Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
18. März 1900 - 28. September 1971

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Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Der Maschinenschlosser Walter Kautz wurde am 18. März 1900 geboren. 1924 trat er in die KPD ein und ab 1928/29 betätigte er sich für die RGO. 1931/32 fungierte er als ehrenamtlicher Bezirksleiter des EVMB in Berlin-Spandau. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Walter Kautz neben Rudolf Lentzsch, August Bolte und Wilhelm Bielefeld eine sehr wichtige Triebkraft der illegalen Neuorganisierung des EVMB. Nach dem Kriegsende arbeitete er zeitweise für den FDGB. Walter Kautz starb am 28. September 1971.

Von Siegfried Mielke

Walter Rudolf Wilhelm Kautz wurde am 18. März 1900 als ältester Sohn des Arbeiters Wilhelm Kautz in Spandau geboren. Nach Absolvierung der Volksschule (1906 bis 1914) ging er von 1914 bis 1918 in einer Maschinenfabrik und Schiffswerft in Spandau in die Lehre als Maschinenschlosser. Nach Abschluss der Lehre trat er 1918 in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) ein und war ein Jahr lang Mitglied der USPD. Obwohl seine Eltern weder gewerkschaftlich noch politisch aktiv waren, engagierten sich drei seiner vier Geschwister in der KPD beziehungsweise in KPD-nahen Organisationen. Walter Kautz selbst trat der KPD und der „Roten Hilfe“ erst 1924 bei und übernahm in den folgenden Jahren verschiedene Funktionen, unter anderen als Betriebs- und Straßenzellenleiter und Mitglied der Bezirksleitung in Spandau.

Nach 1918 arbeitete er beruflich in verschiedenen Betrieben von Spandau und Siemensstadt. Bei der Firma „Orenstein & Koppel“ wählten ihn die Arbeitnehmer von 1929 bis 1932 zum Vorsitzenden des Betriebsrates. In dieser Zeit muss er den DMV verlassen haben oder ausgeschlossen worden sein, denn mit der Gründung des Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) schloss sich Kautz dieser Organisation an und übernahm die Funktion eines ehrenamtlichen Bezirksleiters für Spandau. Er lebte damals in dem westlichen Stadtteil Berlins in der Wilhelmshavener Straße 24.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung trat er „aus der Überzeugung heraus, dass die Arbeiter auch unter der nationalsozialistischen Führung von den Unternehmern systematisch ausgebeutet würden, mit Rudolf Lentzsch, [August] Bolte und [Oskar] Walz in Verbindung“. Gemeinsam beschlossen die Genannten, die alten EVMB-Mitglieder „wieder zu sammeln und Situationsberichte aus den Betrieben einzuholen“. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322)

In der illegalen EVMB-Organisation, eher ein Netzwerk ehemaliger EVMB-Mitglieder und -Funktionäre, nahm Walter Kautz als einer von vier Instrukteuren eine führende Stellung ein. Bei den Vorermittlungen war die Gestapo sogar der Meinung, Kautz sei der geistige Urheber der illegalen Neuorganisierung. Die Instrukteure, die jeweils für mehrere der insgesamt 18 Berliner EVMB-Bezirke zuständig waren, bildeten zusammen mit Rudolf Lentzsch die Leitung der illegalen kommunistischen Metallarbeiterorganisation. Kautz arbeitete eng mit Lentzsch zusammen und war für die Bezirke Berlin-Mitte, Berlin-Südwest, Moabit und Charlottenburg, Siemensstadt-Spandau zuständig. Im Prozess gab er zu, Koordinationsaufgaben zwischen den Bezirken durchgeführt und eine Reihe ehemaliger EVMB-Mitglieder für die Mitarbeit geworben zu haben, darunter die EVMB-Bezirksleiter Willi Boremski (Berlin-Mitte), Ludwig Marmulla (Siemensstadt-Spandau) und Johann Hinz, der für Kurierdienste und die Verbreitung illegalen Materials eingesetzt wurde.

Mit den übrigen führenden EVMB-Mitgliedern wurde Kautz am 15. Dezember 1933 verhaftet, kam zunächst in das Konzentrationslager Columbia-Haus und von dort mit dem Gros der inhaftierten EVMB-Funktionäre vom 5./6. bis 19. Januar 1934 in das Konzentrationslager Oranienburg. Weshalb diese Verlegung vom Columbia-Haus nach Oranienburg erfolgte, konnte nicht ermittelt werden. Mit Haftbefehl vom 22. Januar 1934 kam Kautz in das Untersuchungsgefängnis Moabit. Das Kammergericht Berlin verurteilte ihn am 19. Juni 1934 zusammen mit weiteren 13 EVMB-Mitgliedern „wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, wobei sechs Monate der Untersuchungshaft angerechnet wurden. Aus dem vorliegenden Informationsmaterial des EVMB schloss das Gericht, dass diese Organisation „ebenso wie die KPD das hochverräterische Ziel verfolgte, eine akute Revolutionssituation vorzubereiten, bei sich bietender Gelegenheit die Regierung zu stürzen und an ihre Stelle eine Arbeiter- und Bauernregierung nach russischem Muster zu setzen“. (Ebd.)

Die Zuchthausstrafe verbüßte Kautz in Brandenburg-Görden. Anschließend arbeitete er in verschiedenen Betrieben Spandaus und in anderen Stadtteilen Berlins. Er betätigte sich illegal, wie – so seine Darstellung – „man es von einem Funktionär der KPD verlangt“. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 1734) Wegen „Wehrunwürdigkeit“ wurde Walter Kautz weder zur Wehrmacht noch zum Volkssturm eingezogen.

Bereits im Frühsommer 1945 beteiligte er sich am Aufbau des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Spandau und Siemensstadt und wurde zum Bezirkssekretär gewählt. 1946 war Walter Kautz Mitarbeiter der Organisationsabteilung des FDGB-Bundesvorstandes und beschäftigte sich unter anderem mit Fragen der Organisation der Industriegewerkschaftswahlen 1946 in den einzelnen Provinzen und Ländern der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Da eine im SAPMO-Bestand des Bundesarchivs verzeichnete Personalakte verschollen ist, ließen sich keine weiteren Informationen über den Lebensweg von Walter Kautz ermitteln. Zuletzt gemeldet war er in der Friedrichstraße 3 in Berlin-Spandau. Am 28. September 1971 verstarb er dort.

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Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 83.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • SAPMO-BArch, DY 34, K 8 (verschollene Personalakte).
  • SAPMO-BArch, DY 34 20308 (FDGB-Bundesvorstand).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 1734 (OdF-Akte).
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 4, Berlin 2002-2005, S. 44.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1992, S. 109.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Spandau, Berlin 1988, S. 54.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 167.
  • Wörmann, Heinrich-Wilhelm, Widerstand in Köpenick und Treptow, Berlin 1995, S. 127.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin-Spandau; Sohn des Arbeiters Wilhelm Kautz

Ausbildung/Berufstätigkeit: 1914 bis 1918: Lehre als Maschinenschlosser

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: DMV; 1929-1932: Vorsitzender des Betriebsrates bei "Orenstein und Koppel"; Bezirksleiters des EVMB für Spandau

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: USPD; 1924: KPD, div. Funktionen

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: Betätigung für den illegalen EVMB als wichtiger Instrukteur

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 15. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 15. Dezember 1933 - 5./6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 6. bis 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; Januar 1934 - Juni 1934: Untersuchungsgefängnis Moabit; anschl. Zuchthausstrafe in Brandenburg-Görden

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1945: FDGB-Bezirkssekretär in Berlin-Spandau und Siemensstadt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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