Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
17. Januar 1886 - 15. Dezember 1955

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Wilhelm Faber Quelle: GDW Berlin

Wilhelm Faber Quelle: GDW Berlin

Der Fräser Wilhelm Faber wurde am 17. Januar 1886 in Berlin geboren. Zunächst war er in der SPD aktiv. Während des Ersten Weltkrieges betätigte sich Faber in der USPD. Er wurde 1918/19 Mitglied der KPD. Jahrelang wirkte er als Gewerkschaftsfunktionär im Berliner DMV. 1930 gehörte Faber zu den Gründungsmitgliedern des EVMB, für den er sich auch in der Illegalität in leitender Position engagierte. Nach seiner Festnahme war Faber Anfang 1934 im KZ Oranienburg inhaftiert. Am 15. Dezember 1955 starb er in Berlin (West).

Von Siegfried Mielke

Im Dezember 1933 gelang es den nationalsozialistischen Verfolgerbehörden, die illegale Organisation des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) erheblich zu schwächen und die wichtigsten Funktionäre zu verhaften. Das Urteil des Kammergerichtes Berlin lässt jedoch erkennen, dass die Strukturen und die Bedeutung der einzelnen EVMB-Funktionäre nur zum Teil zutreffend aufgeklärt werden konnten. Das zeigt unter anderem auch die Beurteilung der Rolle des führenden EVMB-Funktionärs Wilhelm Faber, den das Kammergericht wegen „Förderung der hochverräterischen Ziele des illegalen EVMB“ verurteilte, in ihm jedoch eher einen „verführten Volksgenossen“ sah. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Wilhelm Faber kam am 17. Januar 1886 in Berlin zur Welt. Sein Vater Albert (geboren am 4. Februar 1852) war Schlosser, der Beruf der Mutter Wilhelmine, geborene Köhler, ist nicht bekannt. Beide Elternteile waren weder politisch noch gewerkschaftlich organisiert. Nach dem Besuch der Volksschule vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr begann Wilhelm Faber „ohne bindenden Vertrag bis zum 20. Lebensjahr“ eine Ausbildung als Fräser und arbeitete bis 1942 in diesem Beruf in verschiedenen Berliner Unternehmen. Während seiner Ausbildungszeit trat er 1903 dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei, aus dem er nach eigenen Angaben 1930 wegen oppositionellen Verhaltens ausgeschlossen wurde. Während seiner DMV-Mitgliedschaft übernahm er zahlreiche ehrenamtliche Funktionen. Nach eigenen Angaben war er von 1912 bis 1914 Vertrauensmann im Berliner Betrieb „Max Hasse“ und 1918/19 in einer Munitionsfabrik in Spandau, von 1920 bis 1923 Betriebsratsvorsitzender der Firma „Küstermann“ und von 1925 bis 1933 Betriebsratsvorsitzender der Firma „Klüssendorf“. Parteipolitisch organisierte er sich zunächst (ab 1907) in der SPD. Während des Ersten Weltkrieges trat Faber dem „Spartakusbund“ am linken Flügel der USPD bei. Er beteiligte sich an Kämpfen der Novemberrevolution 1918 und wurde Arbeiterrat. Beim Gründungsparteitag der KPD zur Jahreswende 1918/19 wurde er Mitglied dieser Partei, für die er in den Jahren 1928 bis 1933 ein Mandat als Bezirksverordneter in Wedding erwarb.

Sofort nach Gründung des EVMB trat er dieser Organisation bei und engagierte sich auf Bezirksebene. Ab Sommer 1933 war er am Aufbau des illegalen EVMB beteiligt. Im Dezember 1933 gelang es den nationalsozialistischen Verfolgerbehörden, die illegale Organisation zunächst weitgehend zu zerschlagen; die bisher wichtigsten Funktionäre wurden festgenommen. Wilhelm Faber kam mit zahlreichen anderen EVMB-Funktionären über die Stationen Konzentrationslager Columbia-Haus (14. Dezember 1933 bis 5. Januar 1934), Konzentrationslager Oranienburg (5. bis 19. Januar 1934) in das Untersuchungsgefängnis Moabit, wo er bis zu seiner Verurteilung durch das Kammergericht Berlin am 26. Juni 1934 inhaftiert war. Aufgrund seiner geschickten Verteidigung und weil die übrigen verhafteten EVMB-Funktionäre seine politische Bedeutung nicht preisgaben, konnte Faber lediglich nachgewiesen werden, einige erfolglose Kontakte zu Arbeitern der „AEG-Betriebe“ in der Brunnen- und in der Ackerstraße unternommen zu haben. Verurteilt wurde er ferner wegen Annahme und Verteilung von Informationsmaterial des EVMB; Aktivitäten, die er bestritt. Er behauptete stattdessen, „mangels Absatzmöglichkeit“ das illegale Material „verbrannt [zu] haben“. (Ebd.) Die Generalstaatsanwaltschaft und das Kammergericht stuften deshalb den EVMB-Bezirksleiter Wilhelm Faber, der nach eigenen Angaben auch Mitglied der zentralen illegalen Leitung des EVMB gewesen war, lediglich als Verbindungsmann ein. Da den nationalsozialistischen Verfolgerbehörden auch die politischen Aktivitäten Wilhelm Fabers als Bezirksverordneter von Wedding verborgen blieben, sahen sie in ihm lediglich einen „zur Straftat verführten Volksgenossen“. (Ebd.) Wilhelm Faber erhielt im Vergleich zu den Hauptangeklagten, die zu Zuchthausstrafen verurteilt wurden, „lediglich“ eine Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren, auf die sechs Monate und zehn Tage der Untersuchungshaft angerechnet wurden.

Im Zuge der „Aktion Gitter“ wurde Wilhelm Faber im August 1944 erneut verhaftet und kam mit zahlreichen anderen ehemaligen KPD- und SPD-Funktionären und Mandatsträgern in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Als Aufgabe im Arbeitskommando, dem er zugeteilt wurde, nannte er in einem Fragebogen nach 1945 „Einrichter in der K. F. A“. (LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 2301) Im Unterschied zu einigen politischen Häftlingen, die während der „Aktion Gitter“ inhaftiert und nach wenigen Wochen wieder entlassen worden waren, blieb Wilhelm Faber bis zum Ende des NS-Regimes inhaftiert und musste im April 1945 auf den berüchtigten Todesmarsch in Richtung Mecklenburg gehen. Nach 1945 war Wilhelm Faber zunächst im Bezirksamt Wedding beschäftigt. Informationen über den weiteren Lebensweg von Wilhelm Faber konnten nicht ermittelt werden. Wilhelm Faber starb am 15. Dezember 1955 in Berlin-Reinickendorf.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 23.
  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 2/1, Bl. 455; Nr. 3/7, Bl. 9 ff.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/5/1, Bl. 444; Nr. 4/8/2, Bl. 443, 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • BLHA, Rep. 35 H KZ Sachsenhausen, Nr. 10/1, Bl. 9 ff.; Nr. 10/2, Bl. 74; Nr. 13, Bl. 231 f. (Unterlagen zur Haft im KZ Sachsenhausen).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 2301 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 218.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 109 ff.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 132 f.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin; Sohn eines Schlossers

Ausbildung/Berufstätigkeit: Ausbildung als Fräser; Anstellungen zum Fräser; tätig als Fräser; nach 1945: beschäftigt im Bezirksamt Berlin-Wedding

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1903: DMV; 1912-1914: Vertrauensmann im Betrieb Max Hasse in Berlin; 1918/19: Vertrauensmann in einer Munitionsfabrik in Spandau; 1920-1923: Betriebsratsvorsitzender der Firma Küstermann; 1925-1933: Betriebsratsvorsitzender der Firma H. H. Klüssendorf

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1907: SPD; 1917: USPD; ab 1918/19: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: 1928 bis 1933: Mandat als Bezirksverordneter in Berlin-Wedding

Widerstandsaktivitäten: Beteiligung am Aufbau des illegalen EVMB; Mitglied der illegalen EVMB-Leitung

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 14. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. bis 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. bis 26. Juni 1934: Untersuchungsgefängnis Moabit; August 1944 - Kriegsende: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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