Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. August 1905 - 25. Mai 1961

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Der Maschinenschlosser Heinz Gützlaff wurde am 18. August 1905 geboren. Im Vergleich zu anderen EVMBlern, die vorrangig 1920 durch die Vereinigung des linken USPD-Flügels mit der KPD zu dieser Partei gelangt waren, trat Gützlaff erst 1929 in die KPD ein. Offenbar kam er auch erst über die RGO-Politik in Berührung mit der kommunistischen Bewegung. Ab Ende 1930 war Gützlaff Mitglied des ersten “roten Verbandes” der RGO – dem EVMB. Für den EVMB betätigte er sich 1933 im Widerstand. Nachdem er festgenommen und zu einer Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt worden war, wurde er nach seiner Entlassung (1935) nicht mehr im Widerstand aktiv. Nach Kriegsende war Gützlaff zeitweise Bürgermeister von Brodowin und arbeitete in den 1950er Jahren als Staatsanwalt in Berlin (Ost). Am 25. Mai 1961 schied er aus dem Leben.

Von Stefan Heinz

Heinz Gützlaff erblickte am 18. August 1905 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg das Licht der Welt. Sein Vater Erich war Kunstmaler. Die Mutter Emmy, geborene Rohde, war Buchhalterin. Heinz Gützlaff besuchte von 1911 bis 1915 die Volksschule, in den Jahren 1915 bis 1917 die Oberrealschule und ab 1917 die Realschule mit Internat im brandenburgischen Rheinsberg. Die Eltern konnten jedoch im Jahr 1919 nicht mehr genügend Geld aufbringen, um die Schulausbildung finanzieren zu können. Deshalb musste Gützlaff aus der Obertertia von der Schule abgehen.

Am 1. Oktober 1920 nahm Gützlaff eine Lehrstelle bei der Fritz Werner AG (Berlin-Marienfelde) an. Er erlernte den Beruf Maschinenschlosser. „Aufgrund der wirtschaftlichen Not meiner Mutter wurde die Lehre um ein halbes Jahr gekürzt und ich hatte am 31. März 1924 ausgelernt.“, erklärte Heinz Gützlaff später. (Lebenslauf, 12.01.1953, BLHA, Rep. 333, Nr. 1235) Unmittelbar nach Beendigung der Lehre trat er dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei. Als Werkzeugmaschinenschlosser arbeitete Gützlaff zunächst nur ein gutes Jahr in seinem Lehrbetrieb. Danach war er gezwungen, eine niedriger qualifizierte Arbeit als „Packer“ anzunehmen. Weil er auch diese Arbeitsstelle verlor, beschäftigte ihn eine Bauklempnerei als Helfer, bis ihn sein beruflicher Weg 1927 zurück in den Ausbildungsbetrieb führte, wo er bis 1933 seiner erlernten Tätigkeit nachgehen konnte. Viele seiner Freunde bekamen in dieser Zeit keine Arbeit mehr. Die Wirtschaft hatte in den Wachstumsjahren zwischen 1924 und 1928 mit Hilfe von Investitionen neue Kapazitäten geschaffen. Investiert wurde in rationellere Produktionsmethoden, so dass Personalabbaumaßnahmen die Folge waren, die sich in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 verstärkten. Vor allem kommunistisch orientierte Arbeiter wie Gützlaff machten dagegen mobil und erblickten Möglichkeiten für eine Radikalisierung nach links.

Als es bei Demonstrationen kommunistischer Arbeiter in Berlin anlässlich des Tags der Arbeit am 1. Mai 1929 zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei kam, 31 Menschen getötet und mehr als 1.200 Personen verhaftet wurden, entschied sich Gützlaff für einen Eintritt in die KPD. Die politische Verantwortung für die Straßenschlachten wurde von Seiten der KPD der preußischen SPD-Regierung zugeschrieben. Denn der Berliner Polizeipräsident Karl Zörgiebel (SPD) hatte die traditionelle Mai-Demonstration verbieten lassen. Die KPD-Spitze sah diese Entscheidung als Provokation an und hatte bereits Ende April 1929 zu Massenkundgebungen aufgerufen. Gleichzeitig spitzten sich Frühjahr 1929 im Berliner DMV Konflikte zwischen seiner Ortsverwaltung und der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) zu. Die Auseinandersetzungen resultierten vor allem daraus, dass linksradikale Gewerkschafter wie Gützlaff „selbständige Streiks“ gegen den Willen des DMV führen wollten. Dem freigewerkschaftlichen Verband wurde vorgeworfen, sich mit den Unternehmern „verbündet“ zu haben, um eine Absenkung des Lohnniveaus zu Lasten der Arbeiterschaft durchzusetzen. Dieser falsche Eindruck entstand dadurch, dass sich der DMV immer weniger in der Lage sah, gegen die Unternehmer mit Streiks vorgehen zu können, weil sich Möglichkeiten für offensive Arbeitskämpfe aufgrund der steigenden Erwerbslosigkeit im Laufe der Krise objektiv reduzierten.

Heinz Gützlaff ging an Wochenenden zur Parteischulung im havelländischen Brieselang, um Theorien für eine klassenkämpferische Gewerkschaftspolitik zu erlernen, die er in seinem Betrieb anwenden wollte. Der Gewerkschaftsapparat wehrte sich hingegen immer heftiger gegen die Protagonisten der RGO-Politik mit Ausschlüssen ganzer Betriebs- und Branchengruppen. Im Jahr 1930 wurde Gützlaff Politischer Leiter der Betriebszelle in der Fritz Werner AG. Er beteiligte sich an der Aufstellung „roter Listen“, die bei den Betriebsrätewahlen in Konkurrenz zu den DMV-Listen antraten. Gützlaff war auch beim Berliner Metallarbeiterstreik 1930 in RGO-Streikgremien aktiv. Viele kommunistische Metaller verloren das Interesse, in den angeblich „verräterischen Organisationen“ zu arbeiten. Sie wollten eine eigene Organisation, denen unzufriedene Unorganisierte zuströmen sollten. Andererseits wurden RGO-Protagonisten wie Gützlaff aus dem DMV ausgeschlossen und sahen kaum eine andere Perspektive, als sich der RGO-Metallgewerkschaft – dem Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) – anzuschließen. Der Verband wollte im Gegensatz zum DMV Arbeitskämpfe in „politische Kämpfe“ verwandeln. Gützlaff erklärte später: „Nach dem Metallarbeiterstreik wurde der EVMB gegründet, dessen Mitglied ich nach meinem Ausschluss aus dem DMV wurde.“ (Ebd.) Im Jahr 1932 wurde Gützlaff schließlich für den EVMB in den Betriebsrat der Werner AG gewählt.

Am 4. April 1933 wurde in diesem Betrieb, in dem relativ viele EVMBler arbeiteten, der größte Teil der kommunistischen Arbeiter von SA-Hilfspolizei verhaftet. Unter ihnen war auch Heinz Gützlaff. Am 8. April 1933 wurde er jedoch wieder entlassen. „Ich habe dann mit dem illegalen EVMB bis Mitte Juli Verbindung gehabt. Und zwar mit dem Genossen Wilhelm Lentzsch und Oskar Walz. Am 15. Dezember 1933 wurde ich plötzlich verhaftet. Der illegale EVMB war hochgegangen.“, so Gützlaff. (Ebd.) Als nun strafrechtlich überführter EVMB-Bezirksleiter für Schöneberg-Steglitz-Lichterfelde-Friedenau-Schmargendorf-Wilmersdorf wurde Gützlaff in das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 transportiert. Dort blieb er jedoch nur einen Tag. Anschließend musste er vom 16. Dezember 1933 bis zum 5./6. Januar 1934 im Konzentrationslager Columbia-Haus, vom 5./6. Januar bis zum 19. Januar 1934 im Konzentrationslager Oranienburg, vom 19. Januar bis 22. Januar 1934 im Polizeigefängnis am Alexanderplatz und vom 22. Januar bis zum 19. Juni 1934 im Gefängnis Moabit die brutalen Verhörmethoden von Gestapo und SA ertragen.

Das Kammergericht Berlin verurteilte Gützlaff wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 15 Monaten Gefängnis, die er bis zum 19. März 1935 in der Strafanstalt Plötzensee absitzen musste. Das Gericht hatte festgestellt, dass Gützlaff und die meisten seiner Mitstreiter für die „hochverräterischen Ziele“ des illegalen EVMB tätig geworden seien. „Auch der Angeklagte Gützlaff war Mitglied der KPD und des EVMB. Im Sommer 1933 traf er mit dem Angeklagten Walz zusammen, der an seine Gesinnungstreue appellierte und ihn ersuchte, den Betrieb der Firma „Mix & Genest“ in bezug auf Arbeitsverhältnisse, Stimmung der Arbeiter usw. auszukundschaften. Gützlaff sagte dies zu. […] Sie sind sich als Angehörige […] des EVMB dessen auch bewusst gewesen, dass hier die unzufriedenen Elemente aufs neue gegen die Betriebsinhaber aufgepeitscht wurden und aufs neue Hass und Unruhe unter deutschen Volksgenossen verbreitet wurde mit dem Ziele, die Verfassung des Deutschen Reiches bei sich bietender Gelegenheit gewaltsam zu ändern und an die Stelle der Gleichheit aller Staatsbürger die Diktatur des Proletariats zu setzen.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322)

Als abgeurteilter „Staatsfeind“ stand Heinz Gützlaff auch nach seiner Entlassung längere Zeit unter Polizeiaufsicht. Im Jahr 1936 fanden nochmals eine Hausdurchsuchung und mehrere Vernehmungen statt. Hintergrund war eine Denunziation von Nachbarn. An der aktiven illegalen Arbeit hatte er seit seiner Entlassung aus der Strafanstalt aber nicht mehr teilgenommen.

Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ließ die gelernten Metallarbeiter ab 1936 zur Mangelware werden. Sie durften nur mit Genehmigung des Arbeitsamtes und des Betriebes ihre Stelle wechseln oder wurden in Betrieben eingesetzt, wo qualifizierte Arbeitskräfte benötigt wurden. Heinz Gützlaff arbeitete zunächst als Metallbohrer bei den Peiner Walzwerken in Berlin-Marienfelde, von Ende 1935 bis 1938 als Vorrichtungsschlosser bei Kämper-Motoren (Berlin-Marienfelde), danach sehr kurz als Werkzeugmacher bei der Deutsche Hartmetall-Werkzeuge AG, anschließend wiederum bis 1943 als Schlosser in der Werkzeugmaschinenfabrik Gustav Kärger AG (Berlin-Friedrichshain, Krautstraße 52). Bis Kriegsende übte er seine erlernte Tätigkeit in der Potsdamer Firma „Paul Aschenbrenner“ aus.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus gründete Gützlaff im brandenburgischen Brodowin eine Ortsgruppe der KPD, deren Vorsitz er übernahm. Später war Gützlaff SED-Mitglied und im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) organisiert. Am 2. April 1946 fand in dem Dorf (bei Angermünde) eine Bürgermeisterwahl statt, aus der Gützlaff als Gewinner hervorging und zum Oberhaupt des Ortes gewählt wurde. Einige Jahre später besuchte er eine Schule für die Ausbildung zum Juristen. Er arbeitete ab Anfang der 1950er Jahre als Staatsanwalt in Ostberlin. Zu diesem Zeitpunkt war er verheiratet und hatte zwei Kinder. Heinz Gützlaff verstarb am 25. Mai 1961.

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Quellen:

  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/2, Bl. 170; Nr. 3/11, Bl. 215 f.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 333, Nr. 1235 (VdN-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 220.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 158.

Soziale/Regionale Herkunft: Großstadt Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1911-1915: Volksschule; 1915-1917: Oberrealschule; 1917-1919: Realschule mit Internat; 1920-1924: Lehre als Maschinenschlosser; 1925/26: Hilfsarbeiten als "Packer"; 1926: Helfer bei einer Bauklemnerei; 1927-1933: tätig als Maschinenschlosser; 1935: tätig als Metallbohrer; 1935-1945: vorw. tätig als Schlosser; nach 1945: Bürgermeister von Brodowin; ab 1950er Jahre: Staatsanwalt in Berlin (Ost)

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1924-1930: DMV-Mitglied; 1928/29: RGO-Anhänger im DMV; 1930-1933: EVMB-Mitglied; 1932: EVMB-Betriebsrat

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1929-1933: KPD-Mitglied

Politische Mandate/Aktivitäten: 1945: Bürgermeister von Brodowin

Widerstandsaktivitäten: 1933: illegale Betätigung für den EVMB, Sammlung und Weitergabe von "Stimmungsberichten" aus einem Berliner Betrieb

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 16. Dezember 1933 - 5./6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5./6. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; 19. Januar - 22. Januar 1934: Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz; 22. Januar - 19. Juni 1934: Gefängnis Berlin-Moabit; 19. Juni 1934 - 19. März 1935: Strafanstalt Berlin-Plötzensee

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: Eintritt in die KPD, später SED-Mitglied; 1946: Ernennung zum Bürgermeister von Brodowin; FDGB-Mitglied

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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