Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. Juli 1907 – 4. Januar 1969

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Ludwig Hodapp.
Quelle: LABO, Entschädigungsakte Ludwig Hodapp, Reg. Nr. 10486.

Ludwig Hodapp. Quelle: LABO, Entschädigungsakte Ludwig Hodapp, Reg. Nr. 10486.

Der kaufmännische Angestellte Ludwig Hodapp aus Friedrichshain war 1933 Mitglied einer Widerstandsgruppe der SPD und vertrieb illegal Zeitungen und Flugblätter. Im Dezember 1933 wurde er verhaftet und unter anderem für 10 Tage ins KZ Oranienburg gebracht. In einem anschließenden Prozess wurde Hodapp zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Zum Kriegsende wurde er zu einem sog. „Bewährungsbataillon“ eingezogen und geriet anschließend in russische Kriegsgefangenschaft. Bis zu seinem Tod litt er an gesundheitlichen Problemen.

Von Julia Pietsch

Vom Arbeitersport zur Arbeiterpartei
Ludwig Karl Hodapp kam am 2. Juli 1907 im Berliner Bezirk Weißensee als Sohn von Ludwig Hodapp und Auguste Hodapp, geborene Leitner, zur Welt. Die Familie wohnte unweit des dem Bezirk seinen Namen gebenden Weißen Sees, im Französischen Viertel (heute Komponistenviertel), zunächst in der Wörthstraße (heute Smetanastraße), später in der Lindenallee1. Den Berliner Vorort bewohnten wegen der hohen Mieten in der Berliner Innenstadt vor allem Arbeiter.
Ludwig Hodapps Vater war Vorsitzender des Verbandes der Lebensmittel- und Getränkearbeiter; beide Eltern waren Mitglieder der SPD. Geprägt durch das sozialdemokratische Elternhaus – der Vater wurde im Jahr 1920 Stadtverordneter der SPD und blieb es bis zu seinem Tode 1932 – schloss sich Hodapp verschiedenen Arbeitersport- und -turnvereinen in Weißensee an; die Arbeitersportbewegung, die sich als Gegenpol zu den nationalistisch geprägten Vereinen im Kaiserreich verstand, trug durchaus politische Züge. Ludwig Hodapp wie auch sein Bruder Karl engagierten sich zudem später, es dem Vater gleichtuend, gewerkschaftlich und traten der SPD bei2.
Der junge Arbeitersportler besuchte in Weißensee von 1914 bis 1921 die Volksschule. Daran schloss von Januar 1922 bis November 1924 seine Ausbildung zum Handlungsgehilfen bzw. kaufmännischen Angestellten in einer Verbundstofffabrik an. Der Betrieb, der ihn ausbildete, Wellenstein s. Hörnemann, übernahm ihn nach seiner Lehre und beschäftigte ihn bis Juni 1931 weiterhin3. Ludwig Hodapp organisierte sich in diesen Jahren gewerkschaftlich beim Zentralverband der Angestellten4. Weißensee verließ der junge Angestellte erst, nachdem er eine junge Frau, Gertrud Schinke, ebenfalls 1907 geboren, kennen gelernt und am 8. Februar 1930 geheiratet hatte. Hodapp zog nun zu seiner Frau in den Ostberliner Bezirk Friedrichshain, in die Koppenstraße 68, das Haus, in dem Gertrud Hodapp schon seit ihrer Geburt lebte5.
Im Arbeiterbezirk Friedrichshain richtete sich der Frischverheiratete in seiner neuen Umgebung ein. Er bekam im Juni 1931 eine Anstellung bei der Firma Hellwig in der Dresdener Straße in Berlin-Kreuzberg, ehemals SW 29, das weitaus näher lag als Weißensee, und wurde dort leitender Angestellter. Zudem trat Ludwig Hodapp nach der Hochzeit, der elterlichen Tradition folgend, in die SPD seines neuen Heimatbezirks ein. Es ist jedoch möglich, dass er sich bereits seit 1926 in Weißensee in der dortigen SPD oder einer ihrer Jugendorganisationen engagiert hatte6. Bei der Friedrichshainer Gruppe der Partei stieg er bald zum Gruppenführer, 1932 zum Abteilungskassierer und 1933 zum zweiten Vorsitzenden des 301. Bezirks der SPD auf7. Sein Vater, der 1932 starb, erlebte diese politische Entwicklung seines Sohnes nur noch zum Teil. Nur knapp bekam er außerdem die Geburt seiner Enkelin mit. Am 30. Dezember 1931 kam Inge Gertrud Hodapp zur Welt und komplettierte die Kleinfamilie Ludwig Hodapps. Der junge Sozialdemokrat hatte gerade erst begonnen, sich eine sichere Existenz aufzubauen, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen.

Widerstand und Haft – der Prozess „Hodapp und Genossen“ und seine Folgen
Als die SPD am 22. Juni 1933 faktisch verboten wurde, löste sich auch die Friedrichshainer SPD-Gruppe, in der Hodapp sich engagierte, auf – wegen der „Unfähigkeit des Abteilungsleiters“, wie er sich später erinnerte8. Er selbst und einige seiner Genossen aber wollten der Parteiarbeit nicht entsagen und das NS-Regime mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen. Sie gründeten eine illegale Abteilung der SPD in Friedrichshain, die sich heimlich, auch in der Wohnung der Hodapps, traf und Kontakt zu anderen Gruppen hielt. Ähnliche Entwicklungen fanden auch andernorts statt, und es waren vornehmlich junge SozialdemokratInnen – Hodapp war gerade 26 Jahre alt – die sich trotz des Verbots reorganisierten und mit radikaleren Forderungen auftraten, als die SPD sie sonst vertreten hatte9.
Ein Kernstück der illegalen Arbeit bestand im Herstellen und Verteilen von Flugblättern und Zeitschriften. Diese Schriftstücke, teilweise wie der „Prager Vorwärts“ und die „Sozialistische Aktion“ aus dem Ausland eingeschleust, teilweise wie der „Proletarische Pressedienst“ im Inland hergestellt, beinhalteten Aufrufe zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Hodapp erinnerte sich, dass seine illegale Widerstandsgruppe zwar Kontakt zum nach Prag geflüchteten Parteivorstand der SPD hielt und von dort auch unterstützt wurde, sonst jedoch relativ autonom organisiert war10.
Ludwig Hodapp war für viele Genossen Bezugsquelle verschiedener illegaler Zeitungen, die er wiederum von einem Kurier erhielt. Der SPD-Mann Karl Furkert erklärte später, er habe von Hodapp den „Prager Vorwärts“ und den „Proletarischen Pressedienst“ bekommen und weiterverteilt11. Darüber hinaus mobilisierte Ludwig Hodapp mit seinen Genossen auch gegen die für den 12. November 1933 angesetzte Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund. In der Anklageschrift des Prozesses, den man später gegen Hodapp wegen seiner illegalen Arbeit anstrengte, hieß es, er habe zusammen mit zwei Genossen im Vorfeld der Abstimmung Flugblätter, die dazu aufriefen, mit „Nein“ zu stimmen, an teilweise unbekannte Adressen verschickt12.
Die ganze Gruppe der mit der SPD Sympathisierenden, vor allem in Friedrichshain Lebenden, wurde am Ende des Jahres 1933 „hochgenommen“. Vermutlich war ein aus Prag kommender Kurier längere Zeit von der Gestapo beobachtet worden. Kurz vor Weihnachten, am 19. Dezember 1933, wurde Ludwig Hodapp auf seiner Arbeitsstelle in der Dresdener Straße 51 verhaftet13. Das anstehende Weihnachtsfest sollte nicht das letzte sein, das der Sozialdemokrat nicht mit seiner jungen Familie verbringen konnte.

Während Ludwig Hodapp bereits auf dem Weg ins Gefängnis war, durchsuchte die Gestapo in Anwesenheit seiner Frau stundenlang die gemeinsame Wohnung und beschlagnahmte mehrere Bücher, darunter teilweise Erbstücke von Hodapps Vater, der als Gewerkschaftsführer eine große Bibliothek besessen hatte14. Wohin ihr Mann gebracht worden war, erfuhr Gertrud Hodapp nicht; erst im Januar des nächsten Jahres teilte man ihr den Aufenthaltsort ihres Mannes mit – da war er bereits in Oranienburg.
Ludwig Hodapp kam zunächst ins Geheime Staatspolizeiamt in die Prinz-Albrecht-Straße 8 und vermutlich noch am selben Abend ins KZ Columbia-Haus in Berlin-Tempelhof, wo er mehr als zwei Wochen inhaftiert war15. Am 6. Januar 1934 brachte man ihn in das KZ Oranienburg, nicht weit von Berlin, zusammen mit den meisten seiner Genossen. Er bekam die Häftlingsnummer 2245.
Erst jetzt informierte man Gertrud Hodapp darüber, wo sich ihr Mann befand, woraufhin sie sofort um eine Besuchserlaubnis ersuchte16. Erstaunlicherweise erhielt sie bereits für den 8. Januar 1934 einen handschriftlichen „Ausweis“, der ihr und der kleinen Tochter, die gerade ihren zweiten Geburtstag gefeiert hatte, erlaubte, den Ehemann und Vater im Konzentrationslager zu besuchen17. Karl Hodapp, der nur zwei Tage später um die Erlaubnis bat, seinen Bruder zusammen mit seiner Frau besuchen zu dürfen, hatte vermutlich weniger Glück18: Bereits sechs Tage später wurde der Inhaftierte in eine weitere Anstalt verlegt – seine Odyssee war noch lange nicht vorbei.
Hodapp war vermutlich zu diesem Zeitpunkt bereits gesundheitlich angeschlagen und litt unter den Misshandlungen, die man ihm im Konzentrationslager beigebracht hatte. Er umschrieb die Marter in Oranienburg später mit harmlosen Worten: „Auf Grund der dort mit den Häftlingen vorgenommenen Experimente war zur Zeit der Einlieferung in die Untersuchungshaft die Kleidung fast verschlissen19.“ Mit „Experimenten“ waren vermutlich die in Oranienburg auf der Tagesordnung stehenden sadistischen Quälereien, Schläge und Demütigungen gemeint.
Da man gegen die illegale Widerstandsgruppe um Ludwig Hodapp seitens der Gestapo ermittelte, kam der Gefangene am 19. Januar 1934 in das Untersuchungsgefängnis Moabit. Auch hier ersuchte Gertrud Hodapp um eine „Sprecherlaubnis“, mit der sie ihren Mann besuchen wollte, die ihr allerdings nicht gewährt wurde20. Mit dem kleinen Kind und ohne die Aussicht auf eine baldige Entlassung ihres Mannes stand sie vollkommen mittellos da. Sie verschuldete sich, wie Hodapp später erklärte, im Freundes- und Verwandtenkreis des Ehepaares, vermutlich auch, weil Hodapp im Gefängnis Verpflegungszuschuss zahlen und wegen der bevorstehenden Anklage einen Anwalt engagieren musste21.
Zunächst nahm sich der bekannte Jurist Ernst Fraenkel seiner an, der aber bald das Mandat an seinen Kollegen Gerhard Wille abgeben musste22. Am 13. April 1934 wurde Ludwig Hodapp die Anklageschrift, die auf „Vorbereitung zum Hochverrat“ lautete, mitgeteilt23. Seine Friedrichshainer Genossen waren von der NS-Justiz möglicherweise willkürlich in drei Gruppen aufgeteilt worden, von deren Hauptangeklagten einer Ludwig Hodapp war. Die Urteile in den drei Prozessen, dem „Prozess Hodapp und Genossen“, dem „Prozess Hohnstädter und Genossen“ und dem „Prozess Wiechert und Genossen“ wurden im Juli und August des Jahres 1934 gesprochen.
Der Prozess gegen “Hodapp und Genossen” wurde am 14. Juli 1934 eröffnet und dauerte fast eine Woche; am 20. Juli 1934 wurde Ludwig Hodapp „wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt24. So lernte er nach bereits achtmonatiger Haft die nächste Anstalt kennen: das Zuchthaus Luckau, südlich seiner Heimatstadt Berlin gelegen.
In Luckau verlor Ludwig Hodapp mehrere Zähne, da ein Zahnleiden, das bei ihm festgestellt wurde, solange nicht behandelt wurde, bis der Häftling die Behandlungskosten im Voraus aufgebracht hatte. Um die Qualen ein wenig zu lindern, teilten seine Mithäftlinge ihre Medikamente mit ihm25. Es sollte das erste, aber nicht das letzte Leiden sein, das Hodapp aus der Zeit des Nationalsozialismus jahrelang beschäftigte.
Im Dezember 1935 stellte Ludwig Hodapp ein Gnadengesuch und bat darum, seine Schutzhaft in den Konzentrationslagern Columbia-Haus und Oranienburg auf seine Haftzeit anzurechnen, damit er einen Monat früher als geplant nach Hause zurückkehren könne. Er gab an, er wolle nicht noch ein Weihnachtsfest verpassen – vermutlich wollte er zudem nicht auch noch am vierten Geburtstag seiner Tochter am 30. Dezember fehlen, nachdem er schon beim zweiten und dritten nicht da sein konnte. Mit der Begründung, dass Hodapp als führender SPD-Mann sich „in erheblichem Umfang hochverräterisch betätigt“ habe, wurde sein Gesuch jedoch abgelehnt26. So kehrte Ludwig Hodapp erst am 24. Januar 1936, nach mehr als zwei Jahren der Trennung, zu seiner Familie nach Friedrichshain zurück27.

Rückkehr zur Normalität – Rückkehr in die Haft
Nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Luckau betätigte sich Hodapp nicht weiter illegal; wie er selber berichtete, stand er unter Beobachtung durch die Gestapo. Dennoch blieb er mit seinen ehemaligen Genossen in Kontakt28. Gesundheitlich angeschlagen durch Rheuma, chronische Bronchitis und Zahnausfall fand der ehemalige Häftling zunächst keine Anstellung, bis ihn sein früherer Arbeitgeber, die Firma Hellwig, wieder einstellte – diesmal allerdings mit einem niedrigeren Gehalt29. Untypisch für seine politische Einstellung war, dass er bei der Wiederaufnahme seiner Arbeit der Deutschen Arbeitsfront (DAF), dem unter Abschaffen der freien Gewerkschaften und des Streikrechts von den Nationalsozialisten gegründeten Einheitsverband für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, beitrat. Aus den Unterlagen geht hervor, dass Hodapp bereits vor seiner Verhaftung, also während der illegalen Tätigkeit, Mitglied der DAF gewesen war – vermutlich, weil der Zentralverband der Angestellten, dem Hodapp angehört hatte, in diese eingegliedert worden war. Für einen ehemaligen sozialdemokratischen Gewerkschafter war die Mitgliedschaft in einer solchen NS-Organisation unüblich – und machte Hodapp schon bald Probleme. Im März 1937 klagte ihn das Ehren- und Disziplinargerichts der DAF wegen „ehrenrührigen Zuwiderhandelns gegen die Bestrebungen der DAF durch staatsfeindliche Handlungen“ an, nachdem dort die Vorstrafe Hodapps bekannt geworden war, und erteilte ihm in der Urteilsverkündung schließlich einen „strengen Verweis“ – mit weiteren Konsequenzen musste Hodapp glücklicherweise nicht rechnen30.

Bei der Firma Hellwig blieb Ludwig Hodapp bis Ende Mai 1938 als Lagerist und Expedient beschäftigt, arbeitete dann für kurze Zeit in einem Holzbaubetrieb und Zimmereigeschäft und fand schließlich bis Ende Januar 1942 eine Anstellung bei der Electrola Gesellschaft m.b.H. in der Schlesischen Straße in Kreuzberg; danach arbeitete er kurz bei der Lichtcopie K.G. Das Zentrum seines beruflichen Wirkens befand sich offenbar in Kreuzberg, und so zog auch Ludwig Hodapp über einen Umweg in den an Friedrichshain angrenzenden Bezirk. Während er zunächst in die im Berliner Bezirk Mitte gelegene Oranienburger Straße zog, wohnte er später in der Kreuzberger Gneisenaustraße31. Dass er an beiden Orten zur Untermiete lebte, deutet darauf hin, dass seine Frau und seine Tochter nicht mit umzogen. Über die genaueren Umstände ist jedoch nichts bekannt. Offenbar blieben Gertrud und Inge Hodapp in der Koppenstraße 68, bis sie Ende des Jahres 1943 nach Altglienicke, einen Ortsteil im Süd-Osten von Berlin, zogen. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Ludwig Hodapp bereits nicht mehr in Berlin – ein weiteres Mal war er von den Nationalsozialisten seiner Freiheit beraubt worden.
Als wegen Vorbereitung zum Hochverrat Verurteilter galt Ludwig Hodapp als „wehrunwürdig“ und erhielt einen „Ausschließungsschein“ der Wehrmacht, so dass er nicht zu den im September 1939 beginnenden Kampfhandlungen des NS-Regimes eingezogen wurde. Im Januar 1943 jedoch erhielt er die Aufforderung, sich einem „Bewährungsbataillon“ anzuschließen. In diese zog man „Wehrunwürdige“ ein, um sie für Kampfhandlungen an der Front einzusetzen. Der euphemistische Begriff der „Bewährung“ verschleierte, dass es sich um eine Strafaktion handelte. Ludwig Hodapp kam zunächst zum „Afrika-Schutz-Regiment 963“, einer „Bewährungstruppe“, und bald darauf zum „Bewährungsbataillon 99932“. Zunächst auf dem badischen Truppenübungsplatz Heuberg stationiert, wurde er im August 1943 nach Griechenland geschickt. Dort erkrankte Hodapp nach eigenen Angaben im August 1944 an Malaria und wurde über die Lazarette Patras, Athen und Belgrad nach Prag gebracht33.
Ludwig Hodapp erlebte das Kriegsende vermutlich in russischer Kriegsgefangenschaft. In die war er kurz nach der Entlassung aus dem Lazarett in Prag gelangt. Im Donezbecken, einer wichtigen Quelle für die sowjetischen Kohlereserven in der heutigen Ukraine, musste der mittlerweile 38-Jährige Zwangsarbeit im Bergwerk verrichten, eine Arbeit, unter der Hodapp – bereits gezeichnet durch KZ-Haft, Strafbataillon und Krankheiten – mehr und mehr litt34. Erst im Juni 1947, vier Jahre, nachdem er Deutschland verlassen hatte, konnte Ludwig Hodapp nach Berlin zurückkehren.

Nach dem Krieg – schleppende Rückkehr zum Alltag
Schwer krank – er litt an einer schweren doppelseitigen Lungen- und Rippenfellentzündung und Hungerödemen – traf Ludwig Hodapp nach der Kriegsgefangenschaft wieder in seiner Heimatstadt ein35. Die Möglichkeiten, nach dem Krieg endlich wieder ein normales Lebens aufzunehmen, waren für Ludwig Hodapp stark geschmälert. Einmal machte ihm sein Gesundheitszustand derartige Probleme, dass er bis ins Jahr 1948 hinein krank und arbeitsunfähig war und sämtliche seiner Angelegenheiten nur auf postalischem Wege regeln konnte36. Dann hatte er Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden und für ein gesichertes Einkommen zu sorgen. Seine materiellen Güter hatte Hodapp offenbar durch „Totalbombenschaden“ verloren, und die Zahlungen, die er als Opfer des Faschismus bzw. politisch Verfolgter von bundesdeutschen Behörden bekam, reichten nach eigenen Angaben kaum zum Leben37. Eine Entschädigung für seine Zeit beim „Bewährungsbataillon“ lehnte die zuständige Behörde ab mit dem Hinweis, es habe sich nicht um eine Strafmaßnahme gehandelt, sondern um die „Möglichkeit der Wiedererlangung der vollen Wehrwürdigkeit38“. Vor allem aber die Kosten, die Hodapp durch seine Krankheiten entstanden, bereiteten ihm Probleme. Er war mit 38 Jahren bereits stark durch die Jahre 1933 bis 1947 gezeichnet39.
Ludwig Hodapp wohnte auch nach seiner Rückkehr nach Berlin in Kreuzberg, wiederum zur Untermiete – zunächst in der Großbeerenstraße, dann wieder in der Gneisenaustraße, während Frau und Tochter immer noch in Altglienicke, in der Teutonenstraße, lebten. Diese Trennung war, wie Hodapp es bezeichnete, „durch die Zeitverhältnisse bedingt40“. Nur langsam normalisierten sich die Dinge für den ehemaligen Widerstandskämpfer. Im August 1952 bekam er von Walter Löffler, einem Referenten beim Berliner Senator für Sozialwesen, die Möglichkeit, im Referat PrV – dort, wo Hodapp selbst seine Entschädigungsanträge einreichte – zu arbeiten41. Als Verwaltungsangestellter bei der Senatsverwaltung konnte es sich Hodapp schließlich leisten, die Untermiete aufzugeben – er zog in die Kreuzberger Pücklerstraße, vermutlich mit Frau und Kind.
Doch die seit seinem 26. Lebensjahr sich anhäufenden gesundheitlichen Probleme ließen Ludwig Hodapp nicht mehr los. In den letzten Jahren vor seinem Tod war er schwer krank. Im Jahre 1965 musste er wegen der Spätfolgen seiner Malariaerkrankung eine Kur in Bad Kissingen antreten und erlitt kurz nach seiner Rückkehr einen Schlaganfall, der ihn vier Monate lang an ein Krankenhausbett fesselte. Trotz Halbseiten- und Sprachlähmung und Herz- sowie Hirnstörungen ging Hodapp seiner Arbeit im öffentlichen Dienst weiter nach. Am 4. Januar 1969 starb Ludwig Hodapp im Alter von 62 Jahren42.

1 Vgl. Lebenslauf Ludwig Hodapp, in: OdF-Akte Ludwig Hodapp, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 5734. 

2 Vgl. ebd. und Lebenslauf Ludwig Hodapp, in: LABO, Entschädigungsakte Ludwig Hodapp, Reg. Nr. 10486. 

3 Vgl. Arbeitsbuch Ludwig Hodapp, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

4 Vgl. Anerkennungsbogen für politisch Verfolgte, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

5 Vgl. Heiratsurkunde Ludwig Hodapp und Gertrud Schinke und Geburtsurkunde Gertrud Henriette Frida Schinke, beide in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

6 Vgl. ebd., Anerkennungsfragebogen für politisch Verfolgte und Lebenslauf/OdF. 

7 Vgl. ebd., Lebensläufe Ludwig Hodapp. 

8 Lebenslauf Ludwig Hodapps/LABO

9 Vgl. Sandvoß, Hans-Rainer: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945, Berlin 2007, S. 31. 

10 Vgl. ebd., S. 32. 

11 Vgl. BArch, RY/1/I 2/3/149, Bl. 42. 

12 Vgl. Anklageschrift im Verfahren gegen Hodapp und Genossen vom 10. März 1934, in: BArch, FBS 110/2589 (vormals NJ 9758). 

13 Vgl. Eidesstattliche Erklärung Ludwig Hodapps vom 21. September 1952, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

14 Vgl. Brief Hodapps an die Entschädigungsbehörde vom 18. Juni 1957, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

15 Vgl. Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes: Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933 – 1936, Berlin 1990, S. 163. 

16 Vgl. Lebenslauf Ludwig Hodapp/OdF. 

17 Vgl. Besuchserlaubnis der Ortspolizeibehörde, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

18 Vgl. Brief vom 10.1.1934 von Karl Hodapp und Frau mit Bitte um Besuchserlaubnis, in: BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/14, Bl. 262. 

19 Brief Hodapps an die Entschädigungsbehörde vom 18. Juni 1957. 

20 Vgl. Mitteilung des Amtsgerichts Berlin vom 15. Februar 1934, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

21 Vgl. Antrag D Schaden an Vermögen, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp und Brief Hodapps an die Entschädigungsbehörde vom 18. Juni 1957. 

22 Vgl. ebd. 

23 Vgl. Anklageschrift. 

24 Vgl. Urteil gegen Hodapp und Genossen, in: BLHA, Rep. 29, Brandenburg, Nr. pol 736. 

25 Vgl. Brief Ludwig Hodapps an die Entschädigungsbehörde vom 16. Januar 1952 und Brief des Mitgefangenen Armand Hübner an die Entschädigungsbehörde vom 10. Januar 1953, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

26 Vgl. Gnadengesuch Ludwig Hodapp, in: BArch, FBS 110/2589 (vormals NJ 9758). 

27 Vgl. Entlassungsschein aus Luckau, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

28 Vgl. Lebenslauf Ludwig Hodapp/OdF. 

29 Vgl. Eidesstattliche Erklärung Ludwig Hodapps vom 21. September 1952. 

30 Vgl. Urteil des Ehren- und Disziplinargerichts der Deutschen Arbeitsfront vom 21. April 1937, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

31 Vgl. Arbeitsbuch Ludwig Hodapp. 

32 Vgl. Schreiben der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der damaligen deutschen Wehrmacht an die Entschädigungsbehörde vom 1. Juni 1953, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

33 Vgl. Lebenslauf Ludwig Hodapp/LABO

34 Vgl. ebd.  

35 Vgl. ebd. 

36 Vgl. ebd. und Korrespondenz in der OdF-Akte Ludwig Hodapp. 

37 Vgl. Briefe von Ludwig Hodapp an die Entschädigungsbehörde vom 27. Oktober 1951 und vom 8. Dezember 1952, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

38 Vermerk vom 1. Februar 1954, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. Obwohl das bundesdeutsche Recht den Begriff der „Wehrwürdigkeit“ nicht kennt, berief man sich offenbar darauf. 

39 Vgl. Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

40 Lebenslauf Ludwig Hodapp/LABO

41 Vgl. Brief von Walter Löffler an Ludwig Hodapp vom 8. August 1952, in: Entschädigungsakte Ludwig Hodapp. 

42 Vgl. Brief von Getrud Hodapp an die Entschädigungsbehörde vom 28. April 1969.
 

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn von Ludwig Hodapp und Auguste Hodapp geb. Leitner, aufgewachsen in einem sozialdemokratischen Berliner Elternhaus, Vater war später SPD-Stadtverordneter

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten; Arbeit als Lagerist, Expedient, Handlungsgehilfe; Mitarbeiter im öffentlichen Dienst der BRD

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Zentralverband der Angestellten

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD seit 1926 oder 1930

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Aufbau einer illegalen Gruppe der SPD in Friedrichshain, Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Prinz-Albrecht-Straße 8 (19. Dezember 1933), KZ Columbia-Haus (19. Dezember 1933 – 5. Januar 1934), KZ Oranienburg (6. Januar 1934 – 16. Januar 1934), Untersuchungsgefängnis Moabit (19. Januar 1934 – 14. Juli 1934), Zuchthaus Luckau (14. Juli 1934 – 24. Januar 1936), Bewährungsbataillon 999 (Januar 1943 – Mai 1945)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: keine

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