Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
25. Oktober 1907 - 3. Dezember 1998

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Erich Schmidt, 1960er Jahre.
Quelle: AS.

Erich Schmidt, 1960er Jahre. Quelle: AS.

Der überzeugte Kommunist und Gewerkschafter Erich Schmidt war sowohl im Konzentrationslager Oranienburg als auch im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach der Befreiung war er der erste Bürgermeister der Gemeinde Sachsenhausen, später Amtsbürgermeister in Oranienburg.

Von Florian Moritz

Erich Paul Walter Schmidt wurde am 25. Oktober 1907 als eines von drei Kindern in Oranienburg geboren. Sein Vater Friedrich Schmidt, ein Bauarbeiter, fiel 1914 im Ersten Weltkrieg. Schmidt wuchs bei seiner Mutter Anna Schmidt (geborene Kwietschinski) auf. Die Erziehung seiner Mutter prägte ihn nach seinen eigenen Angaben für das ganze Leben. Wie Schmidts Vater war auch die Mutter zunächst Mitglied der SPD, wechselte aber unmittelbar nach Gründung der KPD zu den Kommunisten.
Erich Schmidt besuchte von 1913 bis 1920 die Volksschule in Oranienburg. Danach wollte er eigentlich Zimmermann werden, fand aber keine Lehrstelle. Seine Mutter – zu dieser Zeit im Oranienburger Hüttenwerk Kayser & Co beschäftigt – versuchte ihn zu überreden, eine Lehre als Schmied aufzunehmen, aber Erich Schmidt wollte inzwischen wie sein Vater Bauarbeiter werden. Auch dieser Wunsch ging vorerst nicht in Erfüllung, weil er keine Lehrstelle fand. Deshalb arbeitete er zunächst in Schmachtenhagen nahe Oranienburg in der Landwirtschaft – eine Erfahrung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg noch als nützlich herausstellen sollte.
Nach zweieinhalb Jahren in der Landwirtschaft und einiger Zeit in der Metall- und Chemieindustrie verschaffte ihm ein Onkel eine Lehrstelle als Maurer in Berlin. Dort arbeitete er auch nach der Ausbildung noch ein weiteres Jahr, bevor er auf Wanderschaft ging. In Hamburg, Duisburg und Dortmund war er bei verschiedenen Stellen beschäftigt, unter anderem als Hochofenmaurer in einem Dortmunder Hüttenwerk. Zurück in Oranienburg arbeitete Schmidt von Januar 1927 bis Juni 1929 als Terazzoschleifer und Betonbauer bei der Berliner Firma Nardini & Groß, von Juli 1929 bis September 1931 bei der Berliner Zementbau Gesellschaft und von Oktober 1931 bis August 1934 bei Wilhelm Eikelschulte in Charlottenburg.
Unter dem Einfluss seiner politisch aktiven Mutter war Erich Schmidt schon während der Schulzeit der Spartakusjugend beigetreten. 1921 wurde er Mitglied der Kommunistischen Jugend und 1924 des Roten Frontkämpferbundes (RFB). 1927 trat er in die KPD ein und arbeitete dort als Unterkassierer im Bereich Altstadt. Gewerkschaftlich organisiert war Schmidt zunächst im Deutschen Baugewerksbund. Aus diesem wurde er aber nach 1927 ausgeschlossen, und so begann er, in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) mitzuarbeiten. Bis zum Verbot der RGO 1933 war er dort Vorsitzender des Oranienburger Bau- und Steinarbeiterverbandes. Im Rahmen seiner Gewerkschaftsarbeit leitete er schon in jungen Jahren einen Bauarbeiterstreik in Oranienburg. Während es in einer Veröffentlichung zur Ausstellung „Konzentrationslager Oranienburg1“ heißt, dieser Streik habe 1929/30 stattgefunden, schreibt der Oranienburger Historiker und Bekannte Erich Schmidts Hans Biereigel in einem unveröffentlichten Manuskript2, der Streik sei 1931 gewesen. „Trotz der Drohungen des Vorsitzenden des Baugewerksbundes, der Aufforderung, den Streik abzubrechen, standen die kämpfenden Arbeiter hinter Erich Schmidt und erreichten, dass dringenden Lohnforderungen der Arbeiter stattgegeben werden musste. Wie Erich Schmidt einschätzte, war dieser Arbeitskampf die bis dahin größte politische und gewerkschaftliche Aktivität in seinem Leben3.“ In den Oranienburger Zeitungen von 1929 bis 1931 konnten allerdings keine Hinweise auf den Streik gefunden werden.
Am 14. Dezember 1930 fand in Oranienburg eine Delegiertenkonferenz der RGO für den Raum des Berliner Nordens statt, an der auch Erich Schmidt teilnahm. Im März 1931 wurde er an die Spitze einer neu gegründeten Ortsgruppe des „Kampfbundes gegen den Faschismus“ mit 100 Mitgliedern gewählt, er selbst bezeichnete sich als „Leiter der Hundertschaft der Kampfgruppe gegen den Faschismus4“.
Nach der Machtergreifung der Nazis wurde Schmidt in das KZ Oranienburg eingeliefert. Laut Liste der Gefangenen blieb er dort vom 8. bis zum 12. Mai 1933. Eine Anordnung der „Schutzhaft“ findet sich in einem Brief des Niederbarnimer Landrates an Schmidt vom 11. Mai 1933, in dem es heißt: „[…] ordne ich hiermit mit Wirkung vom 8. Mai 1933 gegen Sie wegen Verdachts der Betätigung im staatsfeindlichen Sinne Polizeihaft (Schutzhaft) an5“. Für spätere Angaben Schmidts, nach denen er länger im KZ Oranienburg gewesen sei, gibt es keine weiteren Belege.
Nach seiner Entlassung heiratete Schmidt am 14. April 1934 die Oranienburgerin Anna Lücke. Mit ihr hatte er später zwei Kinder: den 1940 geborenen Gernot und die 1943 geborene Dagmar.
Trotz Verbots arbeitete er weiter für die KPD. Nach eigenen Angaben brachte er regelmäßig Exemplare der Parteipresse wie die „Rote Fahne“ von der Arbeit aus Berlin mit und verteilte sie in Oranienburg. Er wohnte zu dieser Zeit bei seinen Schwiegereltern in der Berliner Straße 70, nahe dem Arbeitsamt. Dort verteilte er nach eigener Aussage auch Flugblätter an Arbeitslose.
Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hatte sich ab Mai 1934 ein „Apparat der illegalen KPD“ gebildet. In der Anklageschrift gegen Schmidt und zehn weitere KPD-Genossen vom 11. Mai 1935 heißt es: „Bereits im Juni 1934 machte sich eine verstärkte Hetzschriftenverteilung bemerkbar. Im Juli 1934 stieg die Zahl der an die Polizei abgelieferten Hetzblätter unvermittelt auf 27 gegenüber 1 bis 6 Exemplaren in den Vormonaten. Im nächsten Monat betrug die Zahl sogar über 80 Stück6.“ Die illegale Arbeit der KPD im Norden Berlins wurde von der Unterbezirksleitung Gesundbrunnen organisiert. Erich Schmidt wurde von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, kurz vor Weihnachten 1934 ein Exemplar der „Roten Fahne“ an einen Wilhelm Schmidt weitergegeben zu haben. Außerdem gestand er, mindestens zweimal die Zeitung „Der Klassenkampf“ von Paul Wolschendorf erhalten und jeweils zehn Pfennige dafür bezahlt zu haben. An Wolschendorf zahlte er auch wiederholt 50 Pfennige für die „Rote Hilfe“. Wilhelm Kayser sagte außerdem aus, Schmidt habe von ihm verschiedene Schriften für zehn Pfennige gekauft und monatlich zwei Reichsmark Beitrag für die KPD bezahlt. Die Tochter des Oranienburger Ortsgruppenleiters Georg Rothenhagen erinnerte sich später, ab Frühjahr 1934 illegale Zeitungen zu bestimmten Empfängern gebracht zu haben. „In Sachsenhausen war Erich Schmidt […] der Empfänger7.“
Wegen seiner illegalen Tätigkeit wurde Schmidt am 14. Februar 1935 zusammen mit vier weiteren Genossen – Alfred und Herbert Scheffran, Wilhelm Schmidt und Paul Wolschendorf – festgenommen und kam am 16. Februar 1935 in Untersuchungshaft ins Gefängnis Potsdam. Das Kammergericht Berlin verurteilte ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren Zuchthaus, die er vom 27. Juni 1935 bis zum 13. Februar 1937 im Gefängnis Brandenburg/Görden verbüßte. Nach Ablauf seiner Haftzeit musste er abermals für acht Wochen ins Gestapo-Gefängnis in Potsdam.
Am 16. April 1937 wurde Schmidt dann mit 17 weiteren Inhaftierten ins KZ Sachsenhausen gebracht und bekam die Häftlingsnummer 1300. Zunächst wurde er in Block 7 eingewiesen und am nächsten Tag in Block 12, den späteren Block 5, verlegt. Beide Blöcke befanden sich im ersten Barackenring.
Als gelernter Maurer wurde Schmidt beim Ausbau des Lagers gebraucht. Zunächst machte er lediglich Planierungsarbeiten, als jedoch später Facharbeiterkenntnisse gefragt waren, baute er mit seinen „Kumpels8“ die Barackenfundamente. Obwohl er, wie er es ausdrückte, „Lagerverbot“ hatte, das Lager also nicht verlassen durfte, bekam er eine schriftliche Ausnahmegenehmigung und arbeitete von nun an an den Häusern der Inspektion und anderen SS-Gebäuden. Er bekam zwar einen Aufpasser zur Bewachung an die Seite gestellt, bestellte aber bald eigenständig das benötigte Material und durfte sich auch aussuchen, wer ihm bei der Arbeit helfen sollte. Unter anderem half er zu dieser Zeit beim Bau der Häuser für SS-Leute in der heutigen Matthias-Thesen-Straße. 1938 war er beim Bau des SS-Krankenreviers und später auch beim Bau der Häftlingsküche beschäftigt.
Eines Tages sah ein SS-Mann, wie einer der Arbeiter an der Baustelle in den bereitgestellten Kies „pullerte9“. Da Schmidt für die Arbeiten verantwortlich war, musste er beim Mittagsappell vortreten und den ganzen restlichen Tag am Tor stehen, bis Oberscharführer „Schweinebacke“ kam. Zwei Tage später sagte man ihm, dass er für die Geschichte „zwei Stunden Pfahl“ bekäme. Er wurde zum Zellenbau geführt und zwei Stunden an den hinter dem Rücken gefesselten Händen an den Pfahl gebunden. Die Wunden, die er sich dort zuzog, waren noch nach knapp 40 Jahren zu erkennen. Später musste er diese Strafe nochmals über sich ergehen lassen: Schmidt hatte einen Rundgang über eine Baustelle gemacht und war dabei – nicht arbeitend – von einem SS-Mann gesehen worden. Dieser beschimpfte ihn als „faule Sau“ und Schmidt wurde an den Pfahl gebunden.
Wie Schmidt in einem Interview mit Mitarbeitern der Forschungsabteilung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen 1976 erklärte, betätigte er sich auch im KZ Sachsenhausen politisch. Durch seine Stellung als „Vorarbeiter aller Handwerkszweige10“ im Lager hatte er die Möglichkeit, alle Baracken zu betreten, in denen Handwerker untergebracht waren. Deshalb hatte er die Aufgabe „Nachrichten, die von der illegalen Parteileitung beschlossen waren11“, an die anderen Kommunisten im Lager weiter zu leiten. Wegen seiner handwerklichen Tätigkeit im Lager hatte er auch Kontakt zur Schreibstube und zum dort stationierten Rudolf Lentzsch, was die SS besonders „gewurmt“ haben soll. Rudolf Lentzsch wurde von Schmidt als „sehr guter Kumpel12“ bezeichnet. Weitere Parteifreunde waren in Baracke 5 im A-Flügel untergebracht. „Das waren wirklich gute Genossen, wir haben […] sehr gut zusammengehalten, einer stand für den anderen ein. Ich kann mich nicht erinnern, dass dort ein SPD-Genosse drin war13.“ In den Baracken wurde Geld zusammengelegt, mit dem Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ bestellt wurden, um informiert zu bleiben.
Viel zu tun hatte Schmidt auch mit dem damaligen Blockältesten in Block 5 und Mitglied der illegalen Parteileitung Matthias Thesen und mit Karl Saß, der schon mit Schmidt in Brandenburg eingesessen hatte. Mit diesen und anderen diskutierte Schmidt abends über aktuelle politische Themen, wie den Nichtangriffspakt der Sowjetunion mit Hitler-Deutschland. „Viele SPD- und auch unsere Genossen konnten das nicht verstehen14.“ Tagsüber durfte man maximal zu dritt arbeiten gehen. Auch diese Gelegenheiten nutzten Schmidt und seine Genossen zum Diskutieren. „Wir haben uns da meistens den zweiten Ring ausgesucht, weil wir dort immer ein bisschen mehr versteckt waren15.“
Bei solchen Diskussionen musste man sich vor Spitzeln in Acht nehmen. Da waren zum einen viele inhaftierte ehemalige SA-Leute – Schmidt spricht von „Schulungshäftlingen“ –, zum anderen wurden auch „Kriminelle“ zu Spitzeldiensten herangezogen. Unter dem Motto „die Linie musste gewahrt werden16“, achtete Schmidt darauf, möglichst nichts mit den so genannten Berufsverbrechern zu tun zu haben. Dabei hinterfragte er auch nicht die herrschenden Hierarchien im Lager: „1938 kamen die ganzen Asozialen, die Arbeitsscheuen und Zigeuner, und was da alles kam. Das war ein ganz gefährliches Gevolk. Den Asozialen mussten wir erstmal Ordnung und Sauberkeit beibringen17.“ Auch habe man nicht jedem politischen Häftling trauen können: „Nicht alle mit rotem Winkel […] waren ehrlich18.“
An Hitlers Geburtstag, am 20. April 1939, wurde Schmidt zusammen mit 1.400 bis 1.500 weiteren Häftlingen freigelassen. Während die anderen in Züge in Richtung Berlin einstiegen, durfte Schmidt zu Fuß zu seinem Wohnhaus in Oranienburg gehen. Er wohnte zunächst wieder in der Berliner Straße, zog aber im September 1939 in die Kaiserin-Augusta-Straße 16 und begann bei Willi Niedrig in Oranienburg als Betonmeister zu arbeiten.
Seit seiner Entlassung aus dem KZ musste er sich zwei oder drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden, durfte seinen Wohnort nicht verlassen und stand zusätzlich unter polizeilicher Überwachung der Gestapo Potsdam. In regelmäßigen Berichten wird sein unauffälliges, ordnungsgemäßes Benehmen genannt. Nur aus einem Schreiben aus dieser Zeit geht hervor, dass Schmidt seine politischen Überzeugungen nicht abgelegt hatte: Der Besitzer des Hauses, in dem Schmidt wohnte, zeigte am 17. Februar 1943 bei der Gendarmerie Lehnitz an, dass er von Schmidt bedroht und beleidigt worden sei und dass Schmidt außerdem den deutschen Staat und die Wehrmacht beleidigt habe. Der letzte Bericht über die Überwachung des Arbeiters Erich Schmidt stammt vom 27. März 1945. Am 16. April 1945 musste er sich zum letzten Mal bei der Polizei melden.
In einem Lebenslauf schreibt Schmidt: „Bei Eintritt der Kampfhandlungen in Sachsenhausen und Besetzung des südlichen Ortsteils durch die Rote Armee betätigte ich mich sofort mit einigen Genossen, sicherte die Lebensmittelversorgung für die verbleibende Bevölkerung und erfasste diese listenmäßig19.“ Am 22. April 1945 wurden die Häftlinge in Sachsenhausen befreit, und am 26. April 1945 setzten Offiziere der Polnischen Armee den mittlerweile 38-jährigen Erich Schmidt als Bürgermeister der Gemeinde Sachsenhausen ein. Fünf Monate später, am 18. September 1945, wurde er vom sowjetischen Kommandanten Oranienburgs als Amtsbürgermeister eingesetzt. In dieser Funktion war Schmidt Vorgesetzter von 474 Mitarbeitern. „Innerhalb von 14 Tagen habe ich sie auf die Hälfte reduziert. […] Ich war diktatorisch, musste es ja sein. Es ging nicht anders damals. Jeden Morgen um 9 Uhr war bei mir Rapport20.“ Schmidt war mittlerweile Mitglied der SED und des FDGB geworden, fühlte sich aber immer noch der KPD verbunden. Noch 1953 sagte er: „Ich bin seit 1927 Mitglied der KPD, und daran wird sich auch nichts ändern21.“ In einer Einschätzung der Stadtverwaltung Oranienburg vom 31. Mai 1946 hieß es: „Ein Verwaltungsmensch ist Schmidt nicht. Seine Dispositionen sind ihm gegeben durch seine politische Erkenntnis. Seine behördlichen Anordnungen sind den wirtschaftlichen und politischen Situationen Oranienburgs stets und ständig gerecht geworden22.“
Als Bürgermeister hatte er auch Zugang zum Sowjetischen Speziallager, das auf dem Gelände des KZ Sachsenhausen errichtet wurde. Allerdings war ihm später lediglich in Erinnerung, dass die Häftlinge im Speziallager Zivilkleidung trugen. An die sonstigen Umstände im Lager konnte oder wollte er sich nicht erinnern.
Im Herbst 1946 siegte die CDU bei den ersten Kommunalwahlen und Schmidt schied zum Jahresende aus dem Verwaltungsdienst aus. Das Angebot, als Bürgermeister ins benachbarte Falkensee zu gehen, lehnte er ab. Stattdessen begann er am 1. Januar 1947, bei der Oranienburger Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft als Geschäftsführer zu arbeiten. Seine landwirtschaftliche Erfahrung aus der Vorkriegszeit nutzte ihm auch, als er später ins Staatssekretariat für Ankauf und Erfassung berufen wurde, wo er als Instrukteur für Landwirtschaft arbeitete. Schmidt war für einige Zeit in Liebenwalde und im Bezirk Potsdam beschäftigt. Kurzzeitig war er Parteisekretär.
Zur Zeit der Bodenreform kam es zu einem Bruch zwischen Schmidt und der SED, weil Schmidt die Zwangskollektivierung der Bauern ablehnte. „Schmidt sprach sich dagegen aus, die Bauern gegen ihren Willen in die LPG zu zwingen23.“ Der Anlass für den Ausschluss aus der Partei war eine Schlägerei bei einer Feier in Hohenbruch, die als „Partei schädigendes Verhalten“ gewertet wurde. 1953 rehabilitierte ihn Walter Ulbricht. Als man ihn daraufhin als „LPG-Planer24“ zurückgewinnen wollte, lehnte er ab und ging in seinen alten Beruf als Maurer und Fliesenleger zurück. Vermutlich zu dieser Zeit war er Meister im Kreisbaubetrieb. Am 2. April 1960 heiratete Schmidt seine zweite Frau Erika.
Nachdem 1961 die „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen“ eröffnet wurde, begann Schmidt dort die Pädagogische Abteilung zu leiten. „Als Zeitzeuge und Opfer des Nationalsozialismus konnte er Besuchern jeden Alters und aus allen Teilen der Welt seine Erfahrungen mit der braunen Diktatur vermitteln25.“ Im Mai 1962 übergab Schmidt bei einer Vereidigung in der Gedenkstätte Waffen an junge Soldaten und sagte: „Ein ehemaliger Häftling des KZ Sachsenhausen übergibt euch die Waffen. Lernt sie zu gebrauchen, pflegt und meistert diese Waffen. Für eine gute Sache, für die gerechte Sache der Völker26.“ Zehn Jahre war Schmidt bei der Gedenkstätte angestellt, später arbeitete er dort ehrenamtlich weiter.
Er war Vorsitzender der Kreiskommission der Verfolgten des Naziregimes (VdN) und Mitglied der Veteranenkommission der Gewerkschaft. Für seine Verdienste erhielt Schmidt zahlreiche Auszeichnungen und wurde am 7. Oktober 1984 zusammen mit Wilhelm Ruf Ehrenbürger der Stadt Oranienburg. Erich Schmidt starb am 3. Dezember 1998 im Alter von 91 Jahren.

1 Morsch, Konzentrationslager Oranienburg, S. 163. 

2 Zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Oranienburg, PA Biereigel. 

3 Biereigel, Kommunisten, in: Märkische Allgemeine, 22.10.1988. 

4 AS, Tb 249. 

5 BLHA, Rep. 356, Nr. 3/34. 

6 AS, R 70/3. 

7 Bezirksleitung Potsdam der SED, Helle Sterne, S. 203. 

8 Interview mit Erich Schmidt vom 5.11. 1976, AS, Tb 69. 

9 Ebd. 

10 Ebd. 

11 Ebd. 

12 Ebd. 

13 Ebd. 

14 Ebd. 

15 Ebd. 

16 Ebd. 

17 Ebd. 

18 Ebd. 

19 BLHA, Rep. 401, VdN-5510. 

20 „Ehrlich und Offen“, Der Märker. 

21 Geschichtliches Kurzporträt: Erich Schmidt, Der Märker, 14./15.5.1994. 

22 Stadtverwaltung Oranienburg, Charakteristik des Amtsbürgermeisters Erich Schmidt, PA Hans Biereigel. 

23 Geschichtliches Kurzporträt: Erich Schmidt, Der Märker, 14./15.5.1994. 

24 Ebd. 

25 Nachruf zum Ableben des Oranienburger Ehrenbürgers Erich Schmidt, Oranienburger Nachrichten. Amtsblatt der Stadt Oranienburg, 15. Januar 1999, Nummer 61/Woche 2, S. 13. 

26 AS, R 70/3/1. 

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Quellen:

  • AS, Tb 69 (Interview mit Erich Schmidt, 5.11.1976).
  • AS, Tb 249 (Interview mit Erich Schmidt, 18.1.1990).
  • AS, R 70/3 (Nachlass Erich Schmidt).
  • AS, R 70/3/1 (Hausarbeit von Günter Templin, 1978/79).
  • AS, R 70/3/2 (Hausarbeit von Marion Arens, 1979/80).
  • BArch, R 58/3935, Bl. 31ff. (Staatspolizei Potsdam).
  • BLHA, Rep. 356, 3/34 (Brief des Niederbarnimer Landrates).
  • BLHA, Rep 401, VdN-5510 (VdN-Akte).
  • PA Hans Biereigel, Personalfragebogen, Landrat des Kreises Bernau (Niederbarnim).
  • PA Hans Biereigel, Stadtverwaltung Oranienburg, Charakteristik des Amtsbürgermeisters Erich Schmidt.
  • PA Hans Biereigel, Unveröffentlichtes Manuskript zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Oranienburg.
  • SAPMO-BArch, DY 55/V287/979 (Liste der Gefangenen des Zuchthauses Brandenburg).
  • StA Oranienburg, Nachruf zum Ableben des Oranienburger Ehrenbürgers Erich Schmidt, Oranienburger Nachrichten. Amtsblatt der Stadt Oranienburg, 15. Januar 1999; Nummer 61/Woche 2, S. 13.
  • StA Oranienburg, Akte über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft, Beschluss des Rates Nr. 35 /8/84 vom 13.09.1984.
  • Bezirksleitung Potsdam der SED, Kommission zur Erforschung der örtlichen Arbeiterbewegung, Bezirkskommission Potsdam der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (Hrsg.), Helle Sterne in Dunkler Nacht, Antifaschistischer Widerstandskampf im Regierungsbezirk Potsdam, Potsdam 1988.
  • Der Märker, „Ehrlich und offen“, 14./15.5.1994.
  • Der Märker, Geschichtliches Kurzporträt: Erich Schmidt, 14./15.5.1994.
  • Kommission zur Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung der Kreisleitung der SED (Hrsg.), Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung des Kreises Oranienburg, Oranienburg 1963.
  • Märkische Allgemeine, Biereigel, Hans, Kommunisten unseres Kreises vorgestellt, Rastlos im Kampf für eine glückliche Zukunft, Erich Schmidt aus Oranienburg, 22.10.1988.
  • Märkische Allgemeine, 8.12.1998.
  • Morsch, Günter (Hrsg.), Konzentrationslager Oranienburg, Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Nr. 3, Oranienburg 1994.
  • Oranienjournal, Biereigel, Hans, Nun mit Riesenschritten auf die neunzig zu…, Oktober/November 1996, S. 3.

Soziale/Regionale Herkunft: Oranienburg; Sohn des Bauarbeiters Friedrich Schmidt und Anna Schmidt, Sozialdemokratin und später Kommunistin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Maurer in Berlin

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Deutscher Baugewerksbund; RGO; Vorsitzender des Oranienburger Bau- und Steinarbeiterverbandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1927: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Illegale KPD

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 8. bis zum 12. Mai 1933: KZ Oranienburg; 16. Februar 1935: Untersuchungshaft im Gefängnis Potsdam; 27. Juni 1935 - 13. Februar 1937: Gefängnis Brandenburg/Görden; 16. April 1937 - 20. April 1939: KZ Sachsenhausen (Häftlingsnummer 1300, Block 7, Block 12, Block 5; „Vorarbeiter aller Handwerkszweige“)

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Amtsbürgermeister in Oranienburg; SED; FDGB; Leiter der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen; Vorsitzender der Kreiskommission der Verfolgten des Naziregimes (VdN)

Erinnerungskultur/Ehrungen: zahlreiche Auszeichnungen; Ehrenbürger der Stadt Oranienburg

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