Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
16. Juli 1890 - 11. Juli 1954

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Ewald Stahl.
Quelle: LHA Schwerin, VdN SN, Z 130/91, 1724.

Ewald Stahl. Quelle: LHA Schwerin, VdN SN, Z 130/91, 1724.

Von Jasmin Lorch

Ewald Stahl wurde am 16. Juli 1890 als Sohn des gleichnamigen Gastwirts in Krams, Ostprignitz geboren. Dort schloss er auch nach der 1. Klasse die Bürgerschule ab. Von 1904 bis 1908 absolvierte er in der Maschinenfabrik Jasper in Pritzwalk eine Lehre als Schlosser, die er mit der Gesellenprüfung abschloss. Nach eigenen Angaben arbeitete Stahl nach Ende seiner Lehrzeit zur Vervollständigung seiner beruflichen Kenntnisse in verschiedenen Betrieben.
Im Jahre 1909 trat er dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei. Er beteiligte sich aktiv an dessen Arbeit und Aktionen. So gibt er beispielsweise an, bis zu seiner Verpflichtung zum Heeresdienst im Jahre 1914 bei verschiedenen Feiern anlässlich des ersten Mais sowie bei zahlreichen Streiks, darunter der Formerstreik bei Niemeyer in Harburg, eine aktive Rolle gespielt zu haben.
Im Jahre 1914 heiratete er seine Frau Dora, Tochter des Schutzmanns Erich Höger aus Harburg. 1915 wurde die Tochter Lieselotte, 1918 die Tochter Ursula geboren.
Am 3. August 1914 wurde Ewald Stahl zum Heeresdienst eingezogen. 1915 wurde er schwer verwundet. Durch einen Kopfschuss verlor er das linke Auge und wurde infolgedessen aus dem Militär entlassen. Obgleich er schwer kriegsgeschädigt war, wurde er dennoch zum Arbeitsdienst abkommandiert, vermutlich bis ins Jahr 1918.
Von 1917 bis 1919 arbeitete er in Spandau bei Berlin. Hier vertrat er, nach eigenen Angaben mit Erfolg, im Jahre 1919 368 bei den Spandauer Werken beschäftigte Kriegsgeschädigte beim Schlichtungsausschuss. Von 1920 bis 1923 war er als Rentenberater beim Versorgungsamt IV Berlin-Schöneberg tätig und trat dort zum Zentralverband der Angestellten (ZdA) über.
Auf Grund einer Krankheit seiner Frau musste er am 1. Juli 1923 von Berlin-Charlottenburg, wo er bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt hatte, nach Wittenberge umziehen. Der Umzug brachte ihn in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, weshalb er die Zugehörigkeit zur Organisation verlor. In Wittenberge nahm er am 1. Juli 1923 eine Tätigkeit als Dreher bei den Singerwerken an. Kurze Zeit nach seiner Einstellung brach in der Firma ein Streik aus. Nach eigenen Angaben wurde Ewald Stahl von der Firmenleitung ersucht, als Streikbrecher zu agieren. Da er sich geweigert habe, dieser Auforderung nachzukommen, sei er entlassen worden. Aus dem Geschäftsbericht des DMV Wittenberge des Jahres 1928 geht hervor, dass die Gewerkschaft sich aktiv an Streikmaßnahmen beteiligte. Nach dem Geschäftsbericht nutzten zahlreiche Arbeitgeber die Situation anhaltenden Arbeitsmangels aus, um Lohnkürzungen sowie sonstige Abstriche bei Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen zu rechtfertigen. Um diesem Umstand zu begegnen, unterstützte die Gewerkschaft das Mittel des Arbeitskampfes.
Nach seiner Entlassung von den Singerwerken nahm Ewald Stahl eine Arbeit bei der Firma Staub in Perleberg an und war dort bis zu deren Schließung tätig. Bei der Firma Vereinigte Tuchfabriken fand er eine neue Stellung als Schlosser. Da der Betrieb jedoch im Jahre 1931 Konkurs ging, verlor er erneut seine Arbeit. Nach längerer Arbeitslosigkeit trat er als Hilfsarbeiter in die Ortskrankenkasse Wittenberge ein.
Zu dieser Zeit war Ewald Stahl als Funktionär in der örtlichen SPD und im Freidenkerverband politisch aktiv. Bei der SPD war er Kassierer und seit 1932 Stadtverordneter, bei den Freidenkern war er Vorstandsmitglied. Am 2. Mai 1933 wurde er auf Grund seiner politischen Einstellung und seiner politischen Aktivität als SPD-Funktionär verhaftet. Ohne von einem Gericht verurteilt worden zu sein, verblieb er bis zum 28. Mai 1933 in Polizeihaft. Auf Grund seiner antifaschistischen Haltung wurde er kurz darauf erneut seiner Freiheit beraubt. Vom 4. Juni 1933 bis zum 27. Juni 1933 war er im Konzentrationslager Perleberg, vom 28. Juni 1933 bis zum 7. September 1933 im KZ Oranienburg und vom 7. September 1933 bis zum 12. Januar 1934 im KZ Sonnenburg inhaftiert. In Bezug auf die Daten seiner Entlassung aus der Polizeihaft und seiner Entlassung aus dem KZ Sonnenburg widersprechen sich die verschiedenen Quellen. An dieser Stelle wird sich auf Ewald Stahls eigene Angaben bezogen. Während seiner Haftzeit im KZ wurde er zu Wald-, Tischler- und Büroarbeiten verpflichtet und litt wie die anderen Häftlinge auch unter den katastrophalen Lebensbedingungen im Lager. In seinem Lebenslauf, den er im Rahmen seines Aufnahmeantrags in die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) verfasste, beschreibt Ewald Stahl seine KZ- und Hafterfahrungen wie folgt: „Hier lernte ich alle Schikane für Häftlinge kennen.“ (Aufnahmeantrag in die VVN, BLHA, Rep. 333 Nr. 1166, S. 86)
Nach seiner Haftentlassung war Ewald Stahl zunächst arbeitslos. Im Juni 1934 wurde er zur Reichsbahn überwiesen, wo er bis zum 16. Januar 1944 tätig war. Zu diesem Zeitpunkt zeigten sich erste Anzeichen schwerer Gesundheitsschäden infolge von Haft und Mangelernährung. Da seine Krankheit erkannt wurde, jedoch keine Medizin zu seiner Behandlung zur Verfügung stand, wurde Ewald Stahl als Invalide entlassen. Er litt unter einer Nervenlähmung, die sich in den folgenden Jahren verschlimmerte, ihn vollkommen arbeitsunfähig und bald auch bettlägerig machte. Seine Frau Dora und er lebten fortan von seiner geringen Invalidenrente.
Im Jahre 1945 trafen die Eheleute weitere schwere Schicksalsschläge. Sie wurden mehrfach ausgebombt, verloren ihr Haus und beinahe ihr gesamtes Eigentum. Trotz dieses Verlustes und seiner Krankheit, die ihm bald keine aktive gesellschaftspolitische Arbeit mehr erlaubte, trat Ewald Stahl in der folgenden Zeit der SED, der VVN und dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) bei.
Am 11. Juli 1954 verstarb Ewald Stahl an den Folgen seiner Haft.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 115.
  • BArch, RY 35/25.2 (DMV Wittenberge, Geschäftsbericht 1928).
  • BLHA, 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/38 (Erklärung Stahls bei Einlieferung ins KZ, Transportzettel, “Schutzhäftlingsunterlagen“).
  • BLHA, Rep. 333, Nr. 1166 (Aufnahmeantrag in die VVN).
  • LHA Schwerin, RdB SN, VdN SN, Z 130/91, 1724.
  • PA Günter Rodegast Lebenslauf von Ewald Stahl, verfasst von Günter Rodegast, Ortschronist Wittenberge.

Soziale/Regionale Herkunft: Sohn des gleichnamigen Gastwirts; Krams, Ostprignitz

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Schlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1909: Deutscher Metallarbeiterverband (DMV); Zentralverband der Angestellten (ZdA)

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: Kassierer der SPD in Wittenberge

Politische Mandate/Aktivitäten: 1932: Stadtverordneter

Widerstandsaktivitäten: nicht bekannt

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 2. Mai 1933 - 28. Mai 1933: Polizeihaft; 4. Juni 1933 - 27. Juni 1933: KZ Perleberg; 28. Juni 1933 - 7. September 1933: KZ Oranienburg; 7. September 1933 - 12. Januar 1934: KZ Sonnenburg

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED; VVN; FDGB

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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