Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

Der 8. August 1933 war ein wichtiger Tag für die SA des Konzentrationslagers Oranienburg. Unter großer Beteiligung der Medien wurden sechs prominente Häftlinge in das KZ Oranienburg eingeliefert. Neben Ernst Heilmann, dem langjährigen Fraktionsvorsitzenden der SPD im preußischen Landtag, wurden auch Friedrich Ebert jr., der Sohn des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik und die Rundfunkgrößen Kurt Magnus, Heinrich Giesecke, Alfred Braun und Hans Flesch in Oranienburg inhaftiert.

Die Überführung der sechs prominenten Männer inszenierten die Nationalsozialisten als großes Medienereignis, von dem später auch die Hauspostille der Nationalsozialisten, der völkische Beobachter, ausführlich berichtete. Die Neuankömmlinge mussten sich in Lumpen kleiden und sich die Haare scheren lassen. Im anschließenden Appell verunglimpfte der Standartenführer Schulze-Wechsungen die sechs Prominenten vor allen Insassen aufs Schlimmste.

Die Verhaftung von Magnus, Giesecke, Braun und Flesch im August 1933 markierte den Beginn der grundsätzlichen Abrechnung mit dem „Systemfunk“ der Weimarer Republik und war gleichzeitig ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur Gleichschaltung der Medien. Kurt Magnus und Heinrich Giesecke als Direktoren der Reichsfunkgesellschaft, Alfred Braun als populärer Rundfunksprecher und Regisseur sowie Hans Flesch als ehemaliger Intendant der Berliner Funkstunde waren allesamt einflussreiche Akteure in der Medienwelt der Weimarer Zeit. Mithilfe fragwürdiger Anschuldigungen über angeblich korrupte Praktiken im Reichsrundfunk wurden die vier Funktionäre 1934 vor dem Berliner Landgericht angeklagt. Der Prozess endete jedoch mit einem Debakel für die Nationalsozialisten, da alle Angeklagten aufgrund fehlender Beweise nur zu Haftstrafen verurteilt wurden, die mit der bereits verbüßten Untersuchungshaft abgegolten waren.

Das schwerste Schicksal der am 8. August 1933 eingelieferten Prominenten erlitt der SPD–Politiker Ernst Heilmann. Als Jude, der zugleich einer der profiliertesten Verteidiger der Weimarer Republik und außerdem ein erfolgreicher Geschäftsmann (in der Diktion der Nazis ein „Bonze“) war, vereinte er alle Eigenschaften, die die Nazis verachteten. Die Nationalsozialisten schleiften Heilmann bis zu seiner Ermordung am 3. April 1940 im KZ Buchenwald durch mehr als zehn verschiedene Konzentrationslager, unter ihnen das KZ Sachsenhausen, und quälten ihn mit unvorstellbarer Brutalität.

Impressum

* Mit dankenswerter Genehmigung durch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten entnommen aus: Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945, CD-ROM, Systema 2004.