Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

Das KZ Oranienburg wurde durch die SA errichtet und verwaltet. Die SA-Führer des Lagers waren verantwortlich für die menschenunwürdige Behandlung der Häftlinge, die psychischen und physischen Misshandlungen, welche in manchen Fällen bis zum Tod führten, ausgesetzt waren.

Die Sturmabteilungen der NSDAP bestanden seit 1920 und sollten Veranstaltungen schützen, bei Aufmärschen der Partei mitwirken und gewaltsame Auseinandersetzungen mit den politischen Gegnern suchen. Die SA bestand nach dem Ersten Weltkrieg hauptsächlich aus ehemaligen Soldaten, rekrutierte ihren Nachwuchs aus der Hitlerjugend und wurde unter anderem nach militärischem und landsmannschaftlichem Vorbild aufgebaut. Die militärischen Strukturen waren auch im KZ Oranienburg zu erkennen, die Häftlinge wurden in Kompanien und Züge eingeteilt und jede Kompanie war in einem Schlafsaal untergebracht. Die Häftlinge mussten ebenfalls nach militärischem Vorbild auf dem Hof exerzieren, Strammstehen, und melden, wenn SA-Leute sich näherten.
Durch den Aufbau nach dem Vorbild der Landsmannschaften kamen die SA-Führer, ebenso wie die Häftlinge, mehrheitlich aus der Region und einige von ihnen kannten sich bereits als politische Gegner.

Kommandant des Lagers war Sturmbannführer Werner Schäfer, der nach dem gescheiterten Versuch, im Polizeidienst Karriere zu machen, als Bankangestellter arbeitete. Er betätigte sich als Organisator und Führer eines SA-Sturmbanns und wurde aus dieser Position heraus Kommandant des im Bereich der SA-Standarte 208 eingerichteten KZ Oranienburg.
Ihn zeichnete ein außerordentlicher Hass gegenüber Sozialdemokraten aus.
Die Häftlinge wurden von ihm häufig beschimpft, er hat sich jedoch selten an tätlichen Misshandlungen beteiligt. Stattdessen verhängte er häufig Disziplinarstrafen, Dunkelarrest, Post- und Besuchssperre sowie die Versetzung zu Strafkommandos.
Schäfer zeichnete voll und ganz verantwortlich für die Verbrechen, Misshandlungen und die menschenunwürdige Behandlung der Häftlinge in Oranienburg sowie die Errichtung der Dunkelarrestzellen.
Schäfer versuchte allerdings, die Verantwortung auf Untergeben abzuwälzen und der Öffentlichkeit ein sehr beschönigtes Bild des KZ Oranienburg zu präsentieren.

Sturmbannführer Krüger wurde von der Geheimen Staatspolizei eingestellt und führte die Vernehmungen in Zimmer 16 durch. Er wird als der Schlimmste bei den tätlichen Misshandlungen der Häftlinge und in der Erfindung moralischer Demütigungen beschrieben. Er wurde im Oktober durch Sturmführer Hans Stahlkopf ersetzt.

Stahlkopf setzte nach dem Weggang Krügers die Vernehmungen in Zimmer 16 fort. Er wird als subtiler Peiniger, der jedoch nicht weniger grausam als Krüger war, beschrieben. Wenn Stahlkopf nachts angetrunken war, holte er oft Gefangene aus den Schlafsälen, um sie zu schlagen oder auf dem Hof exerzieren zu lassen; diese Misshandlungen betrafen vor allem Angehörige der sogenannten Judenkompanie.

Von dem Adjutanten des Lagerkommandanten, Sturmführer Hans-Hugo Daniels, sind keine direkten Beteiligungen an tätlichen Misshandlungen bekannt, er gehörte allerdings zum Kreis der SA Führer in Oranienburg, die für die Zustände verantwortlich waren, und sein Verhalten gegenüber den Häftlingen zeigte seine zustimmende Haltung hinsichtlich der Zustände in Oranienburg.

Sturmführer Werner Eve, der ab Juli in der Verwaltung die Gefangenenabteilung leitete, war für die Einteilung der Arbeit zuständig sowie für die Aufnahme der Häftlinge und ihre Entlassung nach Aufhebung der Schutzhaftbefehle. Auch er hatte eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Sozialdemokraten. Wie Stahlkopf misshandelte er in betrunkenem Zustand oft Häftlinge. Eve hielt Häftlinge auch nach Aufhebung der Schutzhaftbefehle durch die Heimatbehörden oft noch wochenlang fest. Bei der Einteilung zur Arbeit und der gesamten Einteilung des täglichen Lebens nutzte er seine Kompetenzen ebenfalls aus, um die Häftlinge zu schikanieren und ihnen den Aufenthalt so schwer wie möglich zu machen.

Die Truppenführer Federwisch und Herzog beteiligten sich anfangs ebenfalls an tätlichen Misshandlungen gegenüber den Häftlingen, gingen später aber dazu über, die Häftlinge durch die Art der Diensteinteilung und Unterbrechungen der Freizeit zu schikanieren.
Scharführer Petschner, ab August in Oranienburg eingesetzt, hatte die Aufgabe, die Häftlinge des Innenkommandos dauernd zur Arbeit anzutreiben und auch sonst in Bewegung zu halten. Petschner, dessen Verhalten im Vergleich zu Federwisch und Herzog als brutaler beschrieben wurde, legte ein militärisches Gehabe an den Tag, weshalb er von den Häftlingen Himmelstoß genannt wurde (abgeleitet von “Im Westen nichts Neues” von R.M. Remarque). Außerdem charakterisierte Petschner eine sehr unflätige und sexuelle Ausdrucksweise, die er im Lager gegenüber den Häftlingen verwendete.

Die einzigen Führer des Lagers, die die Häftlinge menschenwürdig behandelten, waren die Truppenführer Paul Görke und Willi Ruf. Während Ruf anfangs für die Einteilung der Häftlinge zur Arbeit verantwortlich war und diese Aufgabe unter Berücksichtigung u.a. der Gesundheit und der beruflichen Voraussetzungen der Häftlinge ausführte, wurde er schon bald auf einen unwichtigen Verwaltungsposten abgeschoben, da er sich vermutlich gegen Misshandlungen ausgesprochen hatte.

Das KZ Oranienburg erlangte durch die SA-Führung und deren Praxis der moralischen und psychischen Demütigungen bis hin zum Mord einen grauenvollen Ruf bei allen Häftlingen, die hier inhaftiert waren.

Impressum

* Mit dankenswerter Genehmigung durch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entnommen aus: Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945, CD-ROM, Systema 2004.