Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
12. September 1902 - 22. Mai 1967

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Wilhelm Lentzsch Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6251

Wilhelm Lentzsch Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6251

Der Former Wilhelm Lentzsch wurde am 12. September 1902 geboren. Jahrelang war er in den Betrieben als Gewerkschafter aktiv. 1930 gehörte Lentzsch zu den Gründungsmitgliedern des EVMB, für den er sowohl in der Legalität als auch in der Illegalität Funktionen übernahm. Nach KZ- und Gefängnis-Haft betätigte sich Lentzsch ab 1935 offenbar nicht mehr im Widerstand. Später war er als Funktionär des FDGB in Berlin (Ost) aktiv. Hier starb Lentzsch am 22. Mai 1967.

Von Manja Kasten

Wilhelm Lentzsch kam als Sohn des Modellschlossers Rudolf Lentzsch und seiner Ehefrau Anna Lentzsch, geborene Neumann, am 12. September 1902 in Torgelow/Pommern zur Welt. Die Eltern hatten nach Angaben von Wilhelm Lentzsch noch drei weitere Söhne: Rudolf Lentzsch, die Leitfigur des illegalen Einheitsverbandes der Metallarbeiter Berlins (EVMB) sowie Benno und Bruno Lentzsch.

Nach dem Besuch der Volksschule begann der knapp Vierzehnjährige – ebenso wie sein zwei Jahre älterer Bruder Rudolf vor ihm – eine dreijährige Ausbildung zum Former. In diesem Beruf arbeitete er nach der Lehre über fünf Jahre in seinem Geburtsort Torgelow. Während dieser Zeit begann Lentzsch, sich politisch zu organisieren und trat 1919 dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) sowie der Sozialistischen Proletarier-Jugend (SPJ) – eine der USPD nahe stehende Jugendvereinigung – bei. Als im Oktober 1920 nach dem Parteitag der USPD in Halle deren linker Flügel zur KPD überwechselte, schloss sich auch Lentzsch dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) an und trat 1922 in die KPD ein. In seiner Familie waren außer ihm seine Brüder und der Vater Mitglieder der KPD. Die politische Betätigung von Lentzsch brachte ihm beruflich einige Schwierigkeiten ein: „Auf Grund mehrmaliger Maßreglungen siedelte ich 1924 nach Berlin über.“, berichtete er später. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6251)

In Berlin wohnte Lentzsch in der Wisbyer Straße 72 im Bezirk Prenzlauer Berg und fand als Former eine Stelle in der Eisengießerei Ludwig Loewe & Co. in Moabit. Dort engagierte er sich als DMV-Mitglied aktiv in der betrieblichen Interessenvertretung der Arbeiter und wurde 1925 Vertrauensmann. Zwei Jahre lang übte Lentzsch diese Funktion aus, bis ihn 1927 die Belegschaft der Firma „Loewe“ zum Gewerkschaftsobmann wählte.

Im Jahr 1928 häuften sich die politischen Aktivitäten von Lentzsch: Er hatte neben dem Amt des „Gewerkschaftsobmanns“ auch einen Sitz im Betriebsrat bei „Loewe“, war dort gleichzeitig politischer Leiter der KPD-Betriebszelle, Mitglied der KPD-Unterbezirksleitung und Bezirksverordneter für die KPD im Bezirk Prenzlauer Berg. Im selben Jahr vollzog die KPD einen Kurswechsel und agitierte mit ihrer „Sozialfaschismus“-These verschärft gegen die SPD und fuhr auch innerhalb der freien Gewerkschaften einen Konfrontationskurs. Es ist anzunehmen, dass auch Lentzsch 1928/29 diese Politik vertrat und so in Konflikt mit dem DMV geriet. Die Konsequenz zog der DMV 1929: Lentzsch wurde „wegen revolutionärer Tätigkeit“, wie er berichtet, ausgeschlossen. (Ebd.) Gewerkschaftsobmann und Mitglied des Betriebsrats blieb Lentzsch jedoch bis zu seiner Entlassung im Jahr 1930. Im Zuge der Abspaltung der RGO von den Gewerkschaften und dem offenen Konfrontationskurs gründeten sich die „roten Verbände“ innerhalb der RGO. Lentzsch und sein Bruder Rudolf Lentzsch – der eine leitende Funktion innerhalb der RGO-Metall in Berlin innehatte – gehörten zu den ersten Mitgliedern des EVMB. Die Beendigung des Berliner Metallarbeiterstreiks durch den DMV – währenddessen die Betriebsleitung von „Loewe“ Lentzsch maßregelte – war Anlass zur Gründung des EVMB.

Im nach dem Betriebsprinzip aufgebauten „roten Verband“ übernahm Wilhelm Lentzsch die Leitung des EVMB-Bezirks Moabit/Charlottenburg, wohl weil er bisher als Leiter der KPD-Betriebszelle bei der Firma „Loewe“ in Moabit tätig war. Lentzsch’ Engagement im kommunistischen Einheitsverband fiel zeitlich mit seiner Arbeitslosigkeit zusammen. Nach eigenen Angaben arbeitete er als Instrukteur des EMVB. Seine Zuständigkeitsbereiche waren im Jahr 1931 die Siemens AG und im Jahr darauf die „Unterbezirk[e] Frankfurt/Oder und Schneidemühl.“ (Ebd.) Im Widerspruch hierzu geben Gerichtsakten an, Lentzsch wäre seit 1932 den AEG-Werken in Berlin als Instrukteur zugeteilt gewesen.

Über sein Mandat als Bezirksverordneter der KPD im Bezirk Prenzlauer Berg ist nur bekannt, dass er dieses bis 1932 innehatte. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 blieb der EMVB wie viele kommunistische Nebenorganisationen illegal politisch tätig. Vor allem durch zahlreich erstelltes Informationsmaterial, welches die Mitglieder des illegalen EMVB über die alten Strukturen in Betrieben und Stempelstellen verteilten, sollten die Arbeiter von der Notwendigkeit des aktiven Widerstandes gegen die Nationalsozialisten überzeugt werden. Aber bereits im Dezember 1933 deckten die staatlichen Verfolgungsbehörden die illegalen Strukturen des Verbandes, „vermutlich durch einen Spitzel in den Reihen der Reichsleitung“, auf. (Sandvoß, Widerstand, S. 133) Es kam zu zahlreichen Verhaftungen. Wilhelm Lentzsch wurde am 14. Dezember 1933 in seiner Wohnung verhaftet und nach Verhören im „Hausgefängnis der Gestapo“ in das Konzentrationslager Columbia-Haus eingeliefert. (Sistierbuch KZ Columbia-Haus, BArch, R 58/742)

Vom 5. bis zum 19. Januar 1934 verzeichnen die Unterlagen des Konzentrationslagers Oranienburg Wilhelm Lentzsch als Gefangenen. Nach Angaben aus den Gerichtsakten saß Lentzsch anschließend bis zu seinem Prozess im Juni 1934 im Untersuchungsgefängnis Moabit. Der Vierte Strafsenat des Kammergerichts Berlin verurteilte ihn am 19. Juni 1934 wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis, sein Bruder Rudolf Lentzsch war Hauptangeklagter dieses Prozesses. Als „hochverräterisches Unternehmen“ werteten die Richter die Weitergabe von „Stimmungsberichten“ aus dem AEG-Betrieb durch Wilhelm Lentzsch an seinen Bruder. Zum Vorwurf wurde ihm auch gemacht, dass der EMVB ihn mit Informationsmaterial beliefert hatte. Der Aussage von Lentzsch, er hätte diese Papiere anonym durch die Wohnungstür gesteckt bekommen, gelesen und dann verbrannt, schenkte das Kammergericht keinen Glauben. Seine Haftstrafe verbüßte Wilhelm Lentzsch – ein halbes Jahr Untersuchungshaft rechnete das Gericht ihm an – bis Juni 1935 im Gefängnis Berlin-Tegel. Dort arbeitete er im Bücherdienst.

Nach seiner Entlassung arbeitete Lentzsch nach eigenen Angaben acht Jahre lang in der Eisengießerei „Carl Schoening“ in Berlin-Wilhelmsruh. Ob er in dieser Zeit noch illegal politisch tätig war oder alte Verbindungen wieder aufnahm, ist nicht bekannt. Da Lentzsch aber 1947 in seinem Lebenslauf hierzu keine Angaben machte, ist anzunehmen, dass er sich in dieser Zeit nicht mehr besonders aktiv im Widerstand engagierte.

Die Wehrmacht, die Lentzsch noch 1940 für „wehrunwürdig“ erklärt hatte, berief ihn im Februar 1943 – nun wehrwürdig genug – als Infanteriesoldat zum Einsatz an die bereits zurückweichende Ostfront. Eineinhalb Jahre später geriet er im August 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und engagierte sich dort antifaschistisch. Er erhielt als Brigadier im „[Kriegsgefangenen-]Lager 27/11“ eine Bestarbeiter-Prämierung und übte ab 1946 die Funktion des „Aktivleiters“ aus. Wohl noch in Kriegsgefangenschaft nahm Lentzsch im Februar an einem viermonatigem Lehrgang der „Antifa-Schule“ teil, beteiligte sich an „politischen Schulungen der Urlauber“ und arbeitete mit an einem Buch über deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion sowie in der Redaktion der Zeitung des Kriegsgefangenenlagers. Zudem gab Lentzsch an, dort die Tätigkeit eines „Politischen Beraters des Zonenaktivs“ und die Tätigkeit des „Zirkelleiters“ ausgeübt zu haben. Erst im Dezember 1948 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Ab 1948 arbeitete Lentzsch bei der IG Metall des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Berlin als Bezirksleiter. Wilhelm Lentzsch verstarb am 22. Mai 1967 in Berlin (Ost).

Quellen:

  • AS, Liste KZ Oranienburg, S. 62.
  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch Gestapo-Hausgefängnis).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/20, Bl. 113 ff.; Nr. 3/20/1, Bl. 365 ff.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • BStU, MfS, 5341/64 (Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6251 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 225.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 5, Berlin 2002-2005, S. 65.
  • Kolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, München 2000.
  • Müller, Werner: Lohnkampf, Massenstreik, Sowjetmacht. Ziele und Grenzen der „Revolutionären Gewerkschafts-Opposition“ (RGO) in Deutschland 1928 bis 1933, Köln 1988, S. 150 ff.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 132 ff.

Soziale/Regionale Herkunft: Torgelow/Pommern

Ausbildung/Berufstätigkeit: Volksschule; 1916-1919: Lehre als Former; danach auch tätig als Former

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1919-1929: DMV-Mitglied; 1929/30: Mitglied im RGO-Formerverband; 1930-1933: EVMB-Mitglied; 1925-1927: DMV-Vertrauensmann; 1927-1930: DMV-Obmann; ab 1930: EVMB-Bezirksleiter für Berlin-Moabit und Charlottenburg; div. Instrukteursaufgaben bei der Siemens AG für den EVMB

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1919/20: SPJ; 1920-1922: KJV; 1922-1933: KPD; 1928-1930: Zellenleiter; 1932: Parteiinstrukteur in Frankfurt/Oder u.a.

Politische Mandate/Aktivitäten: 1928-1932: KPD-Bezirksverordneter in Berlin Prenzlauer Berg

Widerstandsaktivitäten: illegale Betätigung für den EVMB; Weitergabe von "Stimmungsberichten" aus den Betrieben u.a.

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 14. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 14. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. bis Juni 1934: Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit; Juni 1934 - Juni 1935: Gefängnis Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED- und FDGB-Funktionär

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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