Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
2. Juli 1904 - 25. November 1993

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Oskar Walz. Quelle: GDW

Oskar Walz. Quelle: GDW

Oskar Walz wurde am 2. Juli 1904 geboren. Jahrelang war er Führungsmitglied der syndikalistischen bzw. unionistischen KAPD und AAU. Erst 1930/31 wechselte er zur KPD. Zuvor war er dem EVMB beigetreten, für den er vor allem im Widerstand Leitungsfunktionen übernahm. Neben Rudolf Lentzsch, Walter Kautz, Wilhelm Bielefeld und August Bolte war Oskar Walz eine der wichtigsten Personen des illegalen EVMB. Nach 1945 war Walz bei der Industrie- und Handelskammer in Berlin (Ost) beschäftigt. Er starb am 25. November 1993.

Von Marie-Carolyn Hars und Stefan Heinz

Oskar Friedrich Karl Walz wurde am 2. Juli 1904 in Leipzig als Sohn des Sattlers Friedrich Walz geboren. Er wuchs in einer politisch engagierten Familie auf. Der Vater war SPD-Mitglied. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Volksschule. Nach der Schulentlassung lernte er das Mechanikerhandwerk und war anschließend in der AEG-Apparatefabrik (Berlin-Treptow) und im Elektrizitätswerk Klingenberg als Mechaniker tätig. Wegen seiner Tätigkeit für den Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) wurde er bei der AEG-Treptow im Jahr 1931 gemaßregelt.

Bereits im Jahr 1920 war Walz der KAPD beigetreten, einer Linksabsplitterung der KPD. Gleichzeitig wurde er damals Mitglied der radikalen Allgemeinen Arbeiter-Union (AAU), der er als Leitungsmitglied bis 1928 angehörte. Die KAPD propagierte den Austritt aus den Gewerkschaften zugunsten der Bildung von „Unionen“ auf der Basis räteförmiger Betriebsorganisationen. Durch interne Richtungskämpfe in zahlreiche Splittergruppen aufgeteilt, verharrte die KAPD in einer Position als Randexistenz des deutschen Kommunismus, wenngleich sie gerade in Berlin um 1920 kurzzeitig erheblichen Einfluss erlangte. Erst zur Jahreswende 1930/31 wechselte Oskar Walz zur KPD. Offenbar deshalb, weil er kurz zuvor Mitglied im EVMB geworden war. Als KPD-Neumitglied wurde er bald darauf Bezirksleiter des Verbandes für die Stadtteile Neukölln und Treptow. Somit gehörte er dem erweiterten Vorstand des EVMB an. Der „rote Verband“ verstand „proletarische Wirtschaftskämpfe“ als wichtiges Aktionsfeld des „Klassenkampfes“. Streiks wurden zur Voraussetzung aller weiteren gewerkschaftlichen Aktionen erklärt, wodurch sich der EVMB in eine Abhängigkeit von ökonomischen Bewegungen manövrierte.

Walz koordinierte zahlreiche Streiks- und Streikversuche in den Jahren 1931/32. Das „Allheilmittel“ Streik wurde entsprechend dem Selbstverständnis des EVMB zur Eindämmung von Unternehmerwillkür, zur Bekämpfung des staatlichen Schlichtungswesens, zur kollektiven Abwehr von Notverordnungen, zur Bekämpfung des sozialdemokratischen „Reformismus“ und der Nationalsozialisten eingesetzt. Die Politik des EVMB kann in gewisser Weise als Gegenteil der freigewerkschaftlichen Strategie in dieser Zeit begriffen werden – und so war es auch von Aktivisten wie Oskar Walz beabsichtigt. Der Vorgehensweise des EVMB lag eine Überschätzung der Aktionsmöglichkeiten der Arbeiterschaft zugrunde.

Selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konstatierte der inzwischen illegal agierende EVMB einen „revolutionären Aufschwung“ und begründete seine Politik in erheblichem Umfang aus der Kritik am angeblich „faschistischen“ Kurs der reformistischen Gewerkschaftsführungen und der mit ihr „verbündeten“ Sozialdemokratie. Mitte 1933 wurde der alte Apparat des EVMB wieder aufgebaut und vereinigte bis Dezember gleichen Jahres Hunderte Mitglieder. Es galt, unter Nutzung von Teilen der früheren Struktur des EVMB in den Betrieben und Stempelstellen zu wirken, sich über die Stimmung in den Betrieben zu erkundigen und die mit der Regierung Unzufriedenen durch Informationsmaterial und durch den Verkauf von Marken an sich zu binden, um diese für etwaige revolutionäre „Unternehmungen“ zu nutzen. (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934, BArch, NJ 13322)

Während der Illegalität setzte Walz seine Arbeit als Instrukteur des Verbandes fort. Von den 18 Berliner EVMB-Bezirken koordinierte er folgende, die jeweils noch einen gesonderten Leiter hatten: Neukölln-Britz, Neukölln-Treptow, Tempelhof, Marienfelde sowie Schöneberg-Steglitz-Lichterfelde-Friedenau-Schmargendorf-Wilmersdorf. Am 14. Dezember 1933 verhaftete die Gestapo Walz wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“. Bis zur Anklageerhebung war er wie viele seiner Mitstreiter im „Hausgefängnis“ der Gestapo (Prinz-Albrecht-Straße 8), in den Konzentrationslagern Columbia-Haus und Oranienburg, im Polizeipräsidium am Alexanderplatz sowie zuletzt im Untersuchungsgefängnis Moabit inhaftiert. Walz gab sich schließlich geständig und erklärte, dass er mit vier bis fünf Leuten zusammengearbeitet hätte. Die durch den Verkauf von EVMB-Marken eingenommenen Gelder habe er zum Teil für den Eigenbedarf, zum Teil für die Unterstützung gemaßregelter Genossen verwendet. Offenbar gab Walz vorrangig Teilinformationen preis, nämlich solche Details, die angesichts der Beweislage und anderer Aussagen nur schwer geleugnet werden konnten. Die Berichte, die er aus den Betrieben bekam, hätte er mit von ihm gewonnenen Verbindungsleuten ausgetauscht, wobei bei den Ermittlungen die genauen Zusammenhänge seiner Kooperation im Dunkeln blieben. (Ebd.) Er soll eng mit Heinz Gützlaff zusammengearbeitet haben, so lautete jedenfalls ein Fazit der Ermittlungsbehörden.

Am 19. Juni 1934 wurde Walz und vielen seiner aufgeflogenen Genossen vor dem Vierten Strafsenat des Kammergerichts in Berlin der Prozess gemacht. Im Urteil hielten die Richter fest, aus dem Inhalt von „EVMB-Informationsmaterialien“ und aufgrund der Zusammenarbeit mit der illegalen Reichsleitung der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) wäre ersichtlich, dass der EVMB „das […] Ziel verfolgte, eine akute Revolutionssituation vorzubereiten, [um] bei sich bietender Gelegenheit die Regierung zu stürzen und an ihre Stelle eine Arbeiter- und Bauernregierung nach russischem Muster zu setzen“. (Ebd.) In der Anklageschrift wurde hervorgehoben, dass „das Wühlen“ von Walz im Hintergrund und das Vorschicken Anderer besonders gefährlich gewesen wäre und er deshalb eine exponierte Position in dem illegalen Verband eingenommen hätte. (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 4301). Das Gericht verurteilte ihn deshalb zu einer besonders hohen Strafe, zu zweieinhalb Jahren Haft, die er im Zuchthaus Brandenburg-Görden verbüßte. Dort hielt er soweit wie möglich den Kontakt zu seinem Verbandsfreund Walter Kautz aufrecht.

Nach seiner Haftentlassung im Jahr 1936 arbeitete Walz als Mechaniker bei der Firma „Peter Graßmann“ in Berlin-Tempelhof. Am 27. Februar 1943 wurde er laut Eigenangaben zur Ausbildung als Soldat in das „Regenwurmlager“ bei Meseritz eingezogen, wo er aufgrund seiner beruflichen Qualifikation in der Werkstatt beschäftigt war. Anschließend kam er an die Front nach Italien. Dort geriet er in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr im Sommer 1949 schloss er sich der SED und dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) an. Oskar Walz lebte zunächst mit Elisabeth Walz (geborene Wolf), die er bereits in der kommunistischen Jugendbewegung kennen gelernt hatte, in Berlin-Pankow (Florastraße 10) zusammen. 1978 heirate er seine zweite Ehefrau Gertrud. Walz war jahrelang bei der Industrie- und Handelskammer der DDR beschäftigt. Er schied am 25. November 1993 aus dem Leben.

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Quellen:

  • BArch, NJ 4301 (Anklageschrift A gegen Rudolf Lentzsch u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 13322 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Rudolf Lentzsch u.a., 19.06.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BArch, R 58/3329, Fiche 1 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/8/2, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 10649 (OdF-Akte).
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 233.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 8, Berlin 2002-2005, S. 138.
  • Müller, Werner: Lohnkampf, Massenstreik, Sowjetmacht. Ziele und Grenzen der „Revolutionären Gewerkschafts-Opposition“ (RGO) in Deutschland 1928 bis 1933, Köln 1988, S. 150 ff., 305 ff.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Pankow und Reinickendorf, Berlin 1994, S. 109 ff.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 132 f.

Soziale/Regionale Herkunft: Sozialistisches Arbeitermilieu; Leipzig

Ausbildung/Berufstätigkeit: Lehre als Mechaniker; tätig als Mechaniker

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1920-1928: Leitender Funktionär der AAU; 1931-1933: EVMB-Bezirksleiter für Berlin-Neukölln und -Treptow

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1920-1928: KAPD; 1930/31-1933: KPD

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: illegale Betätigung für den EVMB als Hauptinstrukteur

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 14. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 14. Dezember 1933 - 5. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 5. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 19. Juni 1934; 1934-1936: Zuchthaus Brandenburg-Görden

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: SED- und FDGB-Mitglied

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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