Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
29. Juni 1905 - 27. April 1977

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Willy Reinfeld.
Quelle: PA Bernd W. Reinfeld, Bernau.

Willy Reinfeld. Quelle: PA Bernd W. Reinfeld, Bernau.

Von Katharina Schwerendt

Willy Reinfeld wurde am 29. Juni 1905 in Bernau bei Berlin geboren. Er wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus auf. Sein Vater Erich Reinfeld, seit 1902 Mitglied der SPD, übte den Beruf des Tischlers aus, seine Mutter Hedwig war Schneiderin. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte Willy Reinfeld wie schon sein Vater das Tischlerhandwerk. Als Jugendlicher engagierte er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Im März 1922 trat er während seiner Ausbildung zum Tischler dem Deutschen Holzarbeiterverband (DHV) und der SPD bei. Die in Bernau organisierten Mitglieder des DHV delegierten Willy Reinfeld in den Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), diese Funktion übte er von 1929 an bis zur Zerschlagung der Gewerkschaften aus. Im Februar 1933 übernahm er zudem den Vorsitz der Bernauer Ortsgruppe des DHV. Zu diesem Zeitpunkt war Reinfeld arbeitslos.
Willy Reinfeld wurde am 16. März 1933 festgenommen, nach einigen Stunden jedoch wieder freigelassen. Drei Monate später erfolgte die Verhaftung der sozialdemokratischen Funktionäre von Bernau. Am 28. Juni 1933 wurde Reinfeld mit neun weiteren Genossen (u.a. Otto Schröder, Adolf Sasse, Ernst Freudenreich) festgenommen und nach Oranienburg überführt. Wie die Häftlingsnummer 93 belegt, zählte er zu den ersten Häftlingen des Konzentrationslagers Oranienburg. Nach sechswöchiger Haft wurde er am 17. August 1933 aus dem Lager entlassen. Die Zeit im Konzentrationslager hinterließ ihre Spuren; er hatte in den folgenden Jahren mit einem Magenleiden zu kämpfen.
Willy Reinfeld heiratete am 7. Juli 1934 Gretchen Furchert. Ein Jahr später wurde er bei der Firma Siemens und Halske in Berlin eingestellt, dort arbeitete er im Wernerwerk F der Siemenswerke, Abteilung Werkzeugbau. Nach eigenen Angaben wurde er wegen “Wehrunwürdigkeit” vom Militärdienst freigestellt. Von 1941 an war er in der Werkschutzabteilung bei Siemens und Halske tätig. Als er 1944 versuchte, das Arbeitsverhältnis zu kündigen, wurde dies abgelehnt. Im selben Jahr, am 14. Mai, kam sein Sohn Bernd Willi zur Welt.
Im Zuge der Mobilisierung zum „Volkssturm“ wurde auch Reinfeld eingezogen. Vom 4. Mai bis 27. Juni 1945 befand er sich in Kriegsgefangenschaft in Potsdam.
Nach dem Krieg trat Reinfeld der neu gegründeten SPD bei, in der er das Amt des Unterbezirkskassierers im Kreis Niederbarnim ausübte. Infolge des Zusammenschlusses von KPD und SPD wurde er Mitglied der SED, von 1948 an war er Vorsitzender des Kreisvorstandes der SED Niederbarnim.
Im Januar 1946 arbeitete Reinfeld für zwei Monate als Sachbearbeiter in der Außenstelle Bernau der Bezirksverwaltung Berlin. In dieser Behörde wurde er zum Referenten ernannt, dem die Leitung der Dienststelle „Informationsdienst“ übertragen wurde. Im Februar 1947 wurde die Außenstelle Bernau aus der Bezirksverwaltung Berlin ausgegliedert. Mit dieser Umstrukturierung war die Auflösung der Dienststelle, in der Reinfeld tätig war, verbunden. Er wurde entlassen und absolvierte daraufhin einen Lehrgang an der Partei-Hochschule „Karl Marx“. Anschließend meldete er sich 1949 zum Volksrichterlehrgang auf der Richterschule Brandenburg an.
Mit dem Vorwurf, Willy Reinfeld habe sich als Parteisekretär am Schwarzhandel beteiligt und „Butter geschoben1“, endete Reinfelds parteipolitische und berufliche Karriere. Diese Anschuldigung führte zum Ausschluss aus der Partei sowie dem Volksrichterlehrgang. Reinfelds Sohn sieht in dieser Beschuldigung einen Vorwand, um ehemalige sozialdemokratische Parteigenossen aus den höheren Funktionen auszuschließen.
In der folgenden Zeit arbeitete Reinfeld als Holzlagerarbeiter im Auslieferungslager Bernau der Deutschen Handelszentrale Rohholz und Schnittholz. Gewerkschaftlich bei der Industriegewerkschaft Chemie organisiert, hatte er in diesem Betrieb die Funktion des Vertrauensmannes inne. Weil die schwere körperliche Arbeit seinen Gesundheitszustand beeinträchtigte, begann er sich anderweitig beruflich zu orientieren.
Seit 1956 unterrichtete er das Fach Werken an der Mittelschule Bernau. Da er keine pädagogische Ausbildung hatte, bildete er sich durch ein Fernstudium am Pädagogischen Institut in Güstrow weiter. Drei Jahre später erhielt er nachträglich die Lehrbefähigung für die Mittelschule zur Erteilung des Werkunterrichts. Während seiner Zeit als Lehrer war Reinfeld Mitglied der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, wieder übertrug man ihm die Funktion des Vertrauensmannes an der Mittelschule Bernau.
Für seine parteipolitischen und gewerkschaftlichen Tätigkeiten erhielt Willy Reinfeld in der DDR zahlreiche Auszeichnungen.
Seine Ehefrau Gretchen Reinfeld starb am 20. Juli 1969. Willy Reinfeld heiratete fünf Jahre später Erna Hanisch, mit der er in Berlin lebte. 1975 erfolgte die Scheidung der zweiten Ehe. Reinfeld, der sich nach erlittenem Herzinfarkt noch in einem stark geschwächten Gesundheitszustand befand, zog wieder zu seinem Sohn nach Bernau. Am 27. April 1977 verstarb er in Zepernick, Kreis Bernau.

1 Interview mit Bernd W. Reinfeld, Sohn von Willy Reinfeld. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 90.
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112 875/35 vom 1.8.1935).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/27 (Schutzhaftunterlagen von Willy Reinfeld).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6 (Schriftwechsel der Verwaltungsstellen zur Klärung von Schutzhaftfragen).
  • BLHA, Rep. 333, Nr. 1250 (VVN-Antrag).
  • PA Bernd W. Reinfeld, Sohn von Willy Reinfeld, Bernau.
  • Barnimer Tageblatt, Organ für die werktätige Bevölkerung, 13.10.1932, 17.12.1932, 3.2.1933.
  • Interview mit Bernd W. Reinfeld vom Oktober 2003.
  • Kreisarchiv Eberswalde, Auskunft vom 12.4.2002.
  • Rat des Kreises Niederbarnim (Hrsg.), Wegweiser durch Verwaltung Kultur Wirtschaft Verkehr im Land Brandenburg, Berlin 1947.

Soziale/Regionale Herkunft: Bernau bei Berlin; Sozialdemokratisch geprägtes Elternhaus

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung zum Tischler

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im DHV; Mitglied im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB); Vorsitz der Bernauer Ortsgruppe des DHV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 16. März 1933: Ein Tag in Haft; 28. Juni 1933 - 17. August 1933: KZ Oranienburg (Häftlingsnummer 93)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Unterbezirkskassierer der SPD im Kreis Niederbarnim; 1948: Vorsitzender des Kreisvorstandes der SED Niederbarnim

Erinnerungskultur/Ehrungen: zahlreiche Auszeichnungen in der DDR

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