Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
3. April 1877 - 13. Juli 1936

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Ernst Schrader als Garde-Ulan, 1900.
Quelle: PA Wolfgang Klose.

Ernst Schrader als Garde-Ulan, 1900. Quelle: PA Wolfgang Klose.

Von Martin Endemann

Ernst Schrader zählt zu den herausragenden Personen in der Geschichte der Deutschen Polizeigewerkschaften. Er war aktiv bei der Gründung von einem der ersten gewerkschaftlichen Interessenverbände der Polizisten in Deutschland beteiligt und hatte in seiner langen Funktionärskarriere zahlreiche Ämter bei diversen Vorläufern der heutigen Gewerkschaft der Polizei (GdP) inne. Schraders tragende Rolle lässt sich allein schon an der Tatsache ablesen, dass der Einheitsverband der Polizeibeamten bald nur noch als „Schrader-Verband“ bezeichnet wurde und in der Fachliteratur bis heute so bezeichnet wird.
Ernst Schrader wurde am 3. April 1877 in Zützen im Kreis Angermünde geboren. Sein Vater Hermann Schrader war Chausseearbeiter, und so verbrachte Ernst Schrader seine Kindheit im Chausseewärterhaus des gerade einmal 220 Einwohner zählenden Dorfes. In Zützen besuchte er eine einklassige Dorfschule. 1895 wurde er Angehöriger der 5. Escardon des 1. Garde-Ulanen-Regimentes in Potsdam. Wie er, ein Kind aus dem Arbeitermilieu, es schaffte, bei dieser Einheit, in der vornehmlich Adlige dienten, Aufnahme zu finden und es bis zum Obergefreiten zu bringen, konnte nicht abschließend geklärt werden. Vermutlich aufgrund fehlender Aufstiegsperspektiven für Nicht-Adelige bei seinem Regiment trat Schrader am 11. November 1901 in die Schutzmannschaft Berlin ein und wurde Polizeiwachtmeister. Am 10. Oktober 1902 heiratete er Hedwig Stengel in ihrer Geburtsstadt Potsdam. Das Ehepaar bekam zwei Töchter. Johanna Hedwig Elisabeth wurde am 10. Juli 1903, Gertrud Johanna Hedwig am 15. November 1908 in Berlin geboren. Ab April 1905 war die Familie in Berlin-Wedding in der Grüntaler Straße 7 ansässig, sie zog in den Folgejahren allerdings häufig innerhalb Berlins um.
Am 28. November 1913 wurde die Vereinigung der Berliner Schutzleute, die erste Interessenvertretung der Polizei in Preußen überhaupt, in den Blumenfestsälen in Berlin gegründet. Ernst Schrader wurde als Stellvertreter des Vorsitzenden gewählt. Doch die Führungsebene der Polizeibehörden stellte sich quer gegen die ersten Polizeiverbände und untersagte deren Treffen. Polizeipräsident Jagow ließ die Vereinigung im Dezember 1913 verbieten. Trotz des Verbotes wurde jedoch bald klar, dass der Wunsch nach einer gewerkschaftlichen Vertretung unter den Schutzleuten groß war. Sie führten illegal weitere Versammlungen durch und ließen sich auch durch angedrohte und bisweilen gar durchgeführte Versetzungen, bzw. Entlassungen nicht beirren. Eindrucksvolle Demonstrationen ihrer Entschlossenheit waren zum Beispiel die große Anzahl von Kollegen, welche die in andere Gebiete strafversetzten Kollegen an den Bahnhöfen verabschiedeten. Auch Schrader, der als Telegraphist Dienst tat, blieb von solcherlei Repressionen nicht verschont und wurde in den einfachen Straßendienst zurückgestuft. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, weiterhin viele dieser geheimen Sitzungen zu leiten. Er wurde mehrmals von seinen Kommandeuren vernommen und versuchte, ihnen zu erklären, dass die Schutzleute nichts Staatsfeindliches im Sinne hätten. Schrader war federführend bei den folgenden monatelangen Verhandlungen mit den Vorgesetzen der Polizeibehörden. Nach und nach gaben die Entscheidungsträger der Polizeibehörden ihren Widerstand auf.
Am 13. Dezember 1915 wurde schließlich der Verband der Kameradenvereine in Berlin offiziell gegründet. Der Verband umfasste zunächst etwa 6.000 Mitglieder, sollte aber bis zu seinem Höhepunkt im Jahre 1932 bis zu 117.000 Mitglieder haben. Zum Vorsitzenden bestimmten die Delegierten Ernst Schrader. Auf dem Verbandstag am 23./24. November 1917 wurde die Ausdehnung des Verbandes auf ganz Preußen und die Umbenennung in Verband der Königlichen Schutzmannschaft Preußens beschlossen. Zum hauptamtlichen Leiter wurde erneut Schrader gewählt, einen Posten, den er bis 1932 auch nach vielen weiteren Zusammenschlüssen mit anderen Verbänden innehaben sollte. Am 3./4. Mai 1919 schlossen sich alle Polizeiverbände der einzelnen Länder im Reichsverband der Polizeibeamten Deutschlands zusammen. Die Wahl des Vorsitzenden fiel wiederum auf Ernst Schrader. Der Reichsverband wurde im Mai 1919 als Interessenvertretung der Polizeibeamten im Deutschen Beamtenbund (DBB) zugelassen.
Am 30. Juni 1920 schied Schrader aus dem aktiven Polizeidienst aus, um sich ganz seinen Funktionärsaufgaben zu widmen. Da er nur aus gesundheitlichen Gründen aus dem aktiven Dienst hätte ausscheiden können, „trank er Unmengen Kaffee, rannte die Treppen rauf und runter, ging zum Arzt, und ihm wurde Untauglichkeit für den aktiven Dienst attestiert“, weiß sein Enkel Wolfgang Klose zu berichten1. Am 20. Februar 1923 kam es zum Zusammenschluss des Preußischen Polizeibeamtenverbandes und des Verbandes der Polizeibeamten Preußens e.V. zur Einheitsorganisation Verband Preußischer Polizeibeamten e.V., dem so genannten „Schrader-Verband“.
Die deutschen Polizeigewerkschaften hatten schon seit Anfang der 1920er Jahre rege Kontakte mit ähnlichen Organisationen im Ausland gepflegt, so vor allem mit dem holländischen Verband der Gemeinde-Polizei-Beamten der Niederlande. Schon auf der Tagung des Verbandes Preußischer Polizeibeamten 1921 waren holländische Delegierte zugegen und verliehen Schrader zu diesem Anlass ihre Ehrenmitgliedschaft. Im Gegenzug nahm auch Schrader im folgenden Jahr an der Verbandstagung in den Niederlanden teil. Treffen solcher Art wurden nun immer regelmäßiger abgehalten, und am 24. September 1924 wurde in Genf von Vertretern aus Holland, Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich und Skandinavien die vorläufige Gründung des internationalen Bundes der Polizeibeamten initiiert. Vollzogen wurde die Gründung einer grenzüberschreitenden Interessensvertretung auf einem europaweiten Treffen in Luxemburg am 17./18. Mai 1927. Es entstand die internationale Polizeivereinigung Fédération Internationale des Fonctionnaires de Police, deren Sekretär Schrader auf dem Kongress der internationalen Polizeivereinigung in Köln (16./18. September 1930) wurde. Zugleich wurde auch der Verbandssitz von Amsterdam nach Berlin verlegt. Auch parteipolitisch war Ernst Schrader organisiert: So kandidierte er bei den Reichstagswahlen am 28. Mai 1928 für die SPD.
Im Juli 1927 wurde das „Preußische Polizeibeamten-Gesetz“ verabschiedet. Damit konnte Schrader einen seiner größten Erfolge als Gewerkschafter feiern. Er hatte sich stets intensiv um die Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Polizeibeamten bemüht und in zahlreichen Leitartikeln in der „Preußischen Polizeibeamten Zeitung“ auf Missstände in diesem Bereich aufmerksam gemacht (Krankenkasse, Hinterbliebenenversorgung). Sein Verband war inzwischen so einflussreich, dass er beratende Funktion bei Ausschüssen innehatte, die das neue Gesetz vorbereiten sollten. Zugleich übte der Verband etwa durch Aufrufe zu Protestveranstaltungen auch außerparlamentarisch Druck aus. Schrader gelang es dadurch, das Gesetz so mitzugestalten, dass es in vielen Bereichen eine erhebliche Verbesserung zu bis dahin gültigem Recht darstellte. Im Juni 1930 wurde Schrader in die Bundesleitung des DBB gewählt. 1931 erwarb er ein heruntergewirtschaftetes Landgut in Ravensbrück, das er wieder aufzubauen versuchte. In den Folgemonaten pendelte er häufig zwischen Ravensbrück und Berlin, wo er im Königstuhlweg 21 inzwischen ein Haus gekauft hatte. Im Laufe des Jahres erkrankte Schrader jedoch schwer. Aufgrund einer Herzmuskelschwäche konnte er monatelang seine Amtsgeschäfte nicht ausreichend wahrnehmen. Im selben Jahr starb seine Frau Hedwig am 4. Dezember 1931.
1932 wurde das politische Klima für den Schrader-Verband immer ungünstiger: Die NSDAP unternahm mehrere Versuche, den Verband kaltzustellen. Frustriert und gesundheitlich weiterhin stark angeschlagen bat Schrader am 20. Juni 1932 aus gesundheitlichen Gründen um Amtsenthebung vom Verbandsvorsitz. Doch der Vorstand beurlaubte ihn zunächst nur. Am 28. August 1932 wurde er jedoch wiederum auf eigenes Ersuchen vom Verbandsvorsitz wegen seines schlechten Gesundheitszustandes entbunden. Der Schrader-Verband war nun praktisch führungslos und bekam immer mehr den Druck der Nationalsozialisten zu spüren. Auch persönliche Angriffe auf Schrader, obgleich dieser nun schon nicht mehr im Amt war, blieben nicht aus. So wurde ihm in der „Nationalsozialistischen Beamtenzeitung“ in einem Artikel vorgeworfen, Verbandsgelder vergeudet zu haben. Er wurde von den Nationalsozialisten als „Schädiger des Preußischen Staates, des preußischen Volkes und der preußischen Polizeibeamten“ bezeichnet2. Ohne ihre zentrale Persönlichkeit wurde im Laufe des Jahres 1932 der Verband nach und nach von Nationalsozialisten übernommen. Am 25. Januar 1933 gab es allerdings noch einmal ein kurzes Aufbäumen der republikanischen Kräfte innerhalb des Verbandes. Der ehemalige Kommandeur der Berliner Schutzpolizei, Magnus Heimannsberg, wurde zum Vorsitzenden gewählt und versprach in Anwesenheit Ernst Schraders: „Solange ich Vorsteher Ihres Verbandes bin, wird der Verband im Sinne Schraders unparteiisch geführt3.“ Doch schon kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heimannsberg dazu gedrängt zurückzutreten. An seine Stelle trat ein überzeugter Nationalsozialist, und auf der Verbandstagung am 29. Juli 1933 wurde der Verband aufgelöst. An seine Stelle trat der nationalsozialistische Kameradschaftsbund Deutscher Polizeibeamten, in welchen die Mitglieder der bisherigen Verbände überführt wurden. Am 1. August 1933 beantragte Schrader die Mitgliedschaft im Kameradschaftsbund. Nur kurze Zeit später, am 8. September 1933, wurde er in „Schutzhaft“ in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Es ist durchaus möglich, dass die Nazis den Versuch Schraders, ihrer Gewerkschaft beizutreten, als „Affront“ ansahen und dies der Auslöser seiner Inhaftnahme war. Darauf lässt zumindest eine Ausgabe des Kameradschaftsbund-Organs „Der Deutsche Polizeibeamte“ schließen. Dort wurde seine Eintrittserklärung abgedruckt, mit der süffisanten Überschrift „Auch eine Eintrittserklärung, die selbstverständlich abgelehnt wurde. Frechheit siegt – nicht immer4!“ Über Schraders Haftzeit ist nicht allzu viel bekannt. Zahlreiche Briefe an seine Töchter Hedwig Klose und Johanna Huhn (beide hatten inzwischen geheiratet) sind zwar erhalten, handeln jedoch größtenteils von privaten Dingen sowie der finanziellen Lage des Landgutes. Mehrmals beschwerte er sich in Briefen jedoch über Brief- und Besuchssperren. So schreibt er am 13. September, dass diese erlassen wurden, „weil entweder von Lagerinsassen oder von außenstehenden Hetzern Gräuelnachrichten gegen Lagerinsassen verbreitet worden sind. Ich bitte Dich, gib allen Kenntnis mit der Erklärung von mir, dass hier alles ordnungsgemäß zugeht. Die Verpflegung ist so, dass jeder satt wird und mancher arme Mensch es sich draußen nicht so leisten kann5.“ Die Angst, sehr lange in Schutzhaft bleiben zu müssen, trieb ihn wohl zu diesen Sätzen. So schrieb er nur einen Tag später an Familie Huhn: „Teile euch mit, dass, wenn die illegale Tätigkeit der KPD außerhalb des Konzentrationslagers nicht bald aufhört, wir uns vor einem Jahr nicht wiedersehen werden6.“ Die Hetze gegen Schrader ging derweil weiter. So enthalten seine Schutzhaftunterlagen eine anonyme Postkarte, die ihn allerdings nicht mehr im KZ erreichte. Auf ihr wirft ihm der Schreiber ganz in nationalsozialistischer Diktion abermals vor, ein „Erzgauner“ zu sein und wünscht ihm den Tod. So heißt es in der Karte: „Hätte doch unser Herrgott dich beim Ableben deiner Gattin auch mit zu sich genommen7.“
Zur selben Zeit waren noch einige andere Funktionäre des missliebigen „Schrader-Verbandes“ in Oranienburg inhaftiert, so etwa das Mitglied des Hauptvorstandes Erich Müller und der langjährige Sekretär und Geschäftsführer Emil Winkler. Nach wie vor schwer krank, musste Schrader monatelang im KZ bleiben, bis er am 18. Dezember 1933 im Zuge einer Amnestie freikam. In einer Karte an Familie Huhn schrieb er am selben Tag zynisch: „Kann Euch die erfreuliche Mitteilung machen, dass ich heute geheilt entlassen bin. Jedenfalls ist Euer Besuch im Sanatorium nicht mehr erforderlich8.“
Am 11. März 1935 heiratete Schrader erneut. Mit seiner elf Jahre jüngeren Frau Olga (geborene Ziegler, geschiedene Galle) wohnte er nun wieder in Berlin. Ernst Schrader starb an den Folgen seines langjährigen Krebsleidens am 13. Juli 1936 in Berlin.

1 Interview mit dem Enkel Ernst Schraders, Prof. Dr. Wolfgang Klose, 13.11.2004. 

2 NSBZ, 20. November 1932. 

3 Vossische Zeitung, Nr. 43, 26. Januar 1933. 

4 Der Deutsche Polizeibeamte, 15. September 1933. 

5 PA Wolfgang Klose. 

6 Ebd. 

7 BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/35. 

8 PA Wolfgang Klose. 

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Quellen:

  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/35 (Schutzhaftunterlagen von Ernst Schrader).
  • LA Berlin, (Auskunft aus der historischen Berliner Einwohnermeldekartei).
  • PA Wolfgang Klose.
  • Buder, Johannes, Die Reorganisation der preußischen Polizei 1918 – 1923, Frankfurt am Main 1986.
  • Der Deutsche Polizeibeamte, Nr. 2, 15.9.1933.
  • Nationalsozialistische Beamtenzeitung, Nr. 2, 20.11.1932.
  • Vossische Zeitung, Nr. 43, 26.1.1933.
  • Gniesmer, Friedrich, Der Weg zur und mit der GdP, in: Die deutsche Polizei. Ihre Geschichte, ihre Gewerkschaft, Daten, Fakten, Meinungen, 1950 – 1980. 30 Jahre Gewerkschaft der Polizei, hrsg. von der Gewerkschaft der Polizei, Hilden 1980, S. 1-58.
  • Interview mit dem Enkel Ernst Schraders, Prof. Dr. Wolfgang Klose, 13.11.2004.
  • Klingelhöller, Emil, Der Verband Preußischer Polizeibeamten in seinem Werden und Wirken, Berlin 1926.
  • Leßmann, Peter, Die preußische Schutzpolizei in der Weimarer Republik. Streifendienst und Straßenkampf, Düsseldorf 1989.
  • Liang, Hsi-Huey, Die Berliner Polizei in der Weimarer Republik, Berlin/New York 1976.
  • Volquarts, Elisabeth, Beamtenverbände im Nationalsozialismus – Gleichschaltung zum Zwecke der Ausschaltung aufgrund politischer oder weltanschaulicher Gegnerschaft, dargestellt am Beispiel des Deutschen Beamtenbundes, des Verbandes Preußischer Polizeibeamten e.V. und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer e.V., München 2001.

Soziale/Regionale Herkunft: Zützen im Kreis Angermünde; Sohn eines Chausseearbeiters

Ausbildung/Berufstätigkeit: Angehöriger der 5. Escardon des 1. Garde-Ulanen-Regimentes in Potsdam; Polizeiwachtmeister

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Stellvertreter des Vorsitzenden der Vereinigung der Berliner Schutzleute; Vorsitzender des Verbands der Kameradenvereine in Berlin; Vorsitzender des Reichsverbands der Polizeibeamten Deutschlands; Sekretär der Fédération Internationale des Fonctionnaires de Police; Vorsitzender des Verbands Preußischer Polizeibeamten e.V. ("Schrader-Verband"); Bundesleitung des DBB

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; Kandidat für den Reichstag

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 8. September 1933 - 18. Dezember 1933: KZ Oranienburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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