Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
6. März 1903 - 9. März 1978

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Kurt Nettball Quelle: GDW

Kurt Nettball Quelle: GDW

Kurt Nettball wurde am 6. März 1903 geboren. Zeitweise war er in der KAPD aktiv. Erst 1924 trat er zur KPD über. Netball war ab ca. 1930/31 Mitglied des EVMB. Für die RGO war er “Politischer Leiter” in Berlin-Kreuzberg. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Netball in der illegalen Berliner KPD-Organisation aktiv. Anfang 1934 nahm ihn die Gestapo fest, woraufhin eine Haftzeit im KZ Oranienburg folgte. Nach weiteren Aufenthalten in Gefängnissen und im KZ Sachsenhausen wurde Nettball in ein Strafbataillon eingezogen. Nach 1945 bekleidete er verschiedene Funktionen in SED, FDGB und anderen gesellschaftspolitischen Organisationen. Am 9. März 1978 verstarb Nettball in Berlin (Ost).

Von Achim Arndt

Im Jahr 1971 wurde einem SED-Parteiveteranen eine Ehre zuteil, die selbst in der auszeichnungsfreudigen DDR ungewöhnlich war: eine Ehrenurkunde der Nationalen Befreiungsfront Griechenlands, „in Anerkennung seines internationalistischen Beitrages zum antifaschistischen nationalen Befreiungskampf des griechischen Volkes 1941-1945 in den Reihen der EAM-ELAS“. (Lebenslauf, LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 2199) Wie kam der Berliner Kommunist und Gewerkschafter Nettball zu dieser Ehrung?

Kurt Erwin Hermann Nettball wurde am 6. März 1903 in Berlin-Neukölln geboren. Er wuchs im Stadtteil Prenzlauer Berg auf, wo er zur Schule ging und politisch sozialisiert wurde. Nach der Volksschule erlernte Nettball den Beruf des Elektromonteurs. 1918 trat er einer Gewerkschaft bei, vermutlich dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV). Außerdem wurde er Mitglied der von Karl Liebknecht gegründeten Freien Sozialistischen Jugend (FSJ). Dementsprechend sollte es für ihn kein weiter Weg zur KPD sein, der er jedoch erst 1924 beitrat. Zuvor war er ab 1921 in der linksradikalen und von der KPD abgespaltenen KAPD organisiert gewesen und hatte sicher so manchen Disput mit seinen späteren Parteigenossen ausgefochten. Wie für viele junge Kommunisten typisch, engagierte er sich in KPD-nahen Vereinigungen wie dem „Verband proletarischer Freidenker“ und der „Roten Hilfe“. Auch sein gewerkschaftliches Engagement blieb von seiner Hinwendung zum Marxismus-Leninismus nicht unberührt: Zu einem unbekannten Zeitpunkt trat er zum Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) über – einer Organisation der kommunistischen Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO). Nettball wurde für die RGO zum „Politischen Leiter“ des Bezirks Kreuzberg ernannt und war zeitweise Vorsitzender eines Betriebsrates und Mitglied des RGO-Betriebsräteausschusses von Groß-Berlin. Für den Verband trat er hingegen offenbar nicht besonders in Erscheinung.

Unmittelbar nach Beginn der nationalsozialistischen Diktatur geriet die KPD unter Verfolgungsdruck. Ende März 1933 wurde Nettball beauftragt, in die illegale KPD-Unterbezirksleitung Prenzlauer Berg einzutreten. Der Gestapo war es durch Verhaftungen gelungen, den Kontakt zwischen der Bezirksleitung Berlin-Brandenburg und den Wohn- und Betriebszellen zu kappen. Nettball baute mit Hilfe persönlicher Bekanntschaften einen Teil der alten Parteiorganisation im Unterbezirk wieder auf. Dafür avancierte er unter dem Decknamen „Erwin“ zum „Politischen Leiter“ des Unterbezirks. Als solcher arbeitete er mit dem Abgesandten der KPD-Führung, Hans Jendretzky, zusammen. Eine ausführliche Schilderung der illegalen Arbeit im Prenzlauer Berg gibt Kurt Nettball in seinen „Erinnerungen über die Parteiarbeit der KPD-Unterbezirksleitung Berlin-Prenzlauer Berg im Jahre 1933“. Durch die Verhaftung eines Funktionärs kam die Gestapo der Unterbezirksleitung auf die Spur. Am 3. Oktober 1933 wurde Nettball in seiner Wohnung verhaftet und in Untersuchungshaft genommen: Zuerst im Berliner Polizeigefängnis, dann vom 9. Januar bis 15. Februar 1934 im Konzentrationslager Oranienburg und schließlich im Untersuchungsgefängnis Moabit. Nach über einem Jahr begann am 25. Oktober 1934 der Prozess vor dem Vierten Strafsenat des Kammergerichtes Berlin. Über das erzwungene Geständnis äußerte er vor Gericht: „Die Vernehmungsmethoden bei der Gestapo waren so eigenartig, dass mir nichts übrig blieb, als zu unterschreiben.“ (Nettball, Erinnerungen, S. 51) Dies hinderte den Richter allerdings nicht, ihn zwei Tage später wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu drei Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Damit hatte er die höchste Strafe aller 21 Angeklagten bekommen. Die folgenden Jahre bis zum 17. Januar 1937 verbrachte Nettball im Zuchthaus Luckau, unterbrochen von etwa zwei Monaten Haft im Zuchthaus Plötzensee.

Nach Ablauf der Strafe nahm die Gestapo Nettball erneut in „Schutzhaft“. Vom 24. Februar 1937 bis zum 18. November 1938 war er im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Dort arbeitete er im „Elektrikerkommando“. Aus dem Konzentrationslager entlassen, unterstand Nettball zunächst der Polizeiaufsicht. Dennoch betätigte er sich ab Ende 1939 erneut für die illegale KPD. Am 4. Februar 1943 wurde Nettball – trotz der 1940 verhängten „Wehrunwürdigkeit“ – zum Kriegsdienst einberufen. In der „41. Infanteriedivision“ des „Strafbataillons 999“ fungierte er als Fernmelder. Nach der Grundausbildung wurde die Division im Juni 1943 nach Griechenland verlegt. Eine Gruppe von Gegnern des Nationalsozialismus, zu denen auch Nettball gehörte, knüpfte bald Kontakte zu griechischen Partisanen. Sie gaben Informationen über geplante Terroraktionen des Wehrmachtsbataillons weiter und unterstützten so den Kampf gegen die deutschen und italienischen Besatzer Griechenlands. Mehrere Mitglieder von Nettballs Gruppe fielen dabei der Wehrmachtsjustiz zum Opfer.

Am 10. Juni 1946 kehrte Nettball aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft, in die er im April 1945 geraten war, nach Berlin zurück. Hier betätigte er sich erneut für seine Partei, die nunmehr SED hieß. 1948 war er in deren Zentralsekretariat angestellt. In den folgenden Jahren wurde er als Mitarbeiter des Bezirksvorstandes des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) Abteilungsleiter im Büro des Präsidenten des „Verbandes deutscher Konsumgenossenschaften“. Danach war er ab 1951 zunächst beim FDGB und ab 1962 als Redakteur im „Institut für Internationale Politik und Wirtschaft“ in Berlin tätig. Daneben setzte sich Nettball immer wieder mit der Geschichte der sogenannten 999er auseinander. So war er 1948 Leiter einer gleichnamigen Kommission der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Im Jahr 1974 wurden er und zwei andere Angehörige der Strafdivisionen von der Zentralleitung des „Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR“ beauftragt, ein Buch über den Widerstand in diesen Bataillonen zu erstellen. Das Buch erschien posthum im Jahr 1982. Darüber hinaus referierte Nettball öfter im Auftrag der SED sowie der Jugendorganisation Gesellschaft für Sport und Technik (GST) über seine Erlebnisse sowie über Lehren, die Jugendliche daraus ziehen sollten.

1958 bekam Netball die Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945“ und etwas später eine „Ehrenpension für Kämpfer“. Außerdem berief man Nettball in die Leitung des „Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR“. Kurz nach seinem 75. Geburtstag verstarb Kurt Nettball am 9. März 1978. Die Beisetzung fand auf dem DDR-Ehrenfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde statt.

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Quellen:

  • AS, D 30 A, BD. 10/2B (VVN-Delegierten-Fragebogen zum Befreiungstag 1948).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 2199 (VdN-Akte).
  • Burkhardt, Hans/Erxleben, Günter/Nettball, Kurt, Die mit dem blauen Schein. Über den antifaschistischen Widerstandskampf in den 999er Formationen der faschistischen deutschen Wehrmacht (1942-1945), Berlin (Ost) 1982.
  • Erinnerungen des Genossen Kurt Nettball über die Parteiarbeit der KPD-Unterbezirksleitung Berlin-Prenzlauer Berg im Jahre 1933, hrsg. von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der SED-Kreisleitung Berlin-Prenzlauer Berg, o.O., o.J.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 5, Berlin 2002-2005, S. 271.
  • Nettball, Kurt, Illegale Arbeit bei den 999ern, in: Unter der roten Fahne. Erinnerungen alter Genossen, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin (Ost) 1958, S. 300-317.
  • Nettball, Kurt, Antifaschistische Bewährungsprobe in der Strafdivision 999, in: Im Kampf bewährt. Erinnerungen deutscher Genossen an den antifaschistischen Widerstand 1933-1945, Berlin (Ost) 1969, S. 631-674.
  • Nettball, Kurt, Im IV. Strafbataillon, in: Strafdivision 999. Erlebnisse und Berichte aus dem antifaschistischen Widerstandskampf, 2. Aufl. Berlin (Ost) 1966, S. 87-95.
  • KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen: Brief vom 29.12.1999 an den Verfasser.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Elektromonteur

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1918: DMV-Mitglied; EVMB; Politischer Leiter eines Unterbezirks des EVMB; Mitglied des Betriebsräteausschusses der RGO Groß-Berlins

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1921: KAPD; 1924-1933: KPD; div. Funktionen

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: illegale KPD in Berlin; später: kommunistischer Widerstand

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 9. Januar - 15. Februar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Untersuchungsgefägnis Berlin-Moabit; bis zum 17. Januar 1937: Zuchthaus Luckau; 24. Februar 1937 - 18. November 1938: KZ Sachsenhausen

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: 1948: Angestellter im Zentralsekretariat der SED; Abteilungsleiter im Büro des Präsidenten des „Verbandes deutscher Konsumgenossenschaften“; div. Funktionen

Erinnerungskultur/Ehrungen: Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945“, Beisetzung auf dem DDR-Ehrenfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde

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