Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. November 1898 – 13. November 1981

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Willi Horst Lippert mit der Abgussplastik "Drei Männer" (1933).

Willi Horst Lippert mit der Abgussplastik "Drei Männer" (1933).

Der Graphiker, Maler und Bildhauer Horst Willi Lippert wurde wegen seiner antifaschistischen Haltung im Frühjahr 1933 in das KZ Oranienburg eingeliefert. Dort erhielt er die Aufgabe, spezielles Lagergeld zu entwerfen. Mit den Geldscheinen konnten sich die Häftlinge in der Lagerkantine versorgen, doch zugleich waren sie ein Mittel der Ausbeutung, denn beim zwangsweisen Umtausch wurde ein Teil des Geldwertes von der SA einbehalten.

Von Philipp Rothe

Als die ersten Häftlinge im März 1933 in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert wurden, mussten diese erst die Gebäude der seit Jahren unbenutzten Brauerei herrichten. Die Häftlinge schreinerten die Betten für die Schafsäle, sie richteten die Werkstätten ein und erbauten die Verwaltungs- und Wohnräume der SA-Wachmannschaften.
Doch einer dieser ersten Häftlinge hatte eine ganz andere, spezielle Aufgabe erhalten. Der Graphiker, Maler und Bildhauer Horst Willi Lippert kreierte und druckte Geldscheine, Lagergeld um präziser zu sein. Zwar wurden die Scheine in verschiedenen Werten in Mark und Pfennig ausgegeben, doch davon abgesehen war dieses „Geld“ ein integraler Bestandteil des KZ Oranienburg. Lippert hatte schon in der Inflationszeit für verschiedene Städte Notgeld kreiert und verfügte damit über Erfahrung für diese besondere Aufgabe.
Das von der Familie und den Bekannten an die Inhaftierten zugesandte Geld musste in dieses Lagergeld umgetauscht werden, zu einem Kurs, nach dem 20% des realen Geldwertes einbehalten wurden. So wurde den Häftlingen das Recht, Geld zu besitzen, nur aus Gründen der Ausbeutung zugestanden. Diese setzte sich bei der Verwendung des Geldes fort, es diente zum Einkauf in der Lagerkantine. Die SA-Führung behielt die erwirtschafteten Gewinne für sich ein.

Doch nur die Wenigsten konnten es sich leisten, die magere Kost des Lagers in der überteuerten Lagerkantine aufzubessern. 1933 war die Arbeitslosigkeit hoch und so befanden sich auch in Oranienburg viele Arbeitslose. Auch bedeutete der „Schutzhafthaftbefehl“ für den Betroffenen oftmals den Verlust der Arbeitsstelle und damit eines sicheren Einkommens, und auch die alleingelassene Familie der Häftlinge musste versorgt werden. Wie viel des Lagergeldes im Umlauf war, ist nicht bekannt, aber zweifellos verfügten aus den genannten Gründen nur Wenige über größere Summen dieses Geldes. Der Solidarität unter den Häftlingen kam somit eine noch wichtigere Rolle zu.
Es gab vier verschiedenfarbige Ausgaben der Scheine: 5, 10 und 50 Pfennig sowie 1 Mark. Die Motive thematisieren in expressionistischer Darstellung das Lager. So ist auf dem 5 Pf-Schein Stacheldraht und ein Wachturm abgebildet, auf den 10 Pf-Scheinen lassen sich zwei bewaffnete SA-Wachen erkennen.

Doch was ist noch über den Künstler bekannt, der unter Zwang diese Scheine schuf?
Horst Willi Lippert wurde am 12. November 1898 in der brandenburgischen Stadt Rathenow geboren. Wie so viele seiner Generation wurde auch der junge Mann in den Ersten Weltkrieg einberufen. Nach der Rückkehr aus dem Krieg ging Lippert, gegen den Willen seines Vaters, nach Berlin und studierte an der Kunstakademie bei Professor Kamp. Zusätzlich belegte er Seminare in Musik und Psychologie. Nach dem Abschluss seines Studiums baute Lippert in Rathenow ein großes Atelier.
Aus seinem Werk sind Zeichnungen, Linol- und Holzschnitte, aber auch Aquarelle und Ölbilder überliefert. Auf dem Marktplatz von Rathenow steht heute noch eine von ihm geschaffene Skulptur eines Frauenaktes.
Wahrscheinlich bildet sich Lipperts spätere Frau Alma Herta ab. Die beiden hatten sich 1922 kennen gelernt und sie stand oft für ihn Modell. 1932 sollten sie schließlich heiraten.
Der Antifaschist Lippert wurde dann 1933 ohne Nennung von Gründen in das KZ Oranienburg eingeliefert, die Inhaftierung dauerte zwei Wochen. Nach der Entlassung konnte er weiter als Künstler arbeiten. Im Krieg wurde Lippert eingezogen und so strandete er bei Kriegsende 1945 in Brunsbüttel/Schleswig-Holstein. Seine Frau zog mit dem bereits 1939 geborenen Sohn zu ihm nach; die kleine Stadt am Ausgang des Nord-Ostsee-Kanals sollte die neue Heimat Lipperts werden.
Lippert war Mitbegründer der dortigen Volkshochschule, an der er auch unterrichtete. Zudem fertigte er für das Buch: „Bauern, Handwerker, Seefahrer“ aus dem Jahr 1961 50 Illustrationen an. Eine neue Tätigkeit war die Arbeit als Heraldiker, er zeichnete nicht nur das Stadtwappen von Brunsbüttel, sondern auch von 200 anderen Städten und Gemeinden.
Horst Willi Lippert verstarb am 13. November 1981 in seiner neuen Heimat Brunsbüttel.

Seine Haft im KZ Oranienburg ist untrennbar mit dem von ihm erschaffenen Lagergeld verbunden. Seit jeher ist das Recht, Münzen und andere Geldwerte auszugeben, alleiniges Privileg des Souveräns bzw. des Staates gewesen. Die Herausgabe von speziellen Geldscheinen für das KZ Oranienburg spiegelt daher den totalen Machtanspruch der SA wieder.

Soziale/Regionale Herkunft: Rathenow

Ausbildung/Berufstätigkeit: Studium an der Kunstakademie Berlin

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Heimatmuseum Brunsbüttel. Informationen zum Lebensweg

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