Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. Februar 1890 - 15. März 1965

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Wilhelm Haase wurde am 18. Februar 1890 in Berlin geboren. Er erlernte das Dreherhandwerk und engagierte sich zunächst in der freigewerkschaftlichen Bewegung. Parteipolitisch war er an die USPD, die KPD, dann die KAPD und danach wiederum die KPD gebunden. Über seine Betätigung in der RGO kam er zum EVMB, für den er sich auch im Widerstand engagierte. Nach einer Haftstrafe war Haase weiter im kommunistischen Widerstand aktiv. Nach 1945 war Haase am Wiederaufbau beteiligt und war in Gremien der SED und des FDGB tätig.

Von Stefan Heinz

Am 18. Februar 1890 wurde Wilhelm Haase als Sohn des Bleipressermeisters Karl Haase in Berlin geboren. Nach achtjährigem Besuch der Volksschule nahm er am 1. April 1904 eine Lehrstelle bei der Firma „Leopold Ziegler“ an, um sich zum Dreher ausbilden zu lassen. Nach seiner Lehrzeit, die dreieinhalb Jahre dauerte, absolvierte Haase die Gesellenprüfung mit einem guten Ergebnis. Noch während der Ausbildung trat er dem „Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins“ bei. Im Jahr 1907 folgte sein Entschluss, sich dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) anzuschließen. 1915 heiratete er seine Frau Elisabeth, mit der er bis zu seinem Tod zusammen lebte.

Während des Ersten Weltkrieges trat Haase in die USPD ein. Übereinstimmung herrschte in der ab 1917 vereinigten sozialdemokratischen Opposition in der Ablehnung der Politik des SPD-Parteivorstandes. Über Schritte zur Beendigung des Krieges und über die Umwandlung des kaiserlichen Deutschlands in eine andere Gesellschaftsordnung bestand aber keine Einigkeit in der Partei. Als Anfang 1918 im Deutschen Reich rund eine Million Arbeiter gegen den Krieg streikten, war auch Haase aktiv mit dabei. Denn der Streik, an dem sich allein in Berlin rund 300.000 Arbeiter beteiligten, wurde vor allem von „Revolutionären Obleuten“ organisiert – einer Gruppe Metallarbeiter, die der USPD nahe standen und vorrangig der Dreherbranche im DMV angehörten. Über Berlin wurde der Ausnahmezustand verhängt. Zusätzlich verbot die Regierung öffentliche Versammlungen und verkündete, dass alle Metaller, die ihre Arbeit nicht wieder aufnähmen, hart bestraft und an die Front geschickt würden. Daraufhin gaben die Streikenden auf. Als sich mit Beginn der Novemberrevolution im ganzen Land Arbeiter- und Soldatenräte bildeten, schloss sich Haase dem „Spartakusbund“ an, der die Agitation gegen den Krieg mit Forderungen nach Abschaffung der „kapitalistischen Klassenherrschaft“ zu verbinden suchte.

Den Weg der Trennung des „Spartakusbundes“ von der USPD zur neu gegründeten KPD Anfang 1919 machte Haase ebenso mit. Für ihn hatte die 1920 in der Partei geführte Debatte um die Position zur Gewerkschaftsfrage eine so einschneidende Bedeutung, dass er sich zunächst für eine Laufbahn in der von der KPD abgespaltenen und radikaler agierenden KAPD entschloss. Die KAPD übte 1920/21 in Berlin eine erhebliche Anziehungskraft aus, wenngleich sie bald an Bedeutung verlor. Erst im Jahre 1926 kam Haase zurück zur KPD und engagierte sich bei der Betriebsarbeit für seine Partei. Ab 1925 galt die Mitgliedschaft in den freien Gewerkschaften für Kommunisten als Pflicht. Durch die organisierte politische Arbeit im DMV und anderer ADGB-Einzelgewerkschaften versuchte die KPD, die Verbände in „Organe der Revolution“ umzuwandeln. Statt aber die „Fraktionsarbeit“ halbwegs innerhalb des von Statuten vorgegebenen Rahmens weiter zu betreiben, beschloss die Partei bereits 1928 eine Abkehr von dieser Politik. Dies zeigte sich in der Aufstellung eigener Kandidaten bei Betriebsrätewahlen und in der Führung von Streiks gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen. „Im Jahre 1928 wurde ich in den Osramwerken zum Roten Betriebsrat gewählt. Im Jahre 1929 in den Gesamtbetriebsrat der Osramwerke berufen.“, erklärte Haase später. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 251)

Haase wurde zum Protagonisten der RGO-Politik. Mit der Gründung der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) sollten der Kampf gegen die angeblich „sozialfaschistische Bürokratie“ in den freien Gewerkschaften gesteigert sowie die selbständige Organisierung von Kampfaktionen unter Einbeziehung Unorganisierter und Erwerbsloser verstärkt werden. Somit stellte die RGO einen Organisierungsversuch der kommunistischen Opposition „innerhalb und außerhalb“ der Gewerkschaften dar. Die RGO verfolgte dabei zunächst weiter das Ziel, die Gewerkschaften „von innen“ zu „erobern“ und sie mit Hilfe von „organisierten“ und „offensiven Fraktionen“ in „Kampfgewerkschaften“ umzuwandeln. Doch dieser Versuch scheiterte kläglich. Stattdessen verwandelte sich die RGO immer mehr in eine eigenständige Organisation. RGO-Sympathisanten wurden ab 1929/30 noch wesentlich häufiger als bisher aufgrund politischer Aktivitäten und der Aufkündigung der Gewerkschaftseinheit ausgeschlossen. Außerdem zeigten linksradikale Arbeiter wie Haase nun auch kaum noch Interesse, weiterhin innerhalb der von Teilen der KPD als „sozialfaschistisch“ deklarierten Gewerkschaften zu wirken.

Die Distanzierung von kommunistischen Metallarbeitern von den freien Gewerkschaften hatte erhebliche Bedeutung für die Gründung des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB). Da sich Haase und mit ihm auch viele andere EVMBler für die Durchsetzung des radikalen Programms ihres neuen Kampfverbandes der RGO stark machten, erfolgte im Jahr 1931 auf Antrag der Betriebsdirektion der „Osram GmbH“ seine Entlassung. Gewiss hatte der EVMB in manchen Klein- und Mittelbetrieben sowie einzelnen Abteilungen von Großbetrieben einige Erfolge vorzuweisen. Doch gerade die zahlreichen Entlassungen seiner Mitglieder demonstrierten deutlich, dass der EVMB insgesamt aus einer Schwäche heraus agierte und seine Politik sich nachteilig auf die Position von Kommunisten in Betrieben wirkte.

Als erwerbsloser Kommunist wurde Haase in der Zeit von März bis November 1931 vom Zentralkomitee der KPD als Parteiinstrukteur in verschiedenen Regionen Deutschlands eingesetzt. Anschließend ernannte ihn der EVMB-Vorstand zum Leiter des Verbandes für Marienfelde-Tempelhof. Eine Aufgabe, der Haase bis Anfang 1933 nachkam. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Verbot von KPD und EVMB betätigte sich Wilhelm Haase weiter für den Verband. Nach mehreren Hausdurchsuchungen im April und Mai 1933, die bereits mit bis zu vier Wochen Haft verbunden waren, wurde Haase am 13. Dezember 1933 verhaftet. Am 14. Dezember brachte ihn die Gestapo zum Verhör in ihr „Hausgefängnis“ in der Prinz-Albrecht-Straße. Anschließend folgte eine Haftzeit im Konzentrationslager Columbia-Haus, wenig später kam er wie viele andere illegale EVMB-Aktivisten für kurze Zeit in das Konzentrationslager Oranienburg (6. Januar bis 16. Januar 1934), von wo aus ihn die Gestapo in das Polizeigefängnis-Alexanderplatz und dann in das Untersuchungsgefängnis Moabit überstellte.

Nachdem mehrere seiner Mitangeklagten belastende Aussagen gemacht hatten, räumte Haase ein, Leiter des illegalen EVMB im Bezirk Weißensee gewesen zu sein. Bevor er in diese Position gekommen sei, hätte er sich selbständig bemüht, frühere EVMB-Mitglieder im Bezirk Prenzlauer Berg „organisatorisch zusammenzufassen“. Nach seiner Darstellung habe er in regem Kontakt zu rund 30 EVMB-Mitgliedern in Weißensee gestanden. (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 4301) Im Juni 1934 verurteilte ihn der Strafsenat des Berliner Kammergerichts zu zweieinhalb Jahren Gefängnis, da die Richter es als erwiesen ansahen, dass Haase zu der Gruppe gehörte, die für die „hochverräterischen Ziele“ des EVMB tätig geworden sei. Die Justizbeamten kamen in ihrem Urteil zu folgendem Schluss: „Der Angeklagte Haase erhielt Ende September 1933 von Rudolf Lentzsch den Auftrag, in seinem Wohnbezirk ehemalige EVMB-Mitglieder zu besuchen und von ihnen Berichte über die Arbeitslage in den Betrieben und über die Stimmung der Arbeiter einzuholen. Im Oktober besuchte ihn der Angeklagte Bolte und forderte ihn auf, den Bezirk Weissensee zu bearbeiten. Es fanden danach in Weissensee mehrere Treffs statt. Da Haase selbst in Weissensee wenig bekannt war, wurde ihm zur Unterstützung ein gewisser Podgorsky beigegeben, dem mehrere noch immer mit dem EVMB sympathisierende Arbeiter bekannt waren. […] Für seine Auslagen im Interesse des illegalen EVMB erhielt Haase einmal von Bolte 2 RM.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322) Haases Aburteilung wurde auf eine zweijährige Gefängnisstrafe begrenzt. In der Haftzeit betreute Haase neu hinzukommende politische Häftlinge, damit diese nicht an den drakonischen Strafen zerbrachen.

Nach seinem Aufenthalt in den Haftanstalten Plötzensee und Tegel, wo er als Dreher in einer Werkstatt arbeitete, stand er unter Beobachtung der Überwachungsbehörden. Dennoch beteiligte er sich nach eigenen Angaben „mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln individueller Art“ an kleineren Widerstandsaktivitäten und stand weiterhin in Verbindung mit einigen Genossen, die ihn aus der Partei- und Gewerkschaftsarbeit kannten. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 251) Aus der Wehrmacht blieb Haase aufgrund seiner politischen Vergangenheit ausgeschlossen.

Nach Kriegsende engagierte er sich in der neu geschaffenen KPD. Später arbeitete er hauptamtlich beim Zentralkomitee der SED und war für die Kooperation von Parteigremien mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) zuständig. Er starb am 15. März 1965 in Berlin-Köpenick.

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Quellen:

  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/3329 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis der Gestapo“).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/12, Bl. 20 f.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 251 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 220.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 3, Berlin 2002-2005, S. 13 und Ergänzungsband 1, S. 252.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee, Berlin 2000, S. 120.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Großstadt Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; 1904-1907: Lehre als Bleipressermeister

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1907-1929: DMV; 1928-1929: RGO im DMV; 1930-1933: EVMB; 1928-1931: "roter Betriebsrat"; 1931-1933: EVMB-Bezirksleiter

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1917-1918: USPD; 1918: "Spartakusbund"; 1919: KPD; 1920-?: KAPD; 1926-1933: KPD; div. Funktionen

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933: illegale Betätigung im EVMB; nach 1935: kommunistischer Widerstand

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 14. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 15. Dezember 1933 - 6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 6. Januar - 16. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 19. Juni 1934; Juni 1934 - Juni 1936: Strafgefängnisse Plötzensee und Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED-Mitglied und -Funktionär; FDGB-Führungsmitglied

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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