Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. November 1901 - 31. Mai 1964

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Karl Bienert Quelle: GDW

Karl Bienert Quelle: GDW

Der Maschinenschlosser und Werkzeugmacher Karl Bienert, geboren am 12. November 1901, gehörte zum “erweiterten Vorstand” des EVMB. Im Widerstand betätigte er sich wahrscheinlich als Verbindungsmann für den illegalen Verband. Er wurde unter dem Verdacht der Vorbereitung eines “hochverräterischen Unternehmens” festgenommen und war zeitweise im KZ Oranienburg inhaftiert. Allerdings konnten die Vorwürfe vor Gericht nicht bewiesen werden. Nach Kriegsende betätigte sich Bienert in der SED und im FDGB. Er starb am 31. Mai 1964 in Berlin (Ost).

Von Siegfried Mielke

„Wir müssen den Prozess der Zersetzung der faschistischen Front dadurch beschleunigen, indem wir im Betrieb und an der Stempelstelle mit den Nazi-Anhängern diskutieren, um ihnen klarzumachen, dass Adolf Hitler nicht die Arbeiter zum Sozialismus, sondern sie nur in die Barbarei führen wird. Der Sozialismus kann erst verwirklicht werden, wenn die Arbeiterklasse die Diktatur des Proletariats aufgerichtet hat.“ (Informationsmaterial des EVMB, 10.09.1933, zitiert nach: Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018) Karl Bienert gehörte in seiner Funktion als Verbindungsmann im illegalen Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) zu den Mitgliedern, die diese Aufgabe der Zersetzung vor Ort leisten sollten. Eine Aufgabe, die aufgrund der weitgehenden Zerschlagung der Organisation des EVMB im Dezember 1933 nur sehr begrenzt gelang.

Karl Anton Bienert kam am 12. November 1901 in Myslowitz (Polen) zur Welt. Sein Vater Paul war Zugabfertiger, die Mutter Emma, geborene Rasseck, vermutlich Hausfrau. Seine Eltern waren nach Angaben von Bienert vor 1933 weder politisch noch gewerkschaftlich engagiert. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte Bienert das Schlosserhandwerk, wobei seine eigenen Angaben zwischen Maschinenschlosser und Werkzeugmacher differieren. Bienert arbeitete nach Abschluss der Lehre in verschiedenen Kohlengruben, Hütten und Fabriken Oberschlesiens. Während dieser Zeit schloss er sich der USPD (1919) und dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) an. Dem DMV gehörte er bis 1928 an. Die USPD hatte er bereits 1921 verlassen, ohne sich allerdings der KPD zuzuwenden. Erst mit seinem Beitritt zum EVMB im Jahr 1930 wurde er auch KPD-Mitglied. Für den EVMB fungierte er 1931 als Sektionsleiter in der „AEG-Bahnwerkstatt“. Ab 1931 engagierte er sich als Erwerbsloser ehrenamtlich im EVMB, wurde Funktionär im Unterbezirk und im erweiterten Vorstand des Verbandes. Gegenüber dem Generalstaatsanwalt und dem Kammergericht Berlin bestritt Bienert die Mitgliedschaft in der KPD und behauptete, noch 1931/32 im DMV organisiert gewesen zu sein.

Folgt man der Darstellung von Hugo Koischwitz aus dem Jahre 1948, dann beteiligte sich Karl Bienert als EVMB-Verbindungsmann „nach der Machtergreifung Hitlers“ an der Herstellung von „illegalen Zeitschriften mit dem Abziehapparat […]. Außerdem wurde auch noch kassiert für die Partei und den [Einheits]Verband.“ (Sandvoß, Pankow, S. 110) Vor dem Kammergericht bestritt Bienert jedoch die ihm vorgeworfenen illegalen Aktivitäten und behauptete, die Anwerbungsversuche von Wilhelm Bielefeld und Maja Schulz abgelehnt und ihm übergebene Beitragsmarken und die illegale Druckschrift „Der Metallblock“ verbrannt zu haben. Das Kammergericht stellte notgedrungen fest, „den Beweis dafür, dass der Angeklagte Bienert die hochverräterischen Ziele des illegalen E.V.M.B. gefördert hat, bei dieser Sachlage nicht“ erbringen zu können. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Karl Bienert, der mit zahlreichen anderen EVMB-Funktionären Mitte Dezember 1933 festgenommen und über die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße die Konzentrationslager Columbia-Haus und Oranienburg (5. Januar bis 19. Januar 1934) sowie nach Ausstellung eines Haftbefehls vom 22. Januar 1934 ins Untersuchungsgefängnis Moabit verlegt worden war, musste nach sechseinhalb Monaten Untersuchungshaft, in der er nach Aussage von Koischwitz „schwer misshandelt“ wurde, freigesprochen werden. (zitiert nach: Sandvoß, Pankow, S. 110)

Karl Bienert war seit 1934 mit Frieda Heinsmann verheiratet. Aus der Ehe ging der gemeinsame Sohn Peter, geboren im Jahr 1941, hervor. Bienert wurde als „Wehrunwürdiger“ nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Auch der Volkssturm blieb ihm erspart. In den letzten Kriegsjahren war er bei der „Werner AG“ in Berlin beschäftigt. Aus einem Antrag zur Verleihung der „Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933 bis 1945“ vom 12. April 1958 geht hervor, dass Karl Bienert bis 1952 als Funktionär des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (FDGB) arbeitete und jahrelang die Funktion eines Betriebsgruppenleiters der SED ausgeübt hatte. Karl Bienert starb am 31. Mai 1964 in Berlin (Ost).

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 9.
  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Gestapo-Hausgefängnis“).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 166; Nr. 3/2/1, Bl. 347 ff.; Nr. 3/2, Bl. 15 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 23195 (VdN-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 215.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 1, Berlin 2002-2005, S. 162.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 109 ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Myslowitz (Polen); Sohn eines Zugabfertigers

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Schlosser; Anstellungen in verschiedenen Kohlengruben, Hütten und Fabriken in Oberschlesien

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: Bis 1928: DMV; 1930-1933: EVMB; 1931: Sektionsleiter in der AEG-Bahnwerkstatt; 1931: Funktionär im Unterbezirk und im erweiterten EVMB-Vorstand

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919: USPD; 1930-1933: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: illegale Betätigung für den EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 12. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; anschl. KZ Columbia-Haus; 5. Januar – 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefägnis Moabit bis Juni 1934

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: FDGB-Funktionär; Betriebsgruppenleiter der SED

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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