Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
23. November 1890 - 26. März 1968

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Bericht von Willi Hille über seinen KZ-Aufenthalt 1933.
Quelle: BLHA, Rep. 401, VdN-765.

Bericht von Willi Hille über seinen KZ-Aufenthalt 1933. Quelle: BLHA, Rep. 401, VdN-765.

Willi Hille, ein ehrenamtlicher Funktionär der Freien Gewerkschaften und der SPD in Velten, gehörte zu der Gruppe politischer Häftlinge, die bereits in der Frühphase des NS-Regimes (1933/34) in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert war und schwer misshandelt wurde.

Von Siegfried Mielke

Willi Hille, geboren am 23. November 1890 in Velten, wuchs in einer politisch engagierten Familie auf. Seine Eltern waren beide SPD-Mitglieder; sein Vater gehörte als Vorsitzender der Veltener Ortsgruppe des Deutschen Landarbeiterverbandes zu den führenden Gewerkschaftern der brandenburgischen Kleinstadt.
Über die schulische und berufliche Ausbildung geben die vorhandenen Unterlagen keine Auskunft. Nach eigenen Angaben war Hille von 1922 bis 1933 zunächst Verwaltungsangestellter der Stadt Velten und leitete in den letzten Jahren der Weimarer Republik das Veltener Arbeitsamt. Gewerkschaftlich war Hille im Zentralverband der Angestellten (ZdA) organisiert und leitete die Veltener Ortsgruppe dieser Organisation. Das Adressenverzeichnis der Ortsausschüsse des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) von 1922 nennt ihn ferner als Vorsitzenden des Veltener ADGB-Ortsausschusses; eine Position, die er bis 1933 innehatte, denn am 6. Mai 1933 meldete die Veltener Zeitung, dass bei einer der Aktionen der SA gegen die politischen Gegner auch „der Vorsitzende des Gewerkschaftskartells Willi Hille in Schutzhaft genommen“ worden sei. Die Kombination Vorsitzender einer Angestelltenorganisation und gleichzeitig Vorsitzender des Ortsausschusses des ADGB, der Dachorganisation der Arbeitergewerkschaften, dürfte in der Freien Gewerkschaftsbewegung ziemlich einmalig gewesen sein.
Als Grund für seine Verhaftung gab Hille in einem Fragebogen vom Dezember 1945 an, er habe auch nach 1933 „in aller Offenheit“ seine Ablehnung der NSDAP deutlich gemacht. Wie seinem „Tatsachenbericht“ über seine Inhaftierung in den Konzentrationslagern Meissnerhof, Börnicke und Oranienburg zu entnehmen ist, ging die SA davon aus, Hille besitze Kenntnisse über Waffenverstecke der Arbeiterorganisationen. Als er dies bei den Vernehmungen im Konzentrationslager Meissnerhof abstritt, wurde Hille schwer misshandelt. Dazu gehörten Schläge „mit Stahlruten, Eisenstangen und Gummiknüppeln“, durch die er zwei Zähne verlor, Demütigungen wie die Säuberung einer Fäkalientonne „mit den bloßen Händen“ und eine Scheinexekution, die Hille in seinem Bericht über die Haftzeit ausführlich beschreibt: „Man gab mir einen Spaten in die Hand, um eine Grube zu graben, die etwa 1 Meter im Quadrat groß war. Ich hob diese Grube aus und der Sturmbannführer Krain [i. O. irrtümlich Kreyn, S. M.] erschien mit 8 SA-Leuten, welche mit Gewehren bewaffnet waren. Vor die von mir ausgehobene Grube musste ich niederknien und K. las mir nochmals wie am Vortage die verschiedenen Namen vor, um von mir Aussagen in seinem Sinne zu erlangen [, das heißt, Waffenverstecke preiszugeben, S. M.]. Er eröffnete mir dabei, dass er mich erschießen lassen würde, wenn ich die gewünschte Auskunft nicht gebe. Ich erklärte, dass ich Aussagen irgendwelcher Art nicht machen könne. K. ließ darauf vor meinen Augen die Gewehre laden, ließ die Leute in Anschlag gehen und feuern. Die Salve ging jedoch über mich hinweg und K. trat an mich heran, stieß mich in die Grube und sagte dabei: ‚Das Schwein lässt sich lieber erschießen, als dass er Aussagen macht’. Das Manöver wurde alsdann nochmals vorgenommen1.“ Später wurde Hille im KZ Meissnerhof zu Waldarbeiten eingesetzt, musste Bäume fällen, die schweren Stämme ins Lager schleppen, um dort „einen Schießstand zu erstellen2“. Nach seiner Darstellung erlitt er auch in den Konzentrationslagern Börnicke und Oranienburg Misshandlungen. In Börnicke zum Beispiel, einem frühen Konzentrationslager, das die SA-Standarte 224 in einer Zementsteinfabrik eingerichtet hatte, mussten die Häftlinge zu zweit schwere Zementblöcke von ca. zweieinhalb bis drei Zentner Gewicht schleppen. Beim Transport, so Hille, schlugen die „SA-Leute unaufhörlich mit allen möglichen Instrumenten“ auf die Häftlinge ein. Und auch in Oranienburg verbrachte er „das Leben nur unter schwersten täglichen Misshandlungen3“. In einem Fragebogen vom 21. Dezember 1945 erwähnt er „Einzelhaft in Dunkelkammern und Spalierlaufen durch bewaffnete SA-Formationen unter schwersten Schlägen4“.
Nach seiner Entlassung aus dem KZ am 24. August 1933 stand Willi Hille lange Zeit unter Polizeiaufsicht und musste sich täglich melden. Bis 1936 fand er keinerlei Beschäftigung in Velten. Während der NS-Zeit arbeitete er nach eigenen Angaben in einem Fünfer-Ausschuss der SPD in Velten mit.
1945 erhielt er eine Anstellung bei der Stadtverwaltung und wurde 1946 zum Bürgermeister gewählt, eine Funktion, die er 1949 zur Verfügung stellte, da er sich „dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlte5“. Im September des Jahres 1949 wurde er angeklagt, in seiner Tätigkeit „als Bürgermeister Gemeindemittel angewiesen“ zu haben, obwohl es dafür keinen Beschluss des Stadtrates gab. Hille wurde zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, die ihm „im Wege des Arbeitseinsatzes erlassen wurden6“. Ob hier ein mit Gefängnis zu ahndendes Vergehen vorlag, oder ob die Veltener SED auf diese Weise sich eines ehemaligen SPD-Funktionärs entledigen wollte, konnte nicht geklärt werden.
Nach dieser Verurteilung fand er wiederum keinerlei Arbeit. Auch die VVN sah keine Möglichkeit, ihm zu helfen.
Der weitere Lebensweg von Willi Hille konnte nicht ermittelt werden.
Willi Hille starb am 26. März 1968.

1 Tatsachenbericht von Willi Hille, in: BLHA, Rep. 401, VdN-765. 

2 Ebd. 

3 Ebd. 

4 Ebd. 

5 Schreiben von W. Hille, 15. Mai 1952, an das Landessekretariat der VVN in Potsdam, ebd. 

6 Ebd. 

— — —

Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 44.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/14, Bl. 191-194; Nr. 4/1, Bl. 212.
  • BLHA, Rep. 401, VdN-765 (VdN-Akte Willi Hille).
  • Entschädigungsamt Berlin, Rentenakte Willi Drügemüller, Reg.-Nr. 06431.
  • Adressenbeilage. Korrespondenzblatt.(ADGB) Ortsausschüsse, Nr. 1, 22.4.1922, S. 15.
  • Landkreis Oberhavel, 7.5.2002, Meldearchiv-Auskunft.
  • Veltener Zeitung, 6.5.1933, S. 1.

Soziale/Regionale Herkunft: Velten; Sozialdemokratisches Elternhaus

Ausbildung/Berufstätigkeit: Verwaltungsangestellter der Stadt Velten

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Leiter der Veltener Ortsgruppe des Zentralverbands der Angestellten (ZdA); 1922 -1933: Vorsitzender des Veltener ADGB-Ortsausschusses

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt, vermutlich SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Mai 1933 - 24. August 1933: Konzentrationslagerr Meissnerhof, Börnicke und Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1946 - 1949: Bürgermeister von Velten

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum