Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
8. Juni 1876 - 28. Januar 1954

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Heinrich Witt (rechts) an seinem 75. Geburtstag im Jahr 1951 zusammen mit seinem Sohn Erich.
Quelle: PA Klaus Witt, Brandenburg/Havel

Heinrich Witt (rechts) an seinem 75. Geburtstag im Jahr 1951 zusammen mit seinem Sohn Erich. Quelle: PA Klaus Witt, Brandenburg/Havel

Der gelernte Schlosser und Dreher Heinrich Witt wurde am 8. Juni 1876 in Stewken (Westpreußen) geboren. Nach seiner Lehre zog er nach Brandenburg/Havel, wo er ab 1914 dem DMV vorstand und ab 1918/19 auch andere Funktionen für die SPD und den ADGB besetzte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat er öffentlich gegen die NSBO und im Juni 1933 gegen die Zerschlagung der Gewerkschaften auf. Witt beteiligte sich ab 1934 an der Informationsweitergabe in einem Kontaktnetz illegaler DMV-Gruppen. Er wurde mehrfach verhaftet und war in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert. Heinrich Witt starb am 28. Januar 1954 in Berlin (West).

Von Stefan Heinz und Siegfried Mielke

Heinrich Witt wurde am 8. Juni 1876 in Stewken (bei Thorn/Westpreußen) geboren. Der Vater war Sozialdemokrat und arbeitete als Eisenbahnbeamter. Deshalb ist anzunehmen, dass sein Sohn Heinrich bereits in jungen Jahren in Kontakt mit der organisierten Arbeiterbewegung kam. Er besuchte sieben Jahre eine Volkschule. Anschließend erlernte er das Schlosser- und Dreherhandwerk. Nach der Lehrzeit ging Heinrich Witt auf Wanderschaft. Von 1898 bis 1900 leistete er Militärdienst beim 47. Infanterieregiment in Posen. Von dort zog er nach Brandenburg/Havel, wo ihm eine Anstellung als Dreher angeboten worden war und er am 15. Oktober 1900 in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) eintrat. Am gleichen Tag wurde er auch Mitglied der SPD. In dieser Zeit um 1900 muss Heinrich Witt seine spätere Ehefrau Minna Becker kennen gelernt haben. Am 22. November 1902 heiratete das Paar in einer evangelischen Kirche in Brandenburg/Havel. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, die 1903 (Walter), 1905 (Hans) und 1907 (Erich) zur Welt kamen. Zudem hatte Heinrich Witt einen außerehelichen Sohn namens Willi Becker. Er war bereits in der Militärzeit seines Vaters im Mai 1899 geboren worden und kam während des Ersten Weltkrieges (ca. 1916/17) ums Leben.

Da sich Heinrich Witt für die Interessen und Anliegen der Metallarbeiter in Brandenburg/Havel einsetzte, wählten ihn die DMV-Mitglieder im Frühjahr 1914 zum Geschäftsführer der Ortsverwaltung des freigewerkschaftlichen Verbandes. Die Ausübung dieses Amtes wurde bereits kurz darauf unterbrochen, als er am 6. August 1914 von der Reichswehr zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Über seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg ist nichts bekannt. Fest steht allerdings, dass Witt den gesamten Kriegsverlauf miterlebt haben muss, da er erst nach der Revolution am 6. Dezember 1918 als Soldat entlassen wurde. Unmittelbar nach seiner Rückkehr übte er erneut die Funktion des DMV-Geschäftsführers für die Stadt Brandenburg/Havel aus und übernahm den Vorsitz für den Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). 1927 wurde er außerdem zum Aufsichtsratsvorsitzenden der „Bauhütte“ gewählt. Sein Sohn Hans war ab 1926 in der örtlichen Jugendleitung des DMV tätig.

Heinrich Witt hatte sich in seiner Leitungsfunktion als DMV-Bevollmächtigter mit den wirtschaftlichen und politischen Wirren in den Anfangsjahren der Weimarer Republik auseinanderzusetzen. Oft war seine persönliche Kraft gefordert, um die Metaller vom Sinn der Gründung eines Betriebsrates zu überzeugen. Aber auch in der Phase relativer Stabilisierung blieb die Erinnerung an die Inflationsjahre bestehen und neue Probleme kündigten sich an, da die Arbeitslosenzahlen wieder langsam stiegen. Heinrich Witt erklärte in dieser Situation zu den zukünftigen Aufgaben des Verbandes: „Die Arbeiter müssen sich bewusst werden, dass sie der wichtigste Faktor im Wirtschaftsleben sind. Keiner kann heute mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen, was uns das Jahr 1927 bringen wird. Sicher muss es unser aller Pflicht sein, dass große Heer der Arbeitslosen durch Verweigerung von Überstunden wieder in den Produktionsprozess einzureihen. Auch in seelischer Beziehung muss ein Mensch zugrunde gehen, der monatelang, ja ein Jahr und darüber hinaus arbeitslos ist und von einem zum anderen Betrieb jagt, um Arbeit zu erhalten. Große Kämpfe werden in nächster Zeit nötig werden, um die erhöhten Lebenshaltungskosten durch erhöhten Verdienst wieder auszugleichen. Darüber hinaus muss es unsere Aufgabe sein, den grundsätzlichen achtstündigen Arbeitstag, der nur auf dem Papier steht, in die Praxis umzusetzen.“ (DMV Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1926, Brandenburg/Havel 1926, S. 21) Trotz umfangreicher Rationalisierungsmaßnahmen in der städtischen Metallindustrie konnte Witt Ende des Jahres 1927 auf eine positive Mitgliederentwicklung des Verbandes verweisen: „Erfreulich ist im verflossenen Jahre die starke Zunahme an Mitgliedern. Wurden am Schluss des Jahres 1926 3.942 Mitglieder [in Brandenburg/Havel] gezählt, so weist die Abrechnung für das letzte Quartal 1927 einen Mitgliederbestand von 5.112 aus. Wir haben also in einem Jahre, trotzdem die Belegschaft im Autobau um die Hälfte reduziert wurde und die noch Verbleibenden seit Anfang November nur 4 Tage pro Woche arbeiten, 1.170 Mitglieder gewonnen.“ (DMV Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1927, Brandenburg/Havel 1927, S. 3) An anderer Stelle des Berichtes erklärte Witt, der DMV werde als Vertretungsorgan der erwerbstätigen Konsumenten einen Vorteil durch billigere Preise und eine Teilhabe der Arbeiter am Mehrprofit der Fabrikanten fordern. Nur ein Jahr später bilanzierte Witt, der Verband habe aufgrund der in Brandenburg/Havel besonders spürbaren Rationalisierung im Jahr 1928 noch nie zuvor eine derart heftige Krise durchmachen müssen, da im Vergleich zu anderen Industrieorten überproportional hohe Unterstützungsleistungen an die von Kurzarbeit und Erwerbslosigkeit betroffenen Mitglieder gezahlt werden mussten. (DMV Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1928, Brandenburg/Havel 1928, S. 23 f.)

Ein weiteres Jahr später, Ende 1929, betonte Heinrich Witt, dass sich im Zuge der beginnenden Weltwirtschaftskrise die Angriffe des Kapitals gegen die Sozialpolitik und die freien Gewerkschaften richten würden: „Manch harter Kampf wird und muss, wie überall mit den Unternehmern, insbesondere mit den hiesigen, noch ausgefochten werden, um der Arbeiterschaft das Leben einigermaßen auch wirklich lebenswert zu gestalten. Die Massenarbeitslosigkeit ist auf die Dauer für die deutsche Wirtschaft untragbar. Die Rationalisierung hatte zum Ziel: Massenerzeugung zu billigsten Preisen bei möglichst völliger Ausnutzung der Betriebsanlagen. Beides ist bis jetzt nicht eingetreten. Die Arbeitslosigkeit ist nur zu überwinden, wenn die inländische Kaufkraft der Massen durch höhere Löhne gestärkt wird. Die von den Unternehmern so sehr propagierte Kapitalbildung durch Lohnsenkung und Drosselung der Sozialpolitik wird und kann niemals zu einer Genesung der deutschen Wirtschaft führen.“ (DMV Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1929, Brandenburg/Havel 1929, S. 18)

Die für den DMV charakteristischen Vorschläge zur Überwindung der Krise zeigten demnach einen ambivalenten Charakter. Einerseits wollten Verbandsvertreter wie Witt unter Wahrung der sozialen Absicherung der Arbeiter die Krise rasch überwinden, andererseits vermieden sie Forderungen nach grundlegenden strukturellen Eingriffen in die Freiheit der Unternehmer. Sie gingen von der Prämisse aus, die gegensätzlichen Interessen von Kapital und Arbeit ließen sich zumindest in gewissem Umfang auf einer gesamtwirtschaftlichen Ebene ausgleichen. Daraus resultierte die Überlegung, dass die Erhöhung der Massenkaufkraft, die für den einzelnen Unternehmer zunächst eine Erhöhung der Personalkosten bedeutete, durch die Steigerung der Nachfrage ausgeglichen werden könnte.

Im weiteren Verlauf der Entwicklung verringerten sich die Handlungsspielräume des DMV immer mehr – wegen vorausgegangener Niederlagen und als Reaktion der Lohnabhängigen auf die Zuspitzung der ökonomischen und politischen Situation. Dies ging auch am DMV-Ortsverband in Brandenburg/Havel nicht spurlos vorbei. Waren Ende 1931 noch 4.200 Mitglieder im freien Verband organisiert, so zählten die Funktionäre ein Jahr später lediglich 3.603 Beitragszahler. Von den (noch) organisierten Mitgliedern war ein erheblicher Teil erwerbslos. Ein Teil der Ausgetretenen war zur Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) übergewechselt. (DMV Brandenburg, Geschäftsbericht des Bezirks Brandenburg des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes für das Jahr 1932, Berlin 1932, S. 6)

Neben seiner hauptamtlichen DMV-Tätigkeit war Heinrich Witt vom 16. Oktober 1919 bis Anfang 1933 ehrenamtlicher Stadtrat des Magistrats von Brandenburg/Havel. Für dieses Gremium leitete er zeitweise die Verwaltungskommission des örtlichen Schlachthofes, dessen Entwicklung sein besonderes Interesse galt. So setzte sich Witt in den Jahren 1927/28 für die Kreditbeschaffung zur Realisierung von Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen ein. Zum damaligen Direktor des Schlachthofes, Heinrich Schrader, bestand ein enger Kontakt, aus dem eine tiefe Freundschaft hervorging. So ist überliefert, dass Witt bei einem Besuch in der Werkskantine dem Direktor versprach, er werde den Neubau eines betriebseigenen „Restaurants“ mit Finanzhilfen realisieren. Er löste das Versprechen bald ein. Nur wenig später konnten durch Witts Initiative auch Modernisierungen in den Rinder- und Schweinehallen sowie den Kühlräumen vorgenommen werden.

Im Jahr 1932 wurde Heinrich Witt für die SPD zum Abgeordneten des Preußischen Landtages gewählt. Jahrelang hatte er davor für die Partei auf kommunalpolitischer Ebene gewirkt. Auch seine Söhne Erich, Hans und Walter waren sozialdemokratisch orientiert. In dieser Zeit waren die Voraussetzungen für die Bewahrung der demokratischen Republik kaum mehr gegeben. Nun erlebte Heinrich Witt als SPD-Landtagsabgeordneter am 20. Juli 1932, wie Franz von Papen per Notverordnung die geschäftsführende preußische Regierung, die seit April 1932 keine parlamentarische Mehrheit mehr besaß, absetzte. Das wichtigste Hindernis auf dem Weg der Nationalsozialisten zur Macht war beseitigt worden. Wirksame Maßnahmen gegen den Staatsstreich wurden aufgrund der Zersplitterung der Arbeiterschaft und auch wegen der außerordentlich hohen Erwerbslosigkeit nicht durchgeführt. Nur wenige Monate zuvor war im Präsidentschaftswahlkampf die verhängnisvolle Situation eingetreten, dass die demokratischen Parteien, von denen sich der Reichpräsident Paul von Hindenburg de facto distanzierte, die Werbetrommel für den autoritären Generalfeldmarschall rührten. Zentrum und SPD unterstützten Hindenburg, weil sie glaubten, nur er habe genügend Sympathien, um eine Präsidentschaft Hitlers zu verhindern. Hitler erreichte schließlich bei der Stichwahl am 10. April 1932 mit 13,4 Millionen Stimmen das zweitbeste Ergebnis gegenüber Hindenburg, der 19,4 Millionen Stimmen auf seine Person vereinte. In diesem Moment waren die bisherigen Voraussetzungen einer sozialdemokratischen Tolerierung der „Notverordnungspolitik“ verschwunden, weil nun die NSDAP zur potentiellen Regierungspartei wurde und sowohl die SPD als auch die freien Gewerkschaften mehr und mehr Einfluss verloren. Da auch hinter der Reichsregierung unter Franz von Papen nur noch die DNVP und der rechtsextreme „Stahlhelm“ standen, war der Reichskanzler auf die Verbreiterung seiner parlamentarischen Basis angewiesen. Um von der NSDAP die Tolerierung seines Kabinetts zu erreichen, hob Papen am 14. Juni 1932 das nur wenige Monate zuvor erlassene Verbot der SA und SS auf. Die politischen Auseinandersetzungen auf der Straße verschärften sich darauf.

Bei einer öffentlichen Rede Hitlers in Brandenburg/Havel Ende Juli 1932, zu der nach SPD-Angaben rund 8.000 Brandenburger Nationalsozialisten und ca. 7.000 auswärtige Besucher erschienen, kam es zu gewalttätigen Übergriffen auf Sozialdemokraten und Kommunisten. Die in Brandenburg gewählten SPD-Abgeordneten des Reichs- und Landtages sahen sich zum Protest veranlasst. In einem Telegramm an Papen erklärte Heinrich Witt: „Bei gestriger Kundgebung hat Leibwache Hitlers beim Passieren der Stadt aus fahrendem Begleitauto wiederholt Straßenpassanten ohne Grund und ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter mit Hundepeitschen misshandelt. Fortgesetzt einlaufen Meldungen über Steinbombardements fremder SA auf Arbeiterwohnungen, aus denen teilweise Freiheitsfahnen gewaltsam entfernt wurden. Mehrheit der Brandenburger Bevölkerung, die Staatstreue bei der Hindenburgwahl bekundete, protestiert mit Empörung gegen diese Schande und fordert energisch Sicherung ihrer staatsbürgerlichen Freiheit.“ (Protest unserer Abgeordneten, in: Brandenburger Zeitung, 28.07.1932)

Heinrich Witt musste als Mitglied seiner entmachteten Fraktion mit ansehen, wie im Dezember 1932 General Kurt von Schleicher Kanzler wurde und der zur Verhinderung einer Regierungsbeteiligung der NSDAP nur die Möglichkeit eines Staatstreiches sah. Das lehnte Reichspräsident Hindenburg ab und ernannte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler. Der Machtergreifung folgte eine Welle offenen Terrors gegen politische Gegner. Heinrich Witt schrieb später, er habe sich in der Zeit 1932/33 gegen die Nazis zur Wehr gesetzt und die Antwort dafür seien Gewalt und schließlich seine Verhaftung gewesen. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11059) Bedrückend empfand Heinrich Witt, als am 2. Mai 1933 im gesamten Deutschen Reich die Gewerkschaftshäuser von der SA besetzt wurden. Die Zerschlagung der Gewerkschaften wurde durch die Anpassungspolitik der Leitungsgremien der freien Gewerkschaften erleichtert. Es wurden deshalb sogar Besprechungen mit der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) geführt. Daneben gab es jedoch erheblichen Widerstand mittlerer und unterer Gewerkschaftsfunktionäre.

Bereits am 15. Februar 1933 war Heinrich Witt im Zuge dieser Geschehnisse verhaftet worden, weil er die Metaller von Brandenburg/Havel in einem Flugblatt vor den Gefahren der Nationalsozialisten gewarnt und die NSBO als „arbeitgeberfreundliche“ Organisation dargestellt hatte. Aus der knapp einmonatigen Haft war er am 25. März 1933 entlassen worden. Offenbar nahmen die Nationalsozialisten an, dass Witt sich nach den Einschüchterungsversuchen mit kritischen Äußerungen zur Politik der neuen Machthaber zurückhalten werde. Unmittelbar nach dem vorläufigen Höhepunkt der Unterdrückungsmaßnahmen gegen die organisierte Arbeiterschaft am 2. Mai 1933 wurde Witt von seinen Gewerkschaftsfunktionen entbunden und „im Gegensatz zu meinen beiden anderen Bürokollegen“ fristlos entlassen. (Ebd.)

Die Aufhebung der Tarifautonomie empfand Heinrich Witt als Skandal, das Verbot seiner Partei erlebte er wieder in Haft. Denn die NSBO hatte am 1. Juni 1933 die bisher im DMV organisierten Metallarbeiter zu einer Versammlung geladen, bei der Witt gegen die Zerschlagung der Gewerkschaften protestierte. In einem Bericht der Brandenburger Polizeiverwaltung an die Gestapo wurde über Witts widerständiges Verhalten berichtet: „Am 1.6.33 fand hier im Volkshaus eine Versammlung des Metallarbeiterverbandes statt, die von etwa 600 Teilnehmern besucht war. Die Versammlung wurde von dem II. Vorsitzenden des Verbandes – Michael Neff – geleitet. Als Beauftragter der N.S.B.O. war der Kaufmann Georg Schuknecht zugegen. Im Verlauf der Aussprache ergriff der frühere Gewerkschaftsführer des Verbandes – Heinrich Witt – das Wort und kritisierte in scharfer Weise die von der N.S.B.O. infolge der Gleichschaltung getroffenen Maßnahmen. Insbesondere wies er darauf hin, dass kaum ein klassenbewusster Arbeiter das von der N.S.D.A.P. übernommene Volkshaus betreten würde, solange auf demselben die Hakenkreuzfahne wehe. […] Die Ausführungen des Witt wurden von den Versammlungsteilnehmern mit großem Beifall aufgenommen und teilweise durch lebhafte Zwischenrufe ergänzt. Wegen seiner scharfen und gehässigen Redewendungen wurde Witt anschließend in polizeiliche Schutzhaft genommen. Gleichzeitig wurde der II. Bevollmächtigte des Verbandes – Neff – der es als Versammlungsleiter nicht für notwendig gehalten hatte, gegen die Ausführungen des Witt und gegen die aufreizenden Zwischenrufe der einzelnen Versammlungsteilnehmer einzuschreiten, von dem Kreisbetriebszellenleiter Baruth seines Amtes enthoben. Gegen Witt […] ist bei der Staatsanwaltschaft in Potsdam ein Verfahren eingeleitet worden. Zu irgendwelchen Tätlichkeiten ist es anlässlich der Versammlung nicht gekommen. Vielmehr gelang es der herbeigerufenen Polizei, die Ruhe und Ordnung umgehend wiederherzustellen.“ (Bericht betr. Vfg. des Herrn Regierungspräsidenten in Potsdam vom 12. Juni 1933 – I Pol. g. 2927, Brandenburg/Havel, 29. Juni 1933, BLHA, Rep. 2 A, I Pol Nr. 1183, Bl. 84)

Heinrich Witt wurde noch am 1. Juni 1933 in das frühe Konzentrationslager Oranienburg verschleppt. Bereits Ende März 1933 hatte die örtliche SA-Standarte 208 das erste Konzentrationslager in Preußen errichtet, das in einer stillgelegten Brauerei mitten im Oranienburger Stadtgebiet untergebracht war. Die Häftlinge waren wie Witt größtenteils politische Gegner des Nationalsozialismus und wurden von der SA bewacht, verhört und misshandelt. Heinrich Witt musste die entwürdigenden Haftbedingungen mehrere Monate über sich ergehen lassen. Für die Nationalsozialisten galten „unbelehrbare“ Gewerkschafter wie er als unkalkulierbares Risiko schlechthin. Anfang September 1933 sahen sich die Behörden der Stadt Brandenburg/Havel nochmals veranlasst, sein „staatsgefährdendes“ Denken in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten in Potsdam herauszustellen, da es einer Haftentlassung im Wege stünde: Der „frühere Gewerkschaftsführer, Heinrich Witt, geb. am 8.8.76 [sic!] zu Stewken, hier Neust. Heidestraße 70 wohnhaft“ und andere ehemaligen SPD-Funktionäre der Stadt hätten eine „hasserfüllte Gegnerschaft gegen die N.S.D.A.P bzw. den nationalsozialistischen Staat an den Tag gelegt. Im Hinblick auf ihre frühere politische Tätigkeit steht zu befürchten, dass sie sich erneut im staatsfeindlichen Sinne betätigen. Aus diesem Grunde bitte ich, von einer Haftentlassung vorläufig Abstand zu nehmen.“ (In Schutzhaft befindliche Mitglieder der SPD, Schreiben des Oberbürgermeisters als Ortspolizeibehörde, Brandenburg/Havel, 1. September 1933, BLHA, Rep. 2 A, I Pol Nr. 1183, Bl. 436) Wenige Tage später, am 7. September 1933, überführte die Gestapo den Gewerkschafter Heinrich Witt von Oranienburg aus in das Konzentrationslager Sonnenburg, wo er am 25. Januar 1934 aus der Haft entlassen wurde.

Obwohl Heinrich Witt unter polizeilicher Überwachung stand, nahm er im Juni 1934 die Verbindung zu den in der Vergangenheit hochrangigen Gewerkschaftsfunktionären Max Urich, Carl Vollmerhaus und Otto Eichler auf. Gemeinsam mit ehemaligen DMV-Funktionären bemühte sich vor allem Max Urich, ein Verbindungsnetz zu regimekritischen Kollegen aufzubauen, die Kontakte in Berliner Metallbetriebe, aber auch in andere Teile des Reichsgebietes unterhielten. (LE, Entschädigungsakte Max Urich, Nr. 24312) Unter den aktiven Mitstreitern in der illegalen Gewerkschaftsstruktur war auch Heinrich Witt: „Bis zur Verhaftung Urichs trafen wir uns in einem Lokal in der Mittelstraße, das dem früheren Vorsitzenden der Hotel- und Gaststättenangestellten gehörte.“ (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11059) Der ehemalige Berliner DMV-Bevollmächtigte Urich war im Januar 1935 festgenommen worden und erst Anfang Mai 1939 entließ man ihn aus dem Konzentrationslager Buchenwald.

Über die Widerstandstätigkeit von Heinrich Witt nach 1935 ist nicht viel Konkretes bekannt. Dies liegt auch daran, dass Witt einen sehr engen Widerstandsbegriff für sich in Anspruch nahm, wonach er eigene Tätigkeiten und selbst das Auftreten im Brandenburger Volkshaus nicht als „echten Widerstand“ gewertet wissen wollte. Trotzdem bestätigten Funktionäre der „Illegalen Reichsleitung der Gewerkschaften“ – darunter deren Spitzenfunktionär Hermann Schlimme – dass sich Witt „als Antifaschist […] während des Hitlerregimes aktiv in der Gewerkschaftsarbeit illegal gegen das Regime betätigt hat. Er hat mit uns in engster Zusammenarbeit alles getan, um nicht nur in den Kollegenkreisen, sondern auch in der Bevölkerung für Aufklärung zu sorgen.“ (Bescheinigung der IG Metall des FDGB, 08.10.1947, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11059)

Offenbar waren die Jahre nach Heinrich Witts Haftentlassung auch in privater Hinsicht für ihn nicht leicht. Er lebte inzwischen in Berlin. Seine drei Söhne hatten den Kontakt zu ihm abgebrochen, weil sie die Trennung des Vaters von ihrer Mutter Minna Witt Ende des Jahres 1932 missbilligten. Hans und Walter Witt haben nie wieder mit ihrem Vater ein Wort gewechselt, während der jüngste Sohn (Erich Witt) kurt nach einem Lazarettaufenthalt Ende 1944 den Vater erstmals wieder in Berlin besuchte. Dass keine bzw. eine recht späte Annäherung erfolgte, liegt möglicherweise auch darin begründet, dass die Söhne Angst hatten, für das politische Verhalten ihres Vaters mitverantwortlich gemacht zu werden. Schließlich war der jüngste Sohn Erich im Frühjahr 1933 aus seiner Tätigkeit bei der Stadtverwaltung entlassen worden. Die Entlassung erfolgte, weil er selbst Freigewerkschafter war, aber wohl auch aus dem Grund, da ihm sein Familienverhältnis zu dem Vater als Kriterium von Unzuverlässigkeit ausgelegt wurde. Anschließend musste Erich Witt in einem Rüstungsbetrieb als ungelernter Metallarbeiter einer Beschäftigung nachgehen, bis ihn die Wehrmacht 1942 zum Kriegsdienst einzog. Sein älterer Bruder (Walter Witt) arbeitete in dieser Zeit bei den Brandenburger „Opel-Werken“. Der andere Bruder, Hans Witt übte eine Tätigkeit in den Dessauer „Junkers-Werken“ aus.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 setzten nur wenige Tage später Verhaftungsmaßnahmen gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus ein. Die Festnahmewelle erfolgte anhand von Listen, die die Gestapo schon in der Vorkriegszeit zusammengestellt hatte. Reichsweit wurden Tausende Menschen in Haft genommen. Von den Maßnahmen im Rahmen dieser „Aktion Gewitter“ war auch Heinrich Witt betroffen. Am 23. Juli 1944 wurde er festgenommen und in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert. Hier waren insgesamt mehr als 800 Häftlinge der „Aktion Gitter“ inhaftiert. Oftmals handelte es sich um ältere und teils auch kranke Menschen, die in der Weimarer Republik im Reichstag beziehungsweise wie Witt im Landtag oder auf regionaler Ebene politisch tätig gewesen waren. Ihre Inhaftierung führte nicht nur zu Klagen von Angehörigen und Betrieben, sondern stieß auch in Teilen der Bevölkerung auf Unverständnis. Aus diesem Grund wurden die meisten Häftlinge nach einer Überprüfung wenige Wochen später wieder entlassen. So ging es auch Heinrich Witt (Häftlingsnummer: 093362), der am 15. September 1944 das Konzentrationslager wieder verlassen konnte. Über sein Leben nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ist kaum etwas bekannt. Er lebte in Berlin-Tempelhof (Wittekindstraße 72) und ging 1947 in Rente. Heinrich Witt starb am 28. Januar 1954 in Berlin.

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Quellen:

  • AS, NL 17/1, S. 10 ff. und 82 ff. (Trauselt, Max: Lebenslauf und Erinnerungsbericht zu meiner Verhaftung am 27. März 1933 bis zum 27. Juni 1933).
  • AS, D 1 A/1044, Bl. 16 (Anweisung der Politischen Abteilung im KZ Sachsenhausen, 14. September 1944).
  • AS, D 30 A/10/1 A, Bl. 187 f. (Liste der anerkannten „OdF“ Sachsenhausen, Entstehungszeit: 1947).
  • BLHA, Rep. 35 G KZ Oranienburg, Nr. 4/4, Bl. 284; Nr. 4/6, Bl. 91, 473; Nr. 4/8/2, Bl. 664 (Unterlagen zur Inhaftierung im KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol Nr. 1183, Bl. 84 (Bericht betr. Vfg. des Herrn Regierungspräsidenten in Potsdam vom 12. Juni 1933 – I Pol. g. 2927, Brandenburg/Havel, 29. Juni 1933).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol Nr. 1183, Bl. 436 (In Schutzhaft befindliche Mitglieder der SPD, Schreiben des Oberbürgermeisters als Ortspolizeibehörde, Brandenburg/Havel, 1. September 1933).
  • BLHA, Rep. 35 H KZ Sachsenhausen, Nr. 10/1, Bl. 212 (Unterlagen zur Inhaftierung im KZ Sachsenhausen, Liste der OdF-Bezirksstelle Berlin-Tempelhof).
  • Stadtarchiv Brandenburg/Havel, Sitzungsberichte der Stadtverordnetenversammlung von 1920 bis 1933.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 11059 (VdN-Akte Heinrich Witt).
  • LE, Entschädigungsakte, Nr. 24312 (Versorgungsakte Max Urich).
  • Altenschmidt, Gerhard, Unser Schlachthof war 100 Jahre alt. Gedanken zum Schlachthof Brandenburg an der Havel 1890-1990, Manuskript, Stadtarchiv Brandenburg/Havel 1994, Kapitel Persönlichkeiten.
  • Antifaschistischer Widerstandskampf in der Provinz Brandenburg 1933-1939, Ausgewählte Dokumente und Materialien zum antifaschistischen Widerstandskampf unter Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands, Teil I, hrsg. von der Bezirksleitung der SED Potsdam – Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung, Potsdam 1978, S. 224 f., 256 f.
  • Brandenburger Anzeiger, 10. Februar 1927.
  • Brandenburger Zeitung, 28. Juli 1932.
  • Brandes, Heino/Brockmeyer, Hans/Geßner, Dorothee, Antifaschistischer Widerstandskampf in der Provinz Brandenburg. Biographisches/Bibliographisches, hrsg. vom Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR – Bezirkskomitee Potsdam, Potsdam 1982, S. 192.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1924, Brandenburg/Havel 1924, S. 21 f., 23.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1926, Brandenburg/Havel 1926, S. 17, 21.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1927, Brandenburg/Havel 1927, S. 3, 26.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1928, Brandenburg/Havel 1928, S. 23 f.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Brandenburg/Havel, Geschäfts-Bericht für das Jahr 1929, Brandenburg/Havel 1929, S. 18.
  • Deutscher Metallarbeiter-Verband Brandenburg, Geschäftsbericht des Bezirks Brandenburg des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes für das Jahr 1932, Berlin 1932, S. 6.
  • Groß, Arnd, Witt, Heinrich, in: Mielke, Siegfried (Hrsg.), Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen. Biographisches Handbuch, Berlin 2002, S. 299.
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 226.
  • Schumacher, Martin, M.d.L. Das Ende der Parlamente 1933 und die Abgeordneten der Landtage und Bürgerschaften der Weimarer Republik. Politische Verfolgung und Ausbürgerung 1933-1945. Ein biographischer Index, Düsseldorf 1994, S. 176 (Nr. 1420).
  • Schröder, Wilhelm Heinz, Sozialdemokratische Parlamentarier in den deutschen Reichs- und Landtagen 1876-1933, Düsseldorf 1994, S. 806.
  • Verwaltungsbericht der Stadt Brandenburg/Havel für das Jahr 1927, hrsg. vom Magistrat der Stadt Brandenburg/Havel, S. 7.
  • Verwaltungsbericht der Stadt Brandenburg/Havel für das Jahr 1928/29, hrsg. vom Magistrat der Stadt Brandenburg/Havel, S. 29.
  • Korrespondenz und Unterlagen wie Trau- und Todesschein, Versicherungskarten usw. aus dem Privatarchiv von Klaus Witt, Enkel von Heinrich Witt und Sohn von Erich Witt, Brandenburg/Havel.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Brandenburg/Havel

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; Ausbildung zum Schlosser und Dreher; Angestellter beim DMV; Landtagsabgeordneter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1900-1933: DMV-Mitglied; 1914-1933: DMV-Geschäftsführer und Erster Bevollmächtigter des DMV in Brandenburg/Havel; 1918-1933: Vorsitzender des ADGB-Ortsausschusses Brandenburg/Havel

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1900-1933: SPD-Mitglied und -Funktionär in Brandenburg/Havel

Politische Mandate/Aktivitäten: 1919-1933: Stadtrat des Magistrats in Brandenburg/Havel; 1932: SPD-Abgeordneter des Preußischen Landtages

Widerstandsaktivitäten: 1933: Öffentliche Auftritte gegen die NSBO und die Zerschlagung der freien Gewerkschaften; 1934-?: Betätigung in illegalen freigewerkschaftlichen Gruppen

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Februar - 25. März 1933: Polizeihaft; 1. Juni 1933 - 7. September 1933: KZ Oranienburg; 7. September 1933 - 25. Januar 1934: KZ Sonnenburg; 23. Juli 1944 - 15. September 1944: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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