Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
6. Dezember 1876 - 2. Mai 1945

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Von Zoé Sona

Ernst Lück kam am 6. Dezember 1876 in Wittstock/Dosse zur Welt. Er war der zweite von drei Söhnen des Schneiders Karl Lück und der Hebamme Luise Lück, geborene Heidrich. Seine beiden Brüder hießen Gustav und Otto. Ernst Lück besuchte die Mittelschule in Wittstock und machte später eine Lehre bei der Stadtkapelle Milatz, wo er unter anderem Geige und Klavier spielen lernte.
Nach Abschluss seiner Ausbildung zog er nach Berlin. Dort trat er der SPD bei und lernte seine Frau Emma Arndt kennen. Aus ihrer Ehe gingen zwei Töchter hervor. Seine Frau starb bereits 1913, weswegen Lück seine Kinder zu seinen Eltern nach Wittstock gab. Im Ersten Weltkrieg diente Lück ab dem 3. August 1914 im Musikkorps eines Infanterieregiments, das in Frankreich stationiert war. Noch während des Krieges trat er der USPD bei. 1918 nach Berlin zurückgekehrt, nahm Lück als Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrats an der Novemberrevolution teil.
Anfang 1919 schloss er sich der KPD an und zog im Sommer 1919 wieder nach Wittstock, wo er die wahrscheinlich erste KPD-Ortsgruppe der Ostprignitz gründete. Wenig später wurde er zu ihrem Vorsitzenden gewählt. In dieser Funktion beteiligte er sich an einem erfolgreichen Lohnstreik der Landarbeiter der Ostprignitz im September 1919. Zuvor war schon im März 1919 durch den Arbeiterrat Wittstocks die Bildung von bewaffneten Einwohner- und Bürgerwehren konservativer Kräfte verhindert worden. In den umliegenden Dörfern war dies dem Freikorps Hülsen jedoch gelungen. Als im März 1920 die Bürgerwehren des Kreises Ostprignitz auf Anordnung des Landrats in den Dienst des Kapp-Putsches gestellt wurden, traten die Arbeiter in den Generalstreik. Die Streikleitung oblag unter anderem Ernst Lück, der sich für die Bewaffnung der Arbeiter einsetzte. Auf diese Art gerüstet, konnten in der Nacht vom 17. auf den 18. März die Einwohnerwehren mehrerer Dörfer entwaffnet werden. Die Arbeiter brachten die Ortswehren, die am 18. März auf Wittstock anrückten, vor der Stadt zum Stillstand. Trotzdem wurden die Arbeiter wenig später von Militäreinheiten entwaffnet. Lück wurde wegen Landfriedensbruchs angeklagt und zu einem halben Jahr Gefängnis in Neuruppin verurteilt.
Neben seiner Funktion als KPD-Ortsgruppenvorsitzender engagierte sich Ernst Lück auch als Gewerkschaftsfunktionär. Erfolgreich unterstütze er die Interessen von Arbeitern aus Tuchfabriken und anderen Wirtschaftszweigen in Verhandlungen vor dem Wittstocker Amtsgericht. Zudem ging er kurze Zeit seinem Beruf als Musiker in der Kapelle Milatz nach. Später gründete er zusammen mit zwei Kollegen eine selbständige Kapelle, die auf Veranstaltungen von Arbeiterorganisationen in Wittstock und Umgebung spielte. Gleichzeitig leitete er den Arbeitergesangverein Wittstocks, bis er dieses Amt aufgab, um sich verstärkt seinen politischen Aufgaben zu widmen.
Am 20. Februar 1921 zog Lück als Vertreter der KPD in den Kreistag der Ostprignitz ein. Dieses Mandat sollte er noch mehrere Jahre erfolgreich behalten. In das Wittstocker Stadtparlament wurde er ebenfalls gewählt. Er war Vorsitzender des ADGB-Ortsausschusses und nahm Einfluss auf den Arbeitersportverein Fichte, die Internationale Arbeiterhilfe, die Rote Hilfe Deutschlands und die Rote Welle. Der „Rote Wittstocker Sender“, das örtliche Organ der KPD, wurde unter seiner Mitarbeit in seiner Wohnung erstellt.
Unter der Führung Ernst Lücks konnte am 13. Juni 1930 ein Überfall von Nationalsozialisten auf eine Versammlung der KPD in Wittstock niedergeschlagen werden. Ein Vergeltungsschlag der Nationalsozialisten am 20. Juni 1930 verlief für die KPD ebenfalls erfolgreich. In Folge der Auseinandersetzungen wurde Lück im September desselben Jahres des Landfriedensbruchs angeklagt und verurteilt. Nach einer Berufungsverhandlung legte man ein Strafmaß von einem Jahr fest. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde der Widerstand der KPD in Wittstock immer schwieriger: Vom 25. bis 27. Februar 1933 kam Lück mit der Begründung, ihn vor nationalsozialistischen Übergriffen schützen zu müssen, in Gewahrsam. Diese „Schutzhaft“ wurde schon einen Tag nach seiner Entlassung fortgeführt. Seine Überweisung in das am Stadtrand von Wittstock neu errichtete KZ Alt-Daber erfolgte am 29. April 1933. Die Auflösung des Konzentrationslagers am 11. Juli 1933 machte einen Wechsel Lücks in das KZ Oranienburg erforderlich. Er befand sich dort vom 10. Juli bis 2. Oktober 1933 und hatte die Häftlingsnummer 818. Später war er im KZ Sonnenburg inhaftiert. In einer dortigen Akte charakterisierte ihn der Landrat des Kreises Ostprignitz, Graf Wedel, aufgrund seiner früheren Aktivitäten als „geistigen Leiter der KPD im Kreise Ostprignitz“ und hielt eine Verlängerung seiner Gefangenschaft für nötig. Erst im April 1934 endete Ernst Lücks Haftzeit.
Wieder in Freiheit stellte man ihn bei der Transportfirma Strobel in Wittstock an, wo er Büroarbeiten verrichtete. Der Protest Wittstocker Nationalsozialisten führte zu seiner Entlassung, worauf er Arbeit in den Wall- und Parkanlagen der Stadt zugewiesen bekam. Verhaftet wurde er abermals im Juli 1944 und in Berlin-Moabit (Häftlingsnummer 1902/44) eingesperrt. Wegen „Abhörens feindlicher Sender“ zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, überstellte man ihn am 2. August 1944 in das Landgerichtsgefängnis Potsdam (Gefangenenbuch-Nummer 387/44) und anschließend in das Zuchthaus Brandenburg/Görden. Am 2. Mai 1945, kurz nach seiner Befreiung, starb Ernst Lück an den Folgen seiner Misshandlungen.
In Wittstock/Dosse ist noch heute eine Hauptstraße nach ihm benannt.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 66.
  • BArch, ZF 2557 (Volks-Echo).
  • BArch, M 3876 (Der rote Wittstocker Sender).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr 3/21/1, Bl. 294-298.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/1, Bl. 274f., 298, 371.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/8/2 Bl. 650.
  • BLHA, Rep. 29, Potsdam, Nr. 193 (Haftakte).
  • BLHA, Pr. Br. Rep. 2 A/Pol, Nr. 1156, Bl. 272f. (KZ Alt-Daber, Häftlingsliste).
  • BLHA, Pr. Br. Rep. 2 A/Pol, Nr. 1165, Bl. 396 (KZ Sonnenburg, Häftlingsakte).
  • SAPMO-BArch, DY 55/V 278/6/1150 (VVN-Biographie).
  • Adressenbeilage Korrespondenzblatt ADGB, Nr. 1, 22.2.1922, S. 15.
  • Arbeitskreis Ehemaliges KZ Sonnenburg (Hrsg.), Sonnenburg – Slonsk. Bausteine zu einer Liste der Sonnenburger Häftlinge in der Zeit vom 4. April 1933 bis 23. April 1934, Berlin 1991, S. 22.
  • Drobisch, Klaus/Wieland, Günther, Das System der NS-Konzentrationslager 1933 – 1939, Berlin 1993, S. 133.
  • Heimatmuseum Pritzwalk (Hrsg.), Prignitz-Forschungen, Pritzwalk 1966, S. 137.
  • Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR, Bezirkskomitee Potsdam in Zusammenarbeit mit den Bezirkskomitees Cottbus und Frankfurt/Oder (Hrsg.), Antifaschistischer Widerstandskampf in der Provinz Brandenburg 1933 – 1939, Potsdam 1982, S. 107.

Soziale/Regionale Herkunft: Wittstock/Dosse; Zweiter von drei Söhnen des Schneiders Karl Lück

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre bei der Stadtkapelle Milatz

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Gewerkschaftsfunktionär, Vertretung der Interessen von Arbeitern aus Tuchfabriken und anderen Wirtschaftszweigen in Verhandlungen vor dem Wittstocker Amtsgericht; Vorsitzender des ADGB-Ortsausschusses

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; USPD; KPD; Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe der Ostprignitz

Politische Mandate/Aktivitäten: 1921: Kreistag der Ostprignitz

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 25. bis 27. Februar 1933: Schutzhaft; 29. April 1933: KZ Alt-Daber; 10. Juli bis 2. Oktober 1933: KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 818); Bis April 1934: KZ Sonnenburg; Juli 1944 - ?: Berlin-Moabit (Häftlingsnummer 1902/44); 2. August 1944 - ?: Landgerichtsgefängnis Potsdam (Gefangenenbuch-Nummer 387/44)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Ernst-Lück-Straße in Wittstock/Dosse

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