Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
16. Oktober 1886 - 17. Mai 1978

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Wegner in Schutzhaft 1933
Foto aus Familienbesitz

Wegner in Schutzhaft 1933 Foto aus Familienbesitz

Von Julia Thöns

Armin T. Wegner wurde 1886 in Elberfeld, das heute zu Wuppertal gehört, geboren.
Väterlicherseits entstammte Armin T. Wegner einer preußischen Beamtenfamilie, der Vater Gustav Wegner bekleidete als Reichsbahnbaurat einen hohen Posten. Durch den Beruf des Vaters musste die Familie häufig umziehen, und Armin T. Wegner wuchs in verschiedenen Städten auf, u.a. in Berlin und Breslau.
Während seine Mutter, Marie Wegner, die in der frühen Frauen- und Friedensbewegung mitgewirkt hatte, Armin T.Wegner schon früh mit dem Gedanken des Pazifismus vertraut machte, gab es immer wieder Auseinandersetzungen mit dem autoritären Vater, der den Sohn mit einer Reitpeitsche misshandelte. Unter diesen Erlebnissen litt Armin T. Wegner auch noch als Erwachsener, vor allem da er auch während seiner Haft im KZ Columbia-Haus erneut auf diese Art misshandelt wurde.
Nicht zuletzt durch den Einfluss seiner Mutter wurde Armin T. Wegner ein überzeugter Pazifist.

Nach seiner Schulzeit begann Wegner 1905 eine landwirtschaftliche Ausbildung in Schlesien, die er jedoch nach etwa einem Jahr abbrach. Danach besuchte er ab 1906 eine Privatschule und machte dort 1908 sein Abitur nach. Ab 1909 studierte Armin T. Wegner in Breslau Jura und Nationalökonomie, es folgten weitere Studien in Zürich und Berlin, unterbrochen von Reisen nach Frankreich und Italien. 1914 schloß Armin T. Wegner sein Studium mit einer Doktorarbeit zum Thema „Streik im Strafrecht“ ab, für die er summa cum laude benotet wurde.

Bereits 1914 verfasste Wegner außerdem eine, allerdings unveröffentlichte, Denkschrift gegen den Krieg, in der er unter anderem ein vereintes Europa forderte.
Armin T. Wegner entging dem Heeresdienst, da er sich als Krankenpfleger freiwillig für die deutsch-ottomanische Sanitätsmission in Kleinasien meldete. Dort wurde er Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern, die in die mesopotamische Wüste vertrieben wurden. Trotz strenger Verbote suchte Armin T. Wegner die armenischen Flüchtlingslager und machte dort hunderte Fotos vom Genozid, schmuggelte Briefe der Verfolgten zur amerikanischen Botschaft und fertigte genaue Aufzeichnungen darüber an, wie Armenier zu Tode gekommen waren.
Seine Versuche, die deutsche Öffentlichkeit über die Verbrechen an den Armeniern durch den Bündnispartner Türkei aufzuklären, führten zu Armin T. Wegners Entlassung aus der Sanitätsmission und einer Zwangsversetzung zum Dienst in den Cholera-Baracken, schließlich zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst. So kehrte Armin T. Wegner 1917 nach Breslau zurück. 1918 drohte ihm noch einmal Dienst an der Front, jedoch favorisierte ihn das Auswärtige Amt als Redakteur im „Neuen Orient Institut“, was ihn vor dem Militärdienst bewahrte.
Armin T. Wegner war Mitglied im „Politischen Rat geistiger Arbeiter“ und unterstützte die Novemberrevolution. In einem offenen Brief an Karl Liebknecht sprach er sich für die demokratische Revolution, aber entschieden gegen jede Anwendung von Gewalt, aus und fordert eine Absage an die so genannte „revolutionäre Gewalt“.
1919 war Wegner Mitbegründer des „Bundes der Kriegsdienstgegner“ (BdK) und verfasste einen offenen Brief an den US-Präsidenten Woodrow Wilson über das Schicksal der Armenier.
Sein weiterhin aktiver Einsatz für die Armenier führte dazu, dass die Redaktion des „Neuen Orient Instituts“ und sein Verlag die Zusammenarbeit mit ihm 1920 beendeten. Er wurde geschäftsführender Sekretär des BdK, der sich später international in der WRI (War Resisters International) organisierte.
Im selben Jahr heiratete er die deutsch-jüdische Schriftstellerin Lola Landau, mit der er in ein Haus nach Neuglobsow am Stechlinsee zog. 1923 wurde die gemeinsame Tochter Sibylle geboren, die auf den Spitznamen Anusch hörte.
1921 erschien mit „Der Ankläger“ ein Aufruf zur Revolution. 1927 nahm Wegner am Kongress der „Liga gegen koloniale Unterdrückung“ in Brüssel teil. Außerdem reiste er auf Einladung der Sowjetunion hin in den Kaukasus und nach Russland. Daraus entstand auch ein Reisebericht, der veröffentlicht wurde. 1929 reiste er mit seiner Frau Lola Landau nach Palästina.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 verfasste Wegner am 11. April 1933 den „Brief an Hitler“, in dem er gegen die Judenverfolgung protestierte. Armin T. Wegner war einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die sich derart offen und klar gegen die Judenverfolgung aussprachen. Dies führte später auch zu seiner Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“ in Yad Vashem.
Im Mai 1933 fielen bei der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten auch Werke von Armin T. Wegner dem Feuer zum Opfer. Am 16. August 1933 wurde Wegner von der Gestapo verhaftet und ins KZ Columbia-Haus verschleppt. Die Festnahme erfolgte nach einer Denunziation. Am 19. August 1933 wurde der Schriftsteller in das KZ Oranienburg eingeliefert, wo er bis zum 7. September 1933 in Haft blieb. Dann wurde er in das Lager Papenburg und das KZ Börgermoor (beide waren Teil der Emslandlager) überstellt und von dort ins KZ Lichtenburg, wo er bis zu seiner Entlassung Ende Dezember 1933 inhaftiert blieb. Während seiner Haft schrieb Armin T. Wegner zahlreiche Briefe an Lola Landau, in denen er von seinem Alltag in den KZs Oranienburg, Börgermoor und Lichtenburg berichtete; nur die ersten Tage im KZ Columbia-Haus blieben unerwähnt. In diesen Briefen berichtete er von leichteren Arbeitsdiensten in Oranienburg, von Misshandlungen und Schikanierungen ist nicht die Rede. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Briefe aus dem Lager einer strengen Zensur unterlagen. Auf einigen Briefen, die Wegner von seiner Frau und seiner Tochter erhielt, finden sich Stempel wie „Kontrolle“ oder „Gesehen“ sowie Signaturen. Er selbst erwähnte in seinem ersten Brief, den er aus Oranienburg an seine Frau schrieb, dass er „hier bei der Post und Zensurabteilung einen sehr angenehmen Posten1“ habe.
Aus den Briefen geht hervor, dass Armin T. Wegner zum Arbeitsdienst auf einem Sägebock eingeteilt war, um dort mit den Zimmerleuten unter den Gefangenen neue Schlafsäle und ein neues Stockwerk zu errichten, damit die wachsende Anzahl der Gefangenen untergebracht werden konnte.
Die Willkür der Verantwortlichen des Lagers beschrieb Wegner ebenfalls, als er davon berichtete, dass ihm aus einem ihm unbekannten Grund eine Besuchssperre auferlegt wurde. „Aber ich wartete vergebens und war recht niedergedrückt, als alle ihre Frauen und Kinder zu Besuch empfingen und vergnügt mit ihren Paketen abzogen und ich alleine und mit leeren Händen auf dem Fabrikhof zurückblieb2.“
Nach seiner Entlassung aus der KZ-Haft reiste Armin T. Wegner nach England, wo seine Frau und seine Tochter bereits zum Zeitpunkt seiner Verhaftung wohnten, da Lola Landau sich dort um ihre Kinder aus erster Ehe kümmerte, die aufgrund der Judenverfolgung in Deutschland im Ausland ihre Ausbildung absolvierten. 1935 kehrte die Familie für kurze Zeit nach Berlin zurück, 1936 emigrierte sie nach Palästina. Armin T. Wegner jedoch ging kurz nach der Ankunft bereits nach Positano in Italien ins Exil; 1939 erfolgte die Scheidung von Lola Landau. Ab 1940 entwickelte sich eine Beziehung zwischen Armin T. Wegner und der Künstlerin Irene Kowaliska, deren gemeinsamer Sohn Michele (Mischa) Wegner 1941 geboren wurde.
Von 1941 bis 1943 war A.T.W. Lektor für deutsche Literatur an der Universität Padua. 1945 heirateten er und Irene Kowaliska.
Armin T. Wegner war in Deutschland in Vergessenheit geraten, obwohl er in den 20er Jahren ein relativ populärer Schriftsteller war. Bis heute steht er in Deutschland im Hintergrund, obwohl er gerade im Ausland ein hohes Ansehen aufgrund seiner pazifistischen Einstellung und seiner Zivilcourage genießt. A.T.W. wurde 1947 auf dem deutschen Schriftstellerkongress in Berlin fälschlicherweise für tot erklärt, lebte tatsächlich aber vergessen in Positano, auf Stromboli und in Rom und arbeitete weiterhin als Schriftsteller. 1949/50 reiste er zu Lesungen nach Zürich und Jerusalem. 1956 besuchte er Berlin und seine Geburtsstadt Wuppertal. Im selben Jahr wurde ihm das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik in Neapel verliehen (die Bundesregierung bezahlte ihm nicht die Reise nach Berlin). 1962 erhielt er den Eduard-von-der-Heydt Preis der Stadt Wuppertal. 1968 erfolgte die Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“ in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. 1969 nahm Armin T. Wegner am „Symposium der Flüchtlinge aus dem Dritten Reich“ in Stockholm teil, 1972 unternahm er eine Lesereise in die USA und es folgten weitere Bucherscheinungen.
Am 17. Mai 1978 starb Armin T. Wegner in Rom.

1 Landau, Lola und Wegner, Armin T.: „Welt vorbei“. Die KZ-Briefe 1933/1934, Berlin 1999, S. 8. 

2 Ebd., S. 11. 

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siehe auch:
Nickisch, Reinhard Martin Georg: Armin T. Wegner; Ein Dichter gegen die Macht, Wuppertal 1982.
Wegner, Armin T.: Brief an Hitler, Berlin 1933

Soziale/Regionale Herkunft: Vater Gustav Wegner, hoher Beamter der Reichsbahn, entstammte einer preußischen Beamtenfamilie Mutter Marie Wegner, geborene Witt war eine bedeutende Vertreterin der frühen Frauen- und Friedensbewegung und machte ihren Sohn schon früh mit dem Pazifismus vertraut; Elberfeld (Wuppertal)

Ausbildung/Berufstätigkeit: fängt nach der Schule eine landwirtschaftliche Ausbildung an, nachträgliches Abitur, beginnt 23-jährig in Breslau Nationalökonomie und Jura zu studieren, weitere Studien in Zürich und Berlin, Doktorarbeit (Thema: der Streik im Strafrecht); Autor von Gedichten und Prosa, Reiseschriftsteller

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: keine Angaben

Widerstandsaktivitäten: am 11.04.1933 verfasste Armin T. Wegner den „Brief an Hitler“, in dem er gegen die Judenverfolgung protestierte

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 16. August 1933: Verhaftung durch die Gestapo, Folter im Columbia-Haus; 19. August bis 7. September 1933 Haft im KZ Oranienburg; KZ Börgermoor; KZ Lichtenburg; Freilassung am 26. Dezember 1933

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik 1956, Eduard-von-der-Heydt Preis der Stadt Wuppertal 1962, Aufnahme unter die Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem in Jerusalem, pflanzte einen Baum im Wald der Gerechten 1968; Armin-T.-Wegner-Gesellschaft

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