Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
26. Oktober 1876 - ?

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Personenbeschreibung für Max Reimann aus dem KZ Oranienburg.
Quelle: BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg 2/3, Bl. 272

Personenbeschreibung für Max Reimann aus dem KZ Oranienburg. Quelle: BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg 2/3, Bl. 272

Max Reimann gehört zu denjenigen KZ-Häftlingen, zu denen relativ wenig bekannt ist. Allein aufgrund der Tatsache, dass Reimann in der Weimarer Republik regionaler Gewerkschaftsfunktionär war, wurde er nach dem 2. Mai 1933 in “Schutzhaft” genommen und musste mehrere Wochen im Konzentrationslager Oranienburg ausharren.

Von Stefan Heinz

Am 26. Oktober 1876 wurde Max Reimann – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen KPD-Funktionär – in Berlin geboren. Im Jahr 1903 zog es ihn in die westhavelländische Stadt Rathenow, wo er als Geschäftsführer tätig war und bis 1935 einen festen Wohnsitz hatte. Aus seinem Leben und der gewerkschaftlichen Arbeit im Ort ist sehr wenig bekannt. In der Weimarer Republik war Reimann anfangs Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) und übte über einige Jahre hinweg Funktionen für den regionalen Allgemeinen freien Angestelltenbund (AfA-Bund) aus.

In dem 1921 gegründeten AfA-Bund schlossen sich verschiedene Verbände der Angestellten, Beamten, Werk- und Schachtmeister, Artisten, Bühnenangehörigen und Schiffsingenieure zusammen, wobei die Satzung eine weitgehende Autonomie der Einzelverbände garantierte. Um die wirtschaftliche und soziale Lage der Angestellten zu verbessern, wurde vom AfA-Bund die rückhaltlose Anerkennung des Vorrechts der arbeitenden Menschen vor dem des „toten Besitzes“, die „Beseitigung des arbeitslosen Renteneinkommens zugunsten der Gesamtheit“, die Kontrolle der Warenerzeugung, die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in allen Fragen des Lohn- und Arbeitsverhältnisses und die gemeinwirtschaftliche Ordnung der Wirtschaftsführung gefordert. (zitiert nach: Aufhäuser, S. 34 f.) Im „wirtschaftlichen Sozialismus“ (Ebd.) sah der AfA-Bund eine höhere Form volkswirtschaftlicher Organisation gegenüber privatkapitalistischen Interessen. Der AfA-Bund war in seiner Arbeit vom Leitgedanken des Berufsverbandsprinzips geprägt und durch einen Vertrag eng mit dem Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) verbunden. In einzelnen Orten wurden die Gewerkschaftsgruppen der angeschlossenen Verbände zu AfA-Ortskartellen zusammengefasst, die sich mit allen sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen der Angestellten beschäftigten. Dagegen blieb die Tarifpolitik ausschließlich die Sache der Einzelverbände.

Reimann war 1927 als Mitglied des Zentralverbandes der Angestellten (ZdA) Vorsitzender des AfA-Ausschusses in Rathenow und im Jahr 1929 im Ortsausschuss des ADGB tätig. Zugleich übernahm er 1929 und 1930 die Vertretung des AfA-Bundes im Verwaltungs- und geschäftsführenden Ausschuss des Arbeitsamtes Rathenow. In dieser Zeit wohnte Reimann in der Nauener Straße 9 und engagierte sich neben der Gewerkschaftsarbeit politisch in der regionalen SPD.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 und der Zerschlagung der freien Gewerkschaften am 2. Mai 1933 kamen zahlreiche leitende Funktionäre des ADGB sowie der AfA-Einzelverbände in „Schutzhaft“. Auch der Gewerkschaftsfunktionär Reimann wurde in Rathenow verhaftet und am 26. Juni 1933 in das KZ Oranienburg überstellt.

Die SA wies ihm die Häftlingsnummer 312 zu. Nach einigen Wochen Aufenthalt in dem im Oranienburger Stadtzentrum gelegenen ersten Konzentrationslager in Preußen, wo Reimann Einschüchterungen, den Zwang zum Appellstehen und Erniedrigungen ertragen musste, wurde er am 12. August 1933 auf Veranlassung des Landrats in seinen Wohnort entlassen.

Er lebte anschließend noch zwei weitere Jahre in Rathenow. Sein weiterer Lebensweg ist bisher unbekannt.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 90.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3, S. 272 (Personenbeschreibung).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/27, S. 320 f (Verwaltungsnotizen des KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/2, S. 308 („Schutzhäftlinge“, die zur Entlassung vorgeschlagen werden).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/4, S. 9 („Schutzhäftlinge“, die zur Entlassung vorgeschlagen werden).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, S. 481 f. (Einlieferungsliste der „Schutzhaftgefangenen“ aus Rathenow).
  • Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, hrsg. vom Vorstand des Vereins Arbeiterpresse, Berlin 1927, S. 525.
  • Bericht über das Geschäftsjahr 1930, hrsg. vom Allgemeinen freien Angestelltenbund – Bezirkskartell Brandenburg/Ortskartell Berlin, Berlin 1930, S. 55.
  • Bericht über das Geschäftsjahr 1931, hrsg. vom Allgemeinen freien Angestelltenbund – Bezirkskartell Brandenburg/Ortskartell Berlin 1931, S. 46.
  • Aufhäuser, Siegfried, Allgemeiner Freier Angestelltenbund (AfA-Bund), in: Heyde, Ludwig (Hrsg.), Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftslebens, Bd. 1, Berlin 1931, S. 31-39.

Soziale/Regionale Herkunft: Großstadt Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Tätigkeit als Geschäftsführer, Hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionär

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; ZdA; AfA-Bund; div. Funktionen

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; div. Funktionen

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 2. Mai 1933: Festnahme und "Schutzhaft" in Rathenow; 26. Juni bis 12. August 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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