Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. Mai 1901 - 26. Juli 1958

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Otto Kracheel, 1950er Jahre.
Quelle: Bezirksleitung der SED-Frankfurt/Oder: ihr Kampfgenossen all - Lebensbilder revolutionärer Kämpfer, Frankfurt/Oder 1976.

Otto Kracheel, 1950er Jahre. Quelle: Bezirksleitung der SED-Frankfurt/Oder: ihr Kampfgenossen all - Lebensbilder revolutionärer Kämpfer, Frankfurt/Oder 1976.

Von Benedict Ugarte-Chacon

Otto Kracheel kam am 1. Mai 1901 als eines von acht Kindern einer Arbeiterfamilie in Bellinchen/Oder, Kreis Königsberg, zur Welt. Sein Vater Julius Kracheel arbeitete als ungelernter Bauarbeiter, war Mitglied der SPD und wie seine Frau Auguste, geborene Krüger, Gewerkschaftsmitglied.
Nach dem Besuch der Volksschule in Eberswalde begann Kracheel 1915 mit einer dreijährigen Ausbildung zum Maschinenschlosser in den Eberswalder Ardeltwerken. In den folgenden Jahren arbeitete er in diesem Beruf in verschiedenen Eberswalder Betrieben.
In seinem Lebenslauf gab Kracheel später an, von seinem Vater „streng sozialistisch“ erzogen worden zu sein1. Dies hätte zur Folge gehabt, dass er schon in seiner Lehrzeit begann, sich politisch zu engagieren. So gehörte er 1917 zusammen mit Hans Ammon zu den Gründern einer Ortsgruppe der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), als deren Leiter er einige Jahre fungierte. Mit dem Kurs der SPD zunehmend unzufrieden, distanzierte er sich jedoch mehr und mehr von der SAJ, verließ diese 1923 und trat zwei Jahre später der KPD bei. Im Laufe der Zeit wurde er Mitglied des Arbeiter-Athletenbundes „Eiche“, des Arbeiter-Sänger-Vereins und der „Roten Hilfe“. Zusammen mit seinem politischen Freund Ammon war er 1920 an der Bekämpfung des so genannten Kapp-Putsches im Kreis Eberswalde und in Berlin aktiv beteiligt.
Nach einem Verkehrsunfall im Mai 1920 musste Kracheel das linke Bein bis zum Oberschenkel abgenommen werden. Da ihm keine Rente zugebilligt wurde, sah er sich gezwungen, weiterhin als Maschinenschlosser zu arbeiten. Auch seinem politischen Engagement tat dieser Unfall keinen Abbruch.
Am 1. Oktober 1927 heiratete er Lieschen Stupka, die ebenfalls Mitglied der KPD war.
Gewerkschaftlich war Kracheel seit seinem Eintritt in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) im Jahre 1918 organisiert, später wurde er außerdem Mitglied in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO). Von 1928 bis 1931 übte er die Funktion eines Betriebsrats in der Firma Finow Starkstrom-Kondensations-Gesellschaft aus.
Als überzeugtes Mitglied und Politischer Leiter der Eberswalder KPD trat Kracheel bei diversen Veranstaltungen seinen politischen Gegnern entgegen: „Ich sprach dauernd in der Diskussion in Gegnerversammlungen (SPD und NSDAP) und zog mir daraufhin bald den Hass der Polizei und der Faschisten zu2.“ Bei den Stadtverordnetenwahlen am 6. März 1933 trat er als Spitzenkandidat der KPD an und konnte nach gewonnener Wahl kurzzeitig als Stadtverordneter arbeiten.
Am Ende des Jahres 1932 begannen die Mitglieder der Eberswalder KPD sich auf die Illegalität ihrer Partei vorzubereiten. Kracheel war zusammen mit Ammon, dessen Frau Elisabeth und einigen anderen Genossen am Aufbau einer illegalen Organisation beteiligt, die nach dem Verbot der KPD im März 1933 mit ihrer Arbeit begann. Im Sommer des gleichen Jahres wurden Kracheel und Ammon von der SA verhaftet, misshandelt und in das KZ Oranienburg verbracht. Als beide nach einigen Monaten aus der KZ-Haft freikamen, schlossen sie sich der illegalen Unterbezirksgruppe der KPD wieder an und bildeten zusammen mit Fritz Pehlmann und Walter Kohn deren Leitung. Kracheel wurde die Funktion des Politischen Leiters übertragen. Die später Ammon-Pehlmann-Gruppe genannte Organisation umfasste etwa 20 Mitglieder und war in Untergruppen zu je fünf Mitgliedern unterteilt, was den nationalsozialistischen Behörden eine Überwachung der gesamten Gruppe erheblich erschwerte. Mit dieser Organisationsform gelang es der Gruppe jahrelang, Flugblätter, diverse Druckschriften und in unregelmäßigen Abständen eine eigene Zeitschrift zu verfassen und zu verteilen. Spätestens seit Beginn des Zweiten Weltkrieges hörten Gruppenmitglieder bei ihren Zusammenkünften die Nachrichten des Moskauer Rundfunks ab und verbreiteten Losungen und Flüsterparolen, die die Arbeiter in den Eberswalder Rüstungsbetrieben zur Störung der Rüstungsproduktion bewegen sollten. Kracheel und Ammon waren zu dieser Zeit in den zum Rüstungsbetrieb umgestellten Ardeltwerken beschäftigt. Zudem stellten einige Gruppenmitglieder Kontakt zu in Eberswalde stationierten Soldaten, darunter auch Unteroffiziere, her. Mit deren Hilfe gelang es der Gruppe, sich einige Schusswaffen zu beschaffen, die im Zuge des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion bei einer Widerstandsaktion zum Einsatz kommen sollten, was jedoch bis zur Zerschlagung der Widerstandsgruppe nicht der Fall war. Im Sommer 1941 wurde die Gruppe durch den ehemaligen KPD-Genossen Paul B., der von Ammon in die Gruppe eingeführt worden war, bei der Gestapo denunziert. Bei einer Verhaftungsaktion am 6. August nahm die Gestapo 24 vermeintliche Gruppenmitglieder fest. Über die tatsächliche Anzahl der verhafteten illegalen KPD-Aktivisten ist bislang nichts bekannt, die Gestapo nahm auch Personen fest, die sich früher sozialistisch oder kommunistisch betätigt hatten. Neben Kracheel wurden auch Ammon und dessen Frau in das Gestapo-Gefängnis nach Potsdam verbracht. Ammon wurde dort am 11. September 1941 ermordet. Kracheel behielt die Gestapo ungefähr vier Wochen in Untersuchungshaft. Nach der Zerschlagung der Ammon-Pehlmann-Gruppe setzte er mit Hilfe seiner Frau die illegale Arbeit fort.
Während der Zeit des Nationalsozialismus befand sich Kracheel insgesamt 15 Mal tage- oder wochenweise in Haft. Das letzte Mal nahm ihn die Gestapo im August 1944 fest und lieferte ihn in das KZ Sachsenhausen ein, wo er bis zum 6. November 1944 festgehalten wurde. Kracheel spricht im Zusammenhang mit seiner Einlieferung in einigen Zeugnissen von einer „Sonderaktion“, gemeint ist hiermit wohl die „Aktion Gewitter“. In Sachsenhausen trug er die Häftlingsnummer 93525 und musste im Klinkerwerk arbeiten. Das Klinkerwerk war seit 1943 teilweise auf Rüstungsproduktion umgestellt, Mitte 1944 wurden dort täglich 10.000 Wurfgranaten-Rohlinge hergestellt. Nach seinen eigenen Angaben war Kracheel im KZ zunächst in den Blöcken 68, 67, 53, 51 und während seiner Arbeit im Klinkerwerk in Block 5 untergebracht. Die meisten der im Zuge der „Aktion Gewitter“ festgenommenen Häftlinge wurden Ende 1944 aus der KZ-Haft entlassen. Kracheel sah seine Entlassung jedoch anders begründet. Er gab später an: „Ich bin Spezialist in Oeldruckpressen, meine ausländischen Mitarbeiter (Italiener) haben die Maschinen blockiert, um meine Entlassung zu erzwingen. Ich wurde daraufhin auf Grund des Einsatzes des Wehrwirtschaftsministeriums aus der Haft entlassen3.“ Drei Tage nach seiner Entlassung nahm er seine Arbeit in den Ardeltwerken wieder auf.
Während seiner Haftzeiten wurde Kracheel mehrmals durch Misshandlungen verletzt. Unter anderem wurde ihm ein Schädelbasisbruch zugefügt.
Aus den bisher vorliegenden Quellen geht hervor, dass Kracheel seiner kommunistischen Einstellung über die gesamte Dauer des „Dritten Reiches“ treu blieb, auch wenn er seit 1936 Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF) war.
Nachdem die Rote Armee 1945 Eberswalde befreit hatte, übertrug der sowjetische Kommandant Kracheel die Funktion des Bezirksbürgermeisters im Stadtteil Ostende mit der Aufgabe, Arbeitseinsätze zum Wiederaufbau und zur Beseitigung von Kriegsschäden zu organisieren. Auch am Wiederaufbau der KPD-Ortsgruppe Eberswalde war Kracheel beteiligt, im Juni 1945 wurde er zu deren Vorsitzenden gewählt. Als sich bei der Eberswalder Stadtkreiskonferenz im März 1946 die KPD und die SPD zur SED vereinigten, übernahm Kracheel die Leitung des Stadtkreises Eberswalde der SED, später war er Mitglied der SED-Kreisleitung Oberbarnim. Ebenfalls 1946 wurde er Stadtverordneter und schließlich von der Stadtverordnetenversammlung zum Stadtrat gewählt. Aus der Stadtverordnetenversammlung schied er im Oktober 1950 aus und zog als Abgeordneter in den Kreistag Oberbarnim ein. Neben dieser Arbeit übernahm er diverse Funktionen bei der Volkssolidarität, bei der Nationalen Front und bei Organisationen der SED. Zudem war er Mitglied im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB).
Für sein Wirken erhielt er verschiedene Auszeichnungen wie den Vaterländischen Verdienstorden.
Nachdem seine Frau Lieschen bereits am 8. März 1949 verstorben war, heiratete er zum zweiten Mal und wurde Vater einer Tochter. Otto Krachel verstarb am 26. Juli 1958 in Eberswalde.

1 Aufnahmeantrag in die VVN, BLHA, Rep. 333, SED-Landesvorstand Brandenburg, Nr. 1243. 

2 Ebd. 

3 SED-Fragebogen, BLHA, Rep. 730, SED-Bezirksleitung Frankfurt/Oder, Nr. 7011. 

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Quellen:

  • BLHA, Rep. 333, SED-Landesvorstand Brandenburg, Nr. 1234 (Aufnahmeantrag in die VVN).
  • BLHA, Rep. 730, SED-Bezirksleitung Frankfurt/Oder, Nr. 7011 (SED-Fragebogen).
  • BLHA, Ast. Rep. 601-VdN 2374 (VdN-Fragebogen).
  • SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/118 (Bericht des SED-Kreisvorstandes Eberswalde).
  • Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Bezirkskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung (Hrsg.), ...ihr Kampfgenossen all – Lebensbilder revolutionärer Kämpfer aus dem Bezirk Frankfurt (Oder), Frankfurt/Oder 1976 , S. 10f., 36f.
  • Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Hrsg.), Widerstandskämpfer 1933 –1945 – Biographien und Briefe, Bd. 2, Berlin 1970, S. 535f.
  • Pikarski, Margot/Warning, Elke, Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1939 – 1943, Berlin 1989, S. 86.

Soziale/Regionale Herkunft: Bellinchen/Oder, Kreis Königsberg; Arbeiterfamilie

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Maschinenschlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1918: DMV; Betriebsrat in der Firma Finow Starkstrom-Kondensations-Gesellschaft; RGO

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1925: KPD; Politischer Leiter der Eberswalder KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter 1933

Widerstandsaktivitäten: Illegale KPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Sommer 1933 - ?: KZ Oranienburg; 6. August 1941 - ?: Gestapo-Gefängnis Potsdam; August 1944 - 6. November 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93525; Arbeitskommando im Klinkerwerk; Blöcke 68, 67, 53, 51 und später 5)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: Bezirksbürgermeisters im Stadtteil Ostende; Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Eberswalde; Leitung des Stadtkreises Eberswalde der SED; Mitglied der SED-Kreisleitung Oberbarnim; 1946 - 1950: Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und Stadtrat; Abgeordneter des Kreistages Oberbarnim; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: Vaterländischer Verdienstorden

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