Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
10. August 1893 - 25. März 1946

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Paul Kmiec.
Quelle: Eckler, Heinz, Paul Kmiec. Leben und Kampf eines Dessauer Kommunisten, Dessau 1986.

Paul Kmiec. Quelle: Eckler, Heinz, Paul Kmiec. Leben und Kampf eines Dessauer Kommunisten, Dessau 1986.

Von Marion Goers

Paul Kmiec wurde am 10. August 1893 in Dessau (Anhalt) geboren. Seine Eltern, Martin und Ida Kmiec, geborene Triebel, waren Arbeiter. Den Vater hat Paul Kmiec früh verloren. Nach dem Besuch der Katholischen Volksschule in Dessau erlernte Kmiec ab 1907 in Lüneburg das Schmiedehandwerk. Auf seiner anschließenden Wanderschaft arbeitete er in verschiedenen Städten und kehrte 1912 nach Dessau zurück. Im folgenden Jahr wurde er zum Militärdienst bei der Marine einberufen. Noch vor dem Ende seiner Dienstzeit brach 1914 der Erste Weltkrieg aus und Paul Kmiec wurde direkt zum Kriegsdienst verpflichtet. In der Zeit von 1914 bis 1918 war er durchgehend auf dem Linienschiff „SMS König Albert“ als Heizer eingesetzt. Das Kriegsende erlebte er in Kiel. Dort soll Paul Kmiec am 3. November 1918 an einer Massendemonstration teilgenommen haben und in einen Arbeiter- und Matrosenrat gewählt worden sein. Zu seinem Familienstand liegen zum Teil widersprüchliche Angaben vor, sicher ist, dass er zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1946 verheiratet war mit Hedwig Kmiec, geborene Hinneburg, verwitwete oder geschiedene Haselow.
Zurückgekehrt nach Dessau, damals eine der bedeutendsten Industriestädte Mitteldeutschlands, arbeitete Kmiec ungefähr ab 1920 im Junkers-Kaloriferwerk. In der ersten Hälfte der 1920er Jahre war Paul Kmiec, der bereits seit 1912 im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert war, zunächst Mitglied im Betriebsrat des Junkers-Kaloriferwerks, später dann Betriebsratsvorsitzender. Im Junkers-Kaloriferwerk wurden hauptsächlich Heizgeräte und Heizungsanlagen, ab 1923 auch Lamellendächer, Rundbogenhallen und Stahlmöbel hergestellt. Mitte der 20er Jahre arbeiteten rund 250 Personen in diesem Werk. Vor dem Hintergrund der sich verschlechternden sozialen Lage kam es 1923 auch in Dessau zunehmend zu Demonstrationen und Streiks. Paul Kmiec und ein weiterer Betriebsrat sollen sich gegenüber der Werksleitung mit 30 Arbeitern solidarisiert haben, nachdem diese wegen der Teilnahme an einer Demonstration entlassen worden waren. Die beiden Betriebsräte sollten von dieser Maßregelung ausdrücklich nicht betroffen sein. „Wir betreten erst dann das Werk wieder“, soll Paul Kmiec erklärt haben, wenn „auch der letzte der dreißig Arbeiter wieder eingestellt ist.“ (Zit. nach: Eckler, Paul Kmiec, S. 9) Ob die Solidaritätsbekundung den gewünschten Erfolg hatte, oder ob auch Paul Kmiec und sein Betriebsratskollege das Junkers-Kaloriferwerk verließen, ist nicht überliefert.
Parteipolitisch war Kmiec seit seinem Beitritt zur Gewerkschaft im Jahr 1912 in der SPD organisiert. Als sich in Dessau im Mai 1919 eine Ortsgruppe der neu gegründeten KPD formierte, trat Paul Kmiec in diese Partei ein. Bereits 1924 zog er als Kandidat der KPD in den Landtag von Anhalt ein und gehörte ihm, mit einer kurzen Unterbrechung, bis 1932 an. Innerhalb der KPD hatte er mehrere Ämter inne, unter anderem war er Mitglied der Unterbezirksleitung Dessau und der Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt. Im Rahmen seiner parteipolitischen Aktivitäten wurde Kmiec, der ein leidenschaftlicher Verfechter kommunistischer Ziele war, zwischen 1928 und 1931 insgesamt acht Mal zu Geldstrafen verurteilt, zum Beispiel wegen öffentlicher Beleidigung, übler Nachrede oder Verstoß gegen das Pressegesetz.
Aus den Wahlen zum Landtag von Anhalt im April 1932 ging die NSDAP als stärkste Partei hervor und stellte zusammen mit den Deutschnationalen die Regierung. Damit war Anhalt eines der wenigen Länder, in dem die Nationalsozialisten bei der republikweiten Machtergreifung am 30. Januar 1933 in einer äußerst vorteilhaften Position waren, um ihre politischen Gegner verfolgen zu können. Kurz nach den Reichstagswahlen von März 1933 wurde Paul Kmiec, der sich in der Weimarer Republik als überzeugter Kommunist profiliert hatte, am 17. März 1933 auf dem Dessauer Bahnhof von den Nationalsozialisten in „Schutzhaft“ genommen und zunächst vermutlich in Dessau festgehalten. Der erste Transport anhaltischer „Schutzhäftlinge“ zum Konzentrationslager Oranienburg verließ Dessau am 14. Juni 1933 mit einem fahrplanmäßigen Personenzug. Unter den insgesamt 42 Häftlingen befand sich neben Paul Kmiec auch der Reichstagsabgeordnete Gerhart Seger (SPD), dem die Flucht aus dem KZ Oranienburg gelingen sollte. Bereits im Januar 1934 veröffentliche Seger einen umfangreichen Bericht über das Konzentrationslager, der im Ausland gedruckt wurde. In diesem Bericht ist eine Begebenheit überliefert, die unter anderem Paul Kmiec betraf: Zu einer in der Lokalzeitung angekündigten Reinigungsaktion, bei der im Lager inhaftierte frühere kommunistische und sozialdemokratische Abgeordnete, ausgerüstet mit Salzsäure, Eimern, Lappen und Drahtbürsten, in der Stadt Oranienburg Spuren von Wahlkampfplakaten beseitigen sollten, wurde Paul Kmiec in eine der drei Kolonnen eingeteilt. An dieser Reinigungsaktion mussten sich unter anderen auch Franz Künstler und Willy Drügemüller beteiligen. Hinter dieser Aktion steckte offensichtlich die Absicht, die ehemaligen Abgeordneten öffentlich zu demütigen. Die Lagerleitung muss die Reaktion der Bewohner Oranienburgs jedoch völlig falsch eingeschätzt haben, denn zu dem in der Zeitung angekündigten Appell mit den Gefangenen am Rathaus fand sich keine einzige Person ein. Auch zeigte laut Segers Bericht während der drei Tage dauernden Reinigungsarbeiten in der Stadt kein Passant ein spöttisches Lächeln oder einen bösen Blick. Dieses Verhalten der Oranienburger Bevölkerung war nach der Einschätzung von Gerhart Seger für die Gefangenen „inmitten des Grauen von Oranienburg ein wohltuendes Erlebnis“. (Seger, Oranienburg, S. 44)
Paul Kmiec war nach den Angaben seiner Witwe im Konzentrationslager Oranienburg schweren Misshandlungen ausgesetzt und musste während seiner Haft in einem Krankenhaus behandelt werden. Als Folge der Misshandlungen war seine Gesundheit insbesondere durch einen Nierenschaden erheblich beeinträchtigt. Am 19. September 1933 wurde Paul Kmiec zusammen mit den ehemaligen Mitgliedern der Dessauer Unterbezirksleitung der KPD Max Gehder und Otto Fleischhauer (alias Otto Holz) auf Anforderung der Landespolizei Anhalt aus dem Konzentrationslager Oranienburg an die Kriminalpolizei Dessau überstellt. Dieser Transport erfolgte unter der Aufsicht des Dessauer SS-Mannes und Kriminalassistenten Hermann Röselmüller, der sechs Monate später in einer unter anderen gegen Paul Kmiec erhobenen Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ als Zeuge auftrat.
In Dessau wurde Kmiec von der Kriminalpolizei vermutlich zunächst verhört und später in das nahe Dessau gelegene Konzentrationslager Roßlau gebracht. Das Datum seiner Einlieferung konnte nicht festgestellt werden. Die Witwe gibt 1946 in einem Antrag den Zeitraum von Oktober 1933 bis März 1934 für die Haft in Roßlau an. Darüber hinaus ist in dem Antrag angegeben, dass Paul Kmiec in diesem Lager als Stubenältester fungierte. Das Konzentrationslager Roßlau war Ende August 1933 zur Entlastung der Gerichtsgefängnisse als Übergangslager im Volkshaus der Gewerkschaft in Roßlau errichtet worden und bestand bis zum 31. Juli 1934. Ab dem 19. Februar 1934 hielten die Nazis dort die Ehefrau des ehemaligen Dessauer Reichstagsabgeordneten Gerhart Seger und seine zweijährige Tochter als Geisel fest, nachdem Seger im Dezember 1933 die Flucht aus dem KZ Oranienburg gelungen und Anfang 1934 sein bereits erwähnter Bericht erschienen war.
Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Roßlau im März 1934 stand Paul Kmiec unter strenger Polizeiaufsicht, täglich musste er sich bei der Polizei melden. In seiner Anklageschrift vom 23. März 1934 beschuldigt der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht Berlin Kmiec zusammen mit elf weiteren Personen der „Vorbereitung zum Hochverrat“. Am 20. Juni 1934 wurde er erneut verhaftet und im Gerichtsgefängnis Dessau in Untersuchungshaft genommen. In seinem Urteil vom 20. September 1934 kam das Kammergericht Berlin zu dem Schluss, dass der gegen Kmiec erhobene Vorwurf des Aufrufs zum bewaffneten Aufstand und der versuchten Sprengstoffbeschaffung nicht haltbar sei. Wegen mangelnder Beweise wurde Paul Kmiec freigesprochen und am 20. September 1934 aus der Untersuchungshaft entlassen. Von den insgesamt zwölf Angeklagten verurteilte das Gericht sieben zu Gefängnisstrafen zwischen 12 und 18 Monaten, die anderen fünf Angeklagten wurden freigesprochen. Paul Kmiec fand nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft als Schmied beziehungsweise Vorarbeiter bei der Bauhütte Anhalt in Dessau wieder Arbeit.
Dokumente zu Widerstandstätigkeiten Paul Kmiecs sind nicht überliefert. Er stand nach dem Freispruch von der Anklage der „Vorbereitung zum Hochverrat“ weiterhin unter strengster Polizeiaufsicht und musste sich schon deshalb im Hintergrund halten. Dass er zumindest Kenntnis von Widerstandsaktivitäten hatte, ist mehr als nahe liegend: Seine spätere Ehefrau Hedwig Haselow, mit der er engen Kontakt hatte und die vor 1933 selbst aktiv in der KPD tätig war, gehörte zusammen mit ihrer Tochter Erna zu den ersten Mitgliedern der Widerstandsgruppe um den Dessauer Kommunisten Richard Krauthause. Im Rahmen ihrer Verbindungen zur illegalen übergeordneten Parteileitung in Magdeburg hatte die Gruppe kurzzeitig Kontakt zu dem ehemaligen kommunistischen Mitglied des Preußischen Landtags Otto Schlag. Nach der Verhaftung von Richard Krauthause im Februar 1935 zerschlug die Gestapo die Gruppe im April 1936.
Paul Kmiec wurde nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ein weiteres Mal verhaftet und bis September 1944 im KZ Buchenwald als „Schutzhäftling“ festgehalten. Nähere Angaben zu dieser Haft waren nicht zu ermitteln.
Trotz gesundheitlicher Einschränkungen als Folge der in der Haft im KZ Oranienburg erlittenen Misshandlungen arbeitete Paul Kmiec unmittelbar nach Kriegsende tatkräftig am politischen Wiederaufbau mit. Unter anderem war er Leiter des KPD-Unterbezirks Dessau. Nach einer schweren Nierenoperation verstarb Paul Kmiec am 25. März 1946 im Alter von 52 Jahren im St.-Joseph-Krankenhaus in Dessau. Er wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.
In der DDR trugen zahlreiche Kollektive und Einrichtungen den Namen Paul Kmiec, ebenso eine Schule der SED-Bezirksleitung in Dessau, auf deren Grundstück bis heute ein Gedenkstein an sein Wirken erinnert. Ebenfalls in Dessau war bis 1992 die Straße seines früheren Wohnsitzes im Ortsteil Waldersee nach ihm benannt. In dem nördlich von Dessau gelegenen Ort Zerbst gibt es noch heute eine Straße mit dem Namen Paul Kmiec.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 54.
  • BArch, R58/2056; R58/2305; R58/3230; R58/3625 (Gestapo-Unterlagen zu Paul Kmiec).
  • BArch, NJ 1337, Bd. 1 (Vernehmungsprotokoll der Staatspolizei Dessau vom 4.9.1935).
  • BArch, NJ 4706, Bd. 1 (Anklageschrift B des Generalstaatsanwalts beim Kammergericht Berlin vom 23.3.1934 gegen Franz Westphal und 11 weitere Angeklagte, O.J. 881/33; Urteil des Kammergerichts Berlin vom 20.9.1934 gegen Franz Westphal und 11 weitere Angeklagte wegen Vorbereitung zum Hochverrat, O.J. 881.33.II.B).
  • BLHA, Rep. 35 H, Nr. 3/18, S. 1-5, Nr. 4/4, S. 350, Nr. 4/8/2, S. 660 (Unterlagen des KZ Oranienburg zu Paul Kmiec).
  • LHASA, Dessau, Oberstaatsanwalt Dessau, Nr. 203 (Anklageschrift des Oberstaatsanwalts Dessau vom 7.2.1928, 5 J. 44/28), Nr. 94 (Anklageschrift des Oberstaatsanwalts Dessau vom 31.7.1931 mit Vorstrafenliste vom 1.7.1931, 2 J.141/31, Urteil des Schöffengerichts Dessau vom 2.9.1931, 2 J 141/31 (177 sch) 5).
  • LHASA, Merseburg, SED Bezirksleitung Halle, IV/F – 2/5/441 (Lebensbild Paul Kmiecs, Verfasser und Datum unbekannt).
  • LHASA, Magdeburg, Rep. K 6 VdN Halle, Nr. P 31/457 (BDL. 115) (Auszüge aus der OdF-Akte Hedwig Kmiec).
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, Bd. 2, Bonn 1999.
  • Drobisch, Klaus/Wieland, Günther, System der NS-Konzentrationslager 1933 – 1939, Berlin 1993.
  • Eckler, Heinz, Paul Kmiec. Leben und Kampf eines Dessauer Kommunisten, Dessau 1986.
  • Engelmann, Horst, Sie blieben standhaft. Der antifaschistische Widerstandskampf in Dessau unter Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands, Dessau [1965].
  • Gedenkstätte Buchenwald, Schreiben vom 7.6.2004 an die Verfasserin.
  • Internationaler Suchdienst des Roten Kreuzes, Schreiben vom 19.8.2004 an die Verfasserin.
  • Kreiskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Kreisleitung Dessau der SED und Rat der Stadt Dessau (Hrsg.), Ihnen zum ehrenden Gedenken, Dessau [ca. 1976].
  • Seger, Gerhart, Oranienburg, Karlsbad 1934.
  • StA Dessau, Schreiben vom 15.6.2004 und 26.7.2004 an die Verfasserin.
  • Weber/Herbst, Deutsche Kommunisten, S. 378.

Soziale/Regionale Herkunft: Dessau; Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Schmied

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; Mitglied im Betriebsrat des Junkers-Kaloriferwerks, später Betriebsratsvorsitzender

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1912: SPD; 1919: KPD; Mitglied der Unterbezirksleitung Dessau der KPD; Mitglied der Bezirksleitung Magdeburg-Anhalt der KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1924 - 1932: Mitlgied des Landtags von Anhalt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 17. März 1933: Schutzhaft in Dessau; 14. Juni 1933 - 19. September 1933: KZ Oranienburg; Ende 1933 - März 1934: KZ Roßlau; 20. Juni 1934 - 20. September 1934: Untersuchungshaft in Dessau; August 1944 - September 1944: KZ Buchenwald

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Leiter des KPD-Unterbezirks Dessau

Erinnerungskultur/Ehrungen: Gedenkstein in Dessau, Paul-Kmiec-Straße in Zerbst

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