolge Girnus’ als Leiter von „Sinn und Form“ bildete die Veröffentlichung von Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ und die in den folgenden Heften anschließende Diskussion zum Thema. Harscher Kritik an dem Text und seiner Publikation insbesondere durch Personen, mit denen er lange in ästhetischen Fragen auf einer Seite gestanden hatte, begegnete Girnus mit dem Abdruck vieler positiver Stellungnahmen. Parker bewertet diese Entwicklung durchaus positiv: „Er hatte sich als Chefredakteur Ansichten zu eigen gemacht, die er für die Politik als absolut unannehmbar erachtete33.”
Nach Jahren der Kritik verabschiedete Girnus das „Arbeitsprogramm 1970“, in dem er die Aufgabe der Zeitschrift in der Erfüllung der Parteiziele festsetzte. In der Zeit bis zu seinem „Ende“ als Chefredakteur, 1981, erreichte er unter anderem die regelmäßige Veröffentlichung aktueller Beiträge von Erich Fried und Peter Weiss34. Außerdem machte er die Literatur der DDR durch Kontakt zu ausländischen Zeitschriften auch jenseits der deutschsprachigen Grenzen bekannt.

Wilhelm Girnus war sowohl Mitglied der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft als auch der Goethe-Gesellschaft Weimar. 1965 wurde er Mitglied der Akademie der Künste der DDR (Sektion Literaturwissenschaft), und im Jahre 1983 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena verliehen.

Girnus starb am 10. Juli 1985 in Berlin an den Folgen einer Krebserkrankung. Er ist auf eigenen Wunsch in Weimar in der Nähe der Grabstätte von Goethe beigesetzt.

1 Dokumentarfilm über Wilhelm Girnus (AdK), Teil I, 38:45. 

2 Soweit nicht anders angegeben, beruhen die folgenden Information auf: Akademie der Künste, Wilhelm-Girnus-Archiv, Sign. 76: Lebenslauf (geschrieben am 20.2.1966). 

3 Vgl. Dokumentarfilm (Teil I), 09:30; Girnus wollte eigentlich als freischaffender Künstler arbeiten, entschied sich aber nach der Weltwirtschaftskrise 1929 dagegen; T. I, 28:10. 

4 Vgl. BArch Dahlwitz-Hoppegarten, ZC 145566, Bl. 101, Anklageschrift Kirchgatter u. a., S. 4. 

5 Dokumentarfilm (Teil I), 24:20. 

6 Vgl. ebd., 37:08. 

7 Vgl. ebd., 38:01. 

8 Vgl. ebd., 38:35. 

9 Vgl. Anklageschrift Kirchgatter u. a., S. 4. 

10 Vgl. ebd., S. 14. 

11 Vgl. ebd., S. 4. 

12 Vgl. Gespräch mit Ruth Girnus (Witwe des Wilhelm Girnus) am 15. Dezember 2007. 

13 Girnus, Wilhelm: Aus den Papieren des Germain Tawordschus. Unvollständiger Bericht über eine Lebenserfahrung, Rostock 1982, S. 10-12. 

14 Vgl. BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/5/1, Bl. 528. 

15 Vgl. Girnus, Wilhelm: Brandenburg, Oranienburg, in: europäische ideen, Heft 5/6 1974 (Erich Mühsam zum 40. Todestag), S. 10-11, hier: S. 11. 

16 Vgl. Anklageschrift Kirchgatter u. a., S. 18; für eine detaillierte Schilderung der illegalen Aktivitäten und Verantwortlichkeiten vgl. ebd., S. 15-18. 

17 Vgl. Ebd., S. 1. 

18 Vgl. Dokumentarfilm (Teil I), 42:45. 

19 Vgl. Gespräch mit Ruth Girnus am 15. Dezember 2007. 

20 Über diese Zeit berichtete er beim „Sachsenhausen-Prozess“ im Rathaus Pankow im Oktober 1947 als Zeuge, dessen Worte von Berlin am Mittag als „in jeder Weise stichhaltig“ beurteilt wurden; vgl. AdK, Wilhelm-Girnus-Archiv, Sign. 199: Berlin am Mittag, 29.10.1947: „Sie starben für die Konzerne. KZ-Häftlinge- das große Geschäft für die Rüstungsindustrie“; Bei seiner Aussage legte Girnus großen Wert auf die Schilderung des Profits einiger Firmen durch die Ausbeutung der Häftlinge: „[...] im Brennpunkt seiner Aussage stand die Tatsache, daß die großen Rüstungsfirmen, überhaupt der gesamte nazistische Rüstungsapparat Hunderttausende von KZ-Häftlingen in seinen Betrieben arbeiten ließ und zugrunde richtete. Nach seinen Angaben forderten die Firmen Siemens, Demag, Messerschmitt, Heinkel, die Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) und die Deutschen Erd- und Steinwerke (DEST) ununterbrochen neue Häftlinge an. Im Laufe des Krieges stellten sich auch die DEST auf Rüstungsproduktion um und steigerten durch die brutalste Ausnutzung der KZ-Häftlinge ihren Umsatz um ein Vielfaches. Girnus führte wörtlich aus: ‘Die Häftlinge wurden von diesen Betrieben wie eine Zitrone ausgepreßt und dann weggeworfen‘“; vgl. AdK, Wilhelm-Girnus-Archiv, Sign. 199: Neues Deutschland 29.10.1947: „Sensationelle Zeugenaussagen im Sachsenhausen-Prozeß- Konzernfilialen hinter Stacheldraht“. 

21 Dokumentarfilm (Teil I), 43:50. 

22 Vgl. ebd., 45:10. 

23 Girnus beschreibt in seinem Bericht „Eine Scheibe Brot“ von einer Solidaritätsaktion der politischen Häftlinge mit sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen: Nachdem im Herbst 1941 ungefähr 18.000 Sowjetsoldaten innerhalb weniger Wochen im KZ ermordet worden waren, kamen im Frühjahr 1942 neue Transporte an. Diesmal war der Plan der SS, die Kriegsgefangenen in einem Sonderlager innerhalb des Lagers verhungern zu lassen. Die anderen Häftlinge konnten dies verhindern, indem jeder von ihnen eine Scheibe Brot von seiner Tagesration opferte, wodurch die sowjetischen Soldaten überlebten. Girnus, Wilhelm: Eine Scheibe Brot, in: Sachsenhausenkomitee Westberlin u.a. (Hg.): Niemand und nichts vergessen. Ehemalige Häftlinge aus verschiedenen Ländern berichten über das KZ Sachsenhausen, VAS, Berlin (West) 1984, S. 89-92.  

24 Diesen ausgewählten Häftlingen wurden mit den Deckeln von Konservenbüchsen große blaue Punkte auf ihre Häftlingskleidung gedruckt, auf welche die Lageraufseher bei ungehörigem Verhalten schießen sollten. 

25 Vgl. Klausch, Hans-Peter: Widerstand in Flossenbürg. Schriftenreihe des Fritz-Küster-Archivs, Oldenburg 1990, S. 8, S. 19-23; Girnus nannte als Grund für die „Solidarität“ der (nicht)-kommunistischen Häftlinge- in Flossenbürg waren viele „Kriminelle“ inhaftiert- insbesondere die deutsche Niederlage in Stalingrad. Dies hätte zu einem zuvorkommenden Verhalten der übrigen Häftlinge geführt, die sich im Falle einer Befreiung durch die Rote Armee ein gutes Wort ihrer kommunistischen Mithäftlinge erhofften; Dokumentarfilm (Teil II), 07:06.  

26 Vgl. ebd., 06:25. 

27 Vgl. Dokumentarfilm (Teil I), 46:20. 

28 Wilhelm Girnus hatte Zeit seines Lebens an den gesundheitlichen Folgen seiner KZ-Haft zu leiden. So erkrankte er unter anderem 1968 an Tuberkulose und musste sich 1976 sowie 1982 Operationen unterziehen. Später wurde bei ihm Krebs diagnostiziert; vgl. Gespräch mit Ruth Girnus am 15. Dezember 2007.  

29 Vgl. Gespräch mit Ruth Girnus am 15. Dezember 2007; aus dieser Ehe gingen die Söhne Peter Paul (geb. 1946), Wolfgang Michael (geb. 1949) und Stefan André (geb. 1956) hervor. 

30 Dort hielt Girnus im September 1945 einen Vortrag vor der antifaschistischen Jugend mit dem Titel „Wer macht Geschichte? Zur Kritik der faschistischen Geschichtsfälschung“, Verlag Volk und Wissen, Berlin-Leipzig 1946. 

31 Vgl. ThHStA Weimar, Personalakten aus dem Bereich Volksbildung, Nr. 8021, Bl. 1R, Ernennungsurkunde des Präsidenten des Landes Thüringen vom 22. August 1945. 

32 Zudem wurde er zur gleichen Zeit Professor für Allgemeine Literaturwissenschaft an der Humboldt Universität Berlin. 

33 Parker, Stephen: Sinn und Form unter Wilhelm Girnus, in: Sinn und Form 1999. 

34 Fried hatte Girnus in einem Brief um Veröffentlichung seiner Gedichte in „Sinn und Form“ gebeten; vgl. AdK, Wilhelm-Girnus-Archiv, Sign. 70, Briefwechsel mit Erich Fried. 

Soziale/Regionale Herkunft: Einziges Kind eines gelernten Gerbers und seiner Frau Johanna, geb. Meyer; Allenstein (Olsyztyn); zum „Gegner des Kaiserreichs“ erzogen; Letzter Wohnort vor Verhaftung: Kurschen bei Pillkallen (Dobrowolsk)

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1912-1925 Besuch der Schulen in Šilute, Tilsit und Gumbinnen; 1925-1932 Studium an den Staatlichen Kunstakademien Breslau und Kassel; ab 1926 Studium der deutschen und französischen Literatur und Kunstgeschichte in Breslau, Paris (Sorbonne) und Königsberg; ab 1929 Referendar in Berlin und Potsdam; bis März 1933 Studienassessor an der Aufbauschule in Hohenstein (Olsztynek)

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: keine Angaben

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 7. November 1929: KPD–Mitglied; ab 1931 in der Reichsleitung der „Roten Studenten“; ab Dez. 1932 Mitglied der Erweiterten Bezirksleitung der KPD-Ostpreußen

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: März 1934 bis März 1935 illegale Arbeit im KJVD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Gefängnis Tilsit: Juli 1933; KZ Quednau: August 1933 - 23. September 1933; Zuchthaus Brandenburg: 23. September 1933 - 11. Januar 1934; KZ Oranienburg: 11. Januar 1934 - 20. März 1934; Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit: 3. Juli 1935 - Dezember 1936; Gefängnisse Plötzensee, Brandenburg und Amberg: Dezember 1936 - 1941; KZ Sachsenhausen: 1941 - 27. November 1942; KZ Flossenbürg: 27. November 1942 - 22. April 1945; Kriegsgefangenenlager Bad Kreuznach: April 1945 - Juli 1945

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945 Leiter der Abteilung Höheres Schulwesen in der Thüringischen Verwaltung für Volksbildung; 1953 Sekretär des Ausschusses für Deutsche Einheit; 1957-1962 Staatssekretär für Hochschulwesen

Erinnerungskultur/Ehrungen: 1983 Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universität Jena; 7. Oktober 1989 Ehrenname des Aufklärungsbataillon 4 der NVA in Bad Salzungen „Wilhelm Girnus“

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