Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
20. September 1895 - 4. Juni 1946

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Von Birgit Jakubowski

Otto Schröder wurde am 20. September 1895 in Angermünde, einem Landstädtchen in der Uckermark, geboren. Im Jahre 1933 wohnte er in der Anemonenstraße 3 in Bernau. Das Adressbuch für Bernau aus den Jahren 1938 und 1939 gibt als Wohnort die Bismarckstraße 54 an. Otto Schröder trat 1925 zusammen mit seiner Frau Johanna Schröder, geborene Kühn, die er 1919 geheiratet hatte, in die SPD ein. Darüber hinaus war Otto Schröder aktives Mitglied im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, bei den Freidenkern sowie Erster Vorsitzender des Bernauer Kulturkartells, das am 6. April 1931 gegründet wurde. Dieses Kartell fasste, wie es im Barnimer Tageblatt vom 11. Februar 1932 heißt, „alle kulturell auf dem gleichen Boden stehenden Organisationen zusammen“ und diente der gemeinsamen Verbreitung der sozialistischen Kultur.
Seit seiner Lehre zum Modelltischler war er Mitglied im Deutschen Holzarbeiterverband, wo er zunächst als Jugendleiter aktiv tätig war. In dieser Funktion nahm er an den vom 4. bis 5. September 1927 in Berlin stattfindenden Verhandlungen der 1. Jugendleiterkonferenz des Deutschen Holzarbeiterverbandes teil.
In der Zeit vom 1. Oktober 1927 bis 31. Juli 1928 wurde Otto Schröder durch den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund zu einem Lehrgang an die Staatliche Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung in Berlin-Dahlem entsandt. Nach dem Besuch dieses zehnmonatigen Lehrgangs übernahm er die Funktion eines Gewerkschaftssekretärs im Deutschen Holzarbeiterverband in Berlin, die er bis zur Zerschlagung der Gewerkschaften im Jahre 1933 ausübte.
Mit dem politischen Aufstieg des Nationalsozialismus kam es Anfang der 1930er Jahre vermehrt zu Angriffen der Nationalsozialisten auf deren politischen Gegner. Als im April 1932 Willi Kretschmar, Mitglied im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, während der Landtagswahlen niedergestochen wurde, löste dies in der Ortsgruppe der SPD Bernau eine Debatte über die Zusammenarbeit mit den Kommunisten aus, und es gab Ansätze der Zusammenarbeit. Laut einer Publikation der SED-Kreisleitung in Bernau plädierte eine Gruppe von jungen Sozialdemokraten um Adolf Sasse und Otto Schröder für eine Kooperation zwischen den Mitgliedern der SPD, der Sozialistischen Arbeiterjugend, des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und der KPD, um sich dem nationalsozialistischen Terror gemeinsam zu widersetzen. Der Gruppe gelang es, gegen den Widerstand des Stellvertretenden Bürgermeisters in Bernau Willi Hillig und weiterer Sozialdemokraten, eine gemeinsame Kundgebung mit Mitgliedern der KPD zu initiieren.
Wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, am 27. Juni 1933, verhaftete die Gestapo Otto Schröder in Bernau und brachte ihn am 28. Juni 1933 in das Konzentrationslager Oranienburg, wo er bis zum 27. Juli 1933 in Haft blieb. Nach Aussage seiner Frau Johanna Schröder war die Verhaftung ihres Mannes auf seine Funktion als Erster Vorsitzender der SPD in Bernau, die er seit 1930 inne hatte, zurückzuführen. Dies wird durch ein Schreiben der Oberpolizeibehörde an das KZ Oranienburg, vom 27. Juni 1933, bekräftigt. In diesem Schreiben wird auf einen Funkspruch des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin, Dezernat 5, vom 24. Juni 1933 Bezug genommen. Demnach waren alle führenden SPD-Funktionäre sofort in „Schutzhaft“ zu nehmen. Im Bernauer Generalanzeiger vom 29. Juni 1933 heißt es: „Festgenommen wurde am Dienstag Nachmittag zwischen 7 und 8 Uhr in Bernau eine Reihe Angehöriger der Sozialdemokratischen Partei [...]. Unter den Festgenommenen befinden sich [... die] der Partei angehörenden [Personen, B. J.] Freudenreich, Schröder, Reinfeld [im Original falsch zitiert als „Rheinfeld“, B. J.] und Lehrer Ehorn. Die Festnahme erfolgte, weil die Gefahr besteht, daß sich die Betreffenden staatsfeindlich betätigen. Inwieweit diese Gefahr vorhanden ist, dürfte die weitere Untersuchung feststellen, von der es auch abhängen wird, ob die Schutzhaft längere oder kürzere Zeit andauert. Die Verhafteten wurden abends in einem Omnibus in das Konzentrationslager Oranienburg gebracht.“ Otto Schröder stand nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Oranienburg zwei Jahre unter Polizeiaufsicht. Erst drei Jahre nach seiner Verhaftung fand er wieder Arbeit als Modelltischler.
Am 22. August 1944, mehr als zehn Jahre nach seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Oranienburg, wurde Otto Schröder erneut von der Gestapo im Zuge der „Aktion Gitter“ verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Damit gehört er zu den wenigen Gewerkschaftern, die sowohl in dem frühen Konzentrationslager Oranienburg als auch im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert waren. Bis zu seiner Entlassung, die einen Monat später erfolgte, arbeitete er im Konzentrationslager als Tischler.
Das Schicksal Otto Schröders nach 1945 lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Seine Frau Johanna Schröder schreibt im Jahre 1950: „Beim Einmarsch der Roten Armee am 21.4.45 in Bernau wurden die Männer aus unserem Häuserblock aus dem Keller geholt, angeblich zum Verhör beim Kommissar. Trotzdem mein Mann seine Papiere vom Konzentrationslager Sachsenhausen bei sich hatte, ist er noch 3 Tage im Gefangenentrupp mitgenommen worden. Seitdem fehlt jede Nachricht.“ (Lebenslauf von Johanna Schröder, geb. Kühn, in der Entschädigungsakte, Kreisarchiv Barnim, VA 5772, Bernau) Diese Angaben decken sich mit der Auskunft des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes. Demnach wurde Otto Schröder am 21. April 1945 von der Besatzungsmacht festgenommen, in der Kommandantur vernommen und dann Richtung Osten mitgenommen. In den vorliegenden Akten und Listen des Speziallagers Sachsenhausen konnte kein Hinweis auf einen Aufenthalt oder den Tod im Lager gefunden werden. Der Aufenthaltsort zwischen dem Tag der Verhaftung und seinem offiziellen Todestag lässt sich nicht belegen. Das Rote Kreuz in Moskau gab im Jahre 1971 als Todestag von Otto Schröder den 4. Juni 1946 an. Seine Grablage ist nicht bekannt.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 105.
  • AS, JSU 1/100, Bl. 229.
  • AS, JSU 1/99, Bl. 206.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/35/1, S. 240-242.
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/6, S. 474 (Schreiben vom Oberbürgermeister als Polizeibehörde an das KZ Oranienburg vom 27. Juni 1933).
  • Kreisarchiv Barnim, VA 5772, Bernau (Entschädigungsakte).
  • Adreßbuch für Bernau und Umgebung, Bernau 1938/39.
  • Fünf Jahre Holzarbeiter Jugend, Verhandlungen der 1. Jugendleiterkonferenz des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes vom 4. – 5. September 1927 in Berlin, hrsg. vom Verbandsvorstand, Berlin 1927.
  • Niederbarnimer Arbeiter im Kampf gegen Ausbeutung, Krieg und Faschismus, hrsg. von der Kreisleitung Bernau der SED, Berlin 1971.
  • Barnimer Tageblatt, 11.2.1932.
  • Bernauer Generalanzeiger, 29.6.1933.
  • Schreiben vom Roten Kreuz, Suchdienst München: Zentrale Auskunfts- und Dokumentationsstelle, 24.9.2003.

Soziale/Regionale Herkunft: Angermünde (Uckermark)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre zum Modelltischler

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DHV; 1928-1933 Gewerkschaftssekretär

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; Erster Vorsitzender der SPD in Bernau; Reichsbanner

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 28. Juni 1933 - 27. Juli 1933: KZ Oranienburg; 22. August 1944 - Ende September 1944: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: entfällt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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