Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. April 1911 - 16. Juli 2000

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Hans Burkhardt Quelle: GDW

Hans Burkhardt Quelle: GDW

Der gelernte Feinmechaniker Hans Burkhardt wurde am 18. April 1911 geboren. Als am linken Rand der SPD orientierter Jugendfunktionär des DMV näherte er sich zum Ende der Weimarer Republik den Kommunisten an. Im Widerstand betätigte sich Burkhardt für den illegalen EVMB. 1934 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach 1945 war Burkhardt Mitglied der SED und arbeitete zeitweise als Diplomat in Bulgarien. Am 16. Juli 2000 verstarb er in Berlin.

Von Stefan Heinz

Hans Burkhardt wurde am 18. April 1911 als Sohn des Schmiedes Heinrich Burkhardt und seiner Ehefrau Emma, geborene Gruhlke, in Berlin-Wedding geboren. Er besuchte die achtklassige Volksschule und erlernte anschließend den Feinmechanikerberuf. Die fachliche und theoretische Ausbildung erfolgte von 1925 bis 1929 in der AEG-Werkschule im Stadtteil Reinickendorf. In dieser Zeit kam Burkhardt in Kontakt mit den politischen Organisationen der Arbeiterbewegung. Zunächst war er Mitglied eines Arbeitersportbundes. Im November 1926 trat er in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) und den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) ein. Relativ schnell gelang Burkhardt der Aufstieg in die Jugendkommission des DMV. Zudem war er Jugendbezirksleiter des freigewerkschaftlichen Verbandes.

In den Jahren 1927/28 war er außerdem Gruppenleiter der SAJ für das Gebiet rings um den Weddinger Brunnenplatz. Kurz darauf übernahm er zwei Jahre lang die Funktion des „SAJ-Werbebezirksleiters“ in Wedding, wo er in der Pankstraße 77 wohnte. Da Burkhardt 1930 das entsprechende Alter erreicht hatte, trat er zusätzlich zur SPD über und war von 1930 bis 1932 Führungsmitglied des SAJ-Bezirksvorstandes. Burkhardt gehörte zum linken Flügel der sozialdemokratischen Organisationen. So machte er sich trotz mancher Vorbehalte für eine Bündnispolitik mit dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) stark. Zudem suchte er mit den Jungkommunisten die Diskussion und hielt einen engen Kontakt zu KJVD-Funktionären wie Franz Fischer und Wilhelm Kumbier. Doch das Gros der linken Berliner SAJ hielt die KPD und ihren Jugendverband für wenig attraktiv, weil zahlreiche Kommunisten damals davon ausgingen, ihr „Hauptfeind“ sei die Sozialdemokratie. In Burkhardts Augen nahm die SPD jedoch eine zu defensive Rolle in Arbeitskämpfen und bei der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten ein. Auch der Umgang seiner Partei mit Kommunisten und gegenseitig zur Schau getragene Abgrenzungsrituale standen seines Erachtens einer Einheitsfront gegen die Nationalsozialisten im Wege.

Wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ legte Burkhard im August 1932 seine Funktionen in der SAJ nieder. Gleichwohl blieb er Mitglied der SPD. Es erschien ihm sinnvoll, trotz des Streits mit seinen Parteikollegen nicht aus der Organisation auszuscheiden, sondern dort im Sinne der Arbeitereinheit mit den Kommunisten weiterzuwirken. Weil Burkhardt als linker sozialdemokratischer Gewerkschafter in den AEG-Werken einen hohen Bekanntheitsgrad hatte, waren – wie er selbst später erklärte – auch seine Freunde vom KJVD der Meinung, er solle als linker SPDler für das Konzept der „Antifaschistischen Aktionseinheit“ im Sinne kommunistischer Zielsetzungen wirken. Dies wollte er in den AEG-Werken tun, aus denen Kommunisten aufgrund ihrer politischen Betätigung ab Ende 1930 verstärkt entlassen worden waren. Nach Abschluss der Lehrzeit hatte Burkhardt im elektronischen Uhrenbau der AEG-Zählerfabrik (Ackerstraße) gearbeitet. Im Jahr 1932 wechselte er zur Abteilung Radiobau der AEG-Apparatefabrik (Berlin-Treptow), wo er als Mechaniker und Einrichter beschäftigt war. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme trat Burkhardt Ende Februar 1933 dem kurz zuvor verbotenen KJVD bei. Nach eigenen Angaben erschienen die Jungkommunisten ihm nun im Vergleich zur SPD als konsequentere Kämpfer gegen den Nationalsozialismus. Die schon längere Zeit bestehenden Kontakte müssen den Ausschlag gegeben haben, sich nun einer kommunistischen Vereinigung anzuschließen. Das Aufnahmegespräch führte Max Spangenberg, ein Feinmechaniker wie Burkhardt, der jahrelang kommunistischer Jugendfunktionär war, und nun als „Organisationsleiter“ für den illegalen KJVD in Berlin zuständig war.

Da der verbotene Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) intensive Kontakte zu Mitgliedern des KJVD pflegte, kam Burkhardt in Verbindung mit August Bolte, einer der Führungspersonen des „roten Verbandes“. Bolte übertrug ihm die Aufgabe, illegale EVMB-Jugendsektionen zu schaffen. Aufgrund seiner früheren DMV-Funktionen und zahlreicher Kontakte in die AEG schien Burkhardt der richtige Mann für diese Aufgabe zu sein. Er agitierte in verschiedenen Betrieben für den EVMB. Außerdem arbeitete er an einer Jugendzeitung für den Verband, die illegal verteilt werden sollte. Doch die Fertigstellung der ersten Ausgabe in einer größeren Auflage konnte nicht mehr realisiert werden.

Die Gestapo nahm Burkhardt am 11. Dezember 1933 fest, als dieser zu einer politischen Besprechung mit Wilhelm Bielefeld in dessen Wohnung (Adolfstraße 26) zusammenkam und die Verfolgerbehörde, die eigentlich nur auf der Suche nach Bielefeld war, schließlich beide überraschte. Burkhardt musste wie Bielefeld zunächst im „Hausgefängnis“ der Gestapo Verhöre über sich ergehen lassen. Unter Druck und Gewalt gab er an, sich ausschließlich für die SPD illegal betätigt zu haben. Er versuchte mit einer erfundenen Geschichte vom Verdacht abzulenken, dass er in die Organisation des EVMB eingebunden sei: „Er ist geständig, sich seit September 1933 illegal betätigt zu haben. Er gibt folgendes an: Ende August 1933 habe ein ihm unbekannter 26jähriger junger Mann in seiner Wohnung aufgesucht und ihn im Hinblick auf seine frühere Zugehörigkeit zur SAJ und SPD zu überreden versucht, für die illegale Bewegung weiterzuarbeiten. Da er dieses Ansinnen zunächst abgelehnt habe, sei der Betreffende wiederholt bei ihm erschienen und habe solange auf ihn eingeredet, bis er sich zu einer aktiven Mitarbeit bereit erklärt habe. Dieser Mann, den er mit ‚Otto’ anreden sollte, habe ihm dann bis Mitte Oktober 1933 illegales Material in seine Wohnung gebracht, welches er gelesen und verabredungsgemäß wieder zurückgegeben habe. […] Im Dezember 1933 habe er mit ‚Otto’ zwei Treffs gehabt und zwar am 10. Dezember 1933 um 15 Uhr an der Ecke Amrumer- Seestraße, wo er 5 Bände marxistische Bücher zur Aufbewahrung erhielt und am 11. Dezember – dem Tage seiner Festnahme – um 17 Uhr am Bahnhof Wedding […]“ (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 15018)

Nach seiner Inhaftierung in den Konzentrationslagern Columbia-Haus (12. Dezember bis 5. Januar 1934) und Oranienburg (5. bis 19. Januar 1934) sowie der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit, die bis zum 26. Juni 1934 andauerte, verurteilte das Berliner Kammergericht den linken Gewerkschafter Hans Burkhardt zu zwei Jahren Gefängnishaft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Da seine eigentliche politische Arbeit und die Funktion als Beauftragter für die Jugendarbeit im EVMB während des Prozesses im Dunkeln blieben, fiel das Strafmaß niedriger als bei den höheren Funktionären des illegalen Verbandes aus. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Burkhardt mit dem bei ihm beschlagnahmten Brief mit der Aufschrift „Der junge Metallarbeiter 50 Stück“ und dem Manuskript „Passivität oder Kampf?“ auf dem Weg zu einem illegalen Treffen gewesen sei. In Bezug auf seine Ausführungen, der illegalen Arbeit für den EVMB wäre er eher widerwillig nachgegangen, kam das Gericht zu folgendem Schluss: „Soweit er im Sinne der KPD tätig geworden sei, sei dies nur mehr zu seiner Unterrichtung und mit einiger innerer Ablehnung geschehen. Das Gericht hat diesen Angaben des Angeklagten keinen Glauben geschenkt. Es unterliegt vielmehr keinem Zweifel, dass sich der politisch geschulte Angeklagte der Tragweite seines Tuns durchaus bewusst gewesen ist.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Unter Anrechnung der Untersuchungshaft musste Hans Burkhardt die zweijährige Haftstrafe bis Dezember 1935 im Gefängnis Tegel verbüßen. In der Haftzeit wurde er verpflichtet, Akten zu sortieren, Telefonapparate zu demontieren oder Säcke zu nähen. Nach der Entlassung fand Burkhardt bei der US-amerikanischen Firma Powers GmbH wieder eine neue Erwerbstätigkeit. Hier arbeitete er bis 1943 als Versuchsmechaniker und Außenmonteur. Auch wenn das Leben in der Diktatur für den politisierten Gewerkschafter nicht einfach war, gab es freudige Erlebnisse. Am 24. Dezember 1937 heiratete ihn die gut zwei Jahre jüngere Anneliese Lottmann. Im November 1941 brachte seine Ehefrau die gemeinsame Tochter Gudrun auf die Welt. Aufgrund polizeilicher Überwachungsmaßnahmen konnte Burkhardt nur noch losen Kontakt zu seinen alten Mitstreitern aufnehmen. So kam er nach eigenen Angaben nicht dazu, sich wieder „aktiv“ am Widerstand beteiligen zu können. Um seine fachlichen Kenntnisse zu erweitern, erwarb er sich in Abendlehrgängen die mittlere Reife. Dieser Schulabschluss war Voraussetzung für sein Studium an der Ingenieursschule Beuth von 1939 bis 1943. „Meine Absicht, die Tagesschule zu besuchen, wurde durch Nichtfreigabe von Seiten der Firma verhindert, so dass ich gezwungen war, den Abendlehrgang für Fachschulingenieure (Maschinenbau) zu belegen.“ (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 16846) Im Laufe des Studiums wurde dieser Lehrgang in eine „Technikerklasse“ umgewandelt. Doch Burkhardt musste sein Studium vorerst abbrechen.

Trotz der im Jahre 1939 erfolgten Ausschließung aus der Wehrmacht wurde er am 7. Juni 1943 zur Strafdivision „999“ einberufen. Nach kurzer Ausbildungszeit auf dem Truppenübungsplatz Heuberg in Baden kam Burkhardt zum „Achten Bataillon 999“, das die Heeresleitung als Besatzungstruppe auf die griechische Insel Korfu verlegte. Nach einer zweimonatigen Abkommandierung zur „104. Jägerdivision“ in Nordgriechenland und Südalbanien trat die Einheit im Oktober 1944 über Jugoslawien den Rückzug an. Im März 1945 wurden die Soldaten am südlichsten Stützpunkt der deutschen Balkanfront auf der kroatischen Insel Pag eingesetzt.

Trotz des Befehls, die besetzte Insel bis zum letzten Soldaten zu verteidigen, kapitulierte das Bataillon am 5. April 1945 und ergab sich den Partisanenverbänden. Burkhardt kam in Kriegsgefangenschaft und wurde ab Oktober 1945 für ein Jahr Vorsitzender des „Antifaschistischen Ausschusses“ im „Lager 138“ (Bakar). Anschließend war er bis Januar 1948 im Auftrag des kroatischen Innenministeriums „Politischer Instrukteur für Dalmatien“ und danach in Slowenien mit dem gleichen Amt betraut. „Im April 1948 erfolgte meine Abberufung nach Belgrad, um nach Rücksprache mit dem Genossen Adolf Ische ein Vertragsverhältnis mit dem jugoslawischen Gewerkschaftsbund als Hauptinstrukteur für die deutschen Facharbeiter und Mitarbeiter an der Zeitung ‚Der Schaffende’ einzugehen. Am 17. Oktober 1949 wurde dieses Vertragsverhältnis von Seiten der jugoslawischen Gewerkschaften gelöst.“, erklärte Burkhardt später. (Ebd.) Die Entlassung erfolgte während der international beachteten Auseinandersetzungen um den Ausschluss Jugoslawiens aus dem „Kominform“. Das „Kommunistische Informationsbüro“ hatte unter dem Druck Stalins die Forderung Jugoslawiens nach einem eigenen Weg zum Sozialismus scharf kritisiert, worauf die Zusammenarbeit zwischen dem Ostblock und der Republik eingestellt wurde.

Die jugoslawische Regierung verwies Burkhardt Ende 1949 außer Landes. Sein Weg führte ihn zurück nach Berlin (Ost), wo er in Technik-Planungskommissionen und dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter des „Referates Bulgarien“ bei der „Staatlichen Plankommission“ angestellt war. 1952 kam sein Sohn Peter auf die Welt. Gemeinsam mit seiner Frau Anneliese verbrachte Hans Burkhardt mehrere Jahre als Diplomat der DDR in Bulgarien. Später wohnte er mit ihr im Berliner Bezirk Pankow. Hans Burkhardt starb am 16. Juli 2000 in Berlin-Weißensee.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch Hausgefängnis der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 308; Nr. 3/2, Bl. 30 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • BStU, MfS P 1476/58; MfS AGMS 5552/75 (Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 16846 (OdF-Akte).
  • Burkhardt, Hans/Erxleben, Günter/Nettball, Kurt, Die mit dem blauen Schein. Über den antifaschistischen Widerstand in den 999er Formationen der faschistischen Wehrmacht (1942 bis 1945), Berlin (Ost) 1982.
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 216.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1992, S. 111.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee, Berlin 2000, S. 30 f.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 133.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 151.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; 1925-1929: Feinmechanikerlehre; später tätig als Elektriker und Monteur; Studium; nach 1945: tätig als wissenschaftlicher Fachreferent

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1926-1933: DMV-Mitglied; 1927-1933: DMV-Jugendfunktionär; 1933: illegaler EVMB-Jugendleiter

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1926-1933: SAJ-Mitglied; 1927-1932: SAJ-Funktionär; 1930-1933: SPD-Mitglied

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933: illegale Betätigung für den EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 11. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefägnis; 12. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934; Juni 1934 - Ende Dezember 1935: Strafgefängnis Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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