Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. Dezember 1895 - 16. September 1984

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Wilhelm Schulz (Mitte) als Leiter des Spielmannszuges des RFB-Oranienburg, um 1925.
Quelle: PA Inge und Klaus Hutschreuther.

Wilhelm Schulz (Mitte) als Leiter des Spielmannszuges des RFB-Oranienburg, um 1925. Quelle: PA Inge und Klaus Hutschreuther.

Der Oranienburger Kommunist und Gewerkschafter Karl Friedrich Wilhelm – genannt Willi – Schulz gehörte zu den ersten Häftlingen des am 21. März 1933 von der SA-Standarte 208 errichteten Konzentrationslagers Oranienburg. Bereits vor seiner Festnahme am 28. Februar 1933 im Zuge der Massenverhaftungen anlässlich des Reichstagsbrands hatte er wiederholt den Hass der örtlichen Nationalsozialisten auf sich gezogen, denen er aufgrund seines umfassenden lokalpolitischen Engagements seit Jahren auch persönlich bekannt und ein Dorn im Auge war.

Von Sabine Kritter

Willi Schulz wurde am 2. Dezember 1895 als Sohn des Ehepaares Karl und Pauline Schulz im brandenburgischen Nassenheide im Kreis Niederbarnim geboren. Noch vor der Jahrhundertwende zogen seine Eltern zur Pinnow-Schleuse bei Oranienburg, wo sein Vater als Schleusenarbeiter tätig war. Dort wuchs Willi Schulz mit seinen zwei Schwestern und seinem Bruder auf. Seine Eltern, beide religiös und kaum politisch interessiert, ließen ihn evangelisch taufen. Nach dem Besuch der siebenklassigen Volksschule in Oranienburg begann er im Alter von 14 Jahren eine Ausbildung als Barbier, Friseur und Perückenmacher, die er am 31. März 1913 mit der Gesellenprüfung abschloss. Bald darauf nahm er eine Anstellung bei der Firma Bergmann-Borsig auf. In diese Zeit fällt auch sein Eintritt in den Verband der Friseurgehilfen Deutschlands.
Bereits nach zwei Jahren musste er seine berufliche Tätigkeit unterbrechen, da er im Jahr 1915 im Alter von 20 Jahren zum Militär einberufen wurde, um als Grenadier am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Sein Kriegseinsatz an der Westfront endete jedoch nach drei Jahren vorzeitig, weil er sich durch Granatsplitter eine Verletzung am linken Fuß zuzog. Diese Verletzung führte außerdem dazu, dass ihm in der Folgezeit längeres Stehen nicht mehr möglich war, weshalb er seinen Beruf als Friseur aufgeben musste.
Bezüglich seines Verbleibs und seiner Aktivitäten im unmittelbaren Anschluss an seine Rückkehr aus dem Krieg liegen keine detaillierten Informationen vor. Nach Aussagen von Angehörigen kämpfte er im Jahr 1918 über einen Zeitraum von etwa einem halben Jahr im bewaffneten Widerstand in Pillau in Ostpreußen. Möglicherweise war er dort, wie in einer Ausgabe der „Märkischen Volkszeitung“ vom Oktober 1982 angegeben wird, Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates. Ein weiterer Beleg für seine Beteiligung an den revolutionären Ereignissen zu Beginn der Weimarer Republik ist eine Medaille, mit der er in der DDR für die Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1918/23 ausgezeichnet wurde.
In jedem Fall müssen die revolutionären Unruhen der frühen Weimarer Republik für Willi Schulz prägend gewesen sein, fiel in diese Zeit doch der Beginn seines parteipolitischen und gewerkschaftlichen Engagements. Die folgenden Jahre bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten waren von einem enormen politischen Eifer und von Aktivitäten in den verschiedensten Organisationen geprägt, obgleich Schulz’ Engagement niemals über die kommunalpolitische Ebene hinausging und er keine höheren Partei- oder Gewerkschaftsämter bekleidete. Die Gründung der KPD am 1. Januar 1919 war für ihn Anlass, auch in Oranienburg eine KPD-Ortsgruppe zu bilden, in der sich zunächst etwa 40 Personen zusammenschlossen und in der Schulz in der Folgezeit verschiedene Funktionen und Positionen inne hatte. Ab 1920 war er nach eigenen Angaben deren Vorsitzender, von 1923 bis 1933 deren Politischer Leiter und vertrat zeitweise ihre Interessen als Oranienburger Stadtverordneter. Gleichzeitig war er Mitte der 1920er Jahre Leiter des Spielmannszuges des Roten Frontkämpferbundes (RFB) Oranienburg, in dem er selbst Querflöte spielte. Ob er sich im Rahmen seiner Mitgliedschaft im RFB, der als Schutz- und Wehrorganisation der KPD gegründet worden war, auch persönlich an tätlichen Auseinandersetzungen mit Nationalsozialisten beteiligte, ist unbekannt. Dass er jedoch einer militanten Strategie im Umgang mit der immer stärker werdenden faschistischen Bewegung nicht abgeneigt gegenüber stand, zeigte sich in seinem Engagement, während des Kapp-Putsches Waffen für seine Genossen in Zehlendorf zu organisieren, mit denen die dortigen Landarbeiter für den Kampf gegen die Faschisten ausgerüstet wurden.
Bis zum Jahr 1933 spielte für Schulz des Weiteren auch das gewerkschaftliche Engagement eine große Rolle. Im Jahr 1920 betätigte er sich als Schriftführer im Ortsvorstand des Deutschen Fabrikarbeiterverbandes und war Funktionär im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB). Von 1922 bis 1933 war er Mitglied des Betriebsrates der Byk-Guldenwerke Chemische Fabrik Oranienburg, bei denen er ab Mitte 1919 als Packer arbeitete. Darüber hinaus war er im gleichen Zeitraum Mitglied der Groß-Berliner Lohnkommission für die Chemie und arbeitete von 1929 bis 1933 in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) mit.
Schulz’ Wirken als Kommunist und linker Gewerkschafter führte Anfang der 1930er Jahre wiederholt dazu, dass er Angriffen von Nationalsozialisten ausgesetzt war. Gemäß Polizeiangaben stieg die Zahl der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten im Laufe des Jahres 1931 auch in Oranienburg immer weiter an. Das „Barnimer Tageblatt“, eine den Sozialdemokraten nahe stehende Tageszeitung, ging zu dieser Zeit etwa so weit, die Situation als eine „Form des Bürgerkriegs“ zu charakterisieren1. Am 24. September 1931 fand die Gewalt, die die Nationalsozialisten an ihnen unliebsamen Personen in Oranienburg verübten, einen ersten Höhepunkt. Das „Barnimer Tageblatt“ berichtete, dass an diesem Tag, es war ein jüdischer Feiertag, bereits tagsüber die Scheiben von jüdischen Wohnungen eingeworfen wurden. Insbesondere für Willi Schulz sollte dieser Tag ein langes Nachspiel haben. Bereits am frühen Nachmittag war er in eine Schlägerei mit Nationalsozialisten verwickelt. Ob er gemeinsam mit zwei kommunistischen Arbeitskollegen zwei NSDAP-Mitglieder angriff und sich einer von diesen daraufhin zur Wehr setzte, oder ob umgekehrt die Nationalsozialisten die Kommunisten attackierten, ließ sich nicht eindeutig klären. Schulz, der kleinere Verletzungen davon getragen hatte, sagte zumindest im anschließenden Prozess aus, dass er „überfallen und schwer misshandelt worden“ sei2.
Am frühen Abend desselben Tages trafen sich dann zwischen 70 und 100 Nationalsozialisten in ihrem Oranienburger Sturmlokal „Ratscafee“, um, wie dies ein im anschließenden Prozess angeklagter Nationalsozialist formulierte, „die Straße von Kommunisten zu säubern3“. Für eine geplante Aktion spricht, dass für besagten Abend SA-Verbände aus Berlin, Hohen Neuendorf, Birkenwerder und Sachsenhausen angefordert worden waren. Laut Augenzeugen zog an diesem 24. September 1931 ab etwa 19 Uhr eine bewaffnete Menge aus dem „Ratscafee“ in Trupps von fünf bis zehn Personen los, suchte verschiedene Straßen ab, hielt ihr verdächtig erscheinende Leute an und marschierte dann „Schlagt die roten Hunde tot!“ skandierend in Richtung Bernauer Straße. In der Bernauer Straße 7 befand sich zu dieser Zeit das kommunistische Stammlokal „Lach“, in dem sich an besagtem Abend etwa 60 bis 80 Gäste aufhielten. Neben der Gaststätte im gleichen Haus unterhielt Willi Schulz einen Buchladen und hatte im erstem Stock eine kleine Wohnung angemietet. Als die Nationalsozialisten vor dem Gasthaus ankamen, erblickten sie zwei Personen auf einem Motorrad. Sie rannten auf den Beifahrer, den sie als Kommunisten identifiziert hatten, los, folgten ihm auf seiner Flucht in den Hausflur des Lokals und schlugen mit Knüppeln und einem Schlagring auf ihn ein. Acht Tage in ärztlicher Behandlung und eine Lungenquetschung waren für ihn die Folge. Der Fahrer des Motorrads versuchte ebenfalls zu flüchten, wurde gleichfalls geschlagen, konnte sich jedoch in den ersten Stock retten und sich so weiteren Malträtierungen entziehen. Nach einem Einzelschuss stürmte die Nazimenge dann auf das Lokal zu. Unter den Rufen „Gebt Feuer!“ erfolgten mehrere Schüsse, ohne dass es jedoch Verletzte gab. Auch direkt neben einem Fenster von Willi Schulz’ Wohnung wurden später Einschusslöcher festgestellt. Als die Polizei, die die Nationalsozialisten bereits beobachtet hatte, auf das Schießen hin zum Tatort eilte, konnte sie noch 27 Personen festnehmen und zur Wache bringen.
Der nationalsozialistische Angriff hatte ein umfangreiches juristisches Nachspiel. Über mehrere Verhandlungstage wurden Angeklagte, Polizisten und Augenzeugen vernommen. Mehrere Nationalsozialisten wurden wegen schweren und einfachen Landfriedensbruchs zu Gefängnisstrafen verurteilt. Am zweiten Verhandlungstag, dem 14. November 1931, nahm der Prozess eine überraschende Wende. Willi Schulz wurde im Gerichtssaal verhaftet und in Untersuchungshaft genommen, nachdem einer der angeklagten Nationalsozialisten behauptet hatte, dass er am fraglichen Abend aus einem Fenster des Gasthauses „Lach“ von einem Mann beschossen worden sei. Den Schützen wollte er in Willi Schulz wiedererkannt haben. Gegen Schulz wurde daraufhin ein Verfahren wegen „versuchten Totschlags“ eingeleitet, obwohl verschiedenste Zeugen im Prozess ausgesagt hatten, dass aus der Gaststätte „Lach“ keine Schüsse abgegeben worden waren. Bereits vier Tage nach Schulz’ Verhaftung wandte sich der Ortsausschuss des ADGB Oranienburg und Umgegend in einem Protestschreiben an den Oberstaatsanwalt beim Landgericht III, um eine erneute Prüfung des Falles Schulz und dessen schnelle Haftentlassung zu erwirken. Der hierin formulierte Vorwurf, die Verhaftung sei „auf Grund einer niederträchtigen und verlogenen Aussage“ erfolgt, zeigte bei der Staatsanwaltschaft jedoch keinerlei Wirkung. Erst im März 1932, nachdem kriminalistische Untersuchungen ergeben hatten, dass die in Schulz’ Wohnung bei einer polizeilichen Durchsuchung beschlagnahmte Waffe nicht mit der am 24. September verschossenen Munition in Übereinstimmung zu bringen war, wurde das Verfahren eingestellt und Schulz aus der Haft entlassen. Eine Entschädigung für die viermonatige Haftzeit erhielt er nicht, da, so der Beschluss des Gerichts, „das Verfahren weder seine Unschuld ergeben noch dargetan hat, daß gegen ihn ein begründeter Verdacht nicht vorliegt4“.
Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 gehörte Willi Schulz zu den ersten Verhafteten in Oranienburg. Er war den Oranienburger Nationalsozialisten nicht nur aufgrund seiner kommunalpolitischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten, sondern insbesondere auch durch die bereits beschriebenen Konflikte und Zusammenstöße schon lange persönlich bekannt und verhasst. Möglicherweise hat diese persönliche Bekanntheit, die Knop u.a. als charakteristisch für „die ersten Opfer5“ der zur Macht gelangten SA-Männer erachten, zu seiner frühen Verhaftung am 28. Februar 1933 beigetragen. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand, den die Nationalsozialisten zum Anlass nahmen, Tausende von missliebigen Personen zu verhaften, wurde Willi Schulz in Oranienburg in „Schutzhaft“ genommen und vom Amtsgericht Oranienburg unter dem Vorwurf des „versuchten Landesverrats“ zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die ersten Wochen seiner Haft musste er im Amtsgerichtsgefängnis Oranienburg absitzen. Am 7. April 1933 wurde er dann in das erst zwei Wochen zuvor eröffnete KZ Oranienburg eingeliefert und dort als Lagerfriseur eingesetzt. Eine Häftlingsnummer erhielt er nach eigenen Angaben nicht. Im KZ Oranienburg sah sich Schulz auch drei im Prozess wegen des Angriffs auf die Gaststätte „Lach“ im Jahr 1931 angeklagten Nationalsozialisten als Lagerpersonal gegenüber: Hans Hugo Daniels, damals freigesprochen, fungierte als Lager-Adjutant, Federwisch und Herzog, beide ebenfalls freigesprochen, waren Truppführer. Gerhart Seger, ehemaliger Häftling des KZ Oranienburg, schrieb über die zuletzt genannten in seinem Bericht „Oranienburg“ aus dem Jahr 1934, dass sie sich „an Gefangenen tätlich vergriffen, [...] wobei sich Herzog, ein schäbiger Bursche, noch mehr hervortat als Federwisch6“. Folgen wir der Annahme von Knop u.a., die davon ausgehen, dass es der SA in „ihren“ Haftstätten nicht zuletzt auch darum ging, „alte Rechnungen [zu] begleichen7“, lässt dies für die Haftbedingungen von Willi Schulz im KZ Oranienburg Schlechtes befürchten. Darauf, dass er in der KZ-Haft brutal geschlagen wurde, wies eine große Narbe im Nacken hin, von der Willi Schulz seiner Tochter gegenüber später sagte, dass sie ihm im KZ durch Schläge zugefügt worden war. Ob die Narbe jedoch eine Folge der Haft im KZ Oranienburg war oder ob sie aus seiner späteren Inhaftierung im KZ Sonnenburg resultierte, ließ sich nicht ermitteln. Im KZ Oranienburg war Schulz vom 7. April mit einer kurzen Unterbrechung bis zum 7. September 1933 inhaftiert und wurde dann für ein weiteres halbes Jahr in das KZ Sonnenburg/Neumark überführt.
Bei seiner Entlassung aus dem KZ Oranienburg musste er, wie es zu dieser Zeit für Entlassene üblich war, eine Erklärung unterschreiben, dass er sich „nie gegen den neuen Staat oder seine Einrichtungen wenden werde“, dass er sobald „Handlungen gegen das jetzige Staatswesen bekannt werden, dieses sofort der Behörde melden“ und dass er schließlich „keinerlei Regreßansprüche stellen werde8“. Im KZ Sonnenburg im heutigen Landkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern war er bis zum 5. Februar 1934 eingesperrt und nach eigenen Angaben zuerst als Stationsältester im Ostflügel, dann in der Schneiderwerkstatt eingesetzt. Über die Erfahrungen, die Schulz in den frühen Konzentrationslagern Oranienburg und Sonnenburg machte, konnte nichts ermittelt werden, da Willi Schulz, so berichtete seine Tochter, in der Familie sehr wenig über seine KZ-Haft gesprochen habe.
Gerade aus dem KZ entlassen, musste Schulz ab dem 1. März 1934 eine erneute Gefängnisstrafe antreten. Bereits am 28. April 1933 wurde er vom Amtsgericht Oranienburg wegen Vergehens gegen §§ 110, 111 Abs. 2 StGB – unerlaubter Waffenbesitz – zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt. Der Strafantritt erfolgte erst knapp ein Jahr später, weil eine vom Amtsgericht Oranienburg im Juli 1933 ersuchte Überführung ins örtliche Gerichtsgefängnis vom Sturmbannführer des KZ Oranienburg mit der Begründung, Schulz könne erst „nach Aufhebung der Schutzhaft dem Gerichtsgefängnis zugeführt werden9“, abgelehnt wurde. Diese Strafe verbüßte er dann vom 1. März 1934 bis zum 1. Mai 1934 im Gerichtsgefängnis Charlottenburg.
Seiner Entlassung aus dem Amtsgerichtsgefängnis Charlottenburg im Mai 1934 folgte eine mehrmonatige Arbeitslosigkeit, während der er – wie alle ehemaligen KZ-Häftlinge – unter strenger Polizeiaufsicht stand. Es ist möglich, dass ihn diese Polizeiüberwachung, die Angst vor einer erneuten KZ-Inhaftierung und die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz dazu veranlassten, Mitte der 1930er Jahre der DAF beizutreten. Erst im Herbst 1935 fand er wieder eine Anstellung. In der Obstverwertung Oranienburg/Eden arbeitete er bis zum Mai 1937, anschließend wieder als Packer und Kraftfahrer bei den Byk-Guldenwerken in Oranienburg. Dort schloss er sich nach eigenen Angaben mit zwei Kollegen zu einem „Schwarzhörerzirkel“ zusammen und kolportierte so genannte Fremdnachrichten – insbesondere Moskauer Sendungen – in die Abteilungen des Betriebes. In dieser Zeit, im August 1938, heiratete er im Alter von 42 Jahren die Kontoristin Anna Luise Wilhelmine Wetzel, mit der er am 5. September 1939 sein einziges Kind, die Tochter Inge, bekam. Die Geburt seiner Tochter konnte er jedoch nicht miterleben, da er zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zum Infanterieregiment 309 der Wehrmacht in Beeskow einberufen und beim Überfall auf Polen eingesetzt wurde. Nach seiner Rückkehr aus dem Polenfeldzug trat er erneut eine Anstellung als Kraftfahrer bei den Byk-Guldenwerken in Oranienburg an und setzte die Tätigkeit des „Schwarzhörerzirkels“ fort, die – so seine späteren Aussagen – gegen Ende des Krieges insbesondere den in der Firma eingesetzten russischen Kriegsgefangenen zugute kam. Darüber hinaus habe er bei den Byk-Guldenwerken mit dem belgischen Zwangsarbeiter Gerald Piet zusammengearbeitet, den er nach eigenen Angaben unterstützte, so dass eine Freundschaft entstanden sei. Piet habe Schulz nach dem Krieg über das „Rote Kreuz“ suchen lassen und sei seitdem etwa einmal pro Jahr nach Oranienburg gekommen, um Willi Schulz zu besuchen.
Im Herbst 1944 wurde der zu dieser Zeit bereits 48-jährige Schulz erneut zum Militär einberufen und in Bayern bei der Kriegsakademie als Kraftfahrer eingesetzt. Von dort brach er nach eigenen Angaben kurz vor Beendigung des Krieges auf, um sich auf den Heimweg zu begeben. Am 17. Mai 1945 geriet er jedoch bei Hof in amerikanische Gefangenschaft, aus der er nach einem halben Jahr, am 1. Dezember, entlassen wurde.
Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft nahm Schulz in Oranienburg umgehend seine politische und gewerkschaftliche Tätigkeit wieder auf. Er wurde Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Sachsenhausen und arbeitete zunächst als Lagerfacharbeiter und Kraftfahrer bei der Edener Obstverwertung Oranienburg, wo er zum Vorsitzenden der Betriebsgruppe avancierte. Vom 1. Februar bis zum Mai 1946 war er in der Gemeindeverwaltung als Büroleiter sowie von Mai bis Dezember 1946 als Bürgermeister tätig. Ebenfalls im Jahr 1946 trat er in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) ein. Ab 1951 wurde er als Kaderleiter im Kaltwalzwerk Oranienburg eingesetzt, musste jedoch aufgrund einer schweren Erkrankung im Jahr 1955 seine Berufstätigkeit aufgeben und in Rente gehen. Auch in dieser Zeit blieb er ehrenamtlich politisch aktiv und war beispielsweise Mitarbeiter der Veteranenkommission des FDGB-Kreisvorstandes.
Am 7. Oktober 1982, zwei Jahre vor seinem Tod, verlieh die Stadtverordnetenversammlung Oranienburg dem „Arbeiterveteran“ Schulz „in Anerkennung außergewöhnlicher Verdienste für die gesellschaftliche Entwicklung der Stadt Oranienburg“ die Ehrenbürgerschaft10. Weitere Auszeichnungen waren die bereits erwähnte Medaille für die Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1918/23, die Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933 – 1945 sowie die Verdienstmedaille der Deutschen Demokratischen Republik.
Am 16. September 1984 starb Willi Schulz im Alter von 88 Jahren in Oranienburg.

1 Barnimer Tageblatt vom 28. September 1931. 

2 LA Berlin, A Rep. 358 – 01, Nr. 26347/Bd. 1. 

3 Barnimer Tageblatt vom 16. November 1931. 

4 LA Berlin, A Rep. 356-01, Nr. 2635/Bd. I. 

5 Knop u.a., Häftlinge, S. 48. 

6 Seger, Oranienburg, S. 57. 

7 Knop u.a., Häftlinge, S. 48. 

8 Erklärung von Willi Schulz, 7.9.1933, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/36, Bl. 278. 

9 Schreiben vom 12.7.1933, BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/36, Bl. 282. 

10 Auszug aus der Ehrenbürgerliste der Stadt Oranienburg, StA Oranienburg. 

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 108.
  • AS (Entlassungsbescheinigung der Byk-Guldenwerke Chemische Fabrik Aktiengesellschaft für Willi Schulz vom 7.4.1933).
  • AS (Entlassungsbescheinigung des Konzentrationslagers Sonnenburg vom 5.2.1934).
  • AS, Nr. 33/7 („Das rote Oranienburg 1931 – 33“, Erinnerungsbericht von Willi Ruf vom 18.3.1978).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/36, Bl. 278, 280, 281, 282, 286.
  • BLHA, Rep. 333, Nr. 1162 (SED-Landesvorstand Brandenburg).
  • BLHA, Rep. 401, VdN-4820 (Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam).
  • LA Berlin, A Rep. 356-01, Nr. 2635/Bd. 1.
  • LA Berlin, A Rep. 358-01, Nr. 2634/Bd. 1.
  • LA Berlin, A Rep. 358-01, Nr. 2634/Bd. 3.
  • PA Inge und Klaus Hutschreuther (Persönliche Unterlagen zu W. Schulz, Dokumente zu seiner Verfolgung und Inhaftierung, Zeitungsausschnitte).
  • StA Oranienburg, Auszug aus der Ehrenbürgerliste der Stadt Oranienburg (ohne Signatur).
  • Barnimer Tageblatt vom 28.9.1931, 16.11.1931, 22.11.1931, 23.11.1931, 25.11.1931, 28.11.1931, 2.12.1931, 3.12.1931.
  • Interview mit Inge und Klaus Hutschreuther, Tochter und Schwiegersohn von Willi Schulz, am 26.11.2003 in Oranienburg.
  • Knop, Martin/Krause, Hendrik/Schwarz, Roland, Die Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, in: Morsch, Günter (Hrsg.), Konzentrationslager Oranienburg, Oranienburg 1994, S. 47-66.
  • Kommission zur Erforschung der örtlichen Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Oranienburg (Hrsg.), Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung des Kreises Oranienburg, Oranienburg o.J.
  • Landkreis Oberhavel, Der Landrat, Schreiben vom 1.12.2003.
  • Longerich, Peter, Vom Straßenkampf zum Anstaltsterror. Die Oranienburger SA und „ihr“ Konzentrationslager, in: Morsch, Günter (Hrsg.), Konzentrationslager Oranienburg, Oranienburg 1994, S. 23-33.
  • Seger, Gerhart, Oranienburg. Erster authentischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geflüchteten, in: Biereigel, Hans, Mit der S-Bahn in die Hölle. Wahrheiten und Lügen über das erste Nazi-KZ, Berlin 1994, S. 25-113.

Soziale/Regionale Herkunft: Nassenheide im Kreis Niederbarnim

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Barbier, Friseur und Perückenmacher; Anstellung bei der Firma Bergmann-Borsig

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Verband der Friseurgehilfen Deutschlands; Schriftführer im Ortsvorstand des Deutschen Fabrikarbeiterverbandes; Funktionär im Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB); Mitglied des Betriebsrates der Byk-Guldenwerke Chemische Fabrik Oranienburg; RGO

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Vorsitzender der KPD in Oranienburg; Politischer Leiter der KPD in Oranienburg

Politische Mandate/Aktivitäten: Oranienburger Stadtverordneter

Widerstandsaktivitäten: „Schwarzhörerzirkel“

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: Amtsgerichtsgefängnis Oranienburg; 7. April 1933 - 7. September 1933: KZ Oranienburg; bis 5. Februar 1934: KZ Sonnenburg; 1. März 1934 bis zum 1. Mai 1934: Gerichtsgefängnis Charlottenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: Vorsitzender der KPD-Ortsgruppe Sachsenhausen; Vorsitzender der Betriebsgruppe bei der Edener Obstverwertung Oranienburg; Büroleiter der Gemeindeverwaltung Oranienburg; Bürgermeister in Oranienburg; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: Ehrenbürgerschaft der Stadt Oranienburg, Medaille für die Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1918/23, Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933 – 1945, Verdienstmedaille der Deutschen Demokratischen Republik

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