Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
22. November 1876 - 17. Oktober 1958

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Adolf Sasse.
Quelle: Herbst, Andreas: Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Niederbarnim 1918-1933, Eggersdorf 1988.

Adolf Sasse. Quelle: Herbst, Andreas: Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Niederbarnim 1918-1933, Eggersdorf 1988.

Von Katharina Schwerendt

Adolf Sasse kam am 22. November 1876 als Sohn von August Sasse und seiner Frau Wilhelmine, geborene Zietz, in Manker im Kreis Neuruppin zur Welt. Über seine familiären Verhältnisse und seine Jugendzeit ist nichts bekannt. Adolf Sasse heiratete Elisabeth Grützmacher, und vermutlich zog das Ehepaar im April 1904 nach Bernau bei Berlin. Dort arbeitete Sasse als Werkmeister in der Chemischen Fabrik von Max Jasper (Nachfolger), einem Unternehmen, das Arzneimittel herstellte.
Adolf Sasse war überzeugter Sozialdemokrat und engagierter Kommunalpolitiker. Im März 1920 nahm er aktiv an den Kämpfen gegen den Kapp-Putsch teil. Sasse gehörte zum Aktionsausschuss, der die Streikaktionen in Bernau koordinierte. Im Juli 1920 wurde er als Stadtrat von Bernau vereidigt und war in den folgenden Jahren als Abgeordneter der Stadtverordnetenversammlung sowie als Magistratsmitglied tätig. Hierbei übernahm er diverse Aufgaben in den Verwaltungsdeputationen, so im Berufsschulausschuss, im Schulausschuss für die höheren Schulen, in der Baudeputation wie auch in der Deputation für die städtischen Werke. Über seine parteipolitische Tätigkeit hinaus bekleidete Sasse in den freien Gewerkschaften mehrere Funktionen. Er war sowohl Vorsitzender als auch Kassierer der Zweigfiliale Bernau des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes, des Weiteren wurde er zum Vorsitzenden des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) von Bernau gewählt.
Als Mitglied des ADGB-Ortsausschusses erklärte sich Sasse auch dafür verantwortlich, die Raten der Bernauer Kunden für die Lindcar-Fahrradwerk AG einzuziehen. Gewerkschaftsmitglieder konnten ohne Anzahlung und für wöchentliche Raten von 3 RM ein Fahrrad der Lindcar-Fahrradwerke erwerben. Das zunächst privat geführte Unternehmen aus Berlin-Lichtenrade wurde 1926 durch die Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten AG (Arbeiterbank) übernommen. Seitdem regelte das Gewerkschaftsunternehmen den Vertrieb über die Ortsausschüsse der freien Gewerkschaften. (Vgl. Werbeplakat)
Neben seinem Engagement für die Lindcar-Fahrradwerke gehörte Adolf Sasse zu den Gründungsmitgliedern der „Siedlung Bernau“, einer eingetragenen Genossenschaft. Der Bereich des Wohnungsbaus war für die Bernauer Sozialdemokraten ein Schwerpunkt kommunalpolitischer Arbeit. Der Siedlungsgenossenschaft Bernau, im Dezember 1927 aus 140 Mitgliedern bestehend, gelang es innerhalb von fünf Jahren, die „Siedlung Bernau“ zu einem Stadtteil mit über 1.000 Einwohnern auszubauen.
Als Vorsitzender des freigewerkschaftlichen Ortssausschusses und in seiner Funktion als Stadtrat war Sasse bei den Feierlichkeiten zur Einweihung der Bundesschule des ADGB anwesend. Im Juli 1928 wurde mit dem Bau einer Ausbildungsstätte in Bernau begonnen, die zur Schulung von Gewerkschaftsfunktionären dienen sollte. Am 4. Mai 1930 wurde die Bundesschule vom Bundesvorstand des ADGB, Vertretern der Reichsregierung, der Kommunen und Delegierten der verschiedenen Gewerkschaftsorganisationen mit einem großen Festakt eingeweiht. Anfang der 1930er Jahre kam es in Bernau zu zahlreichen Angriffen der Nationalsozialisten auf ihre politischen Gegner. Während der Landtagswahlen im April 1932 wurde das Mitglied des Reichsbanners Willi Kretzschmar niedergestochen. Dieses Ereignis löste bei den Bernauer Sozialdemokraten eine Debatte hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten aus. Laut einer Publikation der SED-Kreisleitung Bernau gab es trotz der Differenzen und Anfeindungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten Ansätze einer Kooperation. Demnach plädierte eine Gruppe von Sozialdemokraten um Adolf Sasse und Otto Schröder, dem Vorsitzenden der SPD-Ortsgruppe Bernau, für eine Zusammenarbeit der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend, des Reichsbanners und der KPD, um den nationalsozialistischen Terror abwehren zu können. Die Idee eines vereinten Vorgehens wurde mit einer Protestveranstaltung gegen die zunehmenden Übergriffe durch Nationalsozialisten sowie mit einer gemeinsam organisierten Maikundgebung realisiert. Ein Artikel des Bernauer Generalanzeigers vom 12. Juli 1932 bestätigt, dass Sasse einem Zusammenwirken der kommunistischen und sozialdemokratischen Basis grundsätzlich nicht abgeneigt war. Berichtet wird von der Sitzung des Gewerkschaftsausschusses, auf der die Zunahme des nationalsozialistischen Straßenterrors und mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert wurden. Ansätze kommunistischer und sozialdemokratischer Zusammenarbeit nach dem 1. Mai 1932 sind jedoch aus anderen Quellen nicht erkennbar. Sowohl die sozialdemokratische Presse als auch die Dokumentationen der Polizeiverwaltung Bernau geben keine Anhaltspunkte für eine derartige Kooperation.
Im März 1933 wurde Adolf Sasse bei den Kommunalwahlen in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Zehn Tage später, am 22. März 1933, nahm die SA drei Abgeordnete der SPD fest. Unter den Verhafteten war auch Sasse, der jedoch nach einigen Tagen wieder freigelassen wurde. Am 27. Juni 1933 wurde Adolf Sasse mit neun weiteren sozialdemokratischen Funktionären aus Bernau festgenommen (u.a. mit Otto Schröder, Willi Reinfeld, Ernst Freudenreich) und am 28. Juni 1933 in das Konzentrationslager Oranienburg überführt. Nach der Verhaftung schrieb Elisabeth Sasse einen Brief an die Standarte 208 der SA mit der Bitte, ihren Mann aus der Haft zu entlassen. Um ihrer Bitte Gewicht zu verleihen, benannte sie diverse parteipolitische Funktionen ihres Ehemanns sowie seine gewerkschaftliche Tätigkeit. Dieser Brief wurde mit dem Vermerk versehen: „Radikaler SPD-Bonze. Könnte ruhig ein paar Monate Lager vertragen. Eine Entlassung würde in SA-Kreisen befremden.“ (BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/30, Bl. 82 ff.) Zwei Monate später, am 24. August 1933, wurde Sasse aus der Haft entlassen.
Über seinen Verbleib in den folgenden Jahren liegen keine Informationen vor. Auch der Zeitpunkt der erneuten Festnahme ist nicht bekannt. Adolf Sasse wurde vermutlich im Zuge der „Aktion Gewitter“ verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Dort bekam er die Häftlingsnummer 93114 und wurde in den Block 30 eingewiesen. Man entließ Adolf Sasse am 18. September 1944 aus dem KZ Sachsenhausen. Er verstarb am 17. Oktober 1958 in Bernau.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 96.
  • AS, JSU 1/99, Bl. 201 (Veränderungsmeldungen der Schreibstube vom 19.9.1944).
  • BLHA, Rep. 2 A, I Pol., Nr. 1206, „Ehemalige SPD-Gewerkschaftsfunktionäre“ (Gestapa II, 112 875/35 vom 1.8.1935).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/3 (Personenbeschreibung und Häftlingsfragebogen).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/30 (Schutzhaftunterlagen von Adolf Sasse).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6 (Schriftwechsel der Verwaltungsstellen zur Klärung von Schutzhaftfragen).
  • Kreisarchiv Eberswalde/Außenstelle Bernau, V 12, Nr. 97 (Magistrat Bernau, Vereidigung der Beamten 1917-1932).
  • Kreisarchiv Eberswalde/Außenstelle Bernau, P 6, Nr. 29 (Polizeiverwaltung Bernau, Politische Zusammenstöße 1930-1933).
  • PA Siegfried Mielke.
  • Adreßbuch Bernau und Umgegend 1924/25, Berlin 1925.
  • Adreßverzeichnis des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes von 1933, Berlin 1933.
  • Barnimer Tageblatt, Organ für die werktätige Bevölkerung, 27.6.1929, 9.9.1929, 16.10.1929, 4.5.1930, 1.-30.4.1932, 6.11.1932.
  • Bernauer Generalanzeiger, 12.7.1932, 13.3.1933, 23.3.1933.
  • Herbst, Andreas, Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Niederbarnim 1918 – 1933, Eggersdorf 1988.
  • Kreisarchiv Eberswalde, Auskunft vom 12.4.2002 und vom 10.8.2004.
  • Kreisleitung Bernau der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (Hrsg.), Niederbarnimer Arbeiter im Kampf gegen Ausbeutung, Krieg und Faschismus. Beiträge zur Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung des Kreises Bernau, Berlin 1971.
  • Novy, Klaus/Prinz, Michael, Illustrierte Geschichte der Gemeinwirtschaft. Wirtschaftliche Selbsthilfe in der Arbeiterbewegung von den Anfängen bis 1945, Berlin 1985.
  • Rat des Kreises Niederbarnim (Hrsg.), Wegweiser durch Verwaltung, Kultur, Wirtschaft und Verkehr im Land Brandenburg, Berlin 1947.
  • Standesamt der Gemeinde Fehrbellin, Auskunft vom 21.9.2004.

Soziale/Regionale Herkunft: Manker im Kreis Neuruppin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Werkmeister in der Chemischen Fabrik von Max Jasper

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Vorsitzender und Kassierer der Zweigfiliale Bernau des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes; Vorsitzender des Ortsausschusses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) von Bernau

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1920: Stadtrat von Bernau

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 22. März 1933: Festnahme durch die SA in Bernau; 28. Juni 1933 - 24. August 1933: Konzentrationslager Oranienburg; Ausgust 1944 - 18. September 1944: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 93114, Block 30)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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