Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
9. Januar 1887 - ?

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Von Philip T. Auf

Franz Laege wurde am 9. Januar 1887 in Milow bei Rathenow (Havelland) geboren. Bereits in jungen Jahren ging er nach Rathenow und wurde 1905, im Alter von 18 Jahren, Mitglied im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV).
Bis 1914 kam es in den Fabriken von Rathenow zu zahlreichen Streiks der Werktätigen, die Franz Laege als Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes zum Teil mitorganisierte.
Kurz nach Beginn seiner DMV-Mitgliedschaft bekam er vom DMV-Vorstand den Auftrag, dem „gelben“ Vaterländischen Arbeiterverein beizutreten, um herauszufinden, wer dort organisiert war. Wie die übrigen „gelben“ Gewerkschaften war auch der Rathenower Vaterländische Arbeiterverein ein wirtschaftsfreundlicher Werkverein, der grundsätzlich auf gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen verzichtete und zum Teil von den Unternehmen gefördert wurde.
Zu den Mitgliedern des Vaterländischen Arbeitervereins von Rathenow zählten die beiden Direktoren der Busch AG Karl Thiele und Willi Martin, die, so Laege, Streikbrecher unterstützten. Wegen geringer Mitgliedszahlen konnte dieser Arbeiterverein keine kontinuierliche Aktivität in Rathenow gewährleisten und löste sich schließlich auf.
Am 3. November 1918 begann die Revolution mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel. In kurzer Zeit breitete sie sich auf Lübeck, Bremen, Rostock, Berlin und andere Städte aus.
In Rathenow nahmen die revolutionären Ereignisse mit einer Kundgebung auf dem Turnplatz ihren Anfang. Nach eigener Aussage befand sich Franz Laege bei Ausbruch der Revolution für einige Tage im Urlaub. Am 10. November 1918 wurde er als Vertreter der Heeresurlauber in den Arbeiter- und Soldatenrat berufen, der aus Funktionären der Arbeiterbewegung gebildet worden war, die zum größten Teil der SPD und lediglich zu einem geringeren Teil dem Spartakusbund angehörten.
Zu Beginn der revolutionären Unruhen, so die Darstellung von Franz Laege, „wurden ca. 40 Mann aus den Reihen der Arbeiterschaft auserwählt, die für die Bewachung insbesondere der Waffen eingesetzt wurden. Es war in der zweiten Novemberhälfte, als eines Tages ein Trupp von ca. 30 Mann und einigen Offizieren das Offizierskasino stürmen wollte. Ihre Absicht bestand darin, die rote Fahne von unserer Tagungsstätte herunterzuholen und uns aus dem Hause zu verjagen. Der noch amtierende Oberbürgermeister [Ernst, P. A.] Lindner versuchte, mit einem Blumenstrauß bewaffnet, die Truppe zu begrüßen. Diese setzte vor dem Kasino ab und drohte, in das Haus einzudringen. Der Genosse [Ludwig, P. A.] Hassenflug, inzwischen verstorben, und meine Wenigkeit griffen sofort zum Karabiner und durch gütiges Zureden einiger Genossen nahm die Truppe von der Erstürmung Abstand1.“
Zu den Aufgaben des Arbeiter- und Soldatenrates während der Machtkämpfe in der Novemberrevolution, so berichtet Franz Laege weiter, gehörte die Kontrolle des Staatsapparates, vor allem über die Sicherheits- und Polizeidienste, die Betreuung der zurückkehrenden Soldaten sowie die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern. 1930 wurde Franz Laege für seine 25-jährige Mitgliedschaft im DMV geehrt und erhielt wie andere Kollegen ein Diplom überreicht.
Franz Laege trat wie Otto Warneke und andere Genossen als Vertreter der SPD zur Stadtverordnetenwahl am 12. März 1933 an. Er wurde auf Platz 12 als neuer Stadtverordneter in das Parlament gewählt.
Bei der ersten Sitzung des am 22. März 1933 gewählten Stadtparlaments verließen die SPD-Stadtverordneten, darunter auch Franz Laege, geschlossen den Saal. Die SPD wollte neben dem Stellvertretenden Vorsteher auch den Stellvertretenden Schriftführer stellen. Die Stadtverordneten der NSDAP und ein Großteil der übrigen Stadtverordneten lehnten dies ab.
Am 27. Juni 1933 wurde Franz Laege gemeinsam mit weiteren Genossen wie zum Beispiel Max Reimann und Otto Warneke verhaftet und in das KZ Oranienburg verschleppt. Auf Veranlassung des Landrates wurde Franz Laege am 14. August 1933 aus der Haft entlassen.
In der von ihm unterzeichneten Entlassungserklärung heißt es: „[O]hne daß irgendwelcher Zwang auf mich ausgeübt worden ist, [erkläre ich, P. A.], daß ich mich nie gegen den neuen Staat oder seine Einrichtungen in Rede und Schrift wenden werde. Ich erkläre weiterhin, dass ich, sobald mir Handlungen gegen das jetzige Staatswesen bekannt werden, dieses sofort der Behörde melden werde2.“
Weitere Zeugnisse, die Informationen über den Lebensweg von Franz Laege enthalten, konnten nicht gefunden werden.

1 Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, hrsg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung, S. 40. 

2 Entlassungserklärung, BLHA, Rep. 35G, Nr. 4/2, KZ Oranienburg. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 59.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/2 („Schutzhäftlinge“, die zur Entlassung vorgeschlagen werden, Ortspolizeibehörde Rathenow, 4.8.1933).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, S. 481 (Einlieferungsliste der„Schutzhaftgefangenen“ aus Rathenow, Ortspolizeibehörde Rathenow, 26.6.1933).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/20, S. 310 (Verwaltungsnotizen, Karteikarte, Entlassungserklärung vom 14.8.1933, Ortspolizeibehörde Rathenow).
  • Adreßbuch für Rathenow sowie die Orte Neufriedrichsdorf und Neue Schleuse, hrsg. von der Stadt Rathenow, o.O. [Rathenow] 1929.
  • Geschäftsbericht 1930, hrsg. von der DMV-Verwaltungsstelle Rathenow, o.O. o.J.
  • Geschichte der Brandenburgischen Landtage: Von den Anfängen 1823 bis in die Gegenwart, hrsg. von Kurt Adamy und Kristina Hübener in Verbindung mit dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv, Potsdam 1998, S. 163-216.
  • Gelbe Gewerkschaften, hrsg. vom Vorstand des DMV, o.O. o.J., S. 17-21.
  • Die Gelben, in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Band 25, 9. völlig überarbeitete Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim 1981, S. 423.
  • Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung (Hrsg.), Die Arbeiterklasse im Kampf um ihre Befreiung, Rathenow 1959, S. 30-41.
  • Kommission zur Erforschung der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung (Hrsg.), Dem 40. Jahrestag der Deutschen Novemberrevolution gewidmet – Ein Beitrag zur Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung 1914 – 1923, Rathenow 1958, S. 8-11.
  • Scherm, Johann, Deutscher Metallarbeiterverband (DMV), in: Heyde, Handwörterbuch, Bd. 2, S. 375-380.
  • Westhavelländische Zeitung, 4.3.1933, 13.3.1933 und 23.3.1933.

Soziale/Regionale Herkunft: Milow bei Rathenow

Ausbildung/Berufstätigkeit: nicht bekannt

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1905: DMV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: Stadtverordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 27. Juni 1933 - 14. August 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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