Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
31. Juli 1883 - 1958

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Von Kathrin Zahn

Er hatte eine „kräftige Gestalt“, die Stirn war „hoch“, Ohren und Hände „groß“, die Nase „mollig“, die Zähne „lückenhaft“, der Schnurrbart „nicht gestutzt“. Seine Körperhaltung war „stark nach vorn“ geneigt. So jedenfalls wird Otto Karl Preuschoff am 8. Juni 1933 in den Personenbeschreibungen von Häftlingen im KZ Oranienburg verewigt.
Geboren wurde der Mann, den die Nazis mit diesen Attributen charakterisierten, am 31. Juli 1883 in Elbing als Sohn des Arbeiters Johann Preuschoff. Im Alter von 6 bis 14 besuchte er die Volksschule und erlernte anschließend das Dreherhandwerk. Später schrieb er in einem Lebenslauf, dass er in seiner Lehrlingszeit durch seinen zehn Jahre älteren Bruder erste Einblicke in die Arbeiterbewegung bekam.
1902 ging er nach seiner Gesellenprüfung auf Wanderschaft, die er 1903 abbrechen musste, weil das Militär ihn einzog. Zwei Jahre lang leistete er seinen Dienst in Berlin. Dort blieb er auch nach seiner Entlassung und begann wieder, als Dreher zu arbeiten. Im Oktober 1905 trat er in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) und in die SPD ein. Im DMV sei er Funktionär gewesen, schreibt er in seinem Lebenslauf, in der SPD habe die Arbeit aus „Flugblattverbreitung und Landagitation“ bestanden1. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Preuschoff wieder als Soldat zum Militär gerufen und war in Brandenburg stationiert. Im Winter 1916/17 wurde er schwer verwundet und als dienstuntauglich entlassen.
Zurück in Berlin wechselte er von der SPD zur USPD, bevor er wegen einer neuen Anstellung 1917 nach Oranienburg zog. Sechs Jahre später trat er in die KPD ein, „weil ich überzeugt war, dass es die einzige Partei ist, welche die Interessen der Arbeiter vertrat2“. Bis 1933 war Preuschoff als Org[anisations]leiter aktiv. Als aktives Mitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes vertrat er seine Organisation als Delegierter im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB).
In den Jahren vor der Machtergreifung Hitlers hat Preuschoff offenbar geheiratet: In einem Fragebogen der Provinzialverwaltung Mark Brandenburg für die „Opfer des Faschismus“ gab er 1945 an, dass auch seine Frau KPD-Mitglied war und sich gemeinsam mit ihm im „Bund der Gottlosen“ engagierte.
Am 26. Februar 1933 wurde er von der SA und der Polizei ins Amtsgerichtsgefängnis gebracht. Eine von SA-Sturmbannführer Hans Spellkopf, Verbindungsoffizier des Konzentrationslagers Oranienburg, mit „Stahlkopf“ unterzeichnete Liste vom 16. Dezember 1933 bestätigt den Erhalt verschiedener Vernehmungsprotokolle, darunter das von Otto Preuschoff. Vom Gefängnis aus wurde er ins KZ Oranienburg verlegt, wo er vom 7. April bis zum 18. Dezember festgehalten wurde. Diese Zeitspanne ist jedenfalls auf der Karteikarte des Konzentrationslagers festgehalten. Auch seine Entlassungserklärung ist auf den 18. Dezember datiert. In seinem VVN-Antrag gibt Preuschoff selbst den 20. September 1934 als Zeitpunkt seiner Entlassung an, in seinem Lebenslauf schreibt er später von seiner Entlassung im August 1934. Das weist darauf hin, dass Preuschoff nach seiner Entlassung aus dem KZ Oranienburg – wie viele andere Häftlinge – in das KZ Sonnenburg oder einen anderen Haftort deportiert wurde.
Schon im September 1933 hatte der Landrat des Kreises Niederbarnim anscheinend um die Entlassung Preuschoffs ersucht, denn in einem Antwortschreiben eines Sturmbannführers wird diese verweigert – „auf Grund seiner früheren starken politischen Führertätigkeit in der KPD3“. Als Kommunist bekannt, fand er nach seiner Entlassung auch keine Arbeit mehr in Oranienburg und ging wieder nach Berlin, von wo aus er sich aber zwei Mal pro Woche bei der Polizei zu melden hatte.
Seine politische Tätigkeit in der KPD nahm er 1945 wieder auf und engagierte sich auch im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, für den er als zweiter Vorsitzender seiner Ortsgruppe tätig war. Spätestens zu Beginn der 1950er Jahre kehrte Otto Preuschoff zurück nach Oranienburg. In seinem VVN-Aufnahmeantrag ist ein Herzleiden als Folge der Inhaftierung in Oranienburg vermerkt; zudem gab er dort an, inzwischen selbstständig als Buchhändler zu arbeiten. Otto Preuschoff starb 1958.

1 BLHA, Rep. 401, VdN-1370. 

2 Ebd. 

3 Ebd., Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/26/1. 

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Quellen:

  • BArch, R 58/3286, Bl. 128 (Karteikarte Reichssicherheitshauptamt).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 6 (Vernehmungsliste SA).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/26/1, Bl. 327 (Karteikarte KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/26/1, Bl. 328 (Entlassungserklärung).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/26/1, Bl. 329 (Brief des Sturmbannführers an Landrat Niederbarnim).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 8/6/33 (Personenbeschreibung von Häftlingen).
  • BLHA, Rep. 401, VdN-1370 (Fragebogen „Opfer des Faschismus, handschriftlicher Lebenslauf).
  • StA Oranienburg, Schreiben vom 10.7.2002 an S. Mielke.

Soziale/Regionale Herkunft: Elbing; Sohn des Arbeiters Johann Preuschoff

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Dreher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1905: DMV; Delegierter im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Oranienburg

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1905: SPD; USPD; KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 26. Februar 1933: Haft im Amtsgerichtsgefängnis; 7. April bis zum 18. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: KPD; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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