Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. Juni 1874 - ?

Dokumente und Bilder
(zum Vergrößern anklicken)

Das Symbol des EVMB.

Das Symbol des EVMB.

Karl Weiss wurde am 2. Juni 1874 in Donkawe (Kreis Mylisch) geboren. Nach seinem Schulbesuch erlernte er den Beruf Hobler. In Berlin lebte Weiss im Stadtteil Wedding. Von 1908 bis Anfang 1933 war er im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert. Erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde er für den illegalen Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) aktiv.

Von Stefan Heinz

Einer politischen Partei gehörte Weiss nicht an. Dennoch unterhielt er wohl gute Verbindungen zu dem ehemaligen KPD-Stadtverordneten Wilhelm Faber.

Laut Ermittlungen der Gestapo habe Faber den Gewerkschafter Weiss darum gebeten, für ihn einige Briefe anzunehmen, die er aufgrund seines Bekanntheitsgrades als Kommunist nicht in seine Wohnung schicken lassen wollte: „Etwa Mitte November 1933 erschien nach seiner Darstellung ein ihm unbekannter Mann und brachte ein kleines in Zeitungspapier eingewickeltes Paket und sagte, er solle das für ‚Willi’ [Faber] abgeben. Er [Weiss] gibt zu, dieses Paket zu Faber gebracht zu haben, bestreitet aber, nachgesehen zu haben, was das Paket enthielt. Nach weiteren 14 Tagen hat er wie er zugibt, wiederum ein Paket zu Faber gebracht. Dieses Paket ist ihm nach seiner Darstellung in seiner Abwesenheit in den Briefkasten gesteckt worden. Er will auch bei diesem Paket nicht nachgesehen haben, was es enthielt.“ (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 15018)

Am 12. Dezember 1933 wurde Weiss verhaftet und zum Verhör in das „Hausgefängnis“ der Gestapo verbracht. Auch sein gleichnamiger Sohn wurde dort verhört, aber wieder auf freien Fuß gesetzt, da bei ihm nicht von einer Beteiligung an den Aktivitäten des Vaters ausgegangen wurde. Einen Tag später kam Karl Weiss in das Konzentrationslager Columbia-Haus und Anfang Januar 1934 musste er eine etwa zweiwöchige Inhaftierung im Konzentrationslager Oranienburg über sich ergehen lassen (vom 5. bis 19. Januar 1934). Am 22. Januar 1934 trat er eine Untersuchungshaft in Berlin-Moabit an. Am 26. Juni 1934 musste er sich vor dem Berliner Kammergericht für die Beteiligung am illegalen Wiederaufbau des „roten Metallarbeiterverbandes“ verantworten. Doch im Gegensatz zur Mehrzahl der Mitangeklagten wurde er – zusammen mit Karl Bienert und Johnnie Hagge – von den Vorwürfen freigesprochen.

Kurz darauf wurde Weiss aus der Haft entlassen. Das Gericht hatte in seinem Urteil ausgeführt, es hätte sich von dessen „Schuld“ nicht überzeugen können und erklärte außerdem: „Der Angeklagte Weiss will von dem Inhalt der Päckchen keine Kenntnis gehabt haben und lediglich aus Gefälligkeit für Faber gehandelt haben, der ihm aus früherer gemeinsamer Arbeit her bekannt gewesen sei und von dessen politischer Einstellung und Betätigung er nichts gewusst habe. Der Angeklagte Faber hat bestätigt, dass er mit Weiss über den Inhalt der Päckchen nicht gesprochen habe. Der Angeklagte Weiss ist ein Mann von 60 Jahren, bisher nicht bestraft und politisch tätig gewesen. Obgleich auch bei ihm objektiv eine Unterstützung des illegalen E.V.M.B. vorliegt, hat das Gericht seine Angabe, dass er sich dessen nicht bewusst gewesen sei, nicht für widerlegt gehalten.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018)

Über das Leben von Karl Weiss nach seiner Haftentlassung ist nichts bekannt.

— — —

Quellen:

  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 („Schlussbericht“ der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/42, Bl. 281; Nr. 3/43, Bl. 151 f.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 233.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 132 f.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 199.

Soziale/Regionale Herkunft: Donkawe (Kreis Mylisch)

Ausbildung/Berufstätigkeit: Hobler

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1908-1933: DMV

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: nicht bekannt

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: Vorwurf: Unterstützung des illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 12. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 12. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

Impressum