Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
27. August 1909 - 1990

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Otto Scharfschwerdt jun., Anfang der 1930er Jahre.
Quelle: PA Ingrid Scharfschwerdt.

Otto Scharfschwerdt jun., Anfang der 1930er Jahre. Quelle: PA Ingrid Scharfschwerdt.

Von Kathrin Zahn

Otto Emil Julius Scharfschwerdt kam am 27. August 1909 in Berlin zur Welt. Er war der Sohn des Lokomotivführers Otto Scharfschwerdt sen. und seiner Frau Henriette. Otto Scharfschwerdt jun. verbrachte seine Kindheit in Hohen Neuendorf nahe Oranienburg, wo die Familie ein Haus mit großem Grundstück besaß.
Nach seinem Schulabschluss begann Scharfschwerdt 1928 Jura zu studieren. Zuerst in Berlin, kurze Zeit später in Genf, um seine Französischkenntnisse zu verbessern. Er wollte in den Auswärtigen Dienst, wollte Diplomat werden. Der Vater hatte in seiner Parteikarriere in der SPD Kontakte geknüpft, durch die Aussichten auf eine solche Laufbahn möglich schienen. Auch Scharfschwedt jun. trat 1928 der SPD bei. Schon vier Jahre zuvor war er Mitglied beim „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ geworden; dann auch in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), die er für den Bereich Niederbarnim wenig später leitete.
Als die politische Situation sich verschärfte und ein Wahlsieg der Nationalsozialisten absehbar war, brach Scharfschwerdt das Jurastudium ab, weil er seine Chancen auf den gewünschten Beruf abgeschrieben hatte. Stattdessen fand er eine Anstellung im Deutschen Familien-Kaufhaus, das er von nun an vor Gericht vertreten sollte. In dieser Position lernte er Margot Elfriede Nohrke kennen, die er 1934 heiratete. Sie arbeitete als Kontoristin in dem Kaufhaus. Die neue Tätigkeit ließ ihn auch beim Zentralverband der Angestellten (ZdA) Mitglied werden.
Nach der Machtübernahme Hitlers führte Otto Scharfschwerdt seine SAJ-Gruppe noch bis 1934 weiter. Seiner Tochter erzählte er Jahrzehnte später folgende Anekdote: Als er einmal mit den Jugendlichen wandern war und bei einer Rast das SAJ-Wimpel in den Boden gesteckt hatte, kamen zwei Männer der SA auf die Gruppe zu und forderten Auskunft darüber, was das für eine Zusammenkunft sei. Scharfschwerdt wies auf das SAJ-Wimpel und stellte sich empört, dass die SA ihre eigene Jugendorganisation nicht kenne. Die Männer zogen weiter.
Ebenfalls 1933 wurde er zum ersten Mal verhaftet: Auf dem Grundstück der Familie stand ein Jugendheim, in dem an diesem Tag die Jugendweihe mehrerer Kinder illegal gefeiert wurde. Die Scharfschwerdts halfen, das Fest zu veranstalten. Senior und Junior wurden auf der Feier festgenommen und in der Alten Brauerei in Oranienburg interniert. Tage später kamen beide wieder frei.
Auch nach der Verhaftung setzte Scharfschwerdt jun. seine SAJ-Betreuung fort und blieb in der SPD bis zu deren Verbot. Sein Vater fuhr oft nach Prag und ließ dem Sohn von dort Informationsmaterial für den Widerstand zukommen. Dieser verteilte zu Hause die Flugblätter und anderes illegales Material.
Im Zuge der großen Verhaftungswelle 1937 wurden alle im Hause Scharfschwerdt verhaftet: Otto jun., seine Frau, seine Mutter. Der Vater war nach Belgrad (Pommern) zu seinen Eltern gereist, wurde aber dort zeitgleich mit dem Rest der Familie festgenommen. Sohn und Vater wurden zum Verhör in das SS-Hauptquartier gebracht, wo sie sich zufällig begegneten. Unbemerkt konnten sie einige Worte wechseln. Scharfschwerdt sen. sagte seinem Sohn, dass dieser alle Vorwürfe zurückweisen solle. Er selbst wolle alle Verantwortung auf sich nehmen, weil er ohnehin keine Chance habe, davonzukommen. Nach kurzer Zeit wurde Otto Scharfschwedt jun. wieder freigelassen, während sein Vater zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Otto Scharfschwerdt sen. wurde am 4. Mai 1943 im KZ Sachsenhausen ermordet.
Im Jahr der Verhaftung bekam das Ehepaar Scharfschwerdt sein erstes Kind. Der Junge erkrankte als Kleinkind schwer, und nach einer stationären Behandlung im November 1940 rieten die Ärzte den Eltern, ihren Sohn bis zu einem anschließenden Kuraufenthalt noch einige Nächte im Krankenhaus zu lassen. In einer dieser Nächte erfolgte der erste Nachtangriff auf Berlin. Das Krankenhaus wurde getroffen, das Kleinkind starb in den Flammen. 1941 kam Tochter Ingrid zur Welt.
Einige Jahre lang nach seiner zweiten Verhaftung konnte Scharfschwerdt der Einberufung zur Wehrmacht entgehen: Ein befreundeter Optiker fertigte ihm eine falsche Brille solcher Stärke, dass er jedes Mal von der Musterung wieder nach Hause geschickt wurde. Irgendwann aber flog der Schwindel bei einem Sehtest auf, und Scharfschwerdt wurde im Fuhrpark der Wehrmacht in Berlin eingesetzt. Kurioserweise hatte er nie einen Führerschein.
In den letzten Kriegsjahren wurde er doch noch zum Kampf an die Ostfront geschickt. Granatsplitter verwundeten ihn am Fuß, so dass Scharfschwerdt auf einem Lazarettschiff die Heimreise antreten sollte. Weil das Schiff aber überfüllt war, musste er auf einen kleineren Kahn ausweichen, der ihn nach Stralsund brachte, von wo aus er mit dem Zug weiter in die Tschecheslowakei gebracht wurde. Während er sicher an sein Ziel kam, lief das überfüllte Lazarettschiff auf eine Mine.
In der Tschecheslowakei kam Scharfschwerdt in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auf Grund seiner Englischkenntnisse konnte er als Dolmetscher arbeiten. Als er entlassen werden sollte, gab er als Heimatadresse die Anschrift eines alten Studienkollegen an. Sein eigenes Zuhause lag in der russischen Besatzungszone, wohin die Amerikaner keine Gefangenen entließen. Er wohnte bei der Frau des Freundes, bis er nach 1945 heimkehren konnte.
Wieder bei seiner Familie, arbeitete er zunächst auf dem Arbeitsamt, später im Verkehrministerium in der Abteilung Kader und Bildung. Er trat 1946 in die SED ein und wurde Mitglied im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) (IG Transport und Nachrichtenwesen).
Gemeinsam mit seiner Frau sang er im FDGB-Chor und leitete auch das Chorbüro. Mit dem Sangesensemble schaffte er es bis zur Chorolympiade nach Paris und gewann dort die Silbermedaille. Als Rentner saß er der örtlichen Wohnparteiorganisation vor.
1952 lehnte die Landesdienststelle Scharfschwerdts VdN-Antrag ab. In der Begründung heißt es: „Keine Haftzeit, sofern Verhaftungen erfolgt sind, dann nur kurzfristig auf Tage, keine illegale Tätigeit in organisierter Form. Soweit eine solche behauptet wird, entspricht sie nicht den Richtlinien vom 10.2.50.“
Otto Scharfschwerdt jun. verstarb im Alter von 89 Jahren in Hennigsdorf. Das Haus in Hohen Neuendorf bewohnt inzwischen seine Tochter. Die Straße wurde nach seinem Vater in Scharfschwerdtstraße umbenannt.

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Quellen:

  • BArch, DY 55/V 278/6/1637 (VdN-Akte).
  • BLHA, Rep. 8122-1566/04, Nr. 1151 (Aufnahmeantrag in die VNN).
  • BLHA, Rep. 401, VdN-1650 (handschriftlicher Lebenslauf).
  • BLHA, Rep. 35 H, Nr. 5 (Kommandoliste der Effektenkammer).
  • Gespräch mit Tochter Ingrid Scharfschwerdt vom 5.1.2004, Berlin.
  • Groß, Arndt, Otto Scharfschwerdt, in: Mielke, Gewerkschafter, Bd. 1, S. 264f.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Lokomotivführers Otto Scharfschwerdt sen.

Ausbildung/Berufstätigkeit: Abgebrochenes Jurastudium; Anstellung im Deutschen Familien-Kaufhaus

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Mitglied im ZdA

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SAJ, SPD, Reichsbanner

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Verteilung illegaler Schriften

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 1933: einige Tage KZ Oranienburg; 1937: Verhaftung durch die SA

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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