Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
11. Mai 1875 - 1952

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Von Michael Blickhan

Hermann Otto Reichert wurde am 11. Mai 1875 in Jüterbog, Kreis Luckenwalde, geboren.
Nachdem er die Volksschule 1889 mit 14 Jahren beendet hatte, absolvierte er eine dreijährige Ausbildung zum Maurer in Berlin. Anschließend arbeitete er bis zu seiner Einberufung 1895 als Maurergeselle. Den Militärdienst leistete er im Infanterieregiment 150 als Sanitätsgefreiter bis 1897 ab. Im April 1901 heiratete Hermann Reichert; aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Ab 1907 arbeitete er als Maurer und Maurerpolier in Jüterbog, bis er 1919 als Arbeitsvermittler im Kreisarbeitsausschuss angestellt wurde. Bereits 1907 trat Reichert der SPD bei. Er war von 1919 bis 1933 Stadtverordneter in Jüterbog. Für die Zeit von 1929 bis zum erzwungenen Rücktritt von seinem Mandat am 26. April 1933 ist dies gesichert. Während der gesamten Zeit sah er sich dabei mit einer Mehrheit der Einheitsliste der Bürgerlichen Vereinigung konfrontiert.
Bereits 1897 wurde Reichert Mitglied in der Gewerkschaft – vermutlich im Zentralverband der Maurer und verwandter Berufsgenossen Deutschlands, der 1901 im Zentralverband der Maurer Deutschlands aufging. Nach eigenen Angaben war er auch im Zentralverband der Angestellten. Die Wahl dieser Gewerkschaft ist zumindest für seine Tätigkeit als Arbeitsvermittler, die er ab 1919 ausführte, naheliegend. Zudem war er vor 1933 Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in Jüterbog. Neben seinem gewerkschaftlichen und politischen Engagement war er auch im Arbeitergesangverein und im „Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung“ aktiv.
Am 1. Januar 1933 wurde ihm mitgeteilt, dass er vom Arbeitsamt Luckenwalde wegen mangelnder Leistung zum 30. Juni entlassen würde. Bereits am 18. April erhielt er seine fristlose Kündigung. Der Vorwurf lautete auf politische Unzuverlässigkeit.
Am 13. Juli 1933 wurde Hermann Reichert erstmalig in Folge einer Hausdurchsuchung, über deren nähere Umstände nichts bekannt ist, festgenommen und blieb bis zum 6. August im Gerichts- und Polizeigefängnis von Jüterbog in Haft. Anschließend wurde er in das Konzentrationslager Oranienburg überführt. Hier erhielt er die Häftlingsnummer 1166. Am 7. September wurde er abermalig verlegt. Bis zu seiner Entlassung aus der Schutzhaft am 28. November nunmehr im KZ Sonnenburg interniert. Nach seiner Rückkehr wurde ihm auferlegt, sich zwei Mal pro Woche bei der örtlichen Polizeidienststelle zu melden. Diese Schikane wurde bis zum 24. Dezember 1934 aufrecht erhalten. Nach seiner Aussage blieb er bis zum Februar 1934 arbeitslos und verfügte über keinerlei Einkünfte. Am 22. August 1944 wurde Hermann Reichert vermutlich im Zuge der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet. Er wurde mit der Häftlingsnummer 93192 im KZ Sachsenhausen interniert. Hier wurde er nach eigenen Angaben in einem Arbeitskommando auf dem Holzhof eingesetzt. Am 2. Oktober 1944 erfolgte die Entlassung aus dem Konzentrationslager.
Aufgrund seines Alters arbeitete er nach dem Krieg nur noch für kurze Zeit und erhielt dann eine kleine Rente. Im Jahr 1952 verstarb Hermann Reichert in Jüterbog, wo er Zeit seines Lebens gewohnt hatte.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 90.
  • AS, D 1 A/1044, Bl. 5.
  • BLHA, Rep. 8122-6177/03 (Provinzialausschuss Opfer des Faschismus).
  • StA Jüterbog, 40/II/OL/25e/6/2774, S. 88 (Wahllisten für den Kreistag).
  • Heimatkalender der Stadt Jüterbog 1922/24/27, Jüterbog o.J.

Soziale/Regionale Herkunft: Jüterbog, Kreis Luckenwalde

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Maurer

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1933: Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in Jüterbog

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1907: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1919 bis 1933: Stadtverordneter in Jüterbog

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 13. Juli 1933 - 6. August 1933: Gerichts- und Polizeigefängnis von Jüterbog; KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 1166); 7. September - 28. November 1933: KZ Sonnenburg; 22. August 1944 - 2. Oktober 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93192)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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