Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
4. Oktober 1899 - 18. Dezember 1978

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OdF-Karteikarte Ernst Kühl.
Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6995.

OdF-Karteikarte Ernst Kühl. Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6995.

Von Deniz Kauffmann

Ernst Johann Kühl wurde am 4. Oktober 1899 als Sohn des Tischlers Karl Kühl in Berlin geboren. Über die Mutter konnten keine Informationen ermittelt werden. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte Ernst Kühl die Volksschule und schloss diese mit der ersten Klasse ab. Im Jahre 1914 begann er eine Lehre als Werkzeugmacher. Nach dreijähriger Lehrzeit wurde Ernst Kühl zum Heeresdienst in das 3. Gardeinfanterieregiment eingezogen. Er nahm als einfacher Soldat am Ersten Weltkrieg teil. In den folgenden Jahren war Kühl als Werkzeugmacher und Einrichter tätig.
Im Jahr 1920 trat Kühl in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) ein und übte die Funktion eines Kassierers aus. Von 1925 bis 1946 war er, ebenso wie sein Vater, seine Ehefrau und seine Geschwister, Mitglied der SPD. Der Großteil seiner Familie war zusätzlich auch gewerkschaftlich organisiert. Seine Ehefrau Herta, geborene Hofmann, war Mitglied im Zentralverband der Angestellten, sein Vater im Deutschen Holzarbeiterverband und seine Geschwister waren Mitglieder im Deutschen Bekleidungsarbeiter-Verband.
Trotz des Verbotes der SPD im Juni 1933 führte Kühl seine Arbeit für die Partei fort, wobei ihn seine Frau und seine Geschwister unterstützten. In Kühls VdN-Akte beschreibt sein Freund Albert Hohnstädter seine illegale Arbeit: „Nach dem Verbot der SPD übernahm Kühl die Aufgabe, in seinem Wohnbezirk, entschlossene und zuverlässige Genossen zu betreuen. Die illegale Organisation wurde in Gruppen von 5 – 8 Personen organisiert. Kühl hat eine Gruppe seit Mai bis Dezember 1933 mit illegalem Material, Zeitungen, Flugblättern und anderen Nachrichten versorgt. Flugblätter mußten auch vorsichtig an noch andere verteilt werden, auch dies war eine seiner Aufgaben1.“
Am 18. Dezember 1933 wurde Ernst Kühl in seiner Wohnung verhaftet. Die Anklage lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat“. Im Prozess „Hohnstädter und Genossen“ wurde Kühl am 28. Juli 1934 vom 4. Strafsenat des Berliner Kammergerichts verurteilt. In seinem Lebenslauf äußert sich Kühl über seine Verhaftung: „Im Dezember 1933 von der Gestapo verhaftet, ging mein Weg von der Prinz-Albrecht-Straße, über das Columbia-Haus, [am 11. Dezember 1933 wurde er dort eingeliefert, D. K.] nach Oranienburg, um dann, im Juni 34 vom Kammergericht, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Weiterführung der Partei zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt zu werden2.“
Den Weg von der Prinz-Albrecht-Straße über das Columbia-Haus in das Konzentrationslager Oranienburg, bzw. ab 1936 Sachsenhausen, sind in den Jahren 1933 bis 1936 viele politische Gefangene gegangen. Im Sommer 1933 begann die Gestapo politische Gefangene aus dem Haftraum in der Prinz-Albrecht-Straße in die ehemalige Militärarrestanstalt an der Columbiastraße zu verlegen, so wurde das Columbia-Haus zu einer Haftstätte der Gestapo. Als im Dezember 1934 das Columbia-Haus unter die Verantwortung von Theodor Eickes „Inspektion der Konzentrationslager“ gestellt wurde, tauchte zum ersten Mal die Bezeichnung „Konzentrationslager Columbiahaus“ auf. Als am 1. Oktober 1936 das Konzentrationslager Columbia-Haus aufgelöst wurde, wurden die Räumlichkeiten an das Reichsluftfahrtsministerium übergeben und die Insassen ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.
In den Berichten der Überlebenden wird immer wieder von schwerer Gewalt, Erniedrigung und Folter berichtet, die sie im Columbia-Haus durch die SS erfahren haben: „Wer nicht schnell genug unter dem Fenster stand, musste unweigerlich damit rechnen, aus der Zelle herausgeholt und auf dem Flur unter Schlägen und Tritten hin- und hergejagt zu werden. Das Opfer musste dabei in Hockestellung gehen, mit den Händen die Fußgelenke erfassen und hüpfen3.“
Am 6. Januar 1934 wurde Ernst Kühl vom Columbia-Haus in das Konzentrationslager Oranienburg überstellt. Nach nur zehn Tagen wurde er wieder entlassen. Während der Haft in Oranienburg arbeitete Kühl an der Papierschere.
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitete Kühl nach eigenen Angaben im Polizeirevier 255 in Kaulsdorf. 1946 trat er der SED bei und war sowohl in der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ als auch in der „Volkssolidarität“ tätig. Außerdem war er Kassierer des Konsumausschusses. 1965 arbeitete er als Hausmeister in der „Hochschule für Ökonomie Bruno Leuschner“.
Ernst Johann Kühl starb am 18. Dezember 1978. Er hinterließ eine Tochter (Helga), die am 11. Januar 1927 geboren wurde.

1 VdN-Fragebogen, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6995. 

2 Lebenslauf, ebd. 

3 Belz, Willi, Die Hölle im Columbia-Haus, in: Schilde/Tuchel, Columbia-Haus, S. 106. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 57.
  • BArch, NJ 1945.
  • BArch, NJ 4409.
  • BArch, R 58/4251, 6.
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6995 (VdN-Akte Ernst Kühl).
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes: Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, mit einem Geleitwort von Klaus Wowereit, Berlin 1990.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Tischlers Karl Kühl

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Werkzeugmacher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1920: DMV; Kassierer

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1925-1946: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Illegale SPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Ab 18. Dezember 1933: Gefägnis Prinz-Albrecht-Straße, 11. Dezember 1933: KZ Columbia-Haus; 6. Januar 1934 - 16. Januar 1934: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1946: SED; „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“; „Volkssolidarität“; Kassierer des Konsumausschusses

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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