Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg
16. August 1906 - 15. Juli 1983

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Werner Liebezeit
Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6333

Werner Liebezeit Quelle: LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6333

Werner Liebezeit wurde am 16. August 1906 in Berlin geboren. Als angelernter Metallarbeiter war er in der RGO-Metall und ab 1930 als Basisfunktionär im EVMB aktiv. Für den “roten Verband” betätigte er sich im Widerstand als Verbindungsmann. Anfang 1934 war er – wie viele andere EVMB-Widerständler auch – im KZ Oranienburg inhaftiert. Ob sich Liebezeit nach Verbüßung einer eineinhalbjährigen Haftstrafe weiter illegal betätigte, ist nicht bekannt. Liebezeit starb am 15. Juli 1983 in Berlin (West).

Von Stefan Heinz

„Der Angeklagte Liebezeit gehörte dem EVMB als Kassierer an. Er ist geständig, im November 1933 von dem Angeklagten Poeck 1,80 RM als Beitragszahlung für den illegalen EVMB entgegengenommen und diesen Beitrag an Bielefeld, der ihm aus der legalen Zeit des EVMB bekannt war, weitergeleitet zu haben.“ (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934, BArch, NJ 15018). Dieses Geständnis genügte dem Vierten Strafsenat des Berliner Kammergerichts, um Werner Liebezeit aufgrund seiner Betätigung für den illegalen Einheitsverband der Metallarbeiter Berlins (EVMB) zu einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren Gefängnis zu verurteilen. Dabei gestand Liebezeit nur Handlungen, die ihm ohnehin nachzuweisen waren.

Gleichzeitig hatte er geschickt versucht, seine eigene Rolle in der illegalen Gewerkschaft zu verschleiern, wodurch Verdachtsmomente zwar nicht ausgeräumt wurden, diese aber für eine härtere Verurteilung nicht ausreichten. Hätte Liebezeit vor Gericht mehr Details zu seinem Handeln im illegalen Verband zugegeben, wäre seine Strafe höher ausgefallen. Denn bei der Verhaftung von Werner Liebezeit hatte die Gestapo neben zahlreichen inkriminierten Informationsmaterialien des Verbandes drei Kartothek-Bücher mit Adressen und eine erhebliche Geldsumme gefunden, die aus Sicht der Ermittler für ein illegales Engagement sprachen. Sogar mehrere Familienangehörige waren festgenommen und verhört worden. Ihnen konnte keine Unterstützung der Liebezeit zur Last gelegten, „hochverräterischen Bestrebungen“ nachgewiesen werden. Als parteiloser Gewerkschafter hatte dieser wohl mit erheblichem Aufwand den illegalen Wiederaufbau des EVMB unterstützt. Über seine Person ist dennoch nicht viel bekannt.

Werner Liebezeit wurde am 16. August 1906 in Berlin geboren. Ohne eine Lehre absolviert zu haben, arbeitete er in verschiedenen Metallbetrieben und trat mit Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei. Bereits mit vierzehn Jahren stand Werner Liebezeit dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) nahe, war für die Organisation zeitweise Funktionär und organisierte sich bald darauf im Arbeitersportverein „Fichte“. Im Zuge der verschärften Konfrontation zwischen der „Industriegruppe Metall“ der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) und dem DMV wurde der EVMB als eigenständige kommunistische Gewerkschaft gegründet, der formal an die RGO angeschlossen blieb. Im neuen „roten Verband“ betätigte sich Liebezeit als Basisfunktionär in seinem Wohnbezirk Wedding. Bei einem Polizeiverhör gab Liebezeit jedoch an, er sei erst 1932 zum EVMB gestoßen und wäre bis zu diesem Zeitpunkt im DMV organisiert geblieben. Ob Liebezeit den Weg aus der freien Metallgewerkschaft zum EVMB aus eigenem Antrieb eingeschlagen hatte oder wegen „revolutionärer Gewerkschaftsarbeit“ ausgeschlossen wurde, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 blieb der EVMB weiterhin politisch aktiv. Vor allem mit Hilfe von Informations- und Agitationszeitschriften, die Mitglieder des illegalen Verbandes in Betrieben und Stempelstellen verteilten, sollten die Arbeiter zum aktiven Widerstand gegen die faschistische Diktatur und zum Aufbau „unabhängiger Klassengewerkschaften“ ermuntert werden.

Liebezeit arbeitete als „Verbindungsmann“ in der Organisation, die seit dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 verboten war. Die Staatsanwaltschaft konstatierte: „Mit Bielefeld traf er in der Pankstraße in der Nähe des Brunnenplatzes zusammen. Er gibt auch zu, etwa im März 1933 die bei ihm vorgefundenen Beitragsmarken von dem Mitangeschuldigten Poeck für 50 Pfennig gekauft zu haben. Die Beitragsmarken sollen damals schon, wie er behauptet, in der bei ihm gefundenen Mitgliedskarte in den Feldern 27-31 eingeklebt gewesen sein. Eine weitere illegale Tätigkeit stellt Liebezeit in Abrede. Die bei ihm im Bett versteckt gefundenen 772,25 RM sollen nach seiner Behauptung ihm und seiner Mutter gehören und Ersparnisse sein, die er und seine Mutter im Laufe der Zeit gemacht hätten. […] Offenbar handelt es sich bei dem vorgefundenen hohen Betrage um Gelder des illegalen EVMB.“ (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934, BArch, NJ 15018). Ob die erhebliche Summe Bargeld tatsächlich für den Verband gesammelt wurde, blieb im Verfahren ungeklärt.

Nach der Verhaftung von Liebezeit, die am 12. Dezember 1933 stattfand, führte ihn der Weg vom „Hausgefängnis“ der Gestapo über das Konzentrationslager Columbia-Haus in das Konzentrationslager Oranienburg und am 19. Januar 1934 zurück nach Berlin in das Moabiter Untersuchungsgefängnis. Die vom Gericht am 26. Juni 1934 verhängte Haftstrafe verbrachte er in der Strafanstalt Tegel. Über den weiteren Lebensweg nach der Entlassung gibt es kaum Informationen. Fest steht allerdings, dass Werner Liebezeit am 5. Februar 1943 als Soldat zum „338. Infanterieregiment“ einberufen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte der Gewerkschafter weiterhin im Bezirk Wedding, wo er am 15. Juli 1983 verstarb.

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Quellen:

  • BArch, NJ 15018 (Anklageschrift B gegen Willi Schulz u.a., 28.03.1934).
  • BArch, NJ 15018 (Urteil des Kammergerichts Berlin gegen Willi Schulz u.a., 26.06.1934).
  • BArch, R 58/3329 (Schlussbericht der Gestapo, 13.01.1934).
  • BArch, R 58/742 (Sistierbuch „Hausgefängnis“ der Gestapo).
  • BLHA, Rep. 35 G, KZ Oranienburg, Nr. 3/21, Bl. 40 f.; Nr. 4/4, Bl. 180; Nr. 4/5, Bl. 267; Nr. 4/82, Bl. 561 (Unterlagen zur Haft im KZ Oranienburg).
  • LA Berlin, C Rep. 118-01, Nr. 6333.
  • Das „Hausgefängnis“ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945, Berlin 2005, S. 225.
  • Fieber, Hans-Joachim, Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon, Bd. 5, Berlin 2002-2005, S 86.
  • Sandvoß, Hans-Rainer, Widerstand in Wedding und Gesundbrunnen, Berlin 2003, S. 133.
  • Schilde, Kurt/Tuchel, Johannes, Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933-1936, hrsg. vom Bezirksamt Tempelhof, Berlin 1990, S. 173.

Soziale/Regionale Herkunft: Berlin

Ausbildung/Berufstätigkeit: Angelernter Metallarbeiter

Mitgliedschaft und Funktionen in der Gewerkschaftsbewegung: 1926-1930 oder 1932: DMV; 1930 oder 1932-1933: EVMB

Parteizugehörigkeit/-funktionen, politische Vorfeldorganisationen: 1920: KJV; Arbeitersportverein "Fichte"

Politische Mandate/Aktivitäten: nicht bekannt

Widerstandsaktivitäten: 1933: Kassierer im illegalen EVMB

Haft in Konzentrationslagern/ Zuchthäusern/Gefängnissen: 12. Dezember 1933: Gestapo-Hausgefängnis; 12. Dezember 1933 - 6. Januar 1934: KZ Columbia-Haus; 6. Januar - 19. Januar 1934: KZ Oranienburg; anschl. Polizeigefängnis Berlin-Alexanderplatz und Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit bis 26. Juni 1934; anschl. Haft im Strafgefängnis Berlin-Tegel

Politisches und gewerkschaftliches Engagement nach 1945: nicht bekannt

Erinnerungskultur/Ehrungen: nicht bekannt

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