Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
15. Januar 1898 - 6. Februar 1975

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Der Werkzeugdreher Hans Brennig wurde am 15. Januar 1898 geboren. Im EVMB war Brennig vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ehrenamtlich aktiv und für die Koordination von Erwerblosenaktionen in Berlin-Wedding zuständig. Dort wurde er Organisationsleiter des Verbandes. Nach dessen Verbot betätigte sich Brennig illegal und versuchte u.a., Berichte aus den Betrieben zu sammeln. Im Zusammenhang mit diesen Aktivitäten wurde Brennig festgenommen. Er kam Anfang 1934 in das KZ Oranienburg und musste später eine Gefängnisstrafe erdulden. Hans Brennig starb am 6. Februar 1975 in Berlin (West).

Von Siegfried Mielke

Hans Brennig, geboren am 15. Januar 1898 als Sohn des Schlossers Max Brennig, wurde schon sehr früh aufgrund der ehrenamtlichen SPD-Funktionen seines Vaters politisch sozialisiert. Nach eigenen Angaben musste Hans Brennig bereits im Alter von zehn Jahren Einladungen zu SPD-Versammlungen austragen und war „bei den Wahlen im Schlepperdienst tätig“. (Lebenslauf, 25.02.1946, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15084) Nach dem Besuch der 132. Gemeindeschule in Berlin ging Brennig bis 1916 bei der Berliner „Maschinen- und Apparatefabrik“ in die Lehre als Werkzeugdreher.

Kurze Zeit nach Beendigung seiner Ausbildung wurde er im November 1916 als Soldat eingezogen. Die zwei Jahre Kriegsdienst überstand Brennig, „ohne im Feld gewesen zu sein“. (Ebd.) Nach eigener Darstellung trat er im Zuge der Spaltung der SPD zur USPD über und war gewerkschaftlich im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert. Während seiner Arbeit als Werkzeugdreher bei der Firma „Archimedes“ übte er die Funktion eines Betriebsratsvorsitzenden aus; eine Funktion, die er jedoch mit der Verlegung des Betriebes nach Breslau verlor. Mit der Gründung des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) verließ er den DMV und übernahm in der Arbeitslosensektion dieser Organisation ehrenamtliche Funktionen, arbeitete im Sekretariat des EVMB-Bezirkes Wedding mit und stieg zum Organisationsleiter des Stadtteils auf.

1930 trat er der KPD bei, für die er unter anderem am 30. Januar 1933 eine „Protestdemonstration gegen Hitler vor der AEG in der Gustav-Meier-Allee“ organisierte. (Ebd.) Im Frühsommer 1933 gewann August Bolte ihn für die Mitarbeit im illegalen EVMB, in dem er die Funktion des Bezirksleiters für Reinickendorf-Ost übernahm. Neben der Werbung neuer Mitglieder und Funktionäre, unter anderem von Paul Schmidt, der als Kurier fungierte, organisierte Brennig in seinem Bezirk die Verteilung illegaler Materialien. Namentlich erwähnt wurden unter anderen das „Informationsmaterial des EVMB“, „Der Rote Metall-Arbeiter“ und die „Gewerkschaftszeitung“ der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO). Darüber hinaus gehörte es zu seinen Aufgaben, „Berichte aus den dortigen [Weddinger – S. M.] Betrieben einzuholen.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322) Diese Aufgaben bewältigte er nach Einschätzung der Verfolgerbehörden offensichtlich erfolgreich. Als die Gestapo im Dezember 1933 die Organisation, vermutlich aufgrund von Hinweisen eines Spitzels, weitgehend zerschlug, wurde auch Brennig, der zu dieser Zeit im Virchow-Krankenhaus lag, am 16. Dezember 1933 verhaftet.

Anschließend wurde er in das Konzentrationslager Columbia-Haus eingeliefert und dort „des öfteren von der Gestapo unter Druck verhört“. (Lebenslauf, 25.02.1946, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15084) Wie andere festgenommene EVMB-Funktionäre kam er vom 6. bis 19. Januar 1934 ins Konzentrationslager Oranienburg und von dort über das Polizeipräsidium am Alexanderplatz in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit. Die Vierte Strafkammer des Kammergerichts Berlin verurteilte ihn am 19. Juni 1934 zu zwei Jahren Gefängnis, auf die sechs Monate Untersuchungshaft angerechnet wurden. Im Unterschied zu Rudolf Lentzsch, August Bolte, Walter Kautz, Wilhelm Bielefeld und Oskar Walz erhielt Hans Brennig „lediglich“ eine Gefängnisstrafe, da die Strafkammer in ihm – wie bei der Mehrzahl der übrigen Angeklagten – einen zu seiner „Straftat verführte[n] Volksgenossen“ sah. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322) Nach der Entlassung aus dem Gefängnis Tegel stand Brennig längere Zeit unter Polizeiaufsicht und hielt sich deshalb „von der politischen Arbeit zurück“. (Lebenslauf, 25.02.1946, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15084)

Nach Kriegsende arbeitete er in einem Großhandelsunternehmen. Schwierigkeiten gab es bei seiner Anerkennung als Opfer des Faschismus, weil er im Fragebogen für den Hauptausschuss „Opfer des Faschismus“ des Berliner Magistrats zwar seine Mitgliedschaft und die seiner Frau Erna in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) von 1937 bis 1945 angegeben hatte, jedoch die Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps (NSKK) verschwiegen hatte. Der weitere Lebensweg von Hans Brennig konnte nicht ermittelt werden. Er starb am 6. Februar 1975 in Berlin-Wedding.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 14.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 270; Nr. 3/2, Bl. 29; Nr. 3/4, Bl. 54 ff. (Unterlagen zur Haftzeit im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 15084 (OdF-Akte).
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 1, Berlin 2002-2005, S. 233.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 133.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 19.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn des Schlossers Max Brennig

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Werkzeugdreher

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: EVMB-Erwerbslosensektionsleiter; zeitweise EVMB-Organisationsleiter in Berlin-Wedding

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; ab 1930: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: keine

Widerstandsaktivitäten: Bezirksleiters für Reinickendorf-Ost des illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 16. Dezember 1933 - 6. Januar 1934: KZ Columbiahaus; 6. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 19. Juni 1934; Juni 1934 - Ende 1935: Strafgefängnis Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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