Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
5. Januar 1884 - 20. November 1960

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Von Niels Reith

Arthur Knauerhase wurde am 5. Januar 1884 in Großenhain in Sachsen geboren. Sein Vater, August Knauerhase, war Tischler- und Glaserhandwerksmeister, über seine Mutter ist nichts bekannt. Nach dem Besuch der Bürgerschule in Großenhain zwischen 1890 und 1898, erlernte Arthur Knauerhase bei seinem Vater das Tischler- und Glaserhandwerk. Bereits kurz nach Beendigung seiner Lehre verließ er das Elternhaus und ging auf Wanderschaft. Erste Stationen, in denen er Arbeit fand, waren zunächst Dresden und später Leipzig.
Am 1. Juli 1903 trat Arthur Knauerhase in den Deutschen Holzarbeiterverband (DHV) ein. Politisch schloss er sich im Dezember desselben Jahres der SPD in Großenhain an. Da er zu diesem Zeitpunkt das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte, wurde er seinen eigenen Angaben zufolge in einer „Geheimliste ohne Nummer geführt1“.
Im Mai 1905 fand Arthur Knauerhase eine Anstellung als Tischler in Chemnitz, da er hier jedoch gemaßregelt wurde, zog er weiter nach Hartau und im September 1905 nach Limbach, wo er den Beruf des Glasers ausübte. Im Januar 1906 gelangte er nach Berlin. Am 21. Januar desselben Jahres fanden im Gedenken an die Opfer des so genannten Blutsonntags in St. Petersburg vom 22. Januar 1905 in ganz Preußen zahlreiche Protestveranstaltungen gegen das Dreiklassenwahlrecht statt. Auch Arthur Knauerhase gibt in seinen Erinnerungen an, dass er dem Aufruf der SPD folgte und sich an einer Demonstration in Berlin beteiligte. Im weiteren Verlauf des Jahres wurde er Mitglied der Werkstatt-Kontrollkommission Süden der Holzarbeiter. Als es im Januar 1907 in Berlin zur Aussperrung einer großen Anzahl von Holzarbeitern kam, musste Arthur Knauerhase Berlin verlassen und sich erneut auf Wanderschaft begeben. Da „Berliner ausgesperrte Tischler nicht eingestellt werden [durften] […]“, gelang es ihm nur „in größeren Städten durch Täuschung2“, Arbeit zu finden. Erst nach etwa anderthalb Jahren Wanderschaft, die ihn von Westfalen über Luxemburg in das Saarland, nach Hessen, Bayern, Thüringen und Sachsen, in viele Regionen des kaiserlichen Deutschlands führte, kehrte er wieder nach Berlin zurück. Hier setzte er seine gewerkschaftliche und politische Tätigkeit fort.
Im August 1909 heiratete er die am 6. September 1888 in Köslin in Pommern geborene Martha Dux. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor (Martha Knauerhase, verheiratete Frössel, geboren 29. Juni 1909 in Breese bei Wittenberge; Paul Knauerhase, geboren Juli 1910 in Schwerin).
Zurück in Berlin wurde Knauerhase Mitglied der Konsumgenossenschaft. In mehreren Betrieben, in denen er sich in der folgenden Zeit als Streikführer und Ausschussmitglied hervortat, wurde er gemaßregelt. Aus diesem Grund war er mehrere Male dazu gezwungen, die gewerkschaftliche Maßregelungsunterstützung in Anspruch zu nehmen.
Am 1. Dezember 1914 zog Arthur Knauerhase mit seiner Familie nach Wittenberge. Um nicht als Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden, verschwieg er während seiner Arbeit in der dortigen Bahnmeisterei seine gewerkschaftliche und politische Organisation. Doch nur dreieinhalb Monate später, am 15. März 1915, erhielt auch er seine Einberufung zum Kriegsdienst.
Nach der Kapitulation des Kaiserreichs konnte er seine Tätigkeit als Tischler in der Betriebswerkstatt der Bahnmeisterei wieder aufnehmen. Für einige Zeit, die exakte Dauer konnte nicht ermittelt werden, war er Mitglied des Betriebsrates. Knauerhase, der am 1. Juni 1919 Mitglied der USPD geworden war und zu jener kleinen Gruppe gehörte, die nach dem Zusammenschluss von Rest-USPD und SPD 1922 weiterhin Mitglied der USPD blieb, wurde jedoch im Mai 1925 aus der Bahnmeisterei entlassen. Ursache hierfür war wahrscheinlich, wie er selbst vermutet, seine politische Einstellung. Nach seiner Entlassung arbeitete er zunächst für kurze Zeit in städtischen Betrieben, von Oktober 1925 bis Februar 1931 fand er dann eine Anstellung bei der Firma Stehr und Co. In diesem Handwerksbetrieb übte er darüber hinaus seit April 1926 die Funktion des Betriebsratsobmanns aus. Außerdem wurde er wohl in diesem Zeitraum ehrenamtlicher Kassierer der Wittenberger Zahlstelle des DHV, deren Vorsitzender der Genosse Wilhelm Lehwenich war.
Wie für so viele Gegner des Regimes begann mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 auch für Arthur Knauerhase die Zeit der Hausdurchsuchungen. Am 30. April 1933 verhaftete man ihn sowie 15 andere Genossen und sperrte sie in den Keller des Wittenberger Rathauses. Bei der Verhaftung zertrümmerten die Gebrüder G. Arthur Knauerhase das Trommelfell. Bereits am nächsten Tag entließ man ihn wieder. Trotz der Entlassung kam es in der darauf folgenden Zeit immer wieder zu Hausdurchsuchungen. Am 28. Juni 1933 verhaftete man Arthur Knauerhase erneut und brachte ihn in das Konzentrationslager Oranienburg, von wo er am 8. September in das Konzentrationslager Sonnenburg überführt wurde. Nach seiner Entlassung aus diesem KZ am 12. Januar 1934, konnte er zunächst keine neue Arbeitsstelle finden, wodurch sich die Lage seiner Familie zusehends verschlechterte. Ein Antrag auf Armenunterstützung wurde ihm 1936 von der Stadt nicht gewährt. Erst im Oktober 1936 gelang es Arthur Knauerhase, eine neue Anstellung bei der Singer Nähmaschinen Aktiengesellschaft zu bekommen. Bei der Singer AG, die eine große Fabrik in Wittenberge betrieb, arbeitete er in der Betriebstischlerei. Im November 1939 bekam er auf Betreiben des NSDAP-Ortsamtsleiters Rudolf P. die Kündigung ausgesprochen. Nur drei Wochen später stellten ihn die Singer Nähmaschinenwerke jedoch wiederum in der Tischlerei des Betriebes ein. Über die weitere Zeit bis Kriegsende schreibt Knauerhase in seinen Erinnerungen: „Ich erwarb mir in der Abteilung bei meinen gleichgesinnten Kollegen und Genossen das Vertrauen in meiner illegalen Arbeit3.“ Es existieren keine weiteren Dokumente, die genauere Aussagen über Arthur Knauerhases oppositionelle Tätigkeiten während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur zulassen.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte er, laut seinen eigenen Angaben, gesundheitlich und körperlich sehr geschwächt. Nachdem sich sein Zustand gebessert hatte und er wieder arbeiten konnte, schloss sich Arthur Knauerhase dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund an. Am 15. Oktober 1945 trat er in die KPD ein. Nach der Vereinigung von SPD und KPD wurde er Mitglied der SED und im Bezirk als politischer Leiter gewählt. Seit dem 22. Oktober 1946 war er anerkanntes Opfer des Faschismus. Außerdem war er bis 1950 im Vorstand der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ und in der Prüfungskommission der VdN tätig und seit Juli 1950 auch Unterkassierer in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft im Bezirk Wittenberge.
Arthur Knauerhase verstarb 76-jährig am 20. November 1960 in Uchtspringe bei Stendal.

1 Knauerhase, Arthur, 50 Jahre Mitglied unserer Arbeiterpartei, in: Schweriner Volkszeitung, 7.12.1953 

2 Ebd. 

3 Ebd. 

— — —

Quellen:

  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/18, Bl. 19 – 23 (Überstellungsunterlagen und Personenbeschreibung Arthur Knauerhases).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, Bl. 441 – 443 (Verfügung des Bürgermeisters von Wittenberge vom 27. Juni 1933, Arthur Knauerhause sowie 10 weitere Personen in „Schutzhaft“ zu nehmen).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/5/1, Bl. 349 (Schreiben des Kommandanten des KZ Oranienburg Werner Schäfer vom 18. Januar 1934 an den Kommandanten des KZ Sonnenburg).
  • LHA Schwerin, VdN Schwerin, Nr. 3271 (VdN-Akte).
  • PA Günter Rodegast, Knauerhase, Arthur (unveröff. Ms.).
  • PA Wilhelm Lehwenich, Das Jahr 1933. Das Jahr der Errichtung des III. Reiches. * Die Machtübernahme in Wittenberge (unveröff. Ms.).
  • Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften, Ausgabe 1933, Bd. 2, S. 1628-1629.
  • Schweriner Volkszeitung, 7.12.1953, Knauerhase, Arthur, 50 Jahre Mitglied unserer Arbeiterpartei.
  • StA Großenhain, Schreiben vom 24.10. 2003 an den Verfasser, Aktenzeichen 043.451.
  • Verwaltungsgemeinschaft Uchtetal, Standesamt, Schreiben v. 01.03.2004 an den Verfasser.

Soziale/Regionale Herkunft: Großenhain in Sachsen; Sohn des Tischlers August Knauerhase

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Tischler bei seinem Vater; Arbeit u.a. in Dresden, Leipzig und Chemnitz

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1903: DHV; Mitglied der Werkstatt-Kontrollkommission Süden der Holzarbeiter; April 1926: Betriebsratsobmann bei der Firma Stehr und Co; Kassierer der Wittenberger Zahlstelle des DHV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1903: SPD; 1919: USPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 30. April 1933: Keller des Wittenberger Rathauses; 28. Juni 1933: KZ Oranienburg; 8. September 1933 - 12. Januar 1934: KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: FDGB; KPD; Politischer Bezirksleiter der SED; 1950: Mitglied im Vorstand der „Vereinigung der Ver-folgten des Naziregimes“ und in der Prüfungskommission der VdN; 1950: Unterkassierer in der Ge-sellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft im Bezirk Wittenberge

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum