Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
1. April 1896 - 15. Oktober 1981

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August Bolte Quelle: GDW

August Bolte Quelle: GDW

August Bolte wurde am 1. April 1896 geboren. In seiner Funktion als EVMB-Vorstandsmitglied war er Redakteur für die Mitgliederzeitschrift “Der Metallblock”. Mitte 1933 war Bolte neben Rudolf Lentzsch, Walter Kautz, Oskar Walz und Wilhelm Bielefeld eine der wichtigsten Personen beim Wiederaufbau des EVMB in der Illegalität. Nach Kriegsende war Bolte beim FDGB beschäftigt. Er starb am 15. Oktober 1981 in Berlin (Ost).

Von Siegfried Mielke und Stefan Heinz

Nach dem Urteil des Berliner Kammergerichts von Juli 1934 war August Bolte neben Rudolf Lentzsch einer der treibenden Kräfte beim Aufbau und bei den Aktivitäten des illegalen Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB). Das Kammergericht folgte damit der Einschätzung der Gestapo, die in einem Bericht über die illegalen Aktivitäten des EVMB und die Rolle von August Bolte in dieser illegalen Organisation bereits im Januar 1934 festgestellt hatte: „Seiner [gemeint ist August Bolte – S. M.] aktiven Betätigung ist es zuzuschreiben, dass sich der illegale EVMB in kurzer Zeit derart entwickeln konnte. Eine große Anzahl der illegalen Mitarbeiter ist durch seine Rührigkeit zur Mitarbeit veranlasst worden“. (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934, BArch, R 58/3329)

August Bolte wurde am 1. April 1896 in Hannover geboren. Über seine soziale Herkunft, seine schulische Ausbildung, seine politische und gewerkschaftliche Sozialisation ließen sich nur wenige Informationen ermitteln. Bekannt ist lediglich, dass seine Eltern, Hermann und Klara (geborene Weber), weder parteipolitisch noch gewerkschaftlich organisiert waren und dass August Bolte eine berufliche Ausbildung versagt blieb. Im Alter von 16 – nach anderen Angaben mit 23 – Jahren schloss er sich der SPD an und nach eigenen Angaben auch einer Gewerkschaft. Als Metallarbeiter war er vermutlich im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert. Seine Frau Luise, geborene Kähn, war Mitglied des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes, der „Roten Hilfe“ und der KPD. August Bolte selbst trat erst vergleichsweise spät der KPD (1927) und der „Roten Hilfe“ bei. Er gehörte ab 1931 als Redakteur der EVMB-Zeitung „Der Metallblock“ zu den führenden Funktonären des EVMB und betätigte sich in dem engeren Vorstand dieser Gewerkschaft. Wann, wie und wo Bolte sich die redaktionellen Fähigkeiten erwarb, ob im Selbststudium oder in den Bildungseinrichtungen der Arbeiterbewegung, konnte nicht ermittelt werden.

Als Mitglied des engeren EVMB-Vorstandes konzentrierte sich Bolte auch auf die Organisierung von Streikkämpfen und rief noch Ende 1932 zur „Zerschlagung des DMV“ auf, obwohl die KPD-Führung solche Forderungen inzwischen für verfehlt ansah und die innergewerkschaftliche „Fraktionsarbeit“ zur Hauptaufgabe erklärt hatte. Im Polizeibericht über eine Versammlung des EVMB am 13. November 1932 wurde eine Rede Boltes zusammengefasst. In dieser hieß es unter anderem: „Unsere nächsten Aufgaben sind in erster Linie natürlich wieder Streiks. […] Ein wichtiges Kapitel unserer Arbeit ist die gründliche politische Schulung unserer Funktionäre, um von der Defensive zur Offensive schreiten zu können, wobei die Frage der Massenwerbung für den roten Verband nicht aus dem Auge zu lassen ist. Wenn wir so unsere Aufgaben erfüllen und uns bei den kommenden Kämpfen führend zeigen, muss es uns gelingen, den DMV. zu zerschlagen und unseren roten Verband als Massenorganisation aufzubauen.“ (Überwachungsbericht der Berliner Polizei, 15.11.1932, GStA Berlin, Rep. 219, Nr. 9, S. 114) Doch zur Massenorganisation wurde der EVMB in den kommenden Wochen bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr.

Im illegalen EVMB übernahm Bolte im Sommer 1933 die Funktion eines Instrukteurs, der für die Koordination der EVMB-Bezirke Wedding und Reinickendorf-Ost zuständig war. Schwerpunkte der Aktivitäten von Bolte lagen zum einen im Aufbau der illegalen Organisationsstrukturen. Hier gelang es ihm, den späteren Instrukteur für die EVMB-Bezirke 5 bis 8, Wilhelm Bielefeld, ebenso für die Mitarbeit zu gewinnen wie Hans Brennig, Erwin Sickert, Wilhelm Haase, Karl Schatz und Wilhelm Lentzsch, die alle als Bezirksleiter führende Funktionen im EVMB übernahmen. Zum anderen engagierte sich Bolte bei der Herstellung und Verbreitung illegaler Flugblätter und Zeitschriften. Nach eigenen Aussagen und denen anderer Prozessbeteiligter verfasste Bolte zum Beispiel einen Teil der Berichte, die als „Informationsmaterial des EVMB“ unter den Mitgliedern und in den Betrieben verteilt wurden. Die von ihm erstellten Schriften basierten auf der Grundlage „der ihm aus den Betrieben und Stempelstellen zugegangenen Berichte“. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322) Zur Vervielfältigung des Informationsmaterials des EVMB wurden Wachsplatten erstellt. Zu diesem Zweck gewann Bolte die Mitarbeit von Martha Golze, die von Dezember 1930 bis Juli 1932 als Stenotypistin für den EVMB gearbeitet hatte und auch noch nach ihrer Entlassung „gelegentlich für diesen Verband tätig“ gewesen war. (Ebd.)

Mit der Verhaftung fast aller führenden Funktionäre des EMVB im Dezember 1933, darunter auch August Bolte, war diese Gruppe nach wenigen Monaten illegaler Aktivitäten weitgehend zerschlagen. Dennoch gab es auch danach weitere Aktivitäten aus den Reihen des illegalen EVMB. Bolte kam wie die meisten seiner illegalen Mitstreiter zunächst in das Konzentrationslager Columbia-Haus und vom 5. bis 17. Januar 1934 in das Konzentrationslager Oranienburg und von dort in das Untersuchungsgefängnis Moabit. Der Vierte Strafsenat des Kammergerichts Berlin verurteilte am 19. Juni 1934 August Bolte und Rudolf Lentzsch, die beiden führenden Köpfe des illegalen EVMB, zu je drei Jahren Zuchthaus. Das Gericht begründete diese „Höchststrafe“ mit dem „umfangreichen“ und „verbrecherischen Treiben“ der Angeklagten. „Immer wieder haben sie ruhig und zufrieden gewordene Volksgenossen gegen andere Volksgenossen aufgewiegelt und versucht, sie als zuverlässiges Instrument für eine im gegebenen Zeitpunkt anzuzettelnde Revolution fest in die Hand zu bekommen, was ihnen teilweise auch schon gelungen war. Bei ihnen schien irgendwelche Milde des Gerichts nicht am Platze.“ (Ebd.) Nach Angaben in einem Fragebogen für den „Hauptausschuss Opfer des Faschismus“ des Berliner Magistrats von 1947 verbüßte Bolte die dreijährige Zuchthausstrafe in Brandenburg-Görden und kam vermutlich anschließend in das Konzentrationslager Sachsenhausen, aus dem er am 20. April 1939 entlassen wurde. In dem bereits erwähnten Fragebogen des Magistrats gab Bolte an, in Sachsenhausen in der Weberei beschäftigt gewesen zu sein sowie in einem anderen Arbeitskommando Federn gerupft zu haben. Außerdem berichtete er, im Rahmen der „Häftlingsselbstverwaltung“ die Funktionen eines „Blockschreibers“ und „Blockältesten“ ausgeübt zu haben. Obwohl zunächst als „wehrunwürdig“ eingestuft, wurde er Anfang 1944 in das „Ersatz-Bataillon 999“ Baumholder eingezogen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er als einfacher Soldat dieses Strafbataillons in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst im Februar 1947 nach Berlin zurückkehrte. Dort erhielt er sofort in der Sequestrierungsabteilung der „Deutschen Wirtschaftskommission“ eine Anstellung. 1948 heiratete Bolte seine zweite Ehefrau, Hedwig. Deren Sohn aus erster Ehe, Eckhart Felmer, zog er liebevoll auf. Wann Bolte in seiner Berufslaufbahn zum Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) wechselte, wo er zumindest bis 1958 beschäftigt war, ist nicht bekannt. August Bolte starb hoch betagt und -dekoriert (Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus, Vaterländischer Verdienstorden in Gold) am 15. Oktober 1981 in Berlin (Ost). Seine letzte Ruhestätte fand er in der DDR auf der Gräberanlage für Revolutionäre, Verfolgte des Naziregimes und bedeutende Persönlichkeiten in Berlin-Friedrichsfelde.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 12.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/2, Bl. 24 und Nr. 3/3, Bl. 282 f.
  • BLHA, Rep. 35 H, KZ Sachsenhausen, Nr. 10/1, Bl. 24.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis der Gestapo“).
  • GStA Berlin, Rep. 219, Nr. 9, S. 112 ff. (Überwachungsberichte der Berliner Polizei zur RGO und zum EVMB).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 13230 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 215.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 1, Berlin 2002-2005, S. 201.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 109 ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Hannover

Ausbildung/Berufstätigkeit: Redakteur

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: EVMB-Vorstandsmitglied

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: SPD; 1927-1933: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933: Instrukteur beim illegalen EVMB, Koordination der EVMB-Bezirke Wedding und Reinickendorf-Ost

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 13. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 13. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 17. Januar 1934: KZ Oranienburg; ansch. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 19. Juni 1934; Juni 1934 - Ende 1936: Zuchthaus Brandenburg-Görden; Ende 1936 - April 1939: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: FDGB-Vorstand; SED-Funktionär

Erinnerungskultur/Ehrungen: Gräberanlage Berlin-Friedrichsfelde

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