Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
21. März 1890 - 14. Dezember 1944

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Ferdinand Kobitzki.
Quelle: PA Elisabeth Deymann.

Ferdinand Kobitzki. Quelle: PA Elisabeth Deymann.

„Er ist heute noch eine politische Gefahr. Inhaftierung wird gutgeheißen“, heißt es lapidar in einem Schreiben der NSDAP über Ferdinand Kobitzki vom September 1944. Schon lange verfolgten die Nationalsozialisten den 54-jährigen Gewerkschafter und Kommunisten. Doch dieser Brief sollte seine Freiheit endgültig beenden – und in der Folge auch sein Leben: Am 1. Oktober 1944 wird Kobitzki ins Konzentrationslager Neuengamme/Hamburg eingeliefert, wo er laut Totenbuch abgemagert und unterernährt am 14. Dezember 1944 um 2:25 Uhr an einer Magen-Darm-Entzündung stirbt.

Von Michael Dobis

So minutiös das Ende hervorsticht, so sehr verschwimmt der Anfang. Bis auf das Geburtsdatum, den 21. März 1890 in Münster, gibt es keine genauen Informationen über den Sohn, Schüler und Lehrling Ferdinand Kobitzki. Sicher ist, dass er aus einer Tischlerfamilie stammte und sich nach einigen Jahren der Wanderschaft in der niedersächsischen Stadt Nordhorn (Grafschaft Bentheim) niederließ, um als Weber bei der Textilfirma „B. Rawe & Co.“ zu arbeiten. In Nordhorn heiratete er auch in der Folgezeit seine erste Frau Klara, geborene Zschau, die am 20. Dezember 1924 verstarb.
In der zweitgrößten Stadt des Regierungsbezirks Osnabrück befand sich seit Beginn des Jahrhunderts eines der wichtigsten Zentren der deutschen Textilindustrie, das in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre rasant wuchs. Die dortige Arbeiterbewegung wurde von zwei miteinander rivalisierenden Gewerkschaften bestimmt: dem freigewerkschaftlichen Deutschen Textilarbeiter-Verband (DTV) und dem Christlichen Textilarbeiter-Verband (CTV).
Zunächst gehörte Kobitzki dem DTV an, für den er 1929 bei der Betriebsratswahl in der Firma Rawe kandidierte und ein Mandat errang. Das genaue Eintrittsdatum ist jedoch unbekannt. Vorübergehend amtierte Kobitzki auch als Ortsvorsitzender der Organisation. Daneben war er Mitglied im Arbeitergesangverein Nordhorn. Aus seinem Gewerkschaftsengagement entsprang bald seine kommunistische Überzeugung, da er den langjährigen DTV-Gewerkschaftssekretär Paul Köhler als nicht radikal genug bei der Durchsetzung der Arbeiterinteressen ansah. So betätigte er sich seit den 1920er Jahren für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), für die er 1929 erfolglos bei der Kreistagswahl kandidierte. Am 10. Dezember 1929 wählte ihn die Nordhorner Ortsgruppe der KPD dann zu ihrem Vorsitzenden, der er bis zum 18. April 1931 auch blieb.
Im Frühjahr 1928 rückten die bislang miteinander konkurrierenden Gewerkschaften CTV und DTV näher zusammen, um sich gemeinsam gegen die zunehmenden Aktivitäten von Kommunisten und Nationalsozialisten in Nordhorn zu wappnen. Letztere arbeiteten bei der Bekämpfung der etablierten Gewerkschaften CTV und DTV teilweise sogar zusammen, wie der folgende Zwischenfall belegt, der im August 1928 in Nordhorn für große Aufregung sorgte.
Der örtliche NSDAP-Gruppenleiter August Schröder, Mitglied des Angestelltenrates in der Textilfirma Bußmaate, hatte den DTV-Gewerkschaftssekretär Paul Köhler beschuldigt, Gelder aus der Gewerkschaftskasse veruntreut zu haben. Als Köhler daraufhin Schröder wegen Verleumdung verklagte, fand vor dem Amtsgericht Neuenhaus ein Aufsehen erregender Prozess statt. Kobitzki stützte als DTV-Vorsitzender vor Gericht erstaunlicherweise die Beschuldigungen des NSDAP-Gruppenleiters Schröder, obwohl alle anderen Zeugen Köhler eine einwandfreie Buchführung bescheinigten. Die „Freie Presse“ aus Osnabrück titelte am 5. April 1929 dazu: „Hakenkreuz und Kommunismus Hand in Hand“. Schließlich verurteilte das Gericht nicht Köhler wegen Unterschlagung, sondern Schröder wegen Verleumdung zu einer Geldstrafe von 200 Reichsmark.
Infolge dieser dramatischen Ereignisse und der damit einhergehenden Verfeindung mit dem DTV-Sekretär Köhler konnte und wollte Kobitzki sich nicht mehr für den DTV engagieren und wechselte in den CTV. Dort kandidierte er bei der Betriebsratswahl am 27. März 1930 auf dem zweiten Listenplatz und errang eines von drei Mandaten. Dieses – für einen Kommunisten eher ungewöhnliche – Engagement in einer christlichen Gewerkschaft ist wahrscheinlich auf den Mangel an Alternativen in der Firma Rawe neben dem DTV und dem CTV zurückzuführen. Der Historiker Helmut Lensing mutmaßt, dass dahinter aber auch eine kurzfristig gelungene Unterwanderung der CTV-Betriebsgruppe durch die KPD stecken könnte, da anschließend einige CTV-Mitglieder als RGO-Aktivisten hervortraten.
In der Folgezeit verstärkten sich Kobitzkis kommunistische Aktivitäten. Mehrfach trat er auf NSDAP-Versammlungen für die KPD auf und bezweifelte dort die Arbeiterfreundlichkeit der NSDAP wegen der vielen Fabrikanten in deren Partei. Am 25. und 26. Juli 1931 veranstalteten die KPD und die Internationale Arbeiterhilfe, der Kobitzki ebenfalls angehörte, eine Demonstration in Nordhorn, bei der gut 1.000 deutsche und niederländische Textilarbeiter gegen die im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1930/1931 erfolgten Lohnkürzungen demonstrierten. Das Treffen führte zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Den Haag und Berlin, da die deutsche Polizei die niederländischen Arbeiter nach der Versammlungsauflösung über die Grenze verfolgte und dort niederprügelte. Kobitzki wurde wegen Teilnahme an einer verbotenen Versammlung zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark verurteilt.
Die KPD selbst verfolgte in der Gewerkschaftsfrage einen ständig schwankenden Kurs. Schließlich entschied man sich für einen eigenständigen parteinahen Gewerkschaftsverband. Die KPD forderte ihre Anhänger daher zum Austritt aus den Freien Gewerkschaften und zum Eintritt in die Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition (RGO) auf, in der die KPD ihre gewerkschaftlichen Kräfte bündeln wollte. Dieser Aufforderung kam Kobitzki umgehend nach. Am 28. März 1931 wurde er in den Betriebsrat der Firma Rawe wiedergewählt – diesmal für die RGO, die drei Mandate gewann und damit stärkste Vertretung wurde. Die RGO verzeichnete bei dieser Wahl so starken Zulauf, dass sich die bislang konkurrierenden Verbände, DTV und CTV, zu einer Einheitsliste zusammenschlossen, um den Kommunisten Paroli bieten zu können.
Überhaupt besaß die KPD in Nordhorn einen besonders starken Stützpunkt. Obwohl zahlreiche führende RGO-Mitglieder ehemalige DTV-Mitglieder gewesen waren, richteten sich die RGO-Angriffe in Nordhorn vornehmlich gegen die „sozialdemokratischen Arbeiterverräter“. So kam es etwa zu RGO-Kundgebungen vor dem Hause Paul Köhlers, umgekehrt griffen die Sozialdemokraten 1931 Kobitzki und einen weiteren RGO-Führer an, ein sozialdemokratisches Betriebsratsmitglied zusammengeschlagen zu haben. Ferner beschuldigten die Kommunisten den DTV und den CTV, mit ihrer verfehlten „versöhnlichen“ Tarifpolitik für den Arbeitsplatzabbau und die Lohnsenkungen in der Wirtschaftskrise verantwortlich zu sein. Bei den Betriebsratswahlen des Jahres 1931 erzielte die RGO folglich in allen sieben Nordhorner Textilwerken etwa die Hälfte der Stimmen und erreichte insgesamt 14 Mandate; bei den Reichstagswahlen 1932 überflügelte die KPD sogar die SPD.
Kobitzkis Zugehörigkeit zum Rawe-Betriebsrat endete ein paar Monate später abrupt. Ende April 1931 kündigte die Betriebsleitung ihm wegen „Bedrohung von Arbeiterratsmitgliedern und des Betriebsleiters“, so eine Meldung des „Nordhorner Anzeigers“. Dieser Grund ist höchstwahrscheinlich nur vorgeschoben, da die Nordhorner Betriebsleitungen nach dem großen Erfolg der kommunistischen Gewerkschaften bemüht waren, dem wachsenden Einfluss der Kommunisten mit massiven Mitteln – in diesem Fall Entlassung – entgegenzutreten.
Wenige Tage später wurde Kobitzki nach öffentlichem Protest wieder eingestellt, im Mai jedoch wegen „Arbeitsverweigerung“ endgültig entlassen. Der Grund: Kobitzki fehlte zusammen mit ein paar Kollegen am 1. Mai trotz abgelehnten Urlaubantrages, um der Arbeiterdemonstration an diesem Tag beizuwohnen. Die Wirtschaftskrise hinterließ im Arbeitsleben von Nordhorn so tiefe Spuren, dass an den Feiern zum 1. Mai lediglich ein Prozent der Arbeitenden teilnahm – der bisherige Tiefststand bei Maifeiern in der Stadt. Kobitzki und seine Arbeitskollegen wollten die fehlende Zeit nacharbeiten, das Arbeitsgericht Lingen lehnte ihre Klage auf Wiedereinstellung jedoch ab.
Ob und welchen Beruf Kobitzki anschließend ausübte, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich ist, dass er arbeitslos blieb. Seine neue Lebensgefährtin Friederike Wilhelmine, geborene Wiethölter, sicherte als Angestellte der Textilfabrik „Povel“ den gemeinsamen Lebensunterhalt. Kobitzki engagierte sich in dieser Zeit weiter als Mitglied der Nordhorner RGO-Ortsgruppe und wurde am 31. Dezember 1932 deren Vorsitzender. Die RGO musste nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 jedoch in den Untergrund gehen, bevor sie 1935 zerschlagen wurde. Kobitzki kandidierte am 8. März 1933 – erfolglos – auf Platz 13 der KPD-Liste zur Nordhorner Bürgervorsteherwahl. Eine Woche später gelang ihm jedoch die Wahl in den Kreistag der Grafschaft Bentheim, nachdem das einzige KPD-Mandat auf ihn als Spitzenkandidaten fiel.
Die Kommunisten in Nordhorn verloren Anfang 1933 zahlreiche bisherige Unterstützer. Daraufhin schlug die dortige Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) einen „linken“ Kurs ein. Nach der Verkündigung einer Lohnsenkung marschierte sie sogar mit Waffen vor einer Fabrik auf und erzwang deren Rücknahme. Die NSBO errang dadurch, vor allem aber durch Unterdrückungsmaßnahmen einen überwältigenden Wahlsieg bei der Betriebsratswahl 1933 – auf Kosten der RGO.
Kobitzki spielte bei den Betriebsratswahlen 1933 keine Rolle mehr, da er ohne Anstellung in der Textilindustrie war. Es blieb jedoch auch wenig Zeit, sein neues Mandat als Kreistagsmitglied auszuüben: Am 20. März 1933 verhaftete ihn die SA. Dieser Schritt erfolgte im Rahmen einer Verhaftungswelle gegen führende KPD-Mitglieder, die von der Berliner Reichsregierung für den Reichstagsbrand verantwortlich gemacht wurden. Zunächst kam Kobitzki in den Amtsgerichtsgefängnissen Neuenhaus und Osnabrück in „Schutzhaft“. Anschließend überführte man ihn nacheinander in die Konzentrationslager Moringen/Niedersachsen, Brandenburg sowie nach Oranienburg, wo er vom 2. Februar bis zur Auflösung des Lagers am 14. Juli 1934 inhaftiert war. Schließlich wurde er nach Lichtenburg/Sachsen-Anhalt deportiert. „Er hat lange Zeit die gesamte Organisation der KPD geleitet. Bei Entlassung besteht nicht die Gewähr für die Aufgabe weiterer staatsfeindlicher Betätigung“, heißt es in einem Polizeibericht. Am 16. Oktober 1934 erfolgte dennoch seine vorläufige Entlassung; man stellte ihn aber unter strenge Überwachung der Nordhorner Polizei.
Trotz der Überwachung betätigte Kobitzki sich als Widerständler im deutsch-niederländischen Grenzgebiet und verbreitete unter anderem ausländische Rundfunknachrichten und illegale Flugblätter, in denen die Gräueltaten der Nazis und ihre Kriegsvorbereitungen aufgezeigt wurden. Er half auch, zusammen mit seinem Freund Heinz Deymann Verfolgte über die rettende Grenze nach Holland zu bringen. Kobitzki hielt sich dem Historiker Herbert Wagner zufolge selbst sogar einige Zeit als Exilant in den Niederlanden auf und arbeitete dort als Weber. Schließlich kehrte er wieder nach Nordhorn zurück und heiratete am 28. Oktober 1938 seine Lebensgefährtin Friederike Wilhelmine.
Nach dem missglückten Attentat auf Hitler 1944 verhafteten die Nationalsozialisten im ganzen Reich bekannte Oppositionelle. Kobitzki lieferte man als einen der profiliertesten Kommunisten in Nordhorn ins Konzentrationslager Neuengamme ein, wo er wie eingangs beschrieben am 14. Dezember 1944 starb. Friederike Kobitzki bekam nach dem Zweiten Weltkrieg eine Entschädigung für die Leiden ihres Mannes als Opfer des Faschismus zugesprochen und wohnte bis zu ihrem Tod am 26. Juni 1981 in Nordhorn. Das Ehepaar hatte keine Kinder, doch der Name Ferdinand Kobitzki ist vielen Nordhornern noch heute ein Synonym für den unverzagten Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiter und für die Würde des Menschen.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 54.
  • PA Elisabeth Deymann.
  • PA Helmut Lensing.
  • Schriftdokumentenarchiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.
  • Stadtmuseum Povelturm, Nordhorn (Mat.-Sammlung).
  • StAOS, Rep 439, Nr. 19.
  • StAOS, Rep 450, Nr. 408.
  • Interview mit dem Neffen Ferdinand Kobitzkis, Werner Wiethölter, am 17.12.2003.
  • Lensing, Helmut, Die Betriebsratswahlen in der Nordhorner Textilindustrie während der Weimarer Republik – Ein Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Grafschaft Bentheim, in: Emsländische Geschichte, Bd. 8, hrsg. von der Studiengesellschaft für Emsländische Geschichte, Haselünne 2000.
  • Ders., Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation und die NS-Machtergreifung in der Grafschaft Bentheim, in: Bentheimer Jahrbuch 1993 (Das Bentheimer Land Bd. 125), Bad Bentheim 1992.
  • Rohr, Werner, Widerstand und Verfolgung, in: Nordhorn im Dritten Reich, hrsg. von der Geschichtswerkstatt an der Volkshochschule Nordhorn für den Landkreis Grafschaft Bentheim, Nordhorn 1991.
  • Ders., Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Nordhorn. Von den Anfängen bis 1945, in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur neueren Geschichte, Bd. 4, hrsg. von der Emsländischen Landschaft für die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim, Sögel 1988.
  • Wagner, Herbert, Die Gestapo war nicht allein… Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch-niederländischen Grenzgebiet 1929 – 1945, Münster/London/New York 2004.

Soziale/Regionale Herkunft: Münster; Tischlerfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Anstellungen als Weber

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DTV; Betriebsrat; Ortsvorsitzender des DTV in Nordhorn; 1930: Wechsel zum CTV; RGO

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1920: KPD; 1929: Vorsitzender der KPD-Nordhorn

Politische Mandate/Aktivitäten: 1933: Mitglied im Kreistag der Grafschaft Bentheim

Widerstandsaktivitäten: Widerständler im deutsch-niederländischen Grenzgebiet

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 20. März 1933: Amtsgerichtsgefängnisse Neuenhaus und Osnabrück; anschließend: Konzentrationslager Moringen/Niedersachsen und Brandenburg; 2. Februar bis 14. Juli 1934: KZ Oranienburg; Da-nach bis 16. Oktober 1934: KZ Lichtenburg; August 1944: KZ Neuengamme

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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