Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Von Frank Wollin

Erich Müller war Polizeibeamter und Polizeigewerkschafter in Berlin. Auf Grund der Häufigkeit seines Namens und des unbekannten Geburtsdatums ließen sich nur wenige Informationen über sein Leben finden. Die spärlichen biographischen Angaben entstammen seinem selbstverfassten Lebensbericht „Mein Schicksal“, der in der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Gewerkschaft der Polizei (GdP) veröffentlicht wurde.
Erich Müller gehörte zu Beginn der 1920er Jahre zum so genannten Grünen Verband, in dem sich die staatlichen preußischen Schutzpolizisten organisierten. Der Grüne Verband stand im Konflikt über die Bildung einer alle Dienstgrade umfassenden Einheitsgewerkschaft mit den kommunalen Polizeiverbänden. Am 20. und 21. Februar 1923 schlossen sich die Verbände zur Einheitsorganisation Verband Preußischer Polizeibeamten e. V. zusammen, der nach seinem Gründer und Vorstand Ernst Schrader auch Schrader-Verband genannt wurde. Zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses umfasste der Verband circa 52.000 Mitglieder. Erich Müller war Mitglied im Hauptvorstand und wurde in den Hauptbeamtenausschuss gewählt. In dieser Funktion beteiligte er sich an Besprechungen mit dem preußischen Innenminister und späteren Reichsinnenminister Carl Severing. Aus „politischen Auffassungsunterschieden“ (ebd.) schloss sich Müller dem sozialdemokratisch geprägten Allgemeinen Preußischen Polizeibeamtenverband an, dem so genannten Betnareck-Verband, der sich 1925 vom Hauptverband gelöst hatte. Der Betnareck-Verband verstand sich vor allem als Fürsprecher der unteren Besoldungsgruppen und organisierte zeitweilig bis zu 6.000 Mitglieder, ohne jedoch die Monopolstellung und Übermacht des Schrader-Verbandes ernsthaft zu gefährden. Das zunehmend schärfere politische Klima gegen die organisierten Beamten trieb die Splitterorganisation im Juni 1931 zurück in die Einheitsorganisation. „Wir sahen ein, daß es für alle Kollegen ungünstig war, in sich befehdenden Organisationen zu kämpfen.“ (Ebd.) Der Schrader-Verband verstand sich als politisch neutral, als Schützer der Weimarer Verfassung und des demokratischen Staates. Auf den Versammlungen gewährte man Vertretern aller Parteien Redefreiheit, auch denen der KPD. Damit waren diese den Nationalsozialisten, die unter den Polizeioffizieren zunehmend Einfluss gewannen, ein Dorn im Auge.
Zu Beginn des Jahres 1933 war Müller Angehöriger der Präsidialwache. In weiser Voraussicht verbrannte er am 30. Januar 1933 alle Akten und Belege seiner gewerkschaftlichen Betätigung. Am 1. Februar 1933 wurde er beim Verteilen des „Vorwärts“ verhaftet und im Frühjahr in das neu errichtete Konzentrationslager Oranienburg überstellt. In seinen Erinnerungen berichtet Müller von vielen Funktionären des Schrader-Verbandes, die dort ebenfalls inhaftiert waren, so zum Beispiel vom langjährigen Sekretär und Geschäftsführer Emil Winkler, der noch im gleichen Jahr in Folge schwerer Misshandlungen starb. Die weiteren Stationen von Müllers Haft lassen sich nur vermuten: Nach der Auflösung des Konzentrationslagers Oranienburg im Juli 1934 wurden die Insassen hauptsächlich ins Konzentrationslager Lichtenburg verlegt, das im August 1937 zum Frauenkonzentrationslager umgewandelt wurde. Da Müller sich explizit an seine Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen erinnert, scheint es wahrscheinlich, dass er spätestens ab diesem Zeitpunkt dort inhaftiert war. Nach eigenen Angaben wurde er 1938 entlassen, ohne dass ein Gerichtsverfahren gegen ihn stattgefunden hätte.
Im Krieg wurde Müller in einer Bewährungseinheit in Polen eingesetzt. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands nahm er im Mai 1945 den Polizeidienst wieder auf, geriet aber nach kurzer Zeit erneut in Konflikt mit den Machthabenden, diesmal in Gestalt der sowjetischen Geheimpolizei. Müller hatte sich 1946 offen gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD ausgesprochen, was man ihm als feindseligen Akt gegen die Besatzungsmacht anlastete. Ein Militärtribunal verurteilte ihn zum Tode. Erich Müller verbrachte vier Monate in einer Todeszelle, bevor man ihn zu lebenslanger Haft begnadigte. Müller wurde zunächst wieder nach Sachsenhausen überstellt, das er noch in Erinnerung aus der NS-Zeit hatte. Der sowjetische Geheimdienst NKWD nutzte das ehemalige Konzentrationslager inzwischen als Speziallager Nr. 7 zur Inhaftierung politischer Häftlinge. Bald darauf wurde er nach Sibirien verschleppt, von wo er erst über zehn Jahre später, im Jahr 1957, wieder zurückkehrte. Er arbeitete noch ein Jahr als Polizist in Berlin/Neukölln und wurde dann pensioniert.

— — —

Quellen:

  • Müller, Erich, Mein Schicksal, in: Die deutsche Polizei. Ihre Geschichte, ihre Gewerkschaft, Daten, Fakten, Meinungen. 1950 – 1980, 30 Jahre Gewerkschaft der Polizei, hrsg. von der Gewerkschaft der Polizei, Hilden 1980, S. 35f.

Soziale/Regionale Herkunft: nicht bekannt

Ausbildung/Berufstätigkeit: Polizeibeamter und Polizeigewerkschafter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im Hauptvorstand der Einheitsorganisation Verband Preußischer Polizeibeamten e. V.; All-gemeiner Preußischer Polizeibeamtenverband

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Frühjahr 1933: KZ Oranienburg; Bis 1938: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: Lebensbericht „Mein Schicksal“ in der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Impressum