Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
30. Oktober 1888 - 17. Januar 1958

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Von Julia Hörath und Siegfried Mielke

Paul Szillat – in bisherigen Kurzbiographien1 lediglich als Kommunalpolitiker und Parlamentarier porträtiert – zählte in den 1920er Jahren zu den profiliertesten Funktionären des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) in Brandenburg. Er gehört zu der kleinen Gruppe von Gewerkschaftern und Politikern, die sowohl während der NS-Zeit als auch in der DDR für ihre Überzeugung Verfolgung und langjährige Haftstrafen erdulden mussten.
Paul Szillat wurde am 30. Oktober 1888 als Sohn der unverheirateten Weißnäherin Wilhelmine Szillat in Berlin geboren. Nach dem Besuch der Volksschule, der 43. Gemeindeschule in Berlin, erlernte er zwischen 1903 und 1906 das Feinmechanikerhandwerk. Bis 1920 arbeitete er als Feinmechaniker in einem Berliner Metallbetrieb. Der Besuch der Handwerkerschule und der Humboldt-Hochschule weisen auf sein ausgeprägtes Bildungsstreben hin2.

Tarif- und Betriebsrätepolitik im DMV

Im Jahre 1910 trat Szillat dem DMV bei und engagierte sich als Obmann der Vertrauensleute seiner Gewerkschaft in der „Fa. C.P. Goerz-Berlin“. Im Dezember 1915 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und im August 1917 wieder zur Arbeit entlassen. 1919 wurde er in einem Berliner Metallbetrieb zum Vorsitzenden des Arbeiterrates gewählt. Im August des folgenden Jahres wählte ihn die Generalsversammlung der Verwaltungsstelle des DMV Rathenow zu ihrem Ersten Bevollmächtigten und besoldeten Geschäftsführer, eine Position, in der er in den folgenden jährlichen Generalversammlungen bis 1927 immer wieder bestätigt wurde3. Mit über 4.000 Mitgliedern gehörte die DMV-Verwaltungsstelle in Rathenow zu den großen und einflussreichen Ortsverwaltungen in Brandenburg. Dies dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass Paul Szillat 1924 als Vertreter des DMV-Bezirks Brandenburg in den Erweiterten Beirat des DMV auf Reichsebene sowie im Jahre 1927 zum Delegierten für den Kongress des Internationalen Metallarbeiterbundes gewählt wurde. Auch die Politik des ADGB-Ortsausschusses Rathenow konnte der DMV weitgehend bestimmen, da er die überwiegende Mehrheit der Mitglieder stellte.
Schwerpunkte der Tätigkeit der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow waren die Tarif- und die Betriebsrätepolitik. Sowohl in den Jahr- und Handbüchern des DMV (bis 1924) als auch in den Geschäftsberichten des DMV-Bezirks Brandenburg (ab 1925) finden sich eine Reihe von Hinweisen auf die erfolgreiche Tarifpolitik des DMV in Rathenow, für die Paul Szillat als Erster Bevollmächtigter verantwortlich zeichnete. Während sich 1924, nach der Kündigung der geltenden Tarifverträge im Dezember des Vorjahres, in Berlin, Brandenburg an der Havel, Wittenberge und im Tarifgebiet der Niederlausitzer Metallindustriellen die Arbeitszeitbedingungen für die Arbeitnehmer deutlich verschärften, gelang „der Arbeiterschaft der Optikindustrie in Rathenow a. [d.] Havel [...] die Festlegung günstigerer Bestimmungen4.“ Auch Ende 1928 konnte trotz der Verschlechterung der Wirtschaftslage in der Optikindustrie von Rathenow ein neuer Manteltarifvertrag mit Gültigkeit ab 1. Januar 1929 abgeschlossen werden, der eine „Verbesserung der Arbeitszeit und Bezahlung der Überstunden und des Urlaubs brachte5“. Und selbst 1931 gelang es auf der Grundlage eines Schiedsspruches des Schlichtungsausschusses Potsdam, eine Vereinbarung abzuschließen, die als „wichtigste neue Bestimmung6“ unter besonderen Bedingungen die Mitwirkung der Betriebsräte bei der Festlegung von Akkordlöhnen vorsah.
Besonders ausgeprägt war das Engagement von Paul Szillat in Betriebsrätefragen – vermutlich aufgrund seiner eigenen Erfahrungen als Betriebsratsvorsitzender. Anfang der 1920er Jahre sah Szillat es als eine „Hauptaufgabe“ der DMV-Verwaltungsstelle, die Aus- und Weiterbildung der Betriebsräte zu unterstützen, wobei er von der DMV-Verwaltungsstelle als der größten gewerkschaftlichen Organisation vor Ort forderte, „auch den Betriebsräten der kleinen Organisationen Ausbildungsmöglichkeiten7“ anzubieten. In den von ihm verfassten Geschäftsberichten der Verwaltungsstelle kritisierte er Anfang der 1920er Jahre den häufigen Personalwechsel bei den Betriebsräten, betonte die Vorteile der Erfahrung, die sich bei einer kontinuierlichen Betriebsrätetätigkeit „ansammelt“, bemängelte bei einigen Betriebsräten den fehlenden „Bildungsdrang“ und forderte die Betriebsräte auf, „sich das notwendige Wissen anzueignen, um den Interessen der Arbeiterschaft gerecht zu werden8“.
Im Geschäftsbericht von 1924 bedauerte Szillat das geringe Interesse zahlreicher Betriebsräte an den betrieblichen Abläufen und bemängelte, dass ein Teil der Betriebsräte insbesondere dem Arbeitsrecht nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegenbringe, so dass „manche rechtliche Position unausgenutzt9“ bliebe. Zudem kritisierte er die Belegschaften, insbesondere von Klein- und Mittelbetrieben, die auf die Wahl eines Betriebsrates verzichteten, bzw. sich von den Arbeitgebern unternehmerfreundliche Betriebsräte aufzwingen ließen. Während Paul Szillat Anfang der 1920er Jahre die Möglichkeit der Betriebsräte, den Produktionsprozess mitzugestalten, augenscheinlich überschätzte und den Belegschaften vorwarf, die Betriebsräte als bloße Lohnregelungsstelle zu betrachten, beurteilte er das Gewicht der Betriebsräte einige Jahre später realistischer, als er von einem rechtlich geringen Einfluss der Betriebsräte auf die Produktionsgestaltung sprach10.

Kommunalpolitisches Engagement

Parallel zu seiner gewerkschaftlichen Tätigkeit begann Szillat, sich auch in der Kommunalpolitik zu engagieren. Sein Beitritt zur SPD lässt sich nicht genau datieren, Szillat selbst gab in verschiedenen Lebensläufen das Jahr 1910 bzw. 1913 als Beginn seiner Mitgliedschaft an11. Ihren Anfang nahm Szillats politische Karriere 1919 mit seinem Mandat als Gemeindevertreter von Steglitz und Kreistagsabgeordneter von Teltow-Beeskow. Ein Jahr später erfolgte seine Wahl zum Stadtverordneten von Groß-Berlin. Aufgrund seiner Funktion in der Führungsspitze des DMV in Rathenow, die er im selben Jahr antrat, legte Szillat dieses Mandat allerdings gleich nach der konstituierenden Sitzung der SPD-Fraktion nieder.
Von 1921 bis 1925 war Szillat Kreistagsabgeordneter und Kreisausschussmitglied des Kreises Westhavelland und am 3. August 1924 erhielt er ein Mandat als Stadtverordneter in Rathenow. 1925 wurde er in den Preußischen Landtag gewählt und übernahm die Funktion des Finanzreferenten der sozialdemokratischen Landtagsfraktion und des Berichterstatters zum Finanzausgleichsgesetz. Auch im Brandenburgischen Städtetag, dessen Vorstandmitglied Szillat war, befasste er sich im Finanzausschuss mit Haushaltsfragen12.
Aufgrund seiner Wahl zum besoldeten Stadtrat und Stadtkämmerer (1928 – 1932) von Rathenow im Dezember 1927 gab Paul Szillat seine Funktion als Bevollmächtigter der DMV-Verwaltungsstelle auf, engagierte sich jedoch weiterhin in der Bildungsarbeit seiner Gewerkschaft. Dennoch verschob sich der Schwerpunkt seiner Tätigkeit Ende der 1920er Jahre verstärkt von den Gewerkschaften auf die parteipolitische Ebene – eine Entwicklung, die sein Amtsantritt als Oberbürgermeister von Brandenburg im Frühjahr 1932 unterstrich.
Aufgrund langwieriger Auseinandersetzungen zwischen bürgerlichen und linken Parteien zog sich die Wahl des Oberbürgermeisters über drei Monate hin. Nachdem der zunächst gewählte Kandidat das Amt nicht annahm und die KPD den zweiten Wahlgang durch die Verweigerung ihrer Teilnahme verhinderte, wählte die Stadtverordnetenversammlung am 25. Februar 1932 Paul Szillat im dritten Wahlgang zum Oberbürgermeister. Damit konnte sich Szillat, der sich ursprünglich gar nicht für die Wahl beworben hatte, gegen seinen innerparteilichen Konkurrenten, Friedrich Ebert, Sohn des ersten Weimarer Reichspräsidenten, durchsetzen13. Bei seinem Amtsantritt im März 1932 waren die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Stadt katastrophal: Brandenburg hatte von allen preußischen Städten mit über 50.000 Einwohnern die höchste Arbeitslosenrate. Viele Betriebe, zum Beispiel das Brennabor-Werk als größter Betrieb, waren während der Weltwirtschaftskrise in Konkurs gegangen, was zur Folge hatte, dass die Hälfte der Bevölkerung Brandenburgs von staatlicher bzw. städtischer Unterstützung leben musste. Da sich Szillat bereits als Landtagsabgeordneter für die Brennabor-Werke eingesetzt hatte, ist anzunehmen, dass er dieses Engagement auch als Brandenburger Oberbürgermeister fortsetzte14.

Nationalsozialismus

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten dauerte die Übernahme der Verwaltung mehrere Monate. Neben Paul Szillat standen insbesondere der sozialdemokratische Stadtverordnete und Redakteur Friedrich Ebert und der sozialdemokratische Polizeidirektor Karl Albrecht im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Angriffe. Am 20. März, acht Tage nach den Stadtverordnetenwahlen, bei denen die SPD 17, die KPD 4 und die NDSAP 20 Sitze errungen hatte, entließen die Nationalsozialisten Szillat aus seinem Amt als Oberbürgermeister15.
Seinen Landtagssitz behielt Paul Szillat jedoch bis zum Verbot der SPD. Nach der Verhaftung von Ernst Heilmann im Mai 1933 war er dort der letzte Fraktionsvorsitzende. In dieser Funktion hielt er am 18. Mai eine Rede, in der er sich gegen ein preußisches Ermächtigungsgesetz aussprach. Damit war Paul Szillat der letzte Sozialdemokrat, der im Preußischen Landtag zu Wort kam. Er kritisierte, dass die SPD in ihrer politischen Arbeit behindert worden sei, obwohl sie versucht habe, diese „auch nach der politischen Umwälzung [...] im Rahmen der gesetzlichen Grenzen auszuüben16“. Durch das Verbot der Parteipresse, die Inhaftierung von SPD-Abgeordneten und -Funktionären und die Beschlagnahmung des Parteivermögens sei die „Tätigkeit der verfassungsmäßig bestehenden Partei [...] daher in Wirklichkeit nahezu unmöglich17“. Den Gesetzentwurf lehnte Szillat im Namen der SPD-Fraktion mit der Begründung ab, solange der SPD keine Gleichberechtigung zugestanden werde, sei sie nicht „in der Lage, besonders nach den Erfahrungen, die mit der Ermächtigungsgesetzgebung des Reiches zusammenhängen, einem Ermächtigungsgesetz in Preußen, das eine Mitwirkung der parlamentarischen Vertretung vollkommen ausschließt18“, ihre Zustimmung zu geben.
Der NSDAP-Fraktionsführer Kube wertete allein den Umstand, dass ein Sozialdemokrat es wagte, „nach Göring noch das Wort zu ergreifen“, als „Provokation19“. Seine scharfe Replik gegen Szillat schloss er mit den Worten: „Sie haben noch nicht begriffen, dass ihre Aufgabe zweierlei enthält: sich zu schämen und zu schweigen20!“
Trotz fortgesetzten Terrors, votierte Szillat als Mitglied des geschäftsführenden SPD-Vorstandes in Berlin „ausdrücklich gegen eine Verlegung des Parteivorstandes ins Ausland21“ und unterstütze den „Legalitätskurs des Berliner Rumpfvorstands22“.

KZ Oranienburg

Ende Juni 1933 wurde Paul Szillat zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des SPD-Direktoriums in „Schutzhaft“ genommen und nach einigen Tagen der Inhaftierung im Polizeigefängnis der Stadt Brandenburg am 28. Juni in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert. Die Überführung nach Oranienburg wurde damit begründet, dass Szillat gegen die „nationale Bewegung“ agitiert habe und deswegen der Verdacht bestehe, „dass er sich mit Rücksicht auf seine führende Stellung in der SPD in das Ausland begeben wird23“. Bereits einen Monat später forderte das Geheime Staatspolizeiamt jedoch den Kommandanten des Konzentrationslagers Oranienburg auf, Szillat sofort zu entlassen24.
Obwohl die Lagerleitung die Entlassungspapiere schon vorbereitet hatte25, blieb Szillat jedoch weiter inhaftiert. Hintergrund war eine Denunziation durch einen jungen Kommunisten, der behauptet hatte, Szillat habe während einer Diskussion der Gefangenen über die Streichung der Besuchszeiten „aufreizende Reden26“ gehalten. Er soll seinen Mithäftlingen geraten haben, ihre Frauen nicht über die Besuchssperre zu benachrichtigen, damit sie sich – gleichsam als Zeichen des Protestes – vor dem Lagertor versammeln würden. Sowohl in einem Verhör am 31. Juli als auch in einem Schreiben an den Lagerkommandanten vom 7. August bestritt Szillat jedoch, die ihm zur Last gelegte Bemerkung „lasst doch die Frauen kommen, sie sind eine Agitation gegen das Lager“ geäußert zu haben und betonte, dass zum Zeitpunkt der Diskussion unter den Häftlingen noch kein offizieller Beschluss der Lagerleitung über die Besuchssperre vorlag. Als Zeugen für das Gespräch gab er u.a. seine Mitgefangenen Otto Breternitz und Karl Gehrmann an und bat um deren Anhörung. Breternitz war ein ehemaliger Kollege Szillats aus dem Vorstand des DMV-Ortsverband von Rathenow und zudem Vorstand des Rathenower SPD-Wahlvereins für die Stadtverordnetenversammlung. Bei Karl Gehrmann handelte es sich um einen ehemaligen kommunistischen Landtagsabgeordneten.
Bevor sich Szillat allerdings in dieser Form gegen die Vorwürfe verteidigen konnte, verhängte der Lagerkommandant Bunkerhaft über ihn. In einem Lebenslauf beschreibt Szillat, dass er „eines Nachts aus dem Bunker herausgeholt und durch ein Rollkommando von 8 Mann verprügelt wurde. Das Lager selbst wurde durch Meuterei meinerseits in Belagerungszustand durch Aufstellung von Maschinengewehren gesetzt. [...] Als es meiner Frau dann durch Verhandlungen in Berlin gelang, Zutritt zu erhalten, wurde ich aus der Bunkerhaft braun und blau geschlagen vorgeführt27.”
Szillat zu Folge war auch seine Entlassung am 9. August 1933 den Anstrengungen seiner Frau Else Szillat zu verdanken, die sich „mit aller Energie28“ um seine Freilassung bemühte. Im Anschluss an die Haft im Konzentrationslager stand Szillat unter Polizeiaufsicht und erhielt zudem die Auflage, nicht nach Brandenburg zurückzukehren. Er ging nach Berlin und übernahm dort gemeinsam mit seiner Frau eine „Fotokopier-Anstalt29“. Zusätzlich zu dem Einkommen aus diesem Laden bezog er vom 1. Dezember 1933 bis zum 30. September 1935 eine jederzeit widerrufbare Rente in Höhe von 101,50 RM brutto monatlich. Durch die Vermittlung eines Bekannten erhielt Szillat 1940 bei der „FA Optische Anstalt Hans Kollmorgen“ in Berlin eine Anstellung als Lagerverwalter, mit der er bis 1945 seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Als die Firma in Folge eines Bombenschadens nach Coburg verlegt wurde, zog Szillat von Berlin dorthin, während seine Frau in Rathenow ein Siedlungshaus bezog, dass ihrem Mann gehörte. In Coburg gelang es Szillat, sich gegen Kriegsende dem „Volkssturm“ zu entziehen30.

Widerstand und die „Berliner Liederfreunde 1879“

In Szillats OdF- bzw. VdN-Akte finden sich zahlreiche Belege für seine Widerstandstätigkeit während des Nationalsozialismus. Szillat selbst schreibt: „Nach meiner Freilassung habe ich dann im Rahmen der Möglichkeiten mich illegal gegen Hitler beschäftigt. Aus einer Gestapo-Akte, [...], geht hervor, in welchem Umfange eine Überwachung meiner Person erfolgt ist31.“ Zeugenaussagen bestätigen, dass Paul Szillat der Mittelpunkt einer illegalen Widerstandsgruppe war. Diese setzte sich aus ehemaligen SPD-Mitgliedern aus Berlin, Rathenow und Luckenwalde zusammen, die sich durch ihre politische Arbeit vor 1933 kannten. Namentlich bekannte Mitglieder der Gruppe sind neben Paul Szillat die früheren Landtagsabgeordneten Johann Bauer und Wilhelm Pätzel sowie Kurt Wegener und Willy Drügemüller. Die Gruppe fand sich offenbar Anfang 1934 zusammen, nach Szillats und Bauers Entlassung aus dem Konzentrationslager Oranienburg, und bestand bis 1945 fort. Ihre Mitglieder trafen sich regelmäßig, zumeist in Szillats damaliger Wohnung in Berlin Tempelhof, Kaiserin-Augusta-Str. 30, um die illegalen Publikationen der SOPADE zu diskutieren und sie an Genossen in der Provinz weiterzugeben. Kurt Wegener schreibt in einer eidesstattlichen Versicherung: „In der Wohnung von Szillat ging ein großer Teil der zuverlässigsten Funktionäre der Arbeiterbewegung ein und aus, hörte und bekam die nötigen Informationen und Schriften zur Weiterverteilung und berichtete über die Vorgänge in der Provinz32.“ Diese Arbeit führte die Gruppe nach Kriegsausbruch sogar verstärkt fort. „Die Zuverlässigkeit und die Art der Auswahl der Personen, mit der gerade von Szillat die illegale Arbeit geleitet und durchgeführt wurde, ergab, dass keiner durch irgendwelche Unvorsichtigkeiten in die Hände der Gestapo geriet33.“
Über seine Kontakte zu den genannten Partei- und Gewerkschaftsfunktionären hinaus unterhielt Szillat Beziehungen zu der Gruppe „Berliner Liederfreunde 1879“. Bei dieser 1936 „unter dem Patronat der ehemaligen [SPD-]Parteiprominenz34“ aufgebauten Organisation handelte es sich um einen Männerchor, eine Art „Freizeitverein“, dessen Funktion nicht darin bestand, das Regime herauszufordern oder die Bevölkerung zu mobilisieren, sondern der dazu dienen sollte, „es der illegalen Gemeinschaft“ der ehemaligen Arbeiterbewegung zu ermöglichen, „ihre Identität auf einer Erlebnisebene des Sichbegegnens zu bestätigen, die jeden Teilnehmer die Kraft und den Optimismus der alten Bewegung wieder spüren35“ ließ. Unter den zahlreich bestehenden ähnlichen Organisationen waren die „Berliner Liederfreunde“ die größte. Ziel war es, zuverlässige ehemalige SPD-Mitglieder und Gewerkschafter in dem „als selbstverständlich empfundenen Rahmen der traditionellen SPD zu sammeln und zusammenzuhalten36“. Zugleich aber stellte dieser Versuch auch unter der nationalsozialistischen Herrschaft, „die Legalität auf eine demonstrative Weise [...] auszunutzen, [...] ein couragiertes Wagnis der Prominenten dar37“.
Bei den Konzertabenden des Vereins, die unter der Beobachtung der Gestapo stattfanden, waren bis zu 6.000 Personen anwesend. Mitglieder und Gäste rekrutierten sich fast durchweg aus bekannten Funktionären und Anhängern der SPD sowie der Freien Gewerkschaften. Die Einladung zu den Veranstaltungen erfolgte durch ein spezielles System der Kartenvergabe; alle Karten waren nummeriert und wurden in Kontingenten von fünf bis zehn Karten pro Verteiler nur an bekannte Genossen und ehemalige Funktionäre verteilt.
Die „Berliner Liederfreunde“ vereinigten Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen, widerstreitenden politischen Strömungen und Positionen, die vor 1933 und während der nationalsozialistischen Herrschaft die SPD und die Freien Gewerkschaften prägten. Politische Differenzen traten hier gegenüber der „Aufgabe“, den Nationalsozialismus „als Gemeinschaft zu überleben“ zurück38. Eine derartige Integration wurde laut Harold Hurwitz in den Jahren 1937/38 aufgrund der Erkenntnis möglich, dass sich das nationalsozialistische Regime etabliert hatte und die illegale Arbeiterbewegung von den sie ehemals unterstützenden Massen isoliert war.
Nach dem Verbot des Vereins im Mai 1938 wurden im August desselben Jahres 18 bekannte Berliner Sozialdemokraten, z.B. Franz Künstler, Otto Grotewohl und Erich Gniffke, verhaftet. Aber die mit den „Berliner Liederfreunden“ geschaffene Solidargemeinschaft überdauerte laut Hurwitz die Auflösung des Vereins, was sich an der Massendemonstration anlässlich der Beerdigung von Franz Künstler im Herbst 1942 ablesen lasse39. Nach 1945 bildete der Verein eine wichtige Grundlage für die Reorganisation der Partei. Bei der Wiedergründung der SPD in Berlin und Brandenburg war eine hohe Anzahl aus dem Kreis der „Berliner Liederfreunde“, u.a. auch Paul Szillat, am Aufbau beteiligt und kam in entscheidende Funktionen.

Nachkriegszeit

Nach dem Krieg bemühte Szillat sich mit dem Verweis auf seine Haft im Konzentrationslager und seine Aktivitäten im Widerstand um eine Anerkennung als Opfer des Faschismus (OdF). Im April 1946 stellte er einen OdF-Antrag, der zunächst jedoch abgelehnt wurde, mit der Begründung, dass nur diejenigen akzeptiert würden, die mindestens zwei Jahre inhaftiert waren. Erst ein zweiter Antrag führte im Oktober 1949 zu Szillats Anerkennung.
Paul Szillat knüpfte 1945 bruchlos an seine politische Tätigkeit vor dem Nationalsozialismus an. So gehörte er zu den Wiederbegründern der SPD in Rathenow. Nachdem er seit Mai desselben Jahres als stellvertretender Landrat in der Verwaltung tätig gewesen war, wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister von Rathenow. Da die Wahl einstimmig erfolgte, ist davon auszugehen, dass Szillat auch von der KPD unterstützt wurde. Am 9. Juni 1945 trat Szillat sein neues Amt an. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit als Bürgermeister war die Förderung der optischen Industrie in Rathenow. Ab Oktober 1946 war Szillat zudem Mitglied des Brandenburgischen Landtages. Als stellvertretender Vorsitzender des SPD-Bezirksverbandes Brandenburg, eine Funktion, die er von November 1945 bis April 1946 inne hatte, setzte er sich im Frühjahr 1946 gemeinsam mit Friedrich Ebert, Georg Spiegel und Georg Schöpflin für den Zusammenschluss von KPD und SPD ein. Auf dem Vereinigungsparteitag im April 1946 wählten die Delegierten Paul Szillat in den Parteivorstand der neugegründeten SED. Zudem war er 1946/47 im Rechts- und Verfassungsausschuss des Landtages tätig40.

Kritik an der SED

Szillat, der zu Beginn seiner Tätigkeit in der SED auch unter den ehemaligen KPD-Mitgliedern Unterstützer fand, sollte im Laufe der folgenden Jahre zu einem bedeutenden innerparteilichen Kritiker avancieren. Seine Einwände lassen sich unter zwei Gesichtspunkten zusammenfassen: der Kritik an Besatzungsmacht und der Parteiführung.
Zwar gab es nach der Gründung der SED innerhalb der Führungsgremien noch Freiräume für eine offene Diskussion, allerdings existierten schon früh bestimmte Tabubereiche. Einer davon war das Verbot grundsätzlicher Kritik am Sowjetsystem und der Deutschlandpolitik der UdSSR41. Paul Szillat beklagte das Verhalten der sowjetischen Besatzer erstmals auf der 2. Parteivorstandssitzung im Mai 1946. Dort monierte er, dass die sowjetische Demontagepraxis die Arbeits- und Wiederaufbaumotivation der Arbeiterschaft senke. Zudem kritisierte er die Interventionen in den Aufbau der örtlichen Selbstverwaltung und forderte, das „Eingreifen der unteren Verwaltungsbehörden der Russen, die an sich zwar nur kontrollieren sollen, in Wirklichkeit aber kommandieren42“, zu unterbinden. Ein Jahr später, auf der 11. Parteivorstandssitzung im Mai 1947, warf Szillat den Besatzungstruppen vor, mit ihrer „außerordentlichen Ausdehnungswut“ die Bevölkerung gegen sich aufzubringen, denn durch ihre immense Bautätigkeit stünden für den „Wiederaufbau der einzelnen Orte überhaupt kein Material und keine Arbeitskräfte mehr zur Verfügung43“. Außerdem kritisierte er das Verhalten gegenüber der deutschen Bevölkerung: „Die Besatzungsmacht sollte hier ein klein wenig größeres psychologisches Verständnis für die Mentalität der Leute aufbringen und nicht denken, man könne die russischen Verhältnisse ohne weiteres auf unser Land übertragen44.“
Im Kontext einer Diskussion um die Wiederzulassung der SPD in der sowjetischen Besatzungszone richtete Szillat auf der 3. Parteivorstandssitzung im Juni 1946 seine Kritik direkt gegen die Politik der SED. Die Frage der Wiederzulassung wurde in den Jahren 1946/47 äußerst kontrovers diskutiert. Auf der Parteivorstandssitzung forderte Szillat, dass die SED die Wiederzulassung nicht ablehnen solle, da sie eine Konkurrenz mit der SPD nicht zu fürchten brauche. Voraussetzung sei allerdings die Überwindung der innerparteilichen Spaltung, die in Szillats Augen zu einer „Stagnation“ der SED geführt hatte: „Wenn die Partei in den Bezirken stagniert, so liegt das hauptsächlich daran, dass ein Teil unserer Genossen, und zwar beiderseitig, sich noch nicht daran gewöhnen kann, sich gegenseitig als Parteigenossen zu betrachten, sondern immer noch die kleinliche Frage aufwirft: wo hat deine Wiege gestanden45?“ Mit dieser Auffassung stellte Szillat die „Legende eines sich rasch vollziehenden parteiinternen Verschmelzungsprozesses46“ in Frage und verletzte damit einen weiteren Tabubereich der Kritik. Trotzdem erntete er auf dieser Sitzung noch eine recht wohlwollende Reaktion Wilhelm Piecks, der Szillat in der Frage der Überwindung der innerparteilichen Spaltung zustimmte. Auch gestand dieser eine „Stagnation“ der Partei in Berlin ein, stritt eine solche Erscheinung jedoch in Bezug auf die Provinzen ab47.
Ein weiterer Kritikpunkt Szillats war die politische Abhängigkeit der SED von der Besatzungsmacht. Diesen Aspekt sprach er erstmals im Juni 1946 – eher indirekt – an, als er sich engagiert der Einführung einer eigenständigen Frauenorganisation entgegenstellte und fragte, „wie weit dieser Weg unserer eigenen politischen Überzeugung entspricht und wieweit hier die Einflüsse unserer russischen Freunde maßgebend gewesen sind48“. Die Diskussion über die Frauenorganisation stand im zeitlichen Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Gemeinde- und Landtagswahlen im Oktober 1946. Harold Hurwitz zeigt, dass die sowjetischen Behörden hierbei zumindest in ihrer Forderung nach Einheitswahllisten weiter gingen, als die SED selbst, so dass Szillats Mutmaßung über deren Einfluss auf die Frage einer Frauenorganisation nicht abwegig erscheint. Die gesamte Debatte deutet Hurwitz als Vorzeichen einer zweiten Stalinisierungsphase, die im Anschluss an die Wahlen einsetzte49.
Ein weiteres Mal griff Szillat die Abhängigkeit der SED auf der 2. Parteivorstandssitzung am 15. und 16. Oktober 1947 an, auf der die Durchführung des 2. Parteitages der SED (20. bis 24. September) diskutiert wurde. Bis dahin hatte die SED versucht, ihrer wachsenden Unpopularität sowohl öffentlich als auch parteiintern mit der Behauptung entgegenzutreten, sie sei eine freie und selbstständige Partei. Auf Wilhelm Pieck, der auf der 2. Parteivorstandssitzung die Unabhängigkeit der SED erneut betonte, antwortete Paul Szillat: „Ich will die Unabhängigkeit soweit einschränken, als ich der Meinung bin: So lange wir in Deutschland Besatzungsmächte haben, wird unsere Unabhängigkeit an dem Willen und den Wünschen der Besatzungsmacht eine Grenze finden50.“ Mit diesem Argument verwies er auf zwei Sorgen der westdeutschen SPD, die seiner Ansicht nach ernst genommen werden müssten, solle der Kampf um die Einheit der Arbeiterklasse, der ein „Kampf um die Sozialdemokratische Partei51“ sei, gewonnen werden. Die westdeutsche SPD stelle sich einer Vereinigung einerseits aus Angst entgegen, innerhalb der SED von den Kommunisten „überfahren52“ zu werden, andererseits werfe sie der SED vor, dass deren Abhängigkeit von der sowjetischen Besatzungsmacht freie Meinungsäußerungen und politische Gestaltungsabsichten nicht zulasse. Beide Befürchtungen hatten durch die äußere Form des Parteitages Nahrung gewonnen. Insbesondere die vorbehaltlose Begeisterung, mit der dort die sowjetische Delegation und die Begrüßungsrede Tulpanows gefeiert wurden, hatte außerhalb der SED, aber auch innerhalb der Partei selbst, den Eindruck der Abhängigkeit verstärkt. Mit der Tulpanow-Rede war Szillats Ansicht nach „von vornherein die Tatsache des gleichgerichteten Marschierens auf dem Parteitage gegeben53“. Er fürchtete, dass die SED den „Kampf um die Einheit Deutschlands54“ durch eine zu deutliche Manifestation ihrer Einigkeit mit der sowjetischen Besatzungsmacht gefährde. Deswegen hielt er es für ein „Gebot der politischen Klugheit, hier eine gewisse Zurückhaltung zu üben55“.
Mit diesen Ansichten evozierte Szillat den Widerspruch Wilhelm Piecks, der Szillat hier erstmals in die Nähe der „Schumacher-Leute56“ rückte. Pieck wies die Auffassung entschieden zurück, der Parteitag habe die Marionettenhaftigkeit der SED bestätigt. Außerdem betonte er die inhaltliche Übereinstimmung zwischen der Sowjetunion und der SED und wies Paul Szillat zurecht: „Deswegen hat auch der Genosse Szillat unrecht, wenn er glaubt, dass durch das Auftreten von Oberst Tulpanow das Gesicht unseres Parteitages verzerrt worden sei57.“
Nachdem Paul Szillat bereits auf der 12. Parteivorstandssitzung im Juli 1947 das „stalinistische Selbsttäuschungsritual58“ kritisiert hatte, mit dem die SED in inszenierten Massenveranstaltungen eine Unterstützung ihrer Politik qua Akklamationen vorzutäuschen und damit kontroverse Diskussionen zu unterdrücken versuchte59, kam es auf der 2. Parteivorstandssitzung im Oktober 1947 zwischen Pieck und Szillat zu heftigen Auseinandersetzungen über die stalinistische „Regie60“ auf dem 2. Parteitag der SED. Dort waren die Diskussionsreferate von den Rednern abgelesen worden, was die Parteiführung dem Verdacht aussetzte, sie habe die Redner gezielt ausgesucht und den Inhalt der Reden kontrolliert. Doch während dies unmittelbar vor der 1. Parteivorstandssitzung am 25. September und auf der Landesvorstandssitzung am 1. Oktober noch eine lebhafte Diskussion hervorrief, in der sich Karl Litke, Walter Hamacher, Heinrich Acker, Hermann Harnisch und Max Kreuziger mehr oder weniger kritisch über die „Parteitagsregie“ äußerten61, hatte auf der 2. Parteivorstandssitzung Mitte Oktober die Einschüchterungsstrategie ihr Ziel beinahe erreicht: Paul Szillat blieb hier ein „einsamer Mahner62“.
Er verurteilte das Halten vorgefertigter Reden als ein Ablesen von „Deklamationen“; seiner Ansicht nach war „die Tatsache der Regie absolut nicht von der Hand zu weisen63“. Zwar räumte er ein, dass ein gewisses Maß an „Regie“ bei einer solchen Veranstaltung notwendig sei, gab aber zu bedenken, dass durch das „unnötige Hervordrängen einer bestimmten Gruppe64“ – gemeint waren die ehemaligen KPD-Mitglieder – die innere Einheit der Partei gefährdet worden sei: „Wenn dann aber die Regie so funktioniert [...], daß in der überwiegenden Mehrzahl nur Genossen einer früheren Richtung zu Worte kommen, dann entsteht bei dem anderen Teil [...] das Gefühl, dass hier Kräfte walten, die den einen Teil zurückzudrängen wünschen65.“
In dieser Sitzung wagte keiner mehr, Szillats Auffassung offen zu teilen. Lediglich von dem westdeutschen Kommunisten Karl Hauser wurde Szillat unterstützt. Auch Otto Buchwitz, der zwar erklärte, er sei von Szillats Rede „etwas verblüfft66“ gewesen, versuchte Szillat vorsichtig in Schutz zu nehmen. Mit seiner Bemerkung: „An seiner Ehrlichkeit und Treue zur Partei wird in diesem Gremien niemand zweifeln“ erntete Hauser „Sehr richtig“-Ausrufe67.
Angesichts der schweren Vorwürfe gegen die Parteileitung sah Wilhelm Pieck sich genötigt, Szillat persönlich entgegenzutreten und griff diesen scharf an: „Genosse Szillat, es ist absolut falsch, was Du beobachtet haben willst, nämlich dass der Parteitag einseitig vorbereitet wurde und auch bei den Diskussionsreden eine bestimmte Richtung, wie Du sagtest, bevorzugt worden sei68.“ Zwar gestand Pieck ein, dass zwischen den Landesvorständen und Landesdelegiertenfraktionen Absprachen über die Reden stattgefunden hatten. Er versuchte dies aber zu rechtfertigen, indem er darauf hinwies, die Absprachen hätten sicherstellen sollen, dass die Wünsche, die in der Vorbereitung des Parteitages zum Ausdruck gekommen seien, von den Diskussionsrednern auch aufgegriffen würden.
Laut Hurwitz leitete der 2. Parteitag eine dritte, beschleunigte Phase der Stalinisierung ein. Die scharfen Reaktionen der Parteiführung auf die Kritik an der „Parteitagsregie“ dienten der Disziplinierung und „kündigten das Ende der offenen Aussprache innerhalb der Partei an69“. Seine Schlussphase erreichte der Stalinisierungsprozess mit drei Sitzungen des Parteivorstandes zwischen Juni und September 1948, auf denen die Ablösung der Sozialistischen Einheitspartei durch eine „kommunistische Staatspartei stalinistischer Prägung70“ erklärt wurde.
Auf dem 13. Plenum des SED-Parteivorstands am 15. und 16. September 1948 sollte dieser Transformationsprozess durch die Einführung einer Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) „abgerundet“ werden. Walter Ulbricht leitete dort die Notwendigkeit zur Gründung der ZPKK, die de facto zum Instrument der ideologischen „Säuberung“ der SED werden sollte, aus den Erfordernissen der „Klassenkämpfe“ in der sowjetischen Besatzungszone ab. In seiner Rede führte er verschiedene Fälle von „Sabotage“ und „Korruption“ an; selbst unter führenden Partei- und Verwaltungsfunktionären seien „Schumacher-Leute“ zu finden – in diesem Zusammenhang nannte Ulbricht mehrere Orte, darunter auch Rathenow71.
Den Hintergrund für diese Bemerkung Ulbrichts scheint neben der beharrlichen Kritik Szillats eine Auseinandersetzung zwischen der SED-Ortsgruppe Rathenow und einer mit deren Überprüfung beauftragten Kommission zu bilden. In seiner Antwort auf Ulbricht kritisierte Szillat das Auftreten dieser Kommission, die „unter allen Umständen“ versucht habe, „irgendwie Kreise zu diffamieren oder zu diskreditieren72“. Zwar räumte Szillat ein, dass einige ehemalige SPD-Mitglieder innerhalb der SED Rathenows möglicherweise mit der ideologischen Entwicklung der Partei nicht Schritt halten könnten. Er verwahrte sich aber entschieden dagegen, daraus „konstruieren zu wollen, dort seien Schumacher-Leute73“. Dies sei der „Versuch einer Diskriminierung am unrechten Platz74“. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in Rathenow forderte Szillat bei der Zusammensetzung einer ZPKK sowie ihrer Landes- und Kreisorganisationen, darauf zu achten, „dass Genossen in ihnen vertreten sind, die nicht nur die ideologischen Kenntnisse der Partei besitzen, sondern auch solche Umgangsformen haben, dass sie bei den Genossen, bei denen sie erscheinen, nicht den Eindruck erwecken, als kämen Kriminalkommissare75“. Paul Szillat stellte sich der Gründung der ZPKK also nicht grundsätzlich entgegen, sondern argumentierte „maßvoll aus der Defensive gegen die Willkür vor Ort76“. Nichts sprach seiner Ansicht nach gegen eine Kommission, die dort eingreift, wo „wirkliche Fälle sind“, aber man werde „verschnupft, wenn sich langsam der Gedanke einnisten sollte, dass aus bestimmten Wurzeln der Vergangenheit heraus dem Einzelnen noch da oder dort Schwierigkeiten bereitet werden77“.
Wilhelm Pieck, der zwar von sich bestritt, dass bei den Überprüfungen durch die ZPKK die frühere Parteizugehörigkeit eine Rolle spielen würde, wies Szillats Argumente mit der Bemerkung zurück: „Wir dürfen uns nicht etwa irritieren lassen durch solche Besorgnisse, wie sie Gen. Szillat hier zum Ausdruck gebracht hat78“.
Während die Parteiführung Paul Szillat also bereits aufs schärfste kritisierte, wurden in der Öffentlichkeit seine Verdienste noch gelobt. So erschien im Oktober 1948, anlässlich des 61. Geburtstages von Szillat, ein Artikel in den „Rathenower Nachrichten“, der dessen „Treue zur Idee und unbedingte Zuverlässigkeit79“ hervorhob. Auch das brandenburgische Innenministerium bescheinigte Szillat im Juni 1950 eine gute kommunalpolitische Arbeit, bemängelte aber seine politische Einstellung, da Szillat sich noch nicht von „der alten Linie der Sozialdemokratie vor 1933 gelöst80“ habe. Da aber in „moralischer Hinsicht“ nichts „Nachteiliges über ihn bekannt“ sei, solle er durch „intensive Parteischulungen auf den richtigen Kurs“ gebracht werden81. Eine Einschätzung des SED-Kreisvorstandes hingegen fiel geradezu vernichtend aus: „Genosse Szillat ist ein Genosse, der seine Verwaltungsarbeit vor die der Partei stellt. [...] Seine Entwicklung ist abgeschlossen und entspricht einem Genossen mit starken Tendenzen zum Sozialdemokratismus82.“

Prozess und Haft

Szillat hatte es nicht nur gewagt, sich der Stalinisierung der SED entgegenzustellen, er hatte sich zudem stark für die private Industrie, insbesondere die optische Industrie in Rathenow, engagiert83. Dadurch war er für die SED-Führung zunehmend untragbar geworden, wie sich an ihren immer schärfer werdenden Angriffe ablesen lässt. Vermehrt wurde nach Gründen gesucht Paul Szillat loszuwerden. Die Verleumdungskampagnen gipfelten schließlich in einem „Gesinnungsprozess“.
Im Juni 1950 wurde Szillat unter Nichtbeachtung seiner Immunität als Landtagsabgeordneter gemeinsam mit seinem Sohn Hans Szillat und einigen anderen Wirtschaftsfunktionären und Kommunalpolitikern aus Rathenow verhaftet. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe waren vielfältig. Er wurde der „Feindschaft gegenüber der Sowjetunion“ und des „Sozialdemokratismus“ bezichtigt sowie als Agent des „imperialistischen Lagers“ diffamiert84. Gemeinsam mit den mit ihm verhafteten Personen habe Szillat die volkseigenen Betriebe Rathenow sabotiert. Der privaten Industrie hingegen soll er Maschinen und Rohstoffe „zugeschanzt85“ haben, die aus volkseigenen Betrieben oder aus enteignetem Nazivermögen stammten. Dazu, und um Nazis zu schützen, habe Szillat seine Funktion als Vorsitzender der Entnazifizierungskommission missbraucht. Des Weiteren wurde Szillat vorgehalten, er habe in Rathenow parallel zu der SED-Kreisleitung eine illegale SPD-Fraktion aufgebaut und seine Sympathisanten in führende Positionen gebracht bzw. dort gehalten. All diese Unterstellungen verbreitete die „Märkische Volksstimme“, um der in Rathenow kursierenden Ansicht entgegenzutreten, Szillat sei verhaftet worden, weil er an seinen sozialdemokratischen Standpunkten festhielt.
Die SED schloss Paul Szillat Anfang November 1950 aus der Partei aus. Ein Jahr später, am 13. November 1951, wurde Szillat, der bis dahin in Untersuchungshaft gesessen hatte, wegen „Verbrechen gegen den SMAD-Befehl Nr. 160 [...] in Tateinheit mit fortgesetzten Wirtschaftsverbrechen86“ zu acht Jahren Zuchthaus und Vermögenseinzug verurteilt, wobei 15 Monate Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet wurden87.
Das Verfahren gegen Szillat war mit „allen Mitteln des Betruges, der Lüge [und] der Zeugenbeeinflussung88“ geführt worden. Die gegen das Urteil eingelegte Revision wurde aber verworfen. Später konnte Szillats Frau einen der Belastungszeugen ausfindig machen; das Hamburger Landgericht verurteilte ihn 1955 wegen Meineids89.
Weder Prozess und Verurteilung noch die Verleumdungen, mit denen die DDR-Presse Szillats Verhaftung begleitet hatte, konnten aber dessen Ansehen in der Bevölkerung schaden. Als es im Rahmen der Demonstrationen und Streiks des 17. Juni 1953 auch in Rathenow zu einer Demonstration kam, forderte die Menge vor dem Rathaus: „Wir wollen unseren Bürgermeister Szillat wiederhaben90!“

Entlassung und Flucht

Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden, die am 28. April 1956 im Zuge einer Amnestie von 691 wegen „Agententätigkeit“ verurteilten ehemaligen SPD-Mitgliedern erfolgte, floh Szillat gemeinsam mit seiner Frau nach West-Berlin. Im Rahmen des Notaufnahmeverfahrens wurde Szillat dort als politischer Flüchtling anerkannt. Außerdem gab das Kammergericht seinem Antrag auf Aufhebung des DDR-Urteils statt und stellte die Unzulässigkeit der Vollstreckung fest91.
Im Juli 1956 nutzt Szillat den Bundesparteitag der SPD in München, um die Inhaftierung von Sozialdemokraten in der DDR anzuprangern und appellierte an die Solidarität mit den Gefangenen: „Das einzige Vergehen, das man uns und den noch in Haft Befindlichen vorwerfen kann, ist unser Bekenntnis zur Sozialdemokratie, zu unseren gemeinsamen Zielen des demokratischen Sozialismus. [...] In der Nacht der Kerker, in der Hölle der Verhöre war der Glaube an die Partei und ihre Solidarität unser stärkster Halt. Wir wussten, daß wir nicht vergessen waren und daß Ihr alles tun würdet, um uns politischen Häftlingen zu helfen und unser gemeinsames Ziel zu erreichen: die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit92.“
Vermutlich war dies Szillats letzter öffentlicher Auftritt. Er starb am 17. Januar 1958 in West-Berlin. Sein Wirken in der Rathenower Arbeiterbewegung erfuhr erst spät eine angemessene Würdigung. 1990 wurde Szillat von der Schiedskommission des Rathenower PDS-Kreisvorstands rehabilitiert. Die Kassation des Urteils gegen ihn erfolgte im April 1992. Im Rahmen eines Festaktes wurde schließlich am 30. Oktober 1993 im Rathenower Stadthaus ein Bronze-Porträt zu Ehren Paul Szillats enthüllt93.

1 Vgl. Broszat, Martin (Hrsg.), SBZ-Handbuch. Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftlichen Organisationen und Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949, München 1990; Schumacher, Martin (Hrsg.): M.d.L. Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der Landtage und Bürgerschaften der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung und Ausbürgerung 1933-1945. Ein biographischer Index, Düsseldorf 1995; Herbst, Andreas/Stephan, Gerd-Rüdiger/Winkler, Jürgen (Hrsg.), Die SED. Geschichte, Organisation, Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997; Der Freiheit verpflichtet. Gedenkbuch der deutschen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert, hrsg. vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, mit einem Vorwort von Gerhard Schröder, Konzeption und Redaktion Christl Wickert, Marburg 2000.  

2 Vgl. Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Selbstverfasster Lebenslauf vom 28.7.1956; Schröder, Wilhelm-Heinz: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Land- und Reichstagen 1867-1933. Biographien – Chronik – Wahldokumentation. Ein Handbuch, Düsseldorf 1995, S. 713. 

3 Vgl. Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 526. 

4 Der Deutsche Metallarbeiterverband im Jahre 1924. Jahr- und Handbuch für Verbandsmitglieder, hrsg. vom Vorstand des Deutschen Metallarbeiterverbandes, [Stuttgart] o.J., S. 41. 

5 Geschäftsbericht des Bezirks Brandenburg des DMV über das Jahr 1929, o.O. o.J., S. 11. 

6 Geschäftsbericht des Bezirks Brandenburg des DMV über das Jahr 1931, Berlin [1932], S. 16.  

7 Deutscher Metallarbeiterverband Verwaltungsstelle Rathenow, Geschäftsbericht für das Jahr 1921, Brandenburg a. d. Havel o.J., S. 28. 

8 Deutscher Metallarbeiterverband Verwaltungsstelle Rathenow, Geschäftsbericht für das Jahr 1925, Brandenburg a. d. Havel o.J., S. 21; vgl. auch ders., Geschäftsbericht für das Jahr 1922, Brandenburg a. d. Havel o.J., S. 21. 

9 Deutscher Metallarbeiterverband Verwaltungsstelle Rathenow, Geschäftsbericht für das Jahr 1924, o.O. o.J., S. 25. 

10 Vgl. Deutscher Metallarbeiterverband Verwaltungsstelle Rathenow, Geschäftsbericht für das Jahr 1925, Brandenburg a. d. Havel, o.J., S. 21. 

11 Vgl. BLHA, Rep. 401 VdN-1577, Selbstverfasster Lebenslauf vom 25.1.1946 und Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Selbstverfasster Lebenslauf vom 28.7.1956. 

12 Vgl. Handbuch des Landtages Land Brandenburg, 1947, S. 100; Handbuch Preußischer Landtag, 1925, S. 332; SED-Handbuch, S. 1094. 

13 Vgl. Märkische Allgemeine Zeitung, 2.11.1993, Zwar spät, aber immerhin. Nachträglich verdiente Ehrung für Paul Szillat.  

14 Vgl. Brandenburger Zeitung, Nr. 48, 26.2.1932, Oberbürgermeisterwahl in Brandenburg. 

15 Vgl. StA Brandenburg an der Havel, Heß, Klaus, Paul Szillat – Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg 1932/33. Aus dem Manuskript eines Vortrages vor dem Historischen Verein am 23.11.2000 zum Thema: Die Oberbürgermeister der Stadt Brandenburg im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. 

16 Paul Szillat zum Ermächtigungsgesetz im Preußischen Landtag, Sitzung am 18. Mai 1933, in: Sitzungsberichte des Preußischen Landtages, 4. Wahlperiode, Bd. 2 (18.-32. Sitzung), Berlin 1933, Spalte 35-36. 

17 Ebd. 

18 Ebd. 

19 Kube zit. nach: Schumacher, MdL, S. 41. 

20 Kube zit. nach: ebd. 

21 Wickert, Gedenkbuch, S. 322; vgl. Schönhoven, Klaus/Vogel, Hans-Jochen (Hrsg.), Frühe Warnungen vor dem Nationalsozialismus, Berlin 1998, S. 387. 

22 Moraw, Frank, Die Parole der „Einheit“ und die Sozialdemokratie. Zur parteiorganisatorischen und gesellschaftspolitischen Orientierung der SPD in der Periode der Illegalität und in der ersten Phase der Nachkriegszeit 1933-1948, Bonn/Bad Godesberg 1973, S. 45. 

23 BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/32. 

24 Vgl. ebd., Nr. 4/4. Zu Szillats Haft im Konzentrationslager vgl. auch: Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Bescheinigung über die Inhaftierung im Konzentrationslager Oranienburg vom 28.6.1933 bis 9.8.1933; BLHA, Rep 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3; ebd., Nr. 3/31; ebd., Nr. 4/6. 

25 Vgl. ebd., Nr. 3/32. 

26 Seger, Gerhart, Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, Berlin 1979, S. 40. 

27 BLHA, Rep. 401, VdN-1577, Selbstverfasster Lebenslauf vom 22.7.1949. Diesen Vorfall schildert auch Gerhart Seger in seinem Erinnerungsbericht über das Konzentrationslager Oranienburg: Szillat sei am Tage der Diskussion zwischen den Häftlingen beim Abendappell „vom Sturmführer Ewe des Versuchs der Meuterei bezichtigt und durch SA-Posten abgeführt [worden]. Er sollte auf Befehl des Kommandanten in eine Dunkelarrestzelle gebracht werden, was später auch geschah; vorher aber führten ihn die SA-Posten in einen abgelegenen Raum in der Nähe der damals neu eingerichteten Waffenmeisterei, wo er von sechs maskierten SA-Leuten so geschlagen wurde, daß er noch acht Tage danach große blutunterlaufenen Stellen am Oberkörper und im Gesicht hatte. Als wir ihn am nächsten Tage während der Mittagspause, die die Arrestanten für kurze Zeit an einem gemeinsamen Tisch verbrachten, sitzen sahen, zeigte sein Gesicht die schlimmen Spuren der Mißhandlung und sein rechter Arm hing kraftlos herab. Neun volle Tage brachte Szillat nach dieser Mißhandlung in der Dunkelarrestzelle zu“. Seger, Oranienburg, S. 40f. Was die „Bunkerhaft” für die Betroffenen bedeutete, beschreibt auch Wilhelm Lehwenich in seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager Oranienburg. Vgl. Bd. 2, S. 312. 

28 BLHA, Rep. 401, VdN-1577, Selbstverfasster Lebenslauf vom 22.7.1949. 

29 Vgl. ebd., Selbstverfasster Lebenslauf vom 25.1.1946. 

30 Vgl. ebd.; Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Selbstverfasster Lebenslauf vom 28.7.1956; PA Klaus Müller, Daten aus dem Leben und Wirken des bedeutenden brandenburgischen Kommunalpolitikers und aufrechten Sozialdemokraten Paul Szillat; Schumacher, MdL, S. 161. 

31 BLHA, Rep. 401, VdN-1577, Selbstverfasster Lebenslauf vom 22.7.1949. 

32 Ebd., Eidesstattliche Versicherung vom 29.9.1949. 

33 Ebd. 

34 Hurwitz, Harold/Sühl, Klaus, Autoritäre Tradierung und Demokratiepotential in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, Köln 1984 (Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. 2), S. 184. 

35 Ebd. 

36 Moraw, „Einheit“, S. 46. 

37 Hurwitz, Bd. 2, S. 185. 

38 Ebd., S. 184. 

39 Künstler war an den Folgen einer Misshandlung im Konzentrationslager gestorben. Vgl. ebd., S. 185. 

40 Vgl. SBZ-Handbuch, S. 1040. 

41 Vgl. Hurwitz, Harold, Die Stalinisierung der SED. Opladen 1997, S. 378ff. 

42 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/2, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 14. und 15.5.1946, Bl. 224. 

43 Ebd., 2/1/20, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 21. und 22.5.1947, Bl. 56f. 

44 Ebd., Bl. 59. 

45 Ebd., 2/1/4, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung vom 18.-20.6.1946, Bl. 47. Vgl. hierzu auch ebd., 2/1/20, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 21. und 22.5.1947, Bl. 56-59. 

46 Hurwitz, Stalinisierung, S. 379. 

47 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/4, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung vom 18.-20.6.1946, Bl. 53-55. Den Hintergrund der „Stagnations-Debatte“ bildete die teils kaschierte, teils diskutierte Mitgliederschwäche der SED innerhalb Berlins. Allerdings lässt sich laut Harold Hurwitz Szillats Behauptung, die Partei weise auch außerhalb Berlins bereits 1946 Stagnationserscheinungen auf, nicht belegen. Erst im Juli 1947, als der stetige Rückgang von Neumitgliedern einen bisher nicht da gewesenen Tiefstand erreicht hatte, war die Stagnation der Partei auch in den Bezirken offensichtlich. Einige führende SED-Mitglieder, beispielsweise Otto Grotewohl, versuchten dieses Problem jedoch weiterhin beharrlich zu ignorieren. Vgl. Hurwitz, Stalinisierung, S. 97-106; 130-133; 291; 380f. 

48 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/4, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung vom 18.-20.6.1946, Bl. 285. Zu Szillats Position zur „Frauenfrage“ vgl. auch ebd., 2/1/8, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 18. und 19.9.1946, Bl. 162f. 

49 Vgl. Hurwitz, Stalinisierung, S. 112-114; 380. 

50 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/30, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.10.1947, Bl. 44. 

51 Ebd., Bl. 42. 

52 Ebd. 

53 Ebd., Bl. 45. 

54 Ebd.  

55 Ebd. 

56 Dabei handelte es sich um eine diffamierende Bezeichnung für SED-Mitglieder, die weiterhin an ihrer sozialdemokratischen Auffassung festhielten. Der Vorwurf „Schumacher-Kontakte“ zu pflegen, konnte für die Betroffenen aber auch äußerst gefährlich werden, da diese bereits 1946 und verschärft ab dem 2. Parteitag im Herbst 1947 als Spionage geahndet wurden. Vgl. Hurwitz, Stalinisierung, S. 112-114; 384. 

57 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/30, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.10.1947, Bl. 145. 

58 Hurwitz, Stalinisierung, S. 326. 

59 Vgl. SAPMO-BArch, DY IV 30 2/1/22, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung vom 1.-3.7.1947.  

60 Ebd., 2/1/30, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.10.1947, Bl. 43. 

61 Vgl. LA Berlin, C Rep. 901 28, Protokoll der SED-Landesvorstandssitzung am 1.10.1947, Bl. 40f, 47, 49, 53, 58, 60, 64, 67; Hurwitz, Stalinisierung, S. 386. 

62 Herbst, Andreas: Paul Szillat – ein einsamer Mahner im SED Parteivorstand, in: Neues Deutschland, 10/11.11.2001. 

63 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/30, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.10.1947, Bl. 43f. 

64 Ebd., Bl. 44. 

65 Ebd., Bl. 43. 

66 Ebd., Bl. 59. Zur Rede von Karl Hauser vgl. ebd. Bl. 112-117. Vgl. hierzu auch Hurwitz, Stalinisierung, S. 388f. 

67 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/30, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.10.1947, Bl. 59. 

68 Ebd., Bl. 142. 

69 Hurwitz, Stalinisierung, S. 373. Vgl. hierzu auch ebd. S. 378, 385-387. 

70 Ebd., S. 385. Vgl. hierzu auch ebd., S. 439, 442f. 

71 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/52, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.9.1948, Bl. 57ff, 69. Später sprach Ulbricht noch einmal von „Schumachergruppen in der Parteiorganisation der SED im Lande Brandenburg“, ebd. Bl. 161. 

72 Ebd., Bl. 83. 

73 Ebd., Bl. 84f. 

74 Ebd. 

75 Ebd., Bl. 83. 

76 Hurwitz, Stalinisierung, S. 443. 

77 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/52, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 15. und 16.9.1948, Bl. 85. 

78 Ebd., Bl. 130. 

79 Häusler, W., Paul Szillat – 60 Jahre, in: Rathenower Nachrichten, 1. Jg., Nr. 42, 30.10.1948. Häusler war später in die Vorwürfe verwickelt, die Szillat einen Prozess und eine Verurteilung zu acht Jahren Haft eintrugen. Vgl. Märkische Volkszeitung, 12.7.1950, Agenten und Saboteure in Rathenow entlarvt. 

80 Zit. nach: Herbst, Paul Szillat. 

81 Zit. nach: ebd. 

82 Zit. nach: ebd. 

83 Vgl. z.B. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/1/40, Protokoll der SED-Parteivorstandssitzung am 11. und 12.2.1948, Bl. 185f. 

84 Märkische Volksstimme, 12.7.1950, Agenten und Saboteure in Rathenow entlarvt; ebd. 20.7.1950, Szillats Machenschaften verurteilt. 

85 Märkische Volksstimme, 12.7.1950, Agenten und Saboteure in Rathenow entlarvt. 

86 Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Der Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht 1RHE AR 1214/56. 

87 Hans Szillat wurde am selben Tag zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. 

88 Märkische Allgemeine Zeitung, 2.11.1993, Zwar spät, aber immerhin. 

89 Vgl. Herbst, in: Neues Deutschland, 10/11. November 2001; PA Klaus Müller, Daten aus dem Leben und Wirken des bedeutenden brandenburgischen Kommunalpolitikers und aufrechten Sozialdemokraten Paul Szillat. 

90 Zit. nach Flemming, Thomas, Der 17. Juni 1953, Berlin 2003. 

91 Vgl. Landesverwaltungsamt Berlin, Wiedergutmachungsakte Paul Szillat Nr. 300 170, Leiter des Notaufnahmeverfahrens in Berlin, Akz. 458 315 Sr. 

92 Protokoll des SPD-Bundesparteitages am 11.7.1956. 

93 Vgl. Preußenspiegel, 4.1.1993, Enthüllung im Stadthaus; Märkische Allgemeine Zeitung, 2.11.1993, Zwar spät aber immerhin. 

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn der unverheirateten Weißnäherin Wilhelmine Szillat

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Feinmechaniker; Feinmechaniker in einem Berliner Metallbetrieb

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Seit 1910: DMV; Obmann der Vertrauensleute seiner Gewerkschaft in der „Fa. C.P. Goerz-Berlin“; 1919: Vorsitzender des Arbeiterrates in einem Berliner Metallbetrieb; 1920-1927: Erster Bevollmächtigter und besoldeten Geschäftsführer des DMV-Rathenow; 1924: Mitglied im erweiterten Beirat des DMV auf Reichsebene; 1927: Delegierter für den Kongress des Internationalen Metallarbeiterbundes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1919: Gemeindevertreter von Steglitz und Kreistagsabgeordneter von Teltow-Beeskow; 1920: Stadtverordneter von Groß-Berlin; 1921 - 25: Kreistagsabgeordneter und Kreisausschussmitglied des Kreises Westhavelland; 1924: Stadtverordneter in Rathenow; 1925: MdL in Preußen; Vorsitzender des Brandenburgischen Städtetages; 1928-32: Stadtrat und Stadtkämmerer in Rathenow; 25. Februar 1932: Wahl zum Oberbürgermeister von Rathenow

Widerstandsaktivitäten: Mittelpunkt einer illegalen Widerstandsgruppe zusammen mit Johann Bauer, Wilhelm Pätzel sowie Kurt Wegener und Willy Drügemüller; Beziehungen zu der Gruppe „Berliner Liederfreunde 1879“

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Juni 1933: Polizeigefängnis der Stadt Brandenburg; 28. Juni 1933 - 9. August 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Wiederbegründer der SPD in Rathenow; Stellvertretender Landrat in Rathenow; Oberbürgermeister von Rathenow; Ab 1946: Mitglied des Brandenburgischen Landtages; April 1946: Parteivorstand der SED; Scharfer Kritiker der SED; Untersuchungshaft; 1950: Ausschluss aus der SED; 13. November 1951 - 28. April 1956: Strafvollzugsanstalt Brandenburg-Görden; Flucht nach West-Berlin

Erinnerungskultur/Ehrungen: Artikel in den „Rathenower Nachrichten“ anlässlich Szillats 61. Geburtstags; Enthüllung eines Bronze-Porträts zu Ehren Paul Szillats im Rathenower Stadthaus

Impressum