Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. Juli 1898 - Mai 1945

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Ewald Sülter Ende der 1920er Jahre.

Ewald Sülter Ende der 1920er Jahre.

Von Siegfried Mielke

Ewald Sülter wurde als uneheliches Kind von Helene Sülter am 18. Juli 1898 in Wilsnack (seit 1929 Bad Wilsnack) in der Prignitz, Provinz Mark Brandenburg, geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern Ludwig Sülter und Friederike, geborene Neu, auf. Sein Großvater übte das Handwerk des Steinsetzmeisters aus, seine Großmutter arbeitete vor ihrer Heirat als Dienstmagd. Zu seiner Mutter, die in Berlin lebte, hatte Ewald Sülter kaum Kontakt.
Nach Beendigung der Volksschule (1912) arbeitete Ewald Sülter nach Angaben seiner Ehefrau zunächst als landwirtschaftlicher Arbeiter. Arbeitszeugnisse aus den Jahren 1915 bis 1923 belegen, dass Sülter zwischenzeitlich die strukturschwache Region der Prignitz verließ und 1915 als „Arbeitsbursche“ in der Berliner Buchdruckerei Hempel & Co1. und Anfang der 1920er Jahre im Elektrolager der Rheinischen Stahlwerke in Duisburg-Meiderich als Lagerarbeiter tätig war; eine Beschäftigung, die er auf eigenen Wunsch aufgab. Der Grund ist ganz offensichtlich die am 30. Dezember 1922 erfolgte Heirat mit Martha Ziemer. Aus der Ehe gingen fünf Kinder (Susanne, geboren 22. Februar 1924; Lisa, geboren 17. August 1930; Eva Martha, geboren 9. Februar 1940, die im Alter von anderthalb Jahren von einem Pferdefuhrwerk überfahren wurde und am 22. August 1941 an den Folgen des Unfalls starb; Doris, geboren 10. Juli 1943, und Hans-Ewald, geboren 19. Juli 1945) hervor. Nach seiner Rückkehr arbeitete Sülter als Lohnbuchhalter im Straßenbaugeschäft L. Sülter in Bad Wilsnack.
In dieser Zeit trat er vermutlich dem Deutschen Baugewerksbund bei, in dem er sehr früh ehrenamtliche Funktionen übernahm. Eine Gestapo-Liste von 1935 über Gewerkschaftsfunktionäre in Brandenburg vor 1933 nennt als Gewerkschaftsfunktion von Sülter: „Gewerkschaftsvorsitzender Baugewerksbund (Perleberg)“; gemeint ist offensichtlich Vorsitzender des Deutschen Baugewerksbundes für den Landkreis West-Prignitz mit Sitz in Perleberg. Nach Aussage seiner Ehefrau war Sülter vor 1933 auch „ADGB-Funktionär2“, vermutlich in Bad Wilsnack. Dafür spricht auch, dass die Polizei bei einer Hausdurchsuchung (April 1933) in der Wittenberger Straße 16, dem Wohnhaus der Familie Sülter in Bad Wilsnack, unter anderem „ein Tagebuch“ des ADGB, vermutlich das Protokollbuch, 74 Gewerkschaftszeitungen und „Handakten des ADGB“, neun Mitgliedsbücher und weitere Gewerkschaftspublikationen fand3.
Neben seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit engagierte sich Sülter in der SPD, der er 1924 beigetreten war. Er war vermutlich Mitbegründer der SPD-Ortsgruppe in Bad Wilsnack, denn sein Mitgliedsbuch trägt die Mitgliedsnummer 22. Nach Angaben der Ehefrau war Ewald Sülter SPD-Spitzenfunktionär in Bad Wilsnack und gehörte der Stadtverordnetenversammlung an und ab 1928 auch dem Kreistag für die West-Prignitz. Das letzte Mal kandidierte Sülter im Februar 1933 auf Platz 6 der SPD-Liste für den Kreistag der West-Prignitz. Wie aus einem Schreiben des Bürgermeisters von Bad Wilsnack hervorgeht, war Sülter vor 1933 auch ehrenamtliches Magistratsmitglied seiner Heimatstadt. Nach Angaben des Bad Wilsnacker Anzeigers hatte er zumindest in den Jahren 1931/32 das Amt des Wohlfahrtsdezernenten inne. Ob und welche Funktionen er in der SPD einnahm, ob er zum Beispiel Mitglied des Vorstandes des SPD-Unterbezirks der Ost- und West-Prignitz war, konnte nicht ermittelt werden. Seine Frau Martha, geborene Ziemer, ebenfalls SPD-Mitglied und Leiterin der Frauengruppe, beschäftigte sich in der SPD-Ortsgruppe nach Angaben der Töchter insbesondere mit Frauenfragen. Nach Aussage der Tochter Susanne war ihr Vater ein gefragter Wahlredner und Agitator für die SPD in den umliegenden Orten von Bad Wilsnack.
Ein drittes politisches Betätigungsfeld fand Sülter im „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, dem er am 1. August 1926 beitrat (vgl. Abbildung des Mitgliedsbuches). Ewald Sülter gründete die Reichsbanner-Ortsgruppe von Bad Wilsnack und wurde ihr Erster Vorsitzender. Die Reichsbannerfahne der Ortsgruppe (vgl. Abbildung) konnte, versteckt auf dem Dachboden des Hauses der Familie Sülter, vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet werden. Sie ist heute im Besitz des Sohnes von Ewald Sülter. Da die Fahne bei den Hausdurchsuchungen nicht entdeckt wurde, beschlagnahmte der Polizeihauptwachtmeister von Bad Wilsnack „auf Veranlassung der hiesigen SS und SA4“ die Nähmaschine der Familie, die nach Einschätzung der Verfolger „aus dem Vermögen der SPD“ gekauft worden war. Nach Aussage der Tochter Susanne gingen SA und SS wohl zurecht davon aus, dass auf dieser Nähmaschine die SPD- und Reichsbannerfahne genäht worden waren.
Am 19. April 1933 empfahl der Bürgermeister von Bad Wilsnack „nach Rücksprache mit dem Landratsamt in Perleberg“ Ewald Sülter, sein Amt als ehrenamtliches Magistratsmitglied niederzulegen5. Er begründete sein Ansinnen mit der politischen Tätigkeit von Sülter und dem bei der letzten Hausdurchsuchung vorgefundenen Material. Da Ewald Sülter die Empfehlung des Bürgermeisters entschieden ablehnte, wurde er am 26. April 1933 vom Regierungspräsidenten Potsdam bis auf weiteres von seinem Amt als unbesoldeter Ratsmann der Stadt Bad Wilsnack beurlaubt und kurze Zeit später (4. Mai 1933), das heißt lange vor dem Verbot der SPD, zusammen mit zahlreichen anderen Sozialdemokraten von der SA verhaftet. Während die meisten SPD-Mitglieder von Bad Wilsnack bald wieder freigelassen wurden, kam Sülter zunächst in das Konzentrationslager Havelberg, das Mitte Mai in einer Realschule von der SA eingerichtet worden war. Nach Auflösung dieses frühen Konzentrationslagers wurde Sülter zusammen mit den übrigen Häftlingen am 1. Juni 1933 in das Konzentrationslager Perleberg, ein früheres Artilleriedepot, überführt worden war. Die hygienischen Verhältnisse in dem Lager beschreibt der Mithäftling Wilhelm Lehwenich als katastrophal: „In dem unteren, mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Teil, welcher früher als Wagenremise benutzt worden war, waren der Waschraum und die Toiletten. In der Mitte des Raumes standen zwei Bottiche, welche vom Stubendienst täglich mit dem notwendigen Waschwasser versehen wurden. In eine Ecke hatte man einen alten Maurerkessel gestellt, in diesen mußten die Gefangenen ihre kleinen Bedürfnisse verrichten. Daneben war ein Bretterverschlag mit einem Eimer für große Geschäfte.“ Der Umstand, dass „in diesem, für ganz andere Zwecke eingerichteten Raum, schlechte Belichtung war, machte die Toilettenverhältnisse zu einer einzigen Schweinerei. Aber auch der darüber liegende Schlafraum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die Trennung beider Räume war durch einfache, über die Balkenlage genagelte Bretter vollzogen. Durch die Ritzen im Fußboden konnte man hindurchsehen. Die von unten aufsteigenden Dünste hatten somit ungehindert die Möglichkeit, auch die oberen Räume zu verpesten. Da der sogenannte Schlafraum direkt unter dem Pappdach lag, auf welches die pralle Sommersonne den ganzen Tag brannte, kann man sich vorstellen, wie die Unterkunft von 30 bis 35 Menschen beschaffen war, ganz zu schweigen davon, daß pro Häftling bei weitem nicht der Raum zur Verfügung stand, wie er in jedem Gefängnis den Inhaftierten zugebilligt wurde6.“ Als auch dieses Lager Ende Juni aufgelöst wurde, kam Sülter zusammen mit Friedrich Spenn aus dem Nachbarort Lenzen, Wilhelm Lehwenich aus Wittenberge und einigen Dutzend anderen politischen Häftlingen von Perleberg ins Konzentrationslager Oranienburg.
Während das Gros der Häftlinge (64 Prozent) im frühen Konzentrationslager Oranienburg bis zu einem Vierteljahr im KZ inhaftiert war, wurde Ewald Sülter erst nach mehr als acht Monaten in Oranienburg entlassen. Ein vom SA-Sturmbannführer M. ausgestellter Ausweis vom 2. November 1933 belegt, dass Sülter zu diesem Zeitpunkt „Schutzhaftgefangener“ der Zweigstelle in Elisenau (Post Blumberg) des Konzentrationslagers Oranienburg war und die Häftlingsnummer 446 trug7. In diesem Außenlager war unter anderem auch der ehemalige Gewerkschaftsfunktionär und Vorsitzende der Berliner SPD Franz Künstler inhaftiert. Es ist zu vermuten, dass Martha Sülter ihren Mann 1933 im KZ Oranienburg besucht hat. Denn am 6. August 1933 hatte sie sich vom Bürgermeister als Ortspolizeibehörde von Bad Wilsnack einen Ausweis mit Lichtbild ausstellen lassen, in dem ihr bescheinigt wurde, die „Ehefrau des Schutzhäftlings Ewald Sülter, der sich im KZ in Oranienburg befindet“, zu sein8. Der Grund für die vergleichsweise lange Haftdauer liegt vermutlich in Sülters Aktivitäten als SPD-Wahl- und Agitationsredner und in seiner Reichsbannertätigkeit. Seine Ehefrau charakterisierte Ewald Sülter nach 1945 in einem Antrag auf Anerkennung als Verfolgter des Nationalsozialismus als „fanatische[n] Kämpfer gegen den Hitlerfaschismus9“.
Nach seiner Entlassung aus dem KZ Oranienburg im März 1934 übernahm Ewald Sülter zusammen mit seiner Frau, um möglichst unabhängig zu sein und – wie seine älteste Tochter Susanne betont – keine Zugeständnisse gegenüber den Nationalsozialisten machen zu müssen, die kleine Landwirtschaft der Schwiegereltern und arbeitete zwischenzeitlich 1935/36 als Lagerarbeiter bei der Siemens-Bauunion auf der Baustelle Havelwehr-Quitzöbel und davor und danach im Nachbarort Kublank im Sägewerk Wolf. In diesen Jahren hielt er intensiven Kontakt zu einigen ehemaligen Mithäftlingen, unter anderem zu Friedrich Spenn. Sieht man von den insgesamt sieben Hausdurchsuchungen ab, war Ewald Sülter selbst keinen weiteren Verfolgungen ausgesetzt. Mit der Ermordung des geistig behinderten Halbbruders, der ein Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Politik wurde, wurde die Familie von Ewald Sülter jedoch noch einmal tief getroffen.
Am 26. August 1939 wurde Sülter zur Wehrmacht eingezogen und war „Soldat bei einer Veterinär- Abteilung in Fürstenwalde/Spree10“. Zwischenzeitlich arbeitete er wegen einer Verwundung bei der Post. Zuletzt war Sülter 1945 in Potsdam stationiert. Sülter, der zahlreiche Kampfhandlungen während des Zweiten Weltkrieges in Polen und Russland überlebt hatte, starb vermutlich Mitte Mai 1945 in Nauen auf dem Weg nach Bad Wilsnack. Russische Soldaten hatten die auf dem Heimweg sich befindenden Wehrmachtsangehörigen gestellt, wobei Ewald Sülter einen Lungenschuss erhalten haben und von russischen Soldaten abtransportiert worden sein soll. Das amtliche Todesdatum wurde erst Anfang der 1970er Jahre festgestellt.

1 PA D. Hoffmann. 

2 VdN-Akte, LHA Schwerin. 

3 „Bescheinigung“ o. D., PA D. Hoffmann. 

4 Empfangsbescheinigung, PA D. Hoffmann. 

5 Ebd. 

6 Biographie Wilhelm Lehwenich

7 PA D. Hoffmann. 

8 PA D. Hoffmann. 

9 VdN-Akte, LHA Schwerin. 

10 Lebenslauf von M. Sülter, o. D., LHA Schwerin. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 119.
  • BLHA, Rep. 2 A I Pol., Nr. 1206 „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112-875/35 vom 1. August 1935).
  • LHA Schwerin, VdN-Akte Ewald und Martha Sülter.
  • PA Doris Hoffmann (Tochter von E. Sülter), Hamburg.
  • PA Hans-Ewald Sülter (Sohn von E. Sülter), Bad Wilsnack (Reichsbannermitgliedsbuch, Reichsbannerfahne und einzelne Tageszeitungen von vor 1933).
  • PA Günter Rodegast (Wilhelm Lehwenich, Das Jahr 1933. Das Jahr der Errichtung des III. Reiches. Die Machtübernahme in Wittenberge, unveröffentlichtes Manuskript).
  • Bad Wilsnacker Anzeiger. Allgemeine Amtliche Zeitung und Hauptanzeiger für Bad Wilsnack und Umgebung, Jahrgänge 8-11, 1930-1933.
  • Drobisch, Klaus/Wieland, Günther, System der NS-Konzentrationslager 1933 – 1939, Berlin 1993.
  • Interview vom 7.9.2003 in Bad Wilsnack mit Susanne Sülter, Doris Hoffmann, geborene Sülter, Lisa Neukirch, geborene Sülter, Hans-Ewald Sülter.
  • Knop, Martin/Krause, Hendrik/Schwarz, Roland, Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, in: Konzentrationslager Oranienburg. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Nr. 3, Günter Morsch (Hrsg.), Berlin 1994, S. 47-66.

Soziale/Regionale Herkunft: Prignitz, Provinz Mark Brandenburg; Wuchs bei seinen Großeltern auf

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ungelernter Hilfsarbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Deutscher Baugewerksbund; Vorsitzender des Deutschen Baugewerksbundes für den Landkreis West-Prignitz; ADGB-Funktionär

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1924: SPD; Reichsbanner

Politische Mandate/Aktivitäten: Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Bad Wilsnack; Mitglied des Kreistag für die West-Prignitz; ehrenamtliches Magistratsmitglied in Bad Wilsnack

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1. Juni 1933: Konzentrationslager Perleberg; Ende Juni 1933 - März 1934: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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