Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. Dezember 1903 - ?

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Johnnie Hagge wurde am 12. Dezember 1903 geboren. In seinem gelernten Beruf als Schlachter arbeitete er jedoch nie. Stattdessen übte er zahlreiche angelernte Tätigkeiten aus – unter anderem in der Berliner Metallindustrie. Hier kam er in Kontakt mit kommunistischen Arbeitern und trat 1930 dem EVMB und 1931 der KPD bei. Für den EVMB betätigte er sich im Widerstand. Er wurde – wie viele andere Mitglieder des illegalen EVMB auch – im KZ Oranienburg inhaftiert. Allerdings wurde er vom Tatvorwurf, sich eines “hochverräterischen Vergehens” schuldig gemacht zu haben, freigesprochen.

Von Stefan Heinz

Johnnie Hagge wurde am 12. Dezember 1903 als Sohn des gleichnamigen Schuhmachers und dessen Ehefrau Caroline in Berlin geboren. Sein Vater war Mitglied der SPD. Vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr besuchte Hagge die Volksschule. Nach seiner Schulentlassung im Jahre 1918 erlernte er das Schlachterhandwerk. Da ihm der Beruf jedoch wenig Freude bereitete, wurde er Seemann. Von 1920 bis 1929 fuhr Hagge als Matrose für verschiedene Reedereien auf Hochseeschiffen um die ganze Welt. Kurz nach dem Ausbruch der Novemberrevolution war er bereits in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) und den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) eingetreten. Im Jahr 1929 diagnostizierte ein Arzt bei ihm „Tropenuntauglichkeit“. Nun konnte er als Seemann nicht mehr auf den häufig befahrenen Südrouten der Schiffahrtgesellschaften eingesetzt werden. So blieb ihm nichts anderes übrig, als zurück nach Berlin zu gehen. Hier lernte er Martha Winkler kennen. Sie schloss mit ihm im Juli 1929 die Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen. Der Sohn Günter kam am 14. April 1930 auf die Welt, die Tochter Ingrid wurde am 11. April 1935 geboren.

Hagge bekam ab September 1929 eine Arbeitsstelle als Spritzlackierer bei der „Hydrawerke AG“. Hier kam er als „angelernter Metallarbeiter“ in engen Kontakt mit kommunistischen Arbeitern und entschloss sich im Jahr 1931 für den Eintritt in die KPD. 1930 war er bereits für die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) aktiv geworden. Für sie saß Hagge beim großen Metallarbeiterstreik (1930) im „Zentralen Streikausschuss“ des Bezirkes Wedding. Er selbst erklärte später, gleich nach der Gründung des „Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins“ (EVMB) Mitglied der „RGO-Organisation“ geworden zu sein. Dagegen vertrat die Staatsanwaltschaft Berlin – offenbar aufgrund von damaligen Angaben Hagges – die Auffassung, er sei erst im Februar 1932 zum „roten Verband“ gestoßen. Fest steht allerdings, dass er 1932 die Funktion eines Sektionskassierers für den EVMB ausübte und in den „Hydrawerken“ zum Betriebsrat gewählt wurde.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten arbeitete Hagge gemeinsam mit zahlreichen anderen Personen für eine Aufrechterhaltung der Aktivitäten des EVMB. Später erklärte er: „Unsere Betriebszelle bestand weiter, wir verteilten illegales Material und erfüllten sonstige Obliegenheiten. Am 12. Dezember 1933, morgens fünf Uhr wurde ich in meiner Wohnung [Stolpischestraße 3] verhaftet und bei der Gestapo eingeliefert. Bei der Vernehmung stellte sich heraus, dass ich nicht der einzige war, sondern auch 39 Genossen und Genossinnen von anderen Betrieben und Zellen da waren, nur von meiner Zelle war ich der einzige.“ (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 21574) Nach Hagges Meinung und der vieler anderer EVMBler war der Verband „aufgerollt“ worden, weil die Gestapo von einem verdeckten Informanten einen Hinweis auf die führenden Köpfe erhalten hatte. Im „Hausgefängnis“ der Gestapo verhörte ein gewisser Kommissar Lehmann die Gewerkschafter. Lehmann schlug nach späteren Angaben Hagges mit einem Gummiknüppel auf ihn ein, um ein Geständnis zu erzwingen. Doch Hagge sagte lediglich aus, es sei ihm nicht gelungen, eine illegale Gruppe aufzuziehen. Hagge behauptete, er hätte außerdem ein zu geringes Interesse daran gehabt. (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 15018) „Nach Durchgang der üblichen Stationen, wie Prinz-Albrecht-Straße, Columbia-Haus und KZ Oranienburg, kam ich auf Grund eines Haftbefehls vom 22. Januar 1934 in das Untersuchungsgefängnis Moabit. Am 26. Juni 1934 wurde uns hier wegen Vorbereitung zum Hochverrat der Prozess gemacht.“ (Lebenslauf, BLHA, Rep. 401, VdN-682) Hagge war im EVMB-Prozess einer der wenigen Angeklagten, die aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden. Die Richter vertraten die Ansicht, es sei nicht stichhaltig erwiesen, dass Hagges „weitergeleiteten“ Berichte zu Aktivitäten der Nationalsozialisten in den Betrieben im Bewusstsein erfolgt seien, gleichzeitig die „hochverräterischen Ziele“ des EVMB zu fördern. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft stand Hagge nach eigenen Angaben für gewisse Zeit unter Polizeiaufsicht. Er wurde wieder in den „Hydrawerken“ eingestellt. „September 1939 musste ich diese Arbeit niederlegen, wegen eines Rücken- und Hüftgelenkleidens, welches ich mir während meiner Haft zugezogen hatte. Ich wurde bei der Post als Postfacharbeiter eingestellt. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 21574)

Am 17. Mai 1943 zog die Wehrmacht Hagge zur Kriegsmarine ein. Nach zweimonatigem Dienst in Frankreich wurde er zu einer Einheit nach Dänemark versetzt. Hier blieb er bis Kriegsende. Im Juni 1945 entließ ihn die britische Armee aus der Kriegsgefangenschaft. Nach einigen Wochen Aufenthalt in Hamburg kam Hagge am 26. September 1945 zurück nach Berlin. Unmittelbar nach seiner Rückkehr trat er wieder in die sich neu konstituierende KPD ein und betätigte sich gewerkschaftlich für die IG Metall des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Eine Anstellung fand Hagge zunächst bei der Berliner Polizei. 1947 wurde er im Rang eines Hauptwachtmeisters zur Polizeibehörde nach Perleberg versetzt. Nachdem man ihn 1949 aus unbekannten Gründen aus dem Polizeidienst entlassen hatte, zog Hagge nach Bärenstein im Erzgebirge. Doch auch dort blieb er nicht lange. Anfang der 1950er Jahre arbeitete Hagge kurzzeitig als Transportarbeiter in Dresden. Später übte er Tätigkeiten in verschiedenen Baubetrieben aus. Seine Frau starb im Oktober 1951. Im Oktober 1954 fing er als „Betriebsschutz“ im Wasserwerk Stolpe an. Später arbeitete Hagge als Heizer in einem Großbetrieb. Er lebte in Hohen Neuendorf, wo er auch seine neue Ehefrau Frieda Stukatz kennenlernte und heiratete.

Obwohl Wilhelm Bielefeld und Wilhelm Lentzsch als Bürgen für Johnnie Hagge auftraten, wurde ihm eine Anerkennung als „Verfolgter des Naziregimes“ (VdN) verweigert. Der VdN-Prüfungsausschuss beim „Rat des Kreises Oranienburg“ sah es als Problem an, dass sich Hagge von 1934 bis 1943 als Sanitäter des Wasserrettungsdienstes beim „Deutschen Roten Kreuz“ betätigt hatte. Aus diesem Umstand und weil der Sohn Günter in der „Hitlerjugend“ organisiert gewesen war, wurde die von Hagge erklärte Gegnerschaft zum NS-Regime sowie die Belastung durch die zugezogenen Leiden angezweifelt. Im Beschluss der VdN-Kommission hieß es: „Aus dem gesamten Antrag ist nicht zu entnehmen, dass er sich zu einem Zeitpunkt während des Naziregimes in organisierter Form gegen das Regime gestellt hat. Seine kurzfristige Haft und seine spätere Beschäftigung als Postfacharbeiter und seine Einberufung zur nazistischen Wehrmacht dürften seine antinazistische Einstellung nicht glaubhaft scheinen lassen.“ (Beschluss, 04.11.1957, BLHA, Rep. 401, VdN-682) Trotz Einspruchs wurde diese Entscheidung nicht mehr rückgängig gemacht. Über den weiteren Lebensweg von Johnnie Hagge ist nichts bekannt.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch “Hausgefängnis” der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 401, VdN-682 (VdN-Akte).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 21574 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 220.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 159.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Großstadt Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; Schlachterhandwerk; angelernter Metallarbeiter; Postmitarbeiter; Polizeimitarbeiter; Transportarbeiter; Bauarbeiter; Heizer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1930-1933: EVMB-Mitglied; 1932: EVMB-Sektionskassierer

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1931: KPD-Mitglied

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Illegale Betätigung für den EVMB; Weitergabe von "Stimmungsberichten" aus den Betrieben

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 12. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 12. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ-Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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