Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
7. Februar 1899 - 28. November 1979

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Wilhelm Bielefeld Quelle: GDW

Wilhelm Bielefeld Quelle: GDW

Der Revolverdreher Wilhelm Bielefeld wurde am 7. Februar 1899 geboren. Anfang der 1920er Jahre schloss er sich der KPD an. Ab 1928/29 übernahm Bielefeld Funktionen in der RGO. Bald darauf wurde er aus dem DMV ausgeschlossen. Bielefeld gehörte zunächst dem erweiterten und später dem engeren Vorstand des EVMB an, für den er sich auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Widerstand betätigte. Wilhelm Bielefeld war einer der wichtigsten Instrukteure des illegalen EVMB. Nach Kriegsende arbeitete Bielefeld als Sekretär der IG Metall beim FDGB in Berlin (Ost). Er verstarb am 28. November 1979.

Von Siegfried Mielke

„Besonders gefährlich war auch das Treiben des Angeklagten Wilhelm Bielefeld und der beiden Instrukteure Walter Kautz und Oskar Walz, die im Vergleich zu den beiden führenden Funktionären des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) Rudolf Lentzsch und August Bolte „vornehmlich im Hintergrund gewühlt und andere Volksgenossen zur Vorbereitung ihrer hochverräterischen Ziele in die Betriebe und Stempelstellen vorgeschickt haben1“. Mit dieser Begründung verhängte das Berliner Kammergericht im Prozess gegen Rudolf Lentzsch, Walter Kautz und andere eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren gegen Wilhelm Bielefeld, der als Instrukteur in der illegalen „Organisation“ des EVMB eine führende Funktion eingenommen hatte.

Wilhelm Bielefeld kam am 7. Februar 1899 in Danzig zur Welt. Sein Vater Gustav war Maurer, seine Mutter Maria, geborene Haase, war Hausfrau. Wilhelm Bielefeld besuchte bis zum vierzehnten Lebensjahr die Volksschule und erlernte anschließend den Beruf des Revolverdrehers. 1917 wurde er als Soldat an der Front in Frankreich eingesetzt und kam 1918 in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 entlassen wurde. Bis 1923 blieb Wilhelm Bielefeld arbeitslos. Nach eigenen Angaben trat er „anlässlich des Marsches Hitlers auf Berlin den Roten Garden bei und wurde Mitglied der KPD2“. 1934 hatte er den Beginn seiner KPD-Mitgliedschaft erst auf 1925 datiert. Mit Beginn seiner Beschäftigung bei der Firma Bergmann-Elektricitäts-Werke AG in Berlin (Seestraße) engagierte er sich gewerkschaftlich und wurde 1927 Vorsitzender des Betriebsrates. Die Funktion konnte er bis zu seiner Maßregelung (1930) durch die Unternehmensführung ausüben. Im Jahr 1929 wurde er wegen seiner oppositionellen Politik gegenüber der Führung des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) und aufgrund der Aufstellung einer Liste der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) zur Betriebsratswahl aus dem DMV ausgeschlossen. Bielefeld schloss sich der von kommunistischen Gewerkschaftern dominierten Drehervereinigung an und wurde nach Gründung des EVMB Funktionär in dieser Organisation. Von 1931 an leitete er den EVMB-Bezirk Berlin-Wedding und war zunächst Mitglied des erweiterten, beziehungsweise ab 1932 des engeren EVMB-Vorstandes und gleichzeitig Mitglied der RGO-Bezirksleitung von Berlin.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er im Sommer 1933 von August Bolte für die illegalen Aktivitäten des EVMB geworben. Als einer von vier Instrukteuren war er für die Koordination der EVMB-Bezirke 5 bis 8, das heißt Reinickendorf-West (5), Gesundbrunnen (6), Wedding (7) und Reinickendorf-Ost (8) zuständig. Neben Koordinationsaufgaben zwischen den Bezirken, warb Bielefeld seinerseits die späteren EVMB-Verbindungsleute Karl Bienert, Johnnie Hagge und Albert Schamedatus für die illegale Arbeit des EVMB an. Er organisierte ferner den Aufbau neuer Zellen, die Verteilung von illegalen Publikationen wie dem „Informationsmaterial des EVMB“. Außerdem koordinierte er den Verkauf von Beitragsmarken und nicht zuletzt die Lieferung von Berichten aus den Betrieben und Stempelstellen. Dabei interessierte die EVMB-Führung insbesondere, ob in den Betrieben Kriegsmaterial hergestellt wurde. Ferner wollte die Verbandsleitung Auskünfte über die Arbeitsverhältnisse und die Tätigkeit der NS-Vertrauensräte. Wilhelm Bielefeld, der mit zahlreichen anderen EVMB-Funktionären am 12. Dezember 1933 über die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 und die Konzentrationslager Columbia-Haus und Oranienburg im Januar 1934 ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit kam, wurde vom Vierten Strafsenat des Kammergerichts Berlin zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Wie dem Urteil gegen Willi Schulz und andere EVMB-Mitglieder zu entnehmen ist, gestanden mehrere Angeklagte ihre Kontakte zu Wilhelm Bielefeld und gaben zu, für diesen als Kurier-Anlaufstelle fungiert zu haben. Außerdem bekannten sich Einige, dass sie über Arbeitsverhältnisse in Betrieben berichtet und Beiträge kassiert hätten, die danach bei Bielefeld abgeliefert worden wären.

Die Strafe für sein „besonders gefährlich[es]“ illegales Treiben, so das Kammergericht, musste er im Zuchthaus Brandenburg-Görden verbüßen3. Nach seiner Entlassung stand er längere Zeit unter Polizeiaufsicht. Ende 1936 fand Bielefeld eine Beschäftigung bei der Firma Roller in der Osloer Straße in Berlin. Zur Wehrmacht musste er erst im Jahr 1944, als er den 1938 wegen „Wehrunwürdigkeit“ ausgestellten Ausschließungsschein zurückgeben musste und zum „Zweiten Einsatzbataillon 999“, einer Strafeinheit, einberufen wurde. Im März/April 1945 geriet Bielefeld in Frankreich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der man ihn im Juli 1946 entließ. Er wurde sofort wieder politisch und gewerkschaftlich aktiv und schloss sich der SED, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) an. Beruflich arbeitete er zunächst als Sachbearbeiter im Bezirksamt Wedding. 1947 erhielt er eine Stelle als Sekretär bei der IG Metall im FDGB von Groß-Berlin. Am Ende seiner langjährigen Tätigkeit als Parteisekretär und Mitglied des Bezirksvorstandes der IG Metall von Groß-Berlin erhielt Bielefeld die „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945“. Wilhelm Bielefeld starb am 28. November 1979 in Berlin.

1 Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322. 

2 Lebenslauf, 31.08.1948, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 1809. 

3 Ebd. 

— — —

Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 9.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis der Gestapo“).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 165; Nr. 3/2/1, Bl. 340 ff.; Nr. 3/2, Bl. 14 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 1809 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 215.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 1, Berlin 2002-2005, S. 161.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 109 ff.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 132 f.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 149 f.

Soziale/Regionale Herkunft: Danzig

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Revolverdreher; später hauptamtlicher Gewerkschafter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; 1927: Betriebsratsvorsitzender; 1929: Ausschluss aus dem DMV und Mitglied der RGO-Drehervereinigung; 1930-1933: EVMB-Mitglied 1931: Leiter des EVMB-Bezirks 3 (Moabit und Charlottenburg) des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB); Mitglied des erweiterten, beziehungsweise ab 1932 des engeren EVMB-Vorstandes

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: ab 1923: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: 1933: Betätigung für den illegalen EVMB als einer der wichtigsten Instrukteure

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 11. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 11. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 19. Juni 1934; Juni 1934 - Mitte 1936: Zuchthaus Brandenburg-Görden

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED; FDGB; VVN; 1947: Sekretär bei der IG Metall im FDGB von Groß-Berlin

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum