Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
22. Dezember 1892 - ?

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Von Matthias Oden

Als am 11. Juli 1933 eine für den Plötziner Albert Friedrich Neuthe bestimmte Sendung mit „kommunistischen Hetzblättern1“ abgefangen wurde, sah die zuständige NS-Kreisverwaltung Zauch-Belzig den Moment gekommen, Neuthe der schon lange verdächtigten illegalen politischen Tätigkeit zu überführen und ließ ihn in KZ-Haft einweisen.
Die Flugblätter kamen aus dem Umfeld der Syndikalistischen Gewerkschaften in Berlin, und Neuthe war bis zu deren Auflösung im März 1933 Vorsitzender der Ortsgruppe Göhlsdorf gewesen. Vier Tage später gab er während des Verhörs durch die Polizei zu Protokoll, seit der Auflösung der Syndikalisten keine Flugblätter mehr bekommen zu haben. Der Vorfall wäre ihm schleierhaft: „Ich kann nicht sagen, wie der Absender zu meiner Anschrift kommt. Ein Till ist mir nicht bekannt, ich habe den Namen noch nicht gehört. Sonst kann ich keine Angaben machen, vor allem nicht, woher die Flugblätter kommen2.“ Der zuständige Landrat befand diese Aussage für unzulänglich und ließ ihn in „Schutzhaft“ nehmen – noch am selben Tag wurde Neuthe in das Konzentrationslager Oranienburg eingewiesen.
Albert Friedrich Neuthe wurde als Kind des Arbeiters Albert Neuthe und seiner Frau Wilhelmine, geborene Seidel, am 22. Dezember 1892 in Göhlsdorf geboren. 1897 zog seine Familie nach Plötzin um, Neuthe besuchte dort vom 6. bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule. Vom 1. April 1907 bis zum 30. März 1910 ging er in Glindow im Baugeschäft Krüger in die Lehre und erlernte dort das Maurerhandwerk. Direkt nach seiner Gesellenprüfung trat er in den Deutschen Bauarbeiterverband ein und blieb dort Mitglied bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Neuthe arbeitete ein Jahr lang in seinem Beruf auf Berliner Baustellen, anschließend ging er auf die Walz, die ihn durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Belgien, Luxemburg und Holland führte.
Im September 1914 wurde er als „Unsicherer“ zum Militär eingezogen. Am 11. November 1918 setzte er sich im Zuge der Novemberrevolution von seiner Einheit ab und kehrte nach Plötzin zurück. Ab 1919 arbeitete er wieder als Maurer in Berlin. Über eventuelle politische Aktivitäten Albert Neuthes in den ersten zwei Nachkriegsjahren ist nichts bekannt, in diesem Zeitraum fand jedoch seine politische Umorientierung statt: 1920 wurde er KPD-Mitglied und trat in den Syndikalistischen Bauarbeiterverband ein, für den er die bereits erwähnte Vorstandsfunktion in seinem Heimatortskreis übernahm. Die Syndikalistischen Gewerkschaften gehörten zur Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) und lehnten die parlamentarische Tätigkeit der Sozialdemokratie ab, da der Klassenkampf nur durch Betriebszusammenschlüsse (Syndikate), nicht aber durch Parteien geführt werden könne. Ziel war eine Arbeiterselbstverwaltung, die vor allem durch Massenstreiks erreicht werden sollte. Insofern steht seine gleichzeitige Mitgliedschaft in der KPD im Widerspruch mit seiner Gewerkschaftsangehörigkeit.
Im März 1920 heiratete Albert Neuthe Frieda Raddatz; aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Neben seinem Maurerverdienst diente der Familie eine Obstzüchterei als zusätzliche Einkommensquelle: Neuthe bewirtschaftete drei Morgen eigenes und drei Morgen gepachtetes Land.
In seiner Gemeinde tat sich Neuthe als „Diskussionsredner3“ bei Versammlungen der NSDAP hervor. Bei der letzten „freien“ Gemeindevertreterwahl in Plötzin stand er auf der Liste „Schaffendes Landvolk“ und wurde in die Gemeindevertretung gewählt. Er konnte sein Mandat allerdings nicht mehr antreten, da die Nationalsozialisten bereits angeordnet hatten, „Kommunisten und Sympathisierende4“ von der Vertretung auszuschließen.
Nach der Machtergreifung sah sich Albert Neuthe mehreren Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Als die fraglichen Flugblätter auf der Poststelle Plötzin beschlagnahmt wurden, schätzte der verantwortliche Oberlandjäger Tätzel die politische Einstellung Neuthes wie folgt ein: „Neuthe ist, soweit mir bekannt, sehr für seine Überzeugung eingetreten, und ich halte es durchaus für möglich, dass er ihm zugehende Hetzschriften verteilen würde5.“ Die folgende „Schutzhaft“ in Oranienburg wurde am 22. November 1933 aufgehoben und Albert Neuthe zusammen mit Franz Kindler und Ernst Richter am 16. Dezember 1933 aus dem KZ entlassen.
1934 gab Neuthe seinen Maurerberuf auf und vergrößerte seinen Pachtbesitz auf fünf Morgen Land, damit er „nicht zwangsweise durch das Hitlerregime zu Kriegsarbeiten herangezogen werden konnte6.“ Der im September 1944 gebildete Volkssturm zog den ehemaligen KZ-Häftling am 3. Januar 1945 zum Kriegseinsatz ein. Neuthe setzte sich jedoch ab – Grund war nach eigenen Angaben ein Mordanschlag durch Nationalsozialisten auf seine Person am 7. April 1945. Er floh in die Götzer Berge und versteckte sich dort bis Kriegsende bei der Familie Kasinger.
Nach dem Zusammenbruch kehrte er in seine Heimatstadt zurück und „hat sich bei Einmarsch der Roten Armee sofort zur Verfügung gestellt7“. Am 11. Mai 1945 trat er das Amt als Bürgermeister der Gemeinde Plötzin an. Im Sommer 1945 wurde er erneut Mitglied der KPD und gehörte später der SED an.
Von amtlicher Seite aus wurde seine Diensttätigkeit als „sehr gewissenhaft und zuverlässig8“ eingeschätzt, auch sei er „ein alter Kämpfer für den demokratischen Neuaufbau Deutschlands und Verfechter des Programms der SED9.“ In der Gemeinde Plötzin wuchs allerdings schon bald die Unzufriedenheit über den neuen Bürgermeister: So soll Albert Neuthe zu Gewalttätigkeiten geneigt haben, und „für Verfolgungen, Deportationen und eine Erschießung in der Gemeinde nach 1945 wird er von den betroffenen Familien persönlich verantwortlich gemacht10.“ Am 21. April 1947 führte eine Drohung Neuthes einigen Gemeindemitgliedern gegenüber zu einer Beschwerde an das Landratsamt Belzig. In dieser ist der Wortlaut von Neuthes Äußerung wiedergegeben: „Jeder, der gegen mich irgendeine Äußerung macht, kann gewiß sein, dass ich abends ein Auto vorfahren lasse, und ab geht es mit ihm. Aber nicht sehr weit, dort muss er sich sein Grab schaufeln, bekommt einen Genickschuss und sieht Plötzin nie wieder11.“ Weiter heißt es in dem Schreiben: „Als politischer Leiter frage ich [Karl Welle, M. O.] Sie, wie lange wir noch unter dem Druck des Diktators leben sollen. Er nimmt uns hier jedes Mitbestimmungsrecht in der Gemeinde und bedroht jeden, der an seinem unsozialistischen Verhalten Kritik übt, mit der GPU. Es ist nicht die erste Bedrohung gegenüber Parteigenossen und Nichtparteigenossen, die er ausstößt. Auf diese Weise konnte er nur bis zum heutigen Tage seinen Posten als Bürgermeister behalten, da sich niemand an ihn heranwagt. Welchen Schaden er aber der SED zufügt und das Ansehen der Partei damit schädigt, beweist, dass unsere Versammlungen von den Mitgliedern fast nicht mehr besucht werden. Viele Genossen arbeiten heute nicht mehr aktiv und sagen, dass sie dann erst wieder mitmachen, wenn Neuthe abgesetzt wird. Was uns nicht möglich ist, müssen Sie schaffen. Daher: Schaffen Sie Abhilfe12.“
Ein undatierter Fragebogen des Landratsamtes, der sich mit lokalpolitischen Themen – Neuansiedler, Gartenbestellung, Ablieferungssoll für Kartoffeln etc. – beschäftigt und sich mit Fragen der Gemeindeführung auseinandersetzt, ist folgendermaßen begründet: „Herr Neuthe ist durch seine zeitweise rauhe Art in seiner Gemeinde nicht allzu beliebt. Seine Geschäftsführung unterliegt in letzter Zeit einiger Kritik und bedarf dieser Nachprüfung13.“ Am 5. Juni 1947 kam es im Zuge dieser Angelegenheit in der Gemeindevertretersitzung zu einem Misstrauensantrag gegen den Bürgermeister. Albert Neuthe wurde zur Last gelegt, die Gemeinde im Allgemeinen und seinen gleichnamigen Sohn im Speziellen zu bedrohen. Diesem „gegenüber erklärte er, dass er ihn dahinbringen ließe, wo schon andere wären, wenn er nicht stille sei14.“ Albert Neuthe gab auf die Vorwürfe zu Protokoll, „dass die Redensarten, wie sie im Dorfe üblich seien, aufhören müssten. Die Meckerer und das Gesindel müssten längst aufgehangen und eingegangen sein15.“ Da die öffentliche Stellungnahme der Gemeinde zu den Vorwürfen verhalten blieb und der anwesende Landrat an der Berechtigung des Misstrauensantrags zweifelte, erfolgte die Abstimmung auf geheimem Weg – mit fünf zu vier Stimmen wurde der Antrag bei zwei Enthaltungen abgelehnt.
Im Dezember 1950 wurde Albert Neuthe während einer Einwohnervollversammlung durch den Landrat seiner Funktion enthoben.
Albert Neuthes weiterer Lebensweg konnte nicht ermittelt werden.

1 Polizeiprotokoll vom 15. Juli 1933, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, 3/24, S. 178. 

2 Ebd. 

3 Brief an den Landrat in Belzig vom 12.7.1933, ebd., S. 179. 

4 Ebd. 

5 Ebd. 

6 Lebenslauf Albert Neuthe, BLHA, Rep. 250, Landratsamt Z-B 296, S. 77. 

7 BLHA, Rep. 250, Landratsamt Z-B 297, S. 54. 

8 Ebd., Nr. 296, S. 77. 

9 Ebd., Nr. 297, S. 54. 

10 Brief des Ortschronisten Lothar Schneiderwind vom 23. August 2003. 

11 Beschwerde des politischen Leiters Plötzin an das Landratsamt Zauch-Belzig, BLHA, Rep. 250, Zauch-Belzig, Nr. 242, S. 50. 

12 Ebd. 

13 BLHA, Rep. 250, Landratsamt Z-B, Nr. 297, S. 76. 

14 Sitzungsprotokoll der Gemeindevertretung Plötzin vom 5.6.1947, BLHA, Rep. 250, Zauch-Belzig Nr. 242, S. 508. 

15 Ebd. 

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Quellen:

  • AS, KZ Oranienburg, S. 78.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, 3/24.
  • BLHA, Rep. 250, Zauch-Belzig, Nr. 242.
  • BLHA, Rep. 250, Landratsamt Z-B, Nr. 296.
  • BLHA, Rep. 250, Landratsamt Z-B, Nr. 297.
  • Brief vom Ortschronisten Lothar Schneiderwind vom 23.8.2003 an den Verfasser.

Soziale/Regionale Herkunft: Göhlsdorf, Sohn des Arbeiters Albert Neuthe und seiner Frau Wilhelmine

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Maurer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorsitzender der Ortsgruppe Göhlsdorf des Syndikalistischen Bauarbeiterverbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1920: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Bis 16. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Bürgermeister der Gemeinde Plötzin; KPD; SED

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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