Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
20. Juni 1885 - ?

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Von Kristian Klinck

Max Günther wurde am 20. Juni 1885 in Klein-Friedrichsgraben im Landkreis Niederung in Ostpreußen geboren. Von 1920 an wird er im städtischen Adressbuch Rathenows aufgeführt, er wohnte in der Baderstraße 10b. Daher gibt es Anlass zu der Vermutung, dass sich Günther nach dem Ersten Weltkrieg in Rathenow niederließ.
Max Günther war Metallarbeiter. Von 1921 bis 1925 arbeitete er als Hilfsschlosser bei der Premnitzer Köln-Rottweil AG. Vermutlich bestand diese Anstellung auch schon vorher. Die Köln-Rottweil AG war ein bedeutendes chemisches Unternehmen mit verschiedenen Produktionsstandorten in Deutschland. Erbaut wurde das Werk in Premnitz an der Havel (heute Märkische Faser AG) im Ersten Weltkrieg zunächst als Pulverfabrik, nach Kriegsende stellten rund 1.200 Beschäftigte dort Kunstfasern und Kunstseide her.
400 Metallarbeiter arbeiteten bei der Köln-Rottweil AG, viele von ihnen waren im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert. Der DMV war in der Weimarer Republik die stärkste Einzelgewerkschaft in Rathenow und Umgebung, denn auch die Arbeiter der Rathenow dominierenden optischen Industrie gehörten ihr mehrheitlich an. Bevollmächtigter Geschäftsführer des DMV Rathenow war bis einschließlich 1927 Paul Szillat, anschließend Paul Lehmann.
Als Mitglied des Betriebsrats setzte sich Max Günther für die Arbeiter der Köln-Rottweil AG ein. Von 1922 bis 1925 war er darüber hinaus Mitglied im Aufsichtsrat der Köln-Rottweil AG. Mehrmals wird er in dieser Funktion im Geschäftsbericht der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow erwähnt, zum letzten Mal im Jahr 1925. Am 1. Januar 1926 fusionierte die Köln-Rottweil AG mit der I.G. Farben. Das Premnitzer Werk wird in der Folge, ebenso wie auch Max Günther, in keinem Bericht des DMV Rathenow mehr erwähnt. Der Schluss liegt nahe, dass der DMV im Zuge dieser Fusion seinen Einfluss und Günther sein Aufsichtsratsmandat verlor. Schon vorher war die Anzahl der Mitglieder des DMV im Premnitzer Werk und damit der Einfluss der Gewerkschaft aufgrund verschiedener Umstände, etwa der starken Konkurrenz durch den Maschinisten- und Heizerverband, zurückgegangen.
Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise änderte sich die wirtschaftliche Situation von Max Günther, von 1929 an arbeitete er in verschiedenen Berufen. Im Adressbuch Rathenows wird er als Angestellter geführt; 1933 bezeichnete er sich in einem Verhör als städtischen Arbeiter.
Max Günther war auch Mitglied des SPD-Wahlvereins Rathenow. Dieser Ortsverein bestand seit 1890. Rathenow galt lange Zeit als eine Hochburg der Sozialdemokraten. Darüber hinaus führte Max Günther den Ortsverband des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ in Rathenow vom Zeitpunkt seiner Gründung bis zum Jahr 1933 als 1. Vorsitzender an. In dieser Funktion wurde er mehrmals in der republikanisch gesinnten „Rathenower Zeitung“ genannt, die regelmäßig über Veranstaltungen und Aktionen des Reichsbanners berichtete. Im Februar 1925 etwa berichtete die Zeitung anlässlich der Generalversammlung des Reichsbanners in Rathenow, der „Vorsitzende, Kamerad Günther, konnte auf eine gute Entwicklung des Reichsbanners hinweisen1.“ Er wurde auf derselben Versammlung im Amt bestätigt.
Zum Volkstrauertag am 1. März 1925, der vom Tode des Reichspräsidenten Friedrich Ebert am Vortag überschattet war, kommandierte Max Günther die Reichsbanner-Formation von 150 bis 160 Mann und ehrte die im Ersten Weltkrieg Gefallenen. Er führte auch den Fackelzug des Reichsbanners zu Ehren des toten Reichspräsidenten am 6. März 1925 an. Leider ist nur ein Jahrgang der „Rathenower Zeitung“, der Jahrgang 1925, erhalten, sonst wäre heute mehr über Max Günther bekannt.
Über den aufkommenden Nationalsozialismus regte sich auch im SPD-Wahlverein Rathenow Unwillen. Doch Umfang und Geschichte des antifaschistischen Widerstands in Rathenow sind noch nicht wissenschaftlich erforscht, die einzigen nennenswerten Quellen über dieses Thema stammen aus Publikationen der örtlichen SED. Es ist nicht verwunderlich, dass die offizielle Linie der SED-Führung, die KPD habe am Ende der Weimarer Zeit eine Einheitsfront der Werktätigen gegen den Faschismus bilden wollen und die SPD-Führung habe dieses Angebot ausgeschlagen, auch in diesen Publikationen vertreten wurde. Voll Bitterkeit berichteten Rathenower SED-Mitglieder, der mangelnde Mut und Wille der SPD-Führung zum Widerstand habe den Nazis erst den Weg geebnet.
Diese Version ist heute umstritten. Dennoch stellen die erwähnten Publikationen eine wertvolle Quelle dar. Sie sagen aus, dass der Unwille der selbstbewussten Arbeiterschaft Rathenows über den Terror der erstarkenden Nationalsozialisten groß war und viele SPD-Mitglieder an der Basis bereit waren, diesem Terror entgegenzutreten. Der Sozialdemokrat und Gewerkschafter Max Günther nahm unter ihnen einen herausragenden Platz ein. Der Zeitzeuge Walter Gansow, vor 1933 Mitglied des Reichsbanners, erinnert sich nach dem Krieg: „Einer der mutigsten und aktivsten Genossen war der Genosse Max Günter [sic!], er organisierte den Saalschutz der SPD-Veranstaltungen und trat auf der Straße mutig den SA-Strolchen entgegen, die die Bevölkerung tyrannisierten. Z.B. übernahmen wir einmal den Schutz einer Versammlung in Kotzen [ein Nachbardorf, K. K.]. In Kotzen waren die Nazis damals besonders aggressiv und frech. Angesichts unseres geschlossenen Auftretens wagten es die im Saal und auf der Dorfstraße anwesenden SA-Strolche nicht, die Versammlung zu stören, obwohl sie vorher großmäulig angegeben hatten, die Versammlung stören zu wollen. Dies ist ein Zeichen dafür, wie durch ein mutiges Handeln der Arbeiterklasse der Nazismus hätte besiegt werden können2.“
Insbesondere auch in seiner Funktion als Ortsführer des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ trat Günther den Nazis entschlossen entgegen. Walter Gansow erinnert sich: „In der damaligen Berliner Straße traten wir unter der Führung von Max Günter dem SA-Strolch Jaczentis entgegen und verlangten von der Polizei dessen Verhaftung. Das geschah nicht. Der Einfluß der Nazis auf den Staatsapparat war schon so groß, daß es die Polizei nicht mehr wagte, gegen die SA- und SS-Banditen vorzugehen. Max Günther und wir alle waren darüber sehr enttäuscht3.“
Nach Aussage der erwähnten Quellen ging Günther in der Endphase der Weimarer Republik gemeinsam mit Reichsbannerleuten und Kommunisten gegen den Terror der SA vor. Im Wahlkampf zur Septemberwahl 1932 waren die Laubenkolonien Rathenows, in denen die Ärmsten des Ortes wohnten, mit zahlreichen roten Fahnen geschmückt. Gerüchten zufolge plante die SA einen Überfall auf die Laubenkolonien, um die roten Fahnen zu entfernen. Zahlreiche vor allem junge Rathenower Arbeiter versammelten sich, um dies zu verhindern, und nach Aussage der Publikationen der SED waren dies sowohl kommunistische als auch sozialdemokratische Arbeiter. Der Augenzeuge Willi Osterburg berichtet: „Ich schätze, dass in jener Nacht (es war inzwischen 22 Uhr geworden) rund 500 junge Arbeiter dort versammelt waren. In der Dunkelheit hörte man abwechselnd den Gruß ,Rot Front‘ oder ,Freiheit‘. ,Freiheit‘ war bekanntlich der Gruß der damals gebildeten ,Eisernen Front‘ der sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften, Arbeitersportler usw.
Von Funktionären des ehemaligen ,Rot-Frontkämpferbundes‘ und des ,Reichsbanners‘ wurde sofort eine Einteilung von Gruppen vorgenommen, um die verschiedenen einzelnen Kolonien vor dem Angriff der SA zu schützen. [...] Wir bewaffneten uns mit ausgeschnittenen Knüppeln und Buschwerk und waren bereit, den faschistischen Kolonnen einen freundlichen Empfang zu bereiten4.“ Die SA wagte es nicht, anzugreifen, dafür beendete die Polizei die Besetzung und nahm zahlreiche Antifaschisten, darunter auch Max Günther, fest. Nach dieser Aktion verbrachte Günther 24 Stunden in Haft. Die Tatsache, dass Max Günther als einziger Beteiligter in Einzelhaft einsaß, lässt vermuten, dass er eine herausragende Rolle bei dieser Aktion spielte.
Nach dem Verbot der SPD in Preußen am 22. Juni 1933 wurden zahlreiche Funktionäre der Partei in „Schutzhaft“ genommen. Gleichzeitig verhafteten die Nationalsozialisten viele ihnen bekannte Antifaschisten, um eventuellen Widerstand zu unterdrücken. In Rathenow verhafteten SA und SS unter der Führung von Sturmbannführer W. am 28. Juni 1933 zwischen 60 und 80 Personen und verschleppten sie in das Konzentrationslager Oranienburg. Max Günther wurde schon am 26. Juni 1933 auf Anordnung der Ortspolizeibehörde verhaftet und am 27. Juni in das KZ Oranienburg verbracht.
Am 14. August 1933 wurde Günther auf Anordnung der Gestapo, die einem Antrag des Landrats als zuständige Polizeibehörde folgte, entlassen und kehrte nach Rathenow zurück. Über Günthers weiteren Werdegang ist nichts bekannt. Es gibt Anhaltspunkte, dass er 1941 erneut inhaftiert war, und zwar im Konzentrationslager Sachsenhausen. Ein Dokument aus dem Häftlingskrankenbau besagt, dass ein Häftling namens Max Günter vom 24. Januar bis zum 14. März 1941 im Krankenbau behandelt wurde. Es ist aber nicht sicher, ob es sich dabei um den hier vorgestellten Max Günther handelt. Da es keinerlei Informationen neueren Datums über Max Günther gibt, erscheint es unwahrscheinlich, dass Günther das Ende des Nationalsozialismus erlebt hat.

1 Rathenower Zeitung vom 17. Januar 1925, Hervorhebung im Original. 

2 Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung. Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, Rathenow 1959, S. 71f. 

3 Ebd., S. 71f. 

4 Ebd., S. 68f. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 36.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/2 O 166 (Personenbeschreibung).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/2 O 307-8 („Schutzhäftlinge“, die zur Entlassung vorgeschlagen werden).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6 O 481 (Einlieferungsliste der „Schutzhaftgefangenen“ aus Rathenow, Ortspolizeibehörde Rathenow, 26. Juni 1933).
  • Adreßbuch für Rathenow sowie die Orte Neufriedrichsdorf und Neue Schleuse, hrsg. von der Stadt Rathenow, Rathenow 1920/1929.
  • Dannehl, Gerhard, Meine Erinnerungen an die braune Barbarei in Rathenow, in: Heimatkalender Rathenow, Rathenow 1973, S. 35-36.
  • Geschäftsberichte des Deutschen Metallarbeiter-Verbands, hrsg. von der Geschäftsstelle Rathenow, Brandenburg/Havel 1921-1925.
  • Handbuch der Deutschen Aktien-Gesellschaften, Berlin 1934.
  • Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung. Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, Rathenow 1959.
  • Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung. Vorwärts und nicht vergessen – Ein Beitrag zur Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung 1933 – 45, Brandenburg/Havel 1960.
  • Rathenower Zeitung vom 17. Januar, 2. und 7. März 1925.

Soziale/Regionale Herkunft: Klein-Friedrichsgraben im Landkreis Niederung in Ostpreußen

Ausbildung/Berufstätigkeit: Metallarbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Betriebsrat in der Köln-Rottweil AG; 1922 bis 1925: Mitglied im Aufsichtsrat der Köln-Rottweil AG

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Mitglied des SPD-Wahlvereins Rathenow; 1. Vorsitzender des Ortsverbands Rathenow des Reichsbanners

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 26. Juni 1933: Verhaftung durch die Ortspolizei; 27. Juni 1933 - 14. August 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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