Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
17. März 1891 - 13. Juni 1968

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Otto Heese als Soldat während des Ersten Weltkrieges.
Quelle: PA Gertrud Stebe, Potsdam

Otto Heese als Soldat während des Ersten Weltkrieges. Quelle: PA Gertrud Stebe, Potsdam

Otto Heese wurde am 17. März 1891 in Nauen geboren. Er erlernte das Maurerhandwerk und ging bald auf Wanderschaft nach Hamburg und Baltimore. Während des Ersten Weltkrieges rückte er an den linksradikalen Flügel der Arbeiterbewegung heran und beteiligte sich 1918 an der Novemberrevolution. Für die KPD und ihre Vorfeldorganisationen besetzte er verschiedene Funktionen. Auch in der Illegalität engagierte er sich für die Partei und war deshalb mehrfach inhaftiert. Nach 1945 war Heese unter anderem Landtagsabgeordneter für die SED und von 1945 bis 1948 Vorsitzender des FDGB im Kreis Osthavelland. Er verstarb am 13. Juni 1968.

Von Stefan Heinz

Otto Heese kam am 17. März 1891 als siebentes Kind des Maurers Friedrich Heese und dessen Ehefrau Bertha, geborene Mandausch, im osthavelländischen Nauen zur Welt. Nach dem Besuch der sechsstufigen Knabenvolksschule vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr erlernte er von 1905 bis 1909 das Maurerhandwerk. In dieser Zeit entwickelte sich bei ihm ein erstes politisches Interesse. Er trat in den örtlichen Arbeiterturnverein ein. Im Zusammenhang mit dem Erstarken der Sozialdemokratie entstanden Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche solcher „Selbsthilfeorganisationen“, die sich als Teil einer „Arbeiterkulturbewegung“ verstanden und dabei identitätsstiftend wirkten. Heeses frühe Bindung an dieses Milieu war ein Grund dafür, nach Beendigung der Lehrzeit dem Zentralverband der Maurer Deutschlands beizutreten und ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich gewerkschaftlich aktiv zu bleiben.

Ende des Jahres 1909 zog Otto Heese nach Hamburg, wo er für kurze Zeit seiner erlernten Tätigkeit auf verschiedenen Baustellen nachging und erste Schritte in der Gewerkschaftsarbeit machte. Nach knapp zwei Jahren erfolgte der Entschluss, nach Baltimore zu gehen, um in der Industriestadt an der US-amerikanischen Ostküste neue berufliche Erfahrungen zu sammeln und vorübergehend eine feste Anstellung zu finden. Er bekam dort Arbeit, reiste jedoch bereits 1913 nach Deutschland zurück und wurde wegen „Nichtstellung zum Heeresdienst“ zur Ersten Matrosendivision in Kiel eingezogen. Während des Ersten Weltkrieges verurteilte ihn 1915 ein Kriegsgericht in Wilhelmshaven wegen Gehorsamsverweigerung zu zweieinhalb Jahren Haft, wovon er aber lediglich 13 Monate im Marinegefängnis Köln verbüßte.

Nach seiner Entlassung und Rückkehr zum früheren Kommando auf das Kriegsschiff „Großer Kurfürst“ schloss sich Heese eigenen Angaben zufolge einem „revolutionären Zirkel“ an. Unter Führung der Matrosen Albin Köbis, Max Reichpietsch und Willy Sachse engagierte sich die Gruppe im Sinne der im April 1917 gegründeten USPD für einen entschädigungslosen Friedensschluss, wobei Sabotage und ein Generalstreik der Flotte geplant waren. Die Aufrührer fanden bei den Matrosen großen Zulauf. Da die Ernährungslage schlecht war und diverse Schikanen der Offiziere als erniedrigend empfunden wurden, häuften sich die Beschwerden. Nachdem Anfang August 1917 hunderte Matrosen in Wilhelmshaven gemeutert hatten, wurden die Matrosen Reichpietsch und Köbis wegen „Rädelsführerschaft“ zum Tode verurteilt und am 5. September 1917 hingerichtet. Gegen andere Soldaten verhängte ein Kriegsgericht ebenso Todesurteile oder lebenslange Zuchthausstrafen.

Trotz des großen Repressionsdrucks, der seitdem auf revolutionären Aktivitäten lastete, nahm Heese Ende Oktober 1918 am Aufstand der Matrosen des Linienschiffs „Helgoland“ in Wilhelmshaven teil. Kurz zuvor hatte das oberste Entscheidungsgremium der Flottenführung in Verkennung der Lage beschlossen, eine Entscheidungsschlacht gegen die britische Flotte herbeizuführen. Die Hochseeflottenmatrosen verweigerten darauf den Gehorsam und verhinderten das Auslaufen der Schiffe zu einer letzten Schlacht. Ein Großteil der Meuterer ließ sich jedoch verhaften, als die Kanonen nicht meuternder Schiffsbesatzungen auf sie gerichtet wurden. Nachdem die Bemühungen einer Delegation von Matrosen für die Freilassung der etwa 1.000 Gefangenen gescheitert waren, kam es zum Aufstand der gesamten Flottenbesatzung, dem sich Landsoldaten in zahlreichen anderen Städten anschlossen. Heese verfolgte mit Begeisterung die Wirren der einsetzenden Novemberrevolution. Er beteiligte sich an den Kämpfen in Kiel, Lübeck, Hamburg und Berlin.

Unter dem Eindruck der Niederschlagung des „Spartakusaufstandes“ im Januar 1919 in Berlin sowie aus Enttäuschung über die in seinen Augen nicht weit genug gehenden Ergebnisse der Revolution, entwickelte sich bei Heese eine verstärkt kommunistische Orientierung. Er ging zurück nach Nauen und trat im März 1919 der KPD-Ortsgruppe Nauen bei, der er bis zum Verbot 1933 als Mitglied und Funktionär angehörte. Arbeit fand er im nahegelegenen Berlin, wo er bei mehreren großen Baufirmen – unter anderem der Philipp Holzmann AG – tätig war und in seiner Funktion als Betriebsrat mehrmals gemaßregelt wurde.

Der Aufbau der Weimarer Republik stand unter dem Vorzeichen innenpolitischer Instabilitäten. Gegensätze im Land entluden sich rasch in bürgerkriegsartigen Situationen. Auch wenn Heeses damaliger Lebensweg durch wirtschaftliche Unsicherheit bestimmt war, so prägten ihn auch Erlebnisse des persönlichen Glücks. Er heiratete 1919 die aus Glindow stammende Ida Busse. Am 25. August 1919 wurde die Tochter Erna geboren. Sechs Jahre später, am 12. August 1925 erblickte die zweite Tochter (Gertrud) das Licht der Welt. In der Zeit zwischen 1919 und 1933 engagierte sich Otto Heese politisch und gewerkschaftlich in Nauen sowie den Kreisen Ost- und Westhavelland.

Als im März 1920 die Rechtsradikalen Wolfgang Kapp und Walther von Lüttwitz mit ehemaligen Armee- und Freikorpseinheiten einen Putsch gegen die Republik starteten und sich die Regierungstruppen dem Putsch nicht entgegenstellten, konnte der reaktionäre Umsturzversuch erst durch einen von Gewerkschaften und Beamten in ganz Deutschland gesteuerten Generalstreik niedergeschlagen werden. Heese gehörte zur Leitung des örtlichen Aktionsausschusses, der sich um die regionale Koordination von Streikmaßnahmen in Nauen und Umgebung bemühte. Die Ereignisse während und nach dem Kapp-Lüttwitz-Putsch beleuchteten die gleichzeitige Macht und Ohnmacht der Gewerkschaften. Es zeigte sich, dass die Gewerkschaften zwar stark genug waren, um als Vetomacht aufzutreten, umfangreiche politische Verantwortung konnten sie nicht übernehmen. Die Organisationen forderten eine Überprüfung des Militär- und Behördenapparates, die Bestrafung der Schuldigen, die Neubildung der Regierung und die Sozialisierung der dafür „reifen Industriezweige“ – allerdings wurde keine ihrer Bedingungen für den Abbruch des Generalstreiks erfüllt.

Heese ging zwischen 1924 und 1933 seiner Funktion als Stadtverordneter der KPD in Nauen nach und trat in den Roten Frontkämpferbund (RFB) ein. Der Parteifreund Hermann Grau beschrieb seine parteipolitische Tätigkeit so: „Er war Spitzenfunktionär der KPD im Kreis Osthavelland und darüber hinaus der Öffentlichkeit kein Unbekannter.“ (Bürgschaftserklärung, 3.11.1951, BLHA, Rep. 401, VdN-2553, S. 19) Auch seine Ehefrau trat 1924 der KPD und 1928 dem Roten Frauen- und Mädchenbund (RFMB) bei. Für die Jahre 1928 bis 1930 wählte ihn die KPD-Ortsgruppe zum “Ortsleiter” und zwischen 1932 und 1933 zum Politischen Leiter. In dieser Eigenschaft war er mitverantwortlich für die Herstellung der örtlichen KPD-Zeitung „Die Rote Bombe“, die zeitweise in den Kellern der Eltern seines Genossen Grau (Bardaystraße) zusammengestellt wurde. Ebenfalls war er von 1926 bis 1932 Erster Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Nauen und übernahm für die Zeit zwischen 1929 und 1932 das Amt des örtlichen Zweiten Vorsitzenden des Deutschen Baugewerksbundes.

Nachdem Heese 1932 aus dem Baugewerksbund wegen „offensiver revolutionärer Gewerkschaftsarbeit“ ausgeschlossen wurde, kam ihm bis 1933 die Aufgabe des Unterbezirksleiters für den der kommunistischen Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) angegliederten Einheitsverband der Land- und Forstarbeiter (EVLF) in Ost- und Westhavelland zu. In dieser Funktion leitete er im Jahr 1932 einen Landarbeiterstreik in Bredow-Königshorst. Mit der Gründung der RGO Ende 1929 verband die KPD zunächst das Ziel, innerhalb der Gewerkschaftseinheit des ADGB linke Kräfte für einen offensiven proletarischen Klassenkampf zu bündeln. Im Lauf der Zeit wurde die Organisation in eine selbständige Gewerkschaft mit einzelnen „roten Verbänden“ umgewandelt. Die Abspaltung vom ADGB erzielte jedoch nicht die erwünschte Wirkung. So errang weder die RGO noch der EVLF einen besonders bedeutenden Einfluss, da breite Massen der Arbeiterschaft politisch und organisatorisch nicht gewonnen werden konnten.

Mehrmals geriet Heese vor 1933 im Zusammenhang mit seiner parteipolitischen und gewerkschaftlichen Tätigkeit in Konflikt mit dem Gesetz. Häufig wurde er von der Polizei verhaftet und manchmal auch zu kurzen Gefängnisstrafen verurteilt. Ein Umstand, der das Leben der Familie nicht leicht machte. So kam es bei einer von ihm angeführten Demonstration in Nauen im Jahr 1924 zu seiner Festnahme. Es folgten drei Wochen Haft in Potsdam. Im Jahr 1925 warf ihm die Staatsanwaltschaft vor, in einer öffentlichen Stadtverordnetenversammlung die Nauener Polizei beleidigt zu haben, woraufhin ihn das Amtsgericht Nauen zu einem Monat Gefängnis verurteilte. Anlässlich einer Aktion gegen die „Fürstenabfindung“ im gleichen Jahr verurteilte ihn das Landgericht Neuruppin zu sechs Monaten Haft.

Entscheidenden Einfluss auf seinen Lebensalltag übten auch direkte Konfrontationen mit rechtsextremen Gegnern aus. Im Zusammenhang mit Trinkgelagen in den Dörfern Wustermark und Dyrotz von Anhängern des „Stahlhelmverbandes“, der in seinen Gesellschafts- und Staatsvorstellungen an der preußisch-deutschen Kaiserzeit orientiert war, kam es am 11. August 1928 zu einem Angriff auf das KPD-Mitglied Karl Albrecht, der durch Messerstiche schwere Verletzungen erlitt. Am darauffolgenden Tag organisierte der RFB eine Protestaktion gegen eine Veranstaltung der Stahlhelm-Ortsgruppe Wustermark – nicht zuletzt deshalb, um Vergeltung zu üben. Auch Heese und andere Mitglieder des RFB aus Nauen wurden zur Unterstützung gerufen. Die Berliner Staatsanwaltschaft erklärte in einem Bericht: „Die R.F.B.-Leute aus Nauen marschierten nach Wustermark, wobei sie sich die Ärmel aufkrempelten und die Sturmriemen der Mützen heruntermachten. Nach der Vereinigung beider Ortsgruppen machte der R.F.B. einen Demonstrationszug am Versammlungslokal des Stahlhelms vorbei. Am Pferdeberg hielt der Führer Walter Fenz aus Nauen eine Ansprache, in der er über die Überfälle vom 11. August sprach und die Zugteilnehmer aufforderte, geschlossen Schulter an Schulter zu stehen, denn es sähe nach den letzten Ereignissen so aus, als wolle der Stahlhelm planmäßig gegen die R.F.B.-Bewegung vorgehen.“ (Berichte der Oberstaatsanwaltschaft Berlin, GStA PK, I. HA Rep. 84a Justizministerium, Nr. 52251, S. 37) Am Abend kam es zu einer folgenschweren Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Gruppen, infolgedessen das Stahlhelm-Mitglied Heinz Malchert verletzt wurde und im Krankenhaus Nauen verstarb. Wegen des Verdachts der Mittäterschaft an einem „Totschlagverbrechen“ kam Heese in das Polizeigefängnis in Berlin-Moabit, wo man ihn aber nach einigen Wochen Untersuchungshaft am 20. September 1928 aus Mangel an Beweisen entließ. Später präsentierte die Staatsanwaltschaft andere Verdächtige – unter anderem die Kommunisten Willi Voigt und Josef Howanski – welche zum Teil wegen „gemeinschaftlichen Totschlags in Tateinheit mit Raufhandel“ (Ebd.) zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Der genaue Tathergang blieb bis zuletzt unklar.

Mit dem abrupten Ende der kurzen Phase relativer Stabilisierung 1929/30 wurde die Weimarer Republik von einer Spirale aus Produktionsrückgang und Nachfragereduzierung erfasst, die ihren schärfsten Ausdruck in einem enormen Anstieg der Erwerbslosigkeit fand. Bei einer Protestkundgebung gegen die mit harten sozialen Einschnitten einsetzende Brüningsche Notverordnungspolitik im März 1931 vor dem Nauener Rathaus kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die scharf schoss. Heese sowie sein Freund Walter Fenz wurden festgenommen und kamen sieben Wochen in Untersuchungshaft. Das Landgericht Berlin verurteilte beide zu zwei Monaten Gefängnis wegen Landfriedensbruchs. Im Januar 1933 bekam Heese erneut Probleme mit der Staatsanwaltschaft. Das Amtsgericht Spandau bestrafte ihn als Herausgeber des „Roten Senders“ zu drei Monaten Haft aufgrund von Verstößen gegen das verschärfte Presserecht. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und die ersten Wochen des Übergangs zur nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland erlebte Heese bereits hinter Gittern.

Der Machtübernahme der Nationalsozialisten folgte eine Welle offenen Terrors gegen politische Gegner. Die Terroraktionen standen unter der Parole „Kampf dem Marxismus“. Angehörige der SA und SS nahmen willkürliche Verhaftungen vor, verschleppten ihre Opfer in SA-Versammlungsheime, quälten und folterten vorrangig politische Gegner. Heese wollte deshalb nach der Haftentlassung im Frühjahr 1933 vorerst nicht zurück in seine Nauener Wohnung in der Wallgasse 16, tauchte aufgrund der Gefahr einer erneut drohenden Verhaftung in Berlin-Moabit (Waldstraße 16) unter und beteiligte sich mit dem KPDler Erich Grau – dem Bruder von Hermann Grau – an der Herstellung und Verbreitung von kommunistischen Flugschriften.

Heese engagierte sich unter Inkaufnahme persönlicher Risiken gegen die Nationalsozialisten. Bei einem Auftrag, den er für die konspirative Berliner KPD-Struktur im Kreis Osthavelland erfüllen sollte, kam es „infolge Verrats“ auf der Landstraße nach Bredow am 6. Mai 1933 zu seiner Verhaftung und Einlieferung in das Polizeigefängnis Nauen, von wo man ihn mit „Schutzhaftbefehl“ am 17. Mai 1933 in das KZ Börnicke überführte. In einer ehemaligen Zementfabrik am Ortsausgang hatte die SA Nauen/Osthavelland von März bis Juni 1933 eines der ersten Konzentrationslager eingerichtet. Etwa 500 politische Gegner sollen dort inhaftiert gewesen sein. Vermutlich zehn von ihnen wurden ermordet, weitere starben an Folgen der Haft. Nach der vollständigen Einrichtung des KZ Oranienburg wurden Heese und zahlreiche andere Gefangene am 15. Juli 1933 dorthin überstellt, wo ihm die SA bei seiner Ankunft die Häftlingsnummer 986 zuwies. Die SA versuchte Heese und die anderen Gefangenen einzuschüchtern, trieb sie zum Sport an und zog sie zur harten Zwangsarbeit heran. Wie sich in der Realität des Lagers die Repressiv- und Terrorfunktion mit Arbeitsschinderei verband, die das KZ-System bis an sein Ende durchzog, bekam Heese damit schon zu Beginn des Nationalsozialismus zu spüren. In den letzten Monaten bis zur Auflösung des Lagers Mitte Juli 1934 wurde Heese in einem „Innenkommando“ einer kleinen Zweigstelle in Blumberg bei Bernau zur Häftlingsarbeit angehalten. Auf dem „Rittergutsvorwerk Elisenau“ verrichtete er Bauarbeiten, bis ihn die Leitung des KZ Oranienburg am 13. Juli 1934 der Feldjägerabteilung überstellte.

Am 1. September 1934 fuhr Heese nach Nauen und nahm seine Arbeit als Maurer wieder auf. Doch der Aufenthalt bei seiner Familie währte nicht lange. Als am 27. Oktober 1934 illegalisierte kommunistische Strukturen in Nauen und Umgebung durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) aufgedeckt wurden, befand sich auch Heese wieder unter den Verhafteten und kam in vierwöchige Untersuchungshaft. Nach seiner Entlassung stand er bis zum Ende des Nationalsozialismus unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Im Rahmen der „Aktion Gewitter“ wurde Heese – zusammen mit Walter Fenz, Fritz Fenz und Karl Bernau – erneut verhaftet und am 20. August 1944 in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Hier musste er für drei Wochen (Häftlingsnummer: 93157) im Block 38 die schlechten Haftbedingungen ertragen. Auf Anweisung der Politischen Abteilung des Lagers entließ man ihn am 9. September 1944. Drei Tage später erreichte er Nauen, wo er noch für die Monate Dezember 1944 und Januar 1945 zum „Volkssturm“ eingezogen wurde.

Im Februar 1945 veranlasste die NSDAP-Kreisleitung Heeses Einberufung zur regulären Wehrmacht. Er wurde nach Prag transportiert und der „Festungspionierkompanie 70“ zugeteilt. Im April 1945 entfernte sich Heese von der Truppe, nachdem er nach eigenen Angaben „die Waffen den Tschechen übergeben hatte“. (Lebenslauf 10.11.1951, BLHA, Rep. 401, VdN-2553, S. 17) Anfang Mai 1945 geriet er in der Nähe der sächsischen Stadt Görlitz in Gefangenschaft der Roten Armee, wurde jedoch bereits am 24. Juli 1945 wieder entlassen.

Heeses Weg führte Anfang August 1945 wieder zurück nach Nauen in die sowjetisch besetzte Zone. Er beteiligte sich am neu beginnenden Leben und Wiederaufbau. Unmittelbar nach seiner Rückkehr trat er in die als erste Nachkriegspartei neugegründete KPD ein. Später gehörte Otto Heese der SED an. Von September 1946 bis Januar 1951 war er Stadtverordneter und unbesoldeter Stadtrat in Nauen, 1946/47 Abgeordneter im Brandenburgischen Landtag, von 1948 bis 1950 Mitglied der SED-Ortsleitung und mit Beginn des Jahres 1951 Mitglied der SED-Stadtbezirksleitung. Heese nahm wieder seine gewerkschaftliche Tätigkeit auf. Als Erster Kreisvorsitzender stand er von August 1945 bis August 1948 hauptamtlich an der Spitze des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) im Osthavelland.

Neben den hauptamtlichen Tätigkeiten für FDGB und SED richtete sich sein persönliches Engagement auf die Belange all derer, die wie er Widerstand geleistet hatten und deshalb der Verfolgung ausgesetzt waren. Daher trat er der überparteilichen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) bei und erfüllte von 1949 bis 1950 die ehrenamtliche Aufgabe des Zweiten Kreisvorsitzenden. Für die VVN wurde jedoch zunehmend zum Problem, dass es aus ihren Reihen mit der anerkannten Autorität von Widerständlern Kritik an der offiziellen SED-Politik gegeben hatte. Deshalb wurde die Organisation Anfang 1953 durch einen engen Kreis der SED-Führung überraschend aufgelöst. Bis dahin war Heese in seiner Eigenschaft als VVN-Vertreter zum Schöffen beim Amtsgericht Nauen berufen. Die Ausrichtung seiner persönlichen VVN-Arbeit an der SED sah er als Selbstverständlichkeit an, jedoch hinderte ihn dies nicht daran, in konkreten Fragen der politischen Arbeit eine kritische Auseinandersetzung in der eigenen Partei zu suchen. Anfang der 1950er Jahre ging Heese in Rente. Den Lebensabend verbrachte er mit seiner Frau Ida in Nauen. Otto Heese starb am 13. Juni 1968 im Alter von 77 Jahren. Bis heute erinnert ein Straßenname im Nauener Stadtgebiet an ihn.

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Quellen:

  • AS, D1A/1044, S. 3 (Entlassungsanweisung der Politischen Abteilung im KZ Sachsenhausen).
  • JSU 1/99, S. 192 (Veränderungsmitteilung der Schreibstube im KZ Sachsenhausen/Entlassungsvermerk).
  • BArch-SAPMO, DY 55/V 278/5/47 (VVN-Karteikarte).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/12, S. 123-127 (Verwaltungsnotizen, Karteikarten, KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 3/13, S. 8, 9 (Beschlagnahmungsprotokoll, Erklärung Heeses).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/2, S. 247, 248 (Brief zu Verfügungen der Ortspolizeibehörde Nauen, 22.8.1933).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/3, S. 182 (Überstellungsschreiben des Leiters des KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/5, S. 208 (Verwaltungsnotizen des KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/5/1, S. 384, 505 (Liste von zu entlassenden und im KZ Oranienburg zu verbleibenden Häftlingen, Staatspolizeistelle Potsdam, 29.3.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, Nr. 4/7, S. 69 (Zustellungsurkunde, KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 333, Nr. 1072, S. 120-123 (Aufnahmeantrag für die VVN, tabellarischer Lebenslauf).
  • BLHA, Rep. 401, VdN-2553 (VdN-Akte).
  • GStA PK, I. HA Rep. 84a Justizministerium, Nr. 52251 (Strafverfahrensakte wegen des Zusammenstoßes mit dem Stahlhelm-Mitglied Heinz Malchert, 1928-1930).
  • Interview mit Gertrud Stebe, Tochter von Otto Heese, Potsdam August 2003.
  • Baller, Kurt, Chronik der Gewerkschaftsbewegung in der Provinz und im Land Brandenburg 1945-1952, hrsg. vom Bezirksvorstand Potsdam des FDGB – Abteilung Agitation/Propaganda, Potsdam 1986, S. 18.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialdemokratisches Arbeitermilieu in Nauen, einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; 1905-1909: Lehre als Maurer; 1910-1945: Maurer, unterbrochen von Erwerbslosigkeit, Haft, Militärdienst; 1946/47: SED-Landtagsabgeordneter; 1945-1948: Hauptamtlicher FDGB-Funktionär

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Betriebsrat; 1926-1932: Erster Vorsitzender des ADGB in Nauen; 1929-1932: Zweiter Vorsitzendes des DBB in Nauen; 1932-33: RGO-Unterbezirksleiter

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919-1933: KPD-Mitglied und Nebenorganisationen wie RFB und RGO; 1928-1930: KPD-Ortsleiter Nauen; 1932/33: Politischer Leiter der KPD Nauen u.a.

Politische Mandate/Aktivitäten: 1924-1933: KPD-Stadtverordneter; 1946/47 SED-Abgeorneter im Brandenburgischen Landtag; 1946-1951: Stadtrat in Nauen u.a.

Widerstandsaktivitäten: 1933/34: Herstellung und Verbreitung illegaler kommunistischer Schriften, Übernahme von Aufgaben in der illegalen KPD Berlin-Brandenburg-Lausitz-Grenzmark

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 6. Mai 1933 - 17. Mai 1933: Polizeigefängnis Nauen; 17. Mai 1933 - 15. Juli 1933: KZ Börnicke; 15. Juli 1933 - 13. Juli 1934: KZ Oranienburg (einschließlich Zweigstelle Blumberg); 27. Oktober 1934 - Ende November 1934: Untersuchungshaft; 20. August 1944 - 9. September 1944: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945-1948: Vorsitzender des FDGB im Landkreis Osthavelland; div. Funktionen in der SED; 1949-1950: Zweiter VVN-Kreisvorsitzender Osthavelland u.a.

Erinnerungskultur/Ehrungen: Benennung einer Straße in Nauen

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