Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
5. September 1889 - nach 1957

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Als am 4. März 1933 Mitglieder der NSDAP die Hakenkreuzflagge auf dem Gebäude des Amtsgerichtes in Alt-Landsberg gehisst hatten, veranlasste der dort tätige Amtsgerichtsrat Martin Rosenthal das Einholen der Flagge. Seine Ablehnung des nationalsozialistischen Staates brachte Rosenthal in das KZ Oranienburg und führte zur Entlassung aus dem Staatsdienst. Aufgrund seines jüdischen Glaubens wurde Rosenthal im November 1938 erneut in ein KZ verschleppt. Nach der Entlassung stellte er einen Auswanderungsantrag, im März 1939 verließ die Familie Rosenthal Deutschland und ging nach Schweden.

Von Philipp Rothe

Als am 4. März 1933 Mitglieder der NSDAP die Hakenkreuzflagge auf dem Gebäude des Amtsgerichtes in Alt-Landsberg gehisst hatten, ließ der dort tätige Amtsgerichtsrat Martin Rosenthal die Flagge einholen und verhinderte ihr erneutes Aufziehen. Auch die Forderung, das im Sitzungssaal und den Dienstzimmern hängende Bild Friedrich Eberts durch ein Portrait Adolf Hitlers auszutauschen, lehnte Rosenthal ab und bezeichnete diesen Vorgang als „Bilderstürmerei“. Trotz der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten stand Rosenthal damit zu seinen demokratischen Überzeugungen. Diese Standhaftigkeit sollte die Einweisung in das KZ Oranienburg zur Folge haben.
Dreimal taucht der Ort Oranienburg im Lebenslauf Martin Rosenthals auf. Als junger Referendar war er dort 1919 für einige Wochen tätig, die Arbeit beim dortigen Gericht war jedoch nur eine Zwischenstation in der Laufbahn des angehenden Juristen. Im Juni 1933 wurde Rosenthal in das KZ Oranienburg eingewiesen. Einige Jahre später sollte es zu einer erneuten Inhaftierung kommen, nach dem „November-Pogrom“ am 9. November 1938 wurde der Jude Rosenthal wie Tausende andere in das KZ Sachsenhausen verschleppt.

Martin Rosenthal wurde am 5. September 1889 in der kleinen ostpreußischen Ortschaft Liebemühl geboren. Nach dem bestandenen Abitur im Jahr 1909 studierte er Jura in Freiburg, Königsberg, München und Berlin. Unmittelbar nach dem Ablegen des Ersten Staatsexamens wurde Rosenthal am 1. Oktober 1913 zum Militärdienst eingezogen. Der Wehrdienst in dem Feldartillerieregiment ging direkt in die Kämpfe des Ersten Weltkrieges über, der junge Mann nahm bis 1918 als Frontsoldat an den Kämpfen teil. Am 17. Mai 1915 wurde Rosenthal mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet, es gelang ihm den Krieg ohne bleibende körperliche Schäden zu überstehen.
1919 nahm Martin Rosenthal seine Ausbildung als Jurist wieder auf. Das Referendariat führte ihn in verschiedene Orte, unter anderem auch vom 18. Februar bis zum 7. Mai 1919 an das Amtsgericht in Oranienburg. Dem Ablegen der Zweiten Staatsprüfung im August 1921 schloss sich eine Anstellung als Hilfsrichter in Alt-Landsberg an. Am 21. März 1923 wurde Rosenthal zum Amtsgerichtsrat am dortigen Gericht ernannt. Im Jahre 1931 heiratete er Lilli Giesen, am 23. Dezember 1931 wurde der gemeinsame Sohn Kurt Bruno geboren. Die Familie lebte 1933 in Alt-Landsberg und Martin Rosenthal übte in der Stadt einige Ehrenämter aus.

Im März 1933 kam es wiederholt dazu, dass begeisterte Nationalsozialisten in Gerichte eindrangen, die Hakenkreuzflagge hissten oder gar einzelne, besonders verhasste Juristen bedrohten. Die Gerichte verkörperten den Rechtsstaat der Weimarer Verfassung, doch nicht immer fanden sich mutige Menschen, die bereit waren, den Rechtsstaat zu verteidigen. Martin Rosenthal verwehrte sich gegen die Forderungen, die Symbole des nationalsozialistischen Staates im Gerichtssaal anzubringen. Schon im Februar 1933 hatte er sich geweigert, den Aufruf „An das deutsche Volk“ in Alt-Landsberg zum Aushang zu bringen. Nur wenige Kollegen Rosenthals teilten diese konsequente Ablehnung des Nationalsozialismus. Die Haltung Rosenthals erscheint umso verständlicher, wenn man bedenkt, dass er den jüdischen Glauben ausübte.
Am 28. Juni 1933 erfolgte die Einweisung in das KZ Oranienburg, die vom Landrat des Kreises Niederbarnim ausgestellte Schutzhaftverordnung wurde Rosenthal in das KZ nachgesandt. Die Haft dauerte bis zum 12. Juli 1933 an. Nur wenige Wochen später, am 27. Juli 1933, erhielt Rosenthal den Bescheid, gemäß dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtengesetzes“ aus dem Staatsdienst entlassen worden zu sein. Der Vorwurf der „politischen Unzuverlässigkeit“ nach §4 des Gesetzes bezog sich höchstwahrscheinlich auf die spontanen Widerstandsaktionen einige Wochen zuvor, hatte doch Rosenthal vorher nie einer Partei oder politischen Vereinigung angehört. Auch die Eingaben Rosenthals und der Verweis auf seine Eigenschaft als Frontkämpfer änderten nichts an der Entlassung aus dem Staatsdienst.

Die Familie Rosenthal lebte von da an in Berlin-Halensee, ihr Einkommen bestand aus der reduzierten Beamtenpension des ehemaligen Richters. Ob es Rosenthal gelang, eine neue Tätigkeit aufzunehmen, ist nicht bekannt, jedoch war eine weitere Ausübung der juristischen Profession nicht möglich. Der sich verstärkende Antisemitismus zeigte sich einige Jahre später in noch eindeutigerer Form: dem „November-Pogrom“ von 1938. Martin Rosenthal war einer der Tausenden jüdischen Männer, die in ein Konzentrationslager eingeliefert wurden. Rosenthal wurde vom 10. November bis zum 14. Dezember 1938 in das KZ Sachsenhausen verschleppt und kehrte damit erneut unfreiwillig nach Oranienburg zurück. Diese weitere Inhaftierung verdeutlichte aber auch, dass es für Rosenthal im nationalsozialistischen Deutschland keine Perspektive gab.
Am 4. Januar 1939 stellte Martin Rosenthal für sich und seine Familie einen Antrag auf Auswanderung. Nach der Erledigung der Formalitäten und der Zahlung der Abgaben und Sondersteuern verließ die Familie am 19. März 1939 Deutschland und wanderte in die schwedische Hauptstadt Stockholm aus. Dieser Schritt rettete ihnen höchstwahrscheinlich das Leben.
Ende Mai 1940 ließ die Gestapostelle Berlin das deutsche Konto Rosenthals sperren. Rosenthal hatte bis dahin über diesen Weg mittellose Angehörige und Verwandte mit kleinen Geldbeträgen unterstützt, was nun nicht länger möglich war. Doch bedeutete dies auch die Einstellung der Pensionszahlungen. Im Mai 1941 wurden die Rosenthals endgültig ausgebürgert.
Die Familie hatte in Stockholm eine erste Unterkunft bei einem Verwandten der Ehefrau gefunden. Doch hatte der nun staatenlose Rosenthal bis 1942 keine Arbeitserlaubnis, erst danach konnte er einer Tätigkeit als Photomonteur in einer Offsetdruckerei nachgehen.

Rosenthal blieb auch nach dem Ende des Krieges in seiner neuen Heimat Schweden. Am 22. Mai 1948 erhielt Martin Rosenthal die schwedische Staatsbürgerschaft. Es ist nicht bekannt, ob er jemals wieder Deutschland besuchte. Erhalten geblieben ist jedoch seine umfangreiche Korrespondenz mit dem Amt für Entschädigungsfragen in Berlin. Der am 9. Dezember 1951 gestellte Antrag berief sich auf die Haft, das verlorenen gegangene Vermögen und die vorenthaltenen Gehälter und Pensionen. Die Bearbeitung der Anträge zog sich über Jahre hin. Auch wenn die Forderungen allesamt bewilligt wurden, fiel die abschließende Entscheidung erst im November 1957. So wurde das erlebte Unrecht Rosenthals zumindest durch die Rückzahlung der ihm zustehenden Gelder etwas gemindert.
Gleichwohl kann angenommen werden, dass eine andere Entscheidung für den mittlerweile über sechzigjährigen Rosenthal eine weit größere, symbolische Bedeutung besaß. Ein Wiedergutmachungsbescheid des Bundesjustizministers verfügte am 15. Juli 1953 über seine nachträgliche Beförderung zum Oberamtsrichter, rückdatiert wurde diese auf den 1. April 1935. Auch wenn sich das genaue Datum nicht feststellen ließ, so ist davon auszugehen, dass Martin Rosenthal in Stockholm verstorben ist.

— — —

Quellen:

  • Bergemann, Hans/Ladwig-Winters, Simone: Richter und Staatsanwälte jüdischer Herkunft in Preußen im Nationalsozialismus, Eine rechtsstaatliche Untersuchung, Köln 2004, S. 287.
  • Göppinger, Horst: Juristen jüdischer Abstammung im „Dritten Reich“. Entrechtung und Verfolgung, München 1990 (2. völlig neu bearb. Aufl.).
  • Müssener, Helmut: Exil in Schweden. Politische und kulturelle Emigration nach 1933, München 1974.
  • BArch, R 22 Pers. 72.839.
  • Entschädigungsbehörde Berlin, Akte Rosenthal Nr. 72.098.

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn eines jüdischen Kaufmanns

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1895 - 1901 Volksschule und Besuch der Knabenschule in Liebemühl, 1901 - 1909 Gymnasium in Osterode, 1909 - 1913 Jurastudium in Freiburg, Königsberg, München, Berlin; 1913 Erstes Staatsexamen, 1913 - 1918 Wehr- und Kriegsdienst, 1919 - 1921 Referendariat in Osterode, Oranienburg und Berlin, 1921 Zweites Staatsexamen, 1921 - 1923 Beschäftigung als Hilfsrichter in Alt-Landsberg, 21. März 1923 Ernennung zum Amtsgerichtsrat, 26. Januar 1926 Beförderung zum Dienstaufsichtshabenden Richter, 27. Juli 1933 Entlassung aus dem Staatsdienst, 15. Juli 1953 nachträgliche Beförderung zum Oberamtsrichter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: nicht bekannt

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: keine

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Feb. 1933: Weigerung, den Aufruf der Regierung: “An das deutsche Volk“ im Gericht auszuhängen; 4. März 1933: Einholen einer Hakenkreuzflagge vom Dach des Amtsgerichts Alt-Landsberg; März 1933: Verhinderte das Anbringen von Bildern Adolf Hitlers in den Diensträumen und dem Sitzungssaal des Gerichts

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Feb. 1933 - 12. Juli 1933 KZ Oranienburg; 10. Nov. 1938 - 14. Dez. 1938 KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum